Erfolgreiche Machtpolitiker sind beweglich. Markus Söder hat in der Kunst der politischen Pirouette Maßstäbe gesetzt und dem Altmeister Horst »Drehhofer« den Rang abgelaufen. Bevor Söder gegen die Grünen hetzte und seine Liebe zum Food-Porn auf Social Media entdeckte – gemäß Robert Habeck: »fetischhaftes Wurstgefresse« –, posierte er als Umweltschützer mit einem Baum.
Hat Spahn die öffentliche Reaktion tatsächlich unterschätzt?
Der Fall Spahn wird allenthalben ungefähr so erzählt: Der Fraktionsvorsitzende sei der Stimme seines Herzens gefolgt und habe die öffentliche Reaktion unterschätzt. Er selbst erklärt, dass er als Christ den Unterschied zwischen »reine[r] Lehre« und dem »echte[n] Leben« kenne. Das seien »keine einfachen Entscheidungen« gewesen.
War der erfahrene Medienprofi tatsächlich überrascht über den Sturm der Entrüstung, den seine Homestory in der Boulevard-Presse nach sich zog? Möglich ist es. Aber ist es plausibel? – Möglicherweise hat der CDU-Politiker auch sein Privatleben politisch instrumentalisiert. So konnte er den Machtapparat des angezählten Kanzlers Merz öffentlichkeitswirksam verlassen und sich zugleich als moderner Mann des merkeligen Mitte-Lagers innerhalb der Union neu erfinden.
Ein Blick in die Glaskugel
Am 7. September 2026 oder einem anderen Tag kurz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt tritt das CDU-Präsidium zusammen, um die Wahlergebnisse zu beraten. Ob es der AfD gelingt, die absolute Mehrheit der Mandate zu erringen, ist offen. Ihre Stärke wird wahrscheinlich eine Gegenmobilisierung auslösen. — So oder so ist absehbar, dass die Landtagswahlen ein politisches Erdbeben auslösen werden, dessen Schockwellen auch die Hauptstadt erschüttern. Merz‘ Strategie, der AfD durch rigide Migrationspolitik den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist krachend gescheitert. Das war lange absehbar. Auch für Jens Spahn.
Politisches Drehbuch
Nicht die Familiengründung muss politisch kalkuliert gewesen sein. Doch die Art, wie Spahn sie öffentlich machte, lässt sich als politisches Manöver lesen. Der markige CDU-Politiker schwört der reinen konservativen Lehre ab und inszeniert seine eigene politische Neugeburt als pragmatischer moderner CDU-Vater. Bemerkenswert ist außerdem das Timing. Laut ZDF informierte Spahn Kanzler Merz erst am 10. Juli, also kurz vor der öffentlichen Bekanntgabe. Ist das das Verhalten eines loyalen Parteifreundes – oder das eines Politikers, der den Bruch zumindest billigend in Kauf nahm?
Kanzlertausch?
Vor einigen Wochen kursierten in der Union Spekulationen über eine mögliche Ablösung von Friedrich Merz während der laufenden Legislaturperiode. Wüst dementierte öffentlich ( »Quatsch«) und auch Spahn stellte sich demonstrativ hinter den Kanzler. Sein erzwungener Rückzug beweist keinen baldigen Kanzlertausch. Er fällt jedoch in eine Phase, in der Friedich Merz als oberster Christdemokrat nicht mehr sakrosankt im Sattel sitzt.
Ein Schelm wer Böses dabei denkt.
Weitere Links:
- Wulf Schmiese: Spahns Rücktritt und die Lawine aus den eigenen Reihen, ZDF heute vom 18.Juli 2026.
- Ich bin lange zerrissen gewesen, tagesschau.de vom 17. Juli 2026.
- Lukas Wallraff: Das kann noch wüst werden – oder öder als Söder, taz-Kommentar vom 29. Mai 2026.
- Der AfD das Wasser abgraben?, Zylinderkopf-Dichtungs-Essay vom 17. August 2026.
- Tobias Schulze/Peter Unfried: Ich will nicht wie ein Gespenst über die Flure laufen, taz-Interview mit Robert Habeck vom 25. August 25.
- Dominik Baur: Pose mit Baum, taz-Kommentar vom 19 September 1019.
Bildnachweis
Eigene Bildcollage unter Verwendung folgender Bildvorlagen:
- Martin Rulsch, Jens Spahn, Wikimedia Commons mit CC BY-SA 4.0 – Lizenz.
- geralt: Grüner Hut, Pixabay-Lizenz.
- HoggyArt: Partyhut, Pixabay-Lizenz.
- Clker-Free-Vector-Images: Krone, Pixabay-Lizenz.
- Ricinator: Blaulicht, Pixabay-Lizenz.