vontaz zahl ich-Team 07.02.2018

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Dass die groteske Zuspitzung und Überzeichnung im Spot „Deutsche Delikatessen“ zu gemischten Reaktionen führen würde, war zu erwarten. Dass Hassbekundungen und Beleidigungen dabei sein würden, erklärt sich von selbst. Der Vorwurf der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ gegen „weiße, ungepflegte Männer aus der Unterschicht“ hat uns doch ein wenig überrascht – aber der Reihe nach.

Im Spot von taz zahl ich kommt eine Frau in eine Metzgerei und wird dort vom Metzger und einem zwielichtigen Mann in der Ecke verlacht und aus dem Laden getrieben. Neben positiven Reaktionen – „die taz hat’s drauf“, „Super!“ – gab es natürlich auch negative. Diese reichen von wüsten Beschimpfungen „Die Taz wird vorwiegend von grünen Kinderfickern gelesen. Keine weiteren Fragen!“ bis hin zu Selbstentlarvungen: „Ihr tut so, als wäre in Deutschland Fremdenhass an der Tagesordnung, nur weil viele gegen den Zuzug von Tausend neuen Flüchtlingen sind.“ Keine weiteren Fragen.

Wohlstandsgetto in Berlin-Prenzlauer Berg

Etwas weitreichender ist da die Kritik von der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland. In dem Artikel „Monster aus der Unterschicht“ wirft uns der Autor vor, „nach unten zu treten“. Die Unterschicht werde im Film verspottet, deren Angehörige zu Monstern stilisiert und ihre Bildungsferne aus Gründen des eigenen Distinktionsgewinns genüsslich ausgeschlachtet. Die Leser der taz seien schließlich im „Wohlstandsgetto in Berlin-Prenzlauer Berg“ zu finden.

Zudem würde der Rechtsruck in der Politik ausschließlich über „weiße, ungepflegte, geistig beschränkte Männer aus der Unterschicht“ problematisiert (also externalisiert), eine irrtümliche Homogenisierung, die man am Ende nur als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bezeichnen könne. Ein „Gedankenexperiment“ im Text fragt: Was würde passieren, wenn in der Ecke kein Biodeutscher, sondern ein Schwarzer mit Knochen im buschigen Haupthaar sitzen würde?

Wir halten fest: Wenn es Rassismus wäre, dann wäre es rassistisch gewesen. Dass Klassismus mit Rassismus ersetzt werden muss, um das Problematische am Klassenhass anschaulich zu machen und dem Vorwurf das Feld zu bereiten, mag verwundern. Es relativiert darüber hinaus die tatsächliche Gewalt und Unterdrückung durch Rassismus. Überdies gibt er eine Lesart für den Spot vor, die den Film diskriminierungstheoretisch auflädt und damit bewusst verzerrt. Um den Klassenverrätern in der taz die Leviten zu lesen. Im bissigen, empörungswütigen Ton, nicht als Angebot zur Diskussion. Das, was wir im Spot thematisieren wollten, erfüllt sich damit, wenn auch etwas anders als gedacht: Nicht durch die Hasser von Rechts, sondern durch den Autoren vom Neuen Deutschland.

Hass vom Macker – nicht vom Metzger

Das Internet erscheint uns bisweilen als eine marode Welt, in der zivilisatorische Werte hintenangestellt sind, in der leise und bedächtige Stimmen gebashed und niederkommentiert werden. Die Idee des Spot war, auf etwas unkonventionelle Art zu zeigen, was aus dem Sehnsuchtsort Internet geworden ist. Aus der alten Idee eines freien, pluralen Orts, an dem sich Menschen angstfrei und freiheitlich austauschen können. Dem Stil und der bizarren Idee des Films sollte man ansehen, dass es dabei nicht um eine herkömmliche Metzgerei mit normalen Personal geht, sondern um einen fiktiven, überzeichneten Ort, eine Metapher fürs Internet, in dem es rau und ruppig zugeht. Er taugt nicht als empirischer, soziologischer Mikrokosmos, an dem man Klassismus-Vorwürfe scharfstellen und eine Herabwürdigung der Unterschicht diagnostizieren könnte.

Die Metzgerei steht für einen Ort, an dem man sich sofort unwohl fühlt, als Andersdenkende*r oder Andershandelnde*r, wo andere das Sagen haben, und dieses Sagen aus Hass und Spott besteht. Und ja, dieser Hass kommt überwiegend von Männern. Er ist zudem oft fremdenfeindlich und antifeministisch. Und ja, der Humor des Spots ist ein einfaches Lustigmachen. Über Menschen, die sich den gemeinsam genutzten Raum angemackert haben, die qua Lautstärke dominieren. Die uns und andere jeden Tag mit Hass, Hetze, Lachtränensmileys und Ausrufezeichen überschwemmen.

Es geht also nicht um eine Herabwürdigung der außerhalb des „Prenzlauer Gettos“ lebenden Bevölkerung, auch nicht um eine gesellschaftliche Analyse für den Rechtsruck in unserer Gesellschaft oder dessen Abbildung – natürlich findet dieser nicht nur „unten“ statt. Und wenn man schon eine sozioökonomische Analogie in den Laden hineinlesen möchte: Weder der Beruf des Metzgers noch ein mittelständischer Betrieb noch das Lesen einer Boulevardzeitung lassen den Schluss „Unterschicht“ zu. Wenn der Autor „weiße, unappetitliche Männer“ automatisch der Unterschicht zurechnet – mittels einer Jeansjacke und einem Kassengestell – dann beweist er damit nur seine eigene vorurteilsbehaftete Klassenwahrnehmung.

Umkehrung der Verhältnisse

Ohne Dringlichkeit oder offensichtlichem Grund koppelt der Autor den Spot an das Thema Ethnie und Hautfarbe, spricht von der „normschönen Frau mit Migrationshintergrund“, den Biodeutschen, dem Schwarzen mit Knochen im Haar, was zu einem seltsamen – intendierten oder unintendierten – „Wir arme Deutsche/Weiße“-Sound führt, auf den jetzt einige im Netz anspringen.

Ein kleines Gedankenexperiment zum Schluss: Nehmen wir an, eine Gruppe von Menschen hetzt gegen Flüchtlinge im Internet. Anschließend würde eine Zeitung den rechten Mob in einem Artikel als Nazis angreifen. Eine andere Zeitung würde den Mob in Schutz nehmen, von besorgten Bürger*innen sprechen, das Argument umkehren und der Zeitung „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ vorwerfen. Welche Zeitung wäre das?

 

 

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http://blogs.taz.de/hausblog/2018/02/07/gruene-kinderficker-und-monster-aus-der-unterschicht/

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kommentare

  • Das lässt mich ratlos zurück. Wenn ich irgendwas an dem Video zu kritisieren hätte, dann nur, dass es so brav is, seine Darsteller so sanft und beherrscht. Kein ekstatisches Brüllen, keine Verherrlichung des 1000-jährigen Unrechts, noch nicht einmal Beschimpfungen. Wo da der Schuh her kommt, den sich das ND anzieht, das mag Sahra wissen. Was mich noch mehr irritiert: Euer Internet-Laden ist nicht das Neuland, das ich jeden Tag intensiv nutze. Internationale Nachrichten, Diskussionen zur Freiheit und Demokratie in Zeiten der Überwachung und der zunehmenden Aufhebung der Gewaltenteilung, Verseuchung und Absterben des Planeten konkret am Beispiel vor Ort. Und dieser wundervolle Cyberspace des Gary Barlow: Die taz hat sich keinen Gefallen getan, den Tuwat-Kongress in einem feministisch thematisierten Artikel abzuhaken. Tuwat, das ist nicht nur begrifflich die Fortsetzung von Tunix. Die taz verpasst da in ihrer weiblichen Technikaversität ein ganzes, neues Universum, das auf Respekt und Toleranz aufgebaut ist. Warum berichtet ihr nicht aus Leipzig, wie viele Familien mit Kindern auf diesem 100% friedlichen Hackerkongress waren? Fällt Euch nicht auf, wie wundervoll dieses Internet ist, für das Leute wie Gary Barlow und Richard Stallman erfolgreich kämpfen? https://www.eff.org/cyberspace-independence – wir können ihn nicht mehr fragen, aber Gary hat seinen Teil Tunix gelebt.
    Mir fehlt in der taz ndie Darstellung der großen Vision, der großen Ziele – sie sind da! Die Frau in der Internet-Metzgerei solltet ihr portraitieren, wenn sie beim CCC zum Hackerkongress kommt – das ist eine bestehende Gegenutopie wie die 68er: Für ein respektierendes Mit- und Nebeneinander, gegen grauen, stumpfen Hass auf alles Bunte. Verpasst es nicht, tazzen!

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