Friedrich Merz erwähnt gerne, dass er Vater und Großvater ist. Er wünscht sich, dass auch kommende Generationen in Deutschland gute Lebenschancen und Perspektiven haben und möchte den nachfolgenden Generationen ein lebens- und liebenswertes Land überlassen. »Freiheit, Frieden und Wohlstand« gibt er als Parole aus. Das klingt doch zunächst mal gar nicht so schlecht, gäbe es nicht diese blinden Flecken im Hinblick auf »Nachhaltigkeit, Partizipation und Gerechtigkeit«. Wahrscheinlich deshalb trauen weite Teile der umgarnten jüngeren Generation ihrem Kanzler nicht für drei Groschen und sind sogar bundesweit auf die Straße gegangen. Die Demos richten sich gegen den Sparkurs bei Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit. Steigende Lebenshaltungskosten sind ebenso ein Thema wie eine gerechtere Lastenverteilung. Man wirbt dafür, den Sorgen von armutsbetroffenen Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Klimaschutz wird auch erwähnt, aber sozioökonomische Fragen stehen im Vordergrund. Das Positionspapier ist lesenswert.
Eichhörnchen zwischen den Fronten
Leider fallen die Gen Z-Proteste mitten in die x-te Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne der Union. Wenn man Söder so zuhört, könnte man meinen, die Machtergreifung von Verfassungsfeinden drohe nicht in Magdeburg, sondern in Berlin. Und die Junge Union entblödet sich nicht, den Slogan »Nie wieder ist jetzt« gegen Die Linke in Anschlag zu bringen. Aua. Und weil gerade auch Bilder von Gewalt und Plünderungen aus Frankreich und Italien über die Bildschirme flimmern, wird die Gen Z der Einfachheit halber einfach mit diesen Linksextremisten in einen Topf geworfen. »Gen Z« klingt ja irgendwie auch so ähnlich wie »Letzte Generation«, oder?
Als Wappentier hat die Gen Z das Eichhörnchen gewählt. Der Nager ist bekannt dafür, vorausschauend im Erdreich kleine Vorräte anzulegen, und verbindet Fleiß und Ausdauer mit Leichtigkeit und Beweglichkeit. Dass Gen Z regelt sich bei jeder Gelegenheit von Gewalt distanziert, passt gut zu diesem niedlichen Maskottchen. Da die Anliegen der Gen Z so wichtig sind, ist es mehr als bedauerlich, dass das Eichhörnchen vor die Front zu geraten droht, die die Union gerade mal wieder gegenüber der Linkspartei eröffnet hat.
Noah – der Archetyp
Die Süddeutsche Zeitung hat mit den Kölner Organisator:innen der Gen Z-Proteste gesprochen. Einer davon möchte nicht namentlich genannt werden. Die SZ kennt seine Identität und nennt ihn »Noah«. »Noah« arbeitet neben dem Studium für einen Wirtschaftsverband und studiert Marketing. Er macht sich Sorgen, ob man sich ohne Erbe in Deutschland noch etwas erarbeiten könne. Die Süddeutsche Zeitung zitiert ihn mit den Worten: »Werden wir uns ein Eigenheim leisten können? Und scheitert man trotz einer guten Idee als Start-Up-Gründer, nur weil die Familie nicht das nötige Vermögen hat?« Den Begriff »Chancengleichheit« bezeichnet er als linkes Wording. Stattdessen bemängelt er fehlende »Leistungsgerechtigkeit«. Ich glaube, Friedrich Merz würde sich gut mit ihm verstehen. Vielleicht könnte er ihn sogar für die Junge Union anwerben. Noah steht arche-typisch dafür, dass auch im so genannten bürgerlichen Lager soziale Gerechtigkeit inzwischen ein Thema ist.
Die Zumutungen der Wirklichkeit
Die Proteste der Gen Z machen deutlich, wo derzeit der Schuh drückt. Friedrich Merz kann einem fast ein bisschen leid tun. Am liebsten würde er einfach die Energiewende der Ampel abwickeln, Arbeitnehmer:innen bashen und den Sozialstaat zurückbauen … Apropos: Wie viele Milliarden wollte Zitronenhändler Linnemann noch gleich durch die Streichung des Bürgergeldes einsparen? Egal. Staatsmenschen können sich ihre Probleme nicht aussuchen. Helmut Schmidt, Joschka Fischer, Angela Merkel können ein Lied davon singen. Sie haben ihren Parteien einiges zugemutet.
Nun wäre es an Friedrich Merz, der Union zu verklickern, dass auch die Vermögenden und Privilegierten ihren Beitrag zur überfälligen Sanierung unseres Gemeinwesens leisten müssen. Ein Spitzensteuersatz wie zu Helmut Kohls Zeiten, eine gerechtere Erbschaftsteuer – kurzum: Umverteilung von oben nach unten. Vielleicht sollte Merz sogar bei Robert Habeck anrufen und sich erzählen lassen, welche inneren Kämpfe es bedeutet, entgegen den eigenen Überzeugungen die Scheichs in Katar um Flüssiggas anbetteln zu müssen und trotzdem den Notwendigkeiten Rechnung zu tragen. Nicht zuletzt hat Christian Lindner vorgeführt, wie wenig es bringt, eine Parteilinie mit Zähnen und Klauen gegen die politischen Notwendigkeiten zu verteidigen.
Gesucht: Architekt für neue soziale Verständigung
Es wäre schon eine hübsche Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet Friedrich Merz zum Architekten einer neuen sozialen Verständigung würde und en passant der AfD das Wasser abgraben könnte. Die historische Chance dazu hätte er. Er müsste nur den jungen Menschen zuhören, denen er als Großvater eine lebenswerte Zukunft hinterlassen möchte. Ich vertraue auf seine Lernkurve.
Bildnachweis
Eigene Bildcollage unter Verwendung von
- Wikimedia Commons.
- Mariuszopole: Foto eines Eichhörnchens, Pixabay.
Links
- Rote Socke, Wikipedia-Artikel.
- Forderungen von Gen Z regelt.
- Markus Balser, Christoph Koopmann und Roland Preuß: Wir machen das alle zum ersten Mal, Süddeutsche Zeitung vom 30.10.26 (Paywall).
- Jana Laborenz: Gegen die eigene Brandmauer gerannt, taz vom 20.10.26.
- Glosse zur Lernkurve des Bundeskanzlers: Versuch’s mal mit Verdrießlichkeit, Zylinderkopf-Blog vom 20.9.26.