Von der Kontext-Redaktion

Eine Woche haben wir noch. Sieben Tage bleiben uns bis zum 25. April. Dann müssen wir die 1.000 monatlichen Daueraufträge à 10 Euro zusammenhaben. Denn nur so kann Kontext als unabhängige Wochenzeitung überleben. Der Countdown läuft.

Wir haben uns viel vorgenommen. 1.000 ist eine stolze Zahl, sie bis zum 25. April zu erreichen ein Kraftakt. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Unsere monatlichen Dauerauftrags-UnterstützerInnen sind inzwischen auf 645 gewachsen. Das ist ein gewaltiger Schritt, der das Unmögliche möglich erscheinen lässt. Es fehlt aber auch noch ein ebenso gewaltiger. Genau gesagt, fehlen noch genau 355 SpenderInnen, die sagen: Kontext ist mir’s wert.

Vor fünf Wochen haben wir einen Hilferuf ausgestoßen: Warum Sie hier schwarz sehen. Denn damit unsere Internetseiten nicht schwarz und die taz-Seiten am Samstag nicht weiß werden, sind wir auf Unterstützung aus der Bürgergesellschaft angewiesen. Wir brauchen 1.000 Spender, die unsere Arbeit mit wenigstens 10 Euro im Monat unterstützen. Nur dann können wir planen und uns auf unsere journalistische Arbeit konzentrieren. Nur dann kann Kontext das leisten, wofür wir angetreten sind: einen professionellen, unabhängigen Journalismus, der seine gesellschaftliche Rolle als vierte Gewalt ernst nimmt. Kontext gehört niemanden, keinem Anzeigenkunden, keinem Konzern, keinem Herausgeber. Deshalb sind wir auf Ihre Spenden angewiesen.

Die Zeit drängt. Noch sieben Tage bis zum Kassensturz. Und weil wir notorische Optimisten sind, hoffen wir bis zum 25. April, dass es doch noch klappt mit der runden Zahl.

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Zwei Wege, ein Ziel: 1000 Daueraufträge bis zum 25. April 2012. Übrigens: Ihre Spende ist steuerlich absetzbar.


Über Krakentänze und Männerkrämpfe

Von Vanessa Weiss

Jacinta Nandi liest. Foto: David Oliveira

Jacinta Nandi liest. Foto: David Oliveira

„Wir werden solange hier bleiben, bis ihr vor Lachen auf dem Boden liegt“, scherzt Lea Streisand. Sie, die Autorinnen Jacinta Nandi, Mareike Barmeyer und der Musiker Sven van Thom der Berliner Lesebühne Rakete 2000 präsentierten vielschichtige und vor allem humorvolle Kurzgeschichten und Lieder zum Thema „Wir wollen mehr!

Von peinlichen Kindergewohnheiten über die kleinen Unterschiede zwischen Mann und Frau bis hin zu einem vor Pointen strotzenden Schweiz-Besuch unterschieden sich die Kurzgeschichten der Autorinnen sehr voneinander. Ihrem Lachen konnten die Zuhörer vor allem bei denen von Lea Streisand präsentierten Kurzgeschichten wie „Oh du mein stiller Zauberberg“ freien Lauf lassen. Im Vergleich dazu wirkte die Reaktion des Publikums sowohl auf die Tierstimmen-Geschichte „Rampenlicht“ von Mareike Barmeyer, als auch auf ihre erste Geschichte „Der kleine Unterschied“ verhaltener. Vor allem in letzterer griff sie ein viel zu häufig diskutiertes Geschlechterthema auf, dass nicht so recht wirken wollte.

Mit einem sehr großen Problem mussten sich Sven van Thom und Jacinta Nandi auseinandersetzen, deren kecke Texte und pointierten Kurzgeschichten wiederholt durch den Saallautsprecher unterbrochen wurden. Doch davon ließ sich die Rakete 2000 nicht abschrecken und so kommentierte Lea Streisand das Geschehen keck: „Alles Falschparker!“

Insgesamt ist es schade, dass diese interessante Veranstaltung mit 16 Uhr relativ spät platziert wurde, da sie möglicherweise dadurch schlechter besucht war als andere Veranstaltungen im Café Global. Trotz der schwachen Zuhörerzahl ließ es sich Sven van Thom nicht nehmen, mit einem letzten Lied „Tanz den Spatz“ die Zuschauer von der Passivität zum Aktivismus zu bewegen. Doch leider ließen sich Wenige zum Krake tanzen und Harke machen animieren, was sehr schade war.


Deutsche, integriert euch!

Von Philipp Möcklinghoff

Von links: Daniel Bax, Mely Kiyak, Ferry Pausch, Sabine am Orde, Armin Laschet, Naika Foroutan. Foto: David Oliveira

Von links: Daniel Bax, Mely Kiyak, Ferry Pausch, Sabine am Orde, Armin Laschet, Naika Foroutan. Foto: David Oliveira

Samstagnachmittag im Haus der Kulturen in Berlin. Während draußen die Sonne scheint und zahllose Menschen die warme Frühlingsluft am Ufer der Spree genießen, hat sich der Theatersaal im Innern des Betonkomplexes immerhin gut bis zur Hälfte gefüllt. Schön, dass das Thema so viele Leute anzieht, denn um Integrationsverweigerer in Deutschland soll es gehen und endlich sind dieses mal damit nicht Migrant*innen gemeint, sondern die „Deutschen“ selbst. Also diejenigen, die in der Wissenschaft als „deutsch-Deutsche“ bezeichnet werden. Oder auch „Biodeutsche“, wie es eine Zuhörierin am Ende der Veranstaltung formuliert. Diejenigen, die sich scheinbar einfach nicht an die Einwanderungsgesellschaft gewöhnen können.

Sabine am Orde und ihre Gäste diskutieren eine Stunde lang, zum Teil leicht erhitzt. Die Kolumnistin Mely Kiyak ist die erste, die reden darf. Ihrer Meinung nach gelte das Gleichheitsprinzip hierzulande nur für Deutsche, vielen fiele es schwer, Unterschiede zwischen den Menschen auszuhalten. Sie bezeichnet das als „Gleichheitsfetisch“, nach dem alles gleich auszusehen, sich gleich anzuhören und anzufühlen habe. Ihr pflichtet taz-Redakteur Daniel Bax bei. Er beschreibt eine deutsche Tradition gegen das am offensichtlichsten Fremde und erkennt sie besonders da, wo am wenigsten Fremdes zu finden ist, etwa in Thüringen. Die Fremdenfeindlichkeit sei dort besonders hoch, obwohl im bundesdeutschen Vergleich sehr wenige Migrant*innen in Thüringen lebten. Er plädiert für mehr interkulturelle Begegnung, um die Integration zu fördern.

Das Thema Bildung wird immer wieder angeschnitten. Zu recht, denn noch immer selektiert das deutsche Bildungssystem mehr, als dass es integriert. Hier wurde und wird vieles falsch gemacht, finden eigentlich alle Expert*innen, selbst der CDU-Politiker Armin Laschet. Der ehemalige Integrationsminister und nach Wunsch der CDU zukünftige Innenminister Nordrhein-Westfalens vergleicht die Situation der Muslime hier mit denen der Hispanics in den USA. Angehörige des Islam würden dort eher zu den Eliten gehören. Es sei eine Frage des Bildungsgrades der Migrant*innen zum Zeitpunkt der Einwanderung. Zum Beispiel seien viele türkisch-stämmige Menschen relativ ungebildet nach Deutschland angeworben worden, da sie als einfache Arbeitskräfte gebraucht wurden. Ihren Kindern wurde dann der soziale Aufstieg verwehrt, während politische Flüchtlinge, wie bspw. Nordkoreaner, eher über ein hohes Bildungsniveau verfügten und hier schnell wieder zu den Eliten gehörten.

Mely Kiyak sieht das anders. Ihrer Meinung nach gibt es sehr wohl viele gebildete Muslime und Araber in Deutschland. Sie wirft leidenschaftlich die Frage des Abends in den Raum: „Warum werden eigentlich Araber in diesem Land einfach nicht gemocht?“ Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, die mit einer empirischen Untersuchung die sozialdarwinistischen Thesen Thilo Sarrazins widerlegte, untermauert diese Frage. Sie führt eine Studie von Heiner Bielefeldt aus dem Jahr 2007 an, nach der rund 83 Prozent der Deutschen den Islam für fanatisch halten würden.

Und dabei bleibt es dann. Die von Kiyak aufgeworfene Frage bleibt im Grunde unbeantwortet im Raum stehen. Dass sie mit ihr ins Schwarze getroffen hat, da scheint keiner der übrigen Gäste widersprechen zu wollen. Im weiteren Verlauf beschreiben sie den Status Quo nur noch weiter, den Kiyak eigentlich mit ihrer Frage auf den Punkt gebracht hatte. Dabei wird es mal persönlich in Form von Anekdoten oder abstrakter beim Thema Sarrazin. Der Erfolg seines Buches habe beispielsweise gezeigt, dass, so falsch seine sozialdarwinistischen Thesen auch sein mögen, es eine große Sympathie für ihn und seine Sicht der Dinge gebe.

Richtig kontrovers verspricht es dann erst zu werden, als anschließend Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum zugelassen werden, auf die dann allerdings aus Zeitgründen seitens des Podiums nur unzureichend eingegangen werden kann. Ein Problem, unter dem leider viele Veranstaltungen dieser Art leiden. Wäre heute eine Ausnahme von diesem Prinzip gemacht worden, so hätten vielleicht einige Schleifen der Debatte vermieden werden können. Zu nennen wäre da zum Beispiel der viel zu große Raum, den Herr Laschet für seinen NRW-Wahlkampf nutzen konnte. Außerdem – da sind sich auch fast alle Wortmeldungen von Zuhörer*innen einig – verpasste es das Podium, deutlich auf eine Hauptursache von Rassismus hinzuweisen, nämlich auf ökonomische Existenzängste. Es gebe in Deutschland eine von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht, deren finanzielle Situation in Zeiten von internationaler Finanz- und Schuldenkrise zunehmend schlechter werde, so der Tenor einiger Beiträge aus dem Publikum. Und das sei der Hauptfaktor für das Entstehen von Ressentiment und Rassismus.

Den Expert*innen bleibt nur die Schlussrunde, dies noch einmal als eigenen Aspekt aufzugreifen. Naika Foroutan gelingt das am besten und sie zitiert eine Studie, nach der der Hass auf so genannte “Ausländer” umso stärker empfunden werde, desto erfolgreicher jene im Erwerbsleben seien. Dazu passt eine wichtige Gemeinsamkeit der Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Denn neben der Tatsache, dass sie alle über einen Migrationshintergrund verfügten, waren alle berufstätig, bis auf eine Ausnahme sogar selbstständig. Das Thema NSU findet übrigens, ebenfalls aus Zeitgründen, auf dem Podium nahezu keine Erwähnung.

Sicherlich ist der ökonomische Aspekt des Themas Rassismus und Integration nicht der einzige. Die Angst vor dem Unbekannten spielt ebenfalls eine große Rolle, doch das Ökonomische so zu vernachlässigen, wie es heute geschehen ist, ist sehr bedenklich. Das Unbekannte bleibt gerade dann unbekannt, wenn sich eine gesellschaftliche Partizipation nicht mehr geleistet werden kann. Die Zeiten werden subjektiv härter und die Ohnmacht gegenüber den Zwängen der eigenen Existenz größer. Gerade diese Ohnmacht lässt aus einem materiellen Ungerechtigkeitsgefühl schnell Neid auf „den Anderen“ werden, der angeblich Jobs stiehlt und Sozialsysteme bis zu ihrer Zerstörung ausnutzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Sarrazin-Debatte in einem neuen Licht, denn – dass hatte Kiyak schon ganz zu Anfang des Panels festgestellt – in ihrem Verlauf ging es nicht vorrangig um die Frage, wo er Unrecht hatte, sondern vielmehr darum, warum es so ist, wie er es beschrieben hat. Die Debatte lieferte so einem weit verbreiteten latenten Rassismus neue Argumente, die gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu zementieren. Und vielleicht ist die ständige Auseinandersetzung mit den vermeintlich problematischen Migrant*innen, wie sie z.B. der Bundesinnenminister Friedrich immer wieder anfacht, politisch ja auch gar nicht so unlieb. Denn sie lenkt von der eigentlich drängenderen Frage hinter dem Thema ab: Die Frage nach der Durchlässigkeit unserer Gesellschaft, nach Chancengleichheit und schließlich nach dem zunehmenden Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede. Eine politisch unbequeme Frage, die das heutige Panel „Integriert euch!“ sicherlich nicht hätte beantworten können. Sie fast die ganze Zeit auszublenden, kann aber auch nicht der richtige Weg sein.


Von Alexandra Huber

Paul Poet, Jerome Ringo, Ines Pohl, Robert Misik, Daniel Cohn-Bendit und, via Internet, Lisa Fithian. Foto: David Oliveira

Paul Poet, Jerome Ringo, Ines Pohl, Robert Misik, Daniel Cohn-Bendit und, via Internet, Lisa Fithian. Foto: David Oliveira

We want change. Veränderung, Protest, Revolution – das ist es, was unsere Welt braucht. So der Konsens des vollen Saales während der Diskussion “Revolution now!“. Ja, aber was denn nun genau? Rebellion, wie äußert sich das im 21. Jahrhundert? Lisa Fithian, Aktivistin der Occupy-Bewegung in den USA, ist sich sicher, dass dieses „grass-roots-movement“ nicht zu stoppen ist. Das Aufbegehren gegen die gegenwärtige Gesellschaft sei der Weg zu einer besseren Welt. Ein weiteres Statement aus den USA gibt der Präsident der Umweltorganisation National Wildlife Federation, Jerome Ringo. Das Wichtigste an einer Bewegung sei, dass sie vielfältig ist, dass aus allen Teilen der Gesellschaft Menschen an ihr teilhaben und gemeinsam auf die Straße gehen. Die grüne Partei ist in den USA nicht sonderlich erfolgreich. Woran das liegt? An dem „lack of diversity“, so Jerome Ringo, dem Mangel an Vielfalt. Um in den Vereinigten Staaten Erfolg zu haben, müsse eine Bewegung alle Teile der Bevölkerung repräsentieren.

Daniel Cohn-Bendit. Foto: David Oliveira

Daniel Cohn-Bendit. Foto: David Oliveira

In Europa sind grüne Parteien erfolgreicher. Daniel Cohn-Bendit, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, sieht den Wunsch nach Veränderung kritisch. Etwas ändern, dass wollen alle. Das will die Tea Party in den USA genauso wie die Linken in Deutschland. Die Frage ist, so Cohn-Bendit, was das Richtige ist. Wo wir hin wollen. Es gebe Sachen, die müssten geändert werden. Menschen würden den Finanzkapitalismus ändern wollen, ja, weil der eben schlecht ist. Aber um etwas zu ändern, müsse man seine Gefühle und Motive in eine politische Strategie umsetzen. Ein Murren geht durch die Reihen der Alt-68er im Saal. Verrat aus den eigenen Reihen?! So geht das doch nicht. Wir hier im Saal, alles taz-Genossinnen und -Genossen, und dann sollen wir in Parteien eintreten? Die ändern doch nichts, da lieber an Bäume in Stuttgart ketten.

Jerome Ringo. Foto: Wolfgang Borrs

Jerome Ringo. Foto: Wolfgang Borrs


Wenn ihr die Fehler in den Parteien sucht, so Cohn-Bendit zu den Zuhörenden, dann ändert das nichts. Dann wagt er es, das Heiligtum der Anwesenden zu kritisieren: Ja, selbst die taz könne die Welt nicht alleine retten. Kurze Stille im Saal. Schock steht den treuen Anhänger_innen ins Gesicht geschrieben. Dann Buh-Rufe. Jungpiraten und Althippies mögen ihre Differenzen haben, aber die taz bleibt doch das Identifikationsobjekt von allen hier.

Auch der österreichische Autor Robert Misik bringt die Zuhörenden zum Nachdenken. Das große Problem der Linken sei, dass jede_r von sich denkt, sie oder er hätte die Lösung für alle Probleme parat. Aber, um die Welt zu ändern, müsse man auch Bündnisse mit Menschen, die man nicht sympathisch findet, ja die man sogar nicht mag, eingehen. Eine Genossin in roter Jacke erhebt sich aus den Reihen des Publikums. Es werde Zeit, dass sich die linken Kräfte zusammentun. Applaus schallt durch die schwangere Auster. Ein weiterer tazleser erhebt sich. Wir hätten doch Punkte, in denen wir alle übereinstimmen. Er fordert das Publikum auf: Diejenigen, die nicht gegen Atomkraft sind, mögen ihre Hände heben. Blicke huschen herum, aber nein, hier haben wir hier im Saal wirklich einen Punkt gefunden, dem wir alle zustimmen. Triumph. Aber, so wirft Cohn-Bendit ein, hätte man diese Frage in einer Versammlung von französischen Linken gestellt, so hätte sich ein Drittel gemeldet. Ines Pohl rollt die Augen. „Mensch Daniel, mach doch nicht immer alles schlecht. Unser Kongress heißt doch ‘Das gute Leben’ und nicht ‘Ein Kongress am Rande des Selbstmords’.“

Jerome Ringo, Präsident der Umweltorganisation National Wildlife Federation:

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Von Carmela Negrete

Die Zuhörer wollten nicht nur Solarstrom, sondern auch Solarwärme. Foto: David Oliveira

Die Zuhörer wollten nicht nur Solarstrom, sondern auch Solarwärme. Foto: David Oliveira

Willst Du Solarstrom? Ein Redakteur des Solar-Magazins Photon hat ihn schon.

„Ungefähr bis 2009 haben die Produzenten von Solaranlagen viel Profit gemacht, weil diese Technik billiger gewesen ist und gleichzeitig sind die Preise aber nicht gesunken“, sagt er. „Die Politiker dachten, dass die Solartechnik zu teuer ist, und man sie nie massiv einsetzten können wird. Es hat die generelle Situation verschlechtert. Wir haben es in unserer Zeitschrift kritisiert, und deswegen sind einige Anzeigen damals gekündigt worden“. Das ist die Erklärung, warum die Solarenergie nicht früher billiger war, des Redakteurs von Photon, der zum taz-Kongress in letzter Minute eingeladen wurde. Die auf Solarenergie spezialisierte Zeitschrift setzt sich selbstverständlich für die Energiewende ein.

„Wir hatten die Idee, dass diese Energie etwas Wunderbares ist, und dass wir dank ihr eines Tages alle Kohle-Kraftwerke schließen können. In den 80er Jahren war schon klar, dass es sich weiter entwickeln würde. Und wir wussten und wissen auch heute noch, wie dringend es ist, den so genannten Klimawandel, eigentlich Klimakatastrophe, zu beenden“. Die Idee von Photon war laut dem Redakteur, dass „gewaltige Märkte“ generiert werden sollten, damit die Kosten für Solarenergie immer weiter sinken und bald geringer sein würden, als die für andere Energien.

Diese „gewaltigen Märkte“ aber haben bisher negative Seiten, etwa die „Fair-Aspekte“: wer, wann, wo und mit welchen Arbeitsbedingungen was gebaut hat. „Da hat man noch nicht viel gemacht“, erklärt Bernd Hirschl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Und damit die Komponenten, aus denen die Solarzellen gebaut werden, grüner und die Solartechnik damit als “öko” zu betrachten ist, “daran arbeiten gerade mehrere Firmen”, versichert den Experte.

Trotzdem: Deutschland braucht, wie auch alle anderen Länder, eine Energie-Wende. Der Ausbau der staatlichen Netze und Speicher für die Energiewende gehört in Deutschland gerade zu den größten Sorgen. Aber auf dieser Veranstaltung hier, mit den Namen „Wollen wir Solarstrom?“, geht es eigentlich vor allem um die Änderung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, das eine Einspeisevergütung für Strom und Netze regelt.

Kritiker denken, die Kürzungen von Fördergeldern für Solarenergie sei das Ende der Solar-Ära. Für die Journalisten des Magazins Photon ist auf jeden Fall keine positive Änderung zu erkennen, sie haben sogar eine Titelseite geschrieben, in dem sie den Umweltminister Norbert Röttgen als „Solar-Feind Nr. 1“ bezeichneten.

Ohne, dass sie es sagt, hört man zwischen den Zeilen, dass das auch einer Frau im Publikum aus dem Herzen spricht. Sie besitzt Anteile einer kleinen Solarenergie-Genossenschaft und fragt sorgenvoll, ob sie und ihre Mitstreiter trotz der Kürzungen von der Solarenergie profitieren werden, und was für eine Zukunft sie als Investoren vor sich haben. „Natürlich haben professionelle Investoren mehr Kraft als Genossenschaften“, antwortet Hirschl.

Professionelle Investoren, schönes Wort!

Hirschl berichtet von immer mehr Menschen, aber auch Kommunen, die sich wie die Frau von der Genossenschaft um ihre Investitionen sorgen. Trotzdem denken er und die anderen drei Referenten auf dem Podium, dass es sich auch weiterhin lohnen wird, in Solar und andere erneuerbare Energien zu investieren.


Operation Speicherkarte

Von Sarah Alberti

Einerseits ist alles ganz einfach. Wenn nur andererseits nicht wäre. Mein Handy kann Fotos machen, hat aber kein Internet. Ich interviewe Emanuel für die Printausgabe der taz für Montag. Ein kleines Portrait über seinen Besuch beim tazlab, das ist zwischendurch schnell gemacht. Ein Foto soll mit dabei sein. Schlicht und einfach mit dem Handy geschossen. Das kann ich. Klick. Gemacht. So.

Wie kommt das Foto nun auf den taz-Rechner? Für mein Handy bräuchte ich ein spezielles Datenkabel, das habe ich natürlich nicht dabei. Komisch: Irgendwie können die Handys meiner Kollegen auch keine MMS empfangen, entweder sie sind zu alt oder zu jung. Also, die Handys. Aber mein Gerät besitzt eine Minispeicherkarte. Hat jemand ein Kartenlesegerät? Ja, wow, die taz ist gut ausgestattet. Aber irgendwie sind diese Schlitze größer als die Karte. Es steht drauf, dass 35 Kartengrößen reinpassen. Journalisten habe die Eigenschaft, ungeduldig zu sein. Also rein mit dem Ding. Schön, passt sehr gut. So gut, dass sie nicht wieder raus geht und der PC die Karte auch nicht lesen kann. Taschenmesser? Mhm, könnte der Karte gefährlich werden. Die Karte ist mir eigentlich egal, die Musik auch noch woanders gespeichert. Aber dieses Foto. Dieses Foto von Emanuel aus München. Der Text ist schon geschrieben. Es fehlt nur das Foto. Und ohne Foto kann der Text nicht erscheinen. Und das Foto steckt im Kartenlesegerät. Mit viel Kraft bekommt ein Mitarbeiter der taz-EDV-Abteilung die Karte aus dem Gerät geklopft.

Ich habe inzwischen Plan B: Die Karte kommt wieder ins Handy und dann schicke ich das Foto per MMS an einen Freund zu Hause, der hat ein MMS- wie internetfähiges Gerät. Dazu sind Freunde ja da. Die Karte geht zwar wieder ins Handy, aber das Handy mag die Karte jetzt nicht mehr. Dreimal die gleiche Prozedur. Wie gesagt: Journalisten sind ungeduldig. Ich muss da wirklich an mir arbeiten, denn schwupps: Zu viel Gewalt angewendet. Die Karte steckt fest. Richtig fest. Es geht nicht vor, nicht zurück. Pinzette. Eine Pinzette wäre gut. Auf zur Bar im Backstagebereich. Im Erste-Hilfe-Kasten ist keine Pinzette. Ich versuche es mit Zahnstocher und Taschenmesser. Erfolglos. Die Karte hat sich so verkantet, dass auch mein Akku nicht zurück ins Handy passt. Panik. Ich allein in Berlin ohne Handy. Auf zum Pförtner. Der probiert es mit einer Schere, am Stand der taz-Genossenschaft lege ich die Sache in zarte Frauenhände. Erfolglos. Auf zum Büro des Hauses der Kulturen der Welt. Wieder ein Erste-Hilfe-Kasten. Wieder keine Pinzette. Ich bin schon etwas weinerlich und sehe nach einem schwer wichtigen Problem aus.

Letzter Versuch: Die Veranstaltungstechniker vor Ort. Der Chef erkennt sofort den Ernst der Lage und schickt mich zum Lichttechniker. Der will mein Handy mitnehmen, aber ich bestehe darauf, mitzukommen. Es geht ins Hinterland, nur eine Tür trennt den Kongress vom technischen OP. Der Patient liegt einsam und allein in den Händen des Chirurgen. Der lacht noch und sagt, wenn es gar nicht geht, muss ich in die Charité. Die hätten zumindest eine Pinzette. Er hat keine. Ich empfehle ihm die zarteste Zange der Werkbank und entferne zur Sicherheit noch die SIM-Karte. Falls was schief geht. Dann mache ich die Augen zu.

Blub. Speicherkarte draußen, leicht geknickt. Wieder ein letzter Versuch: Karte rein. Passt noch. Nur mein Handy mag den geknickten Fremdkörper jetzt nicht mehr. Das Bild ist verloren.

Also ein neues Foto von Emanuel. Ich lasse ihn über Lautsprecher ausrufen, er kommt nicht. Mir fällt ein, dass ich versucht hatte, das Bild per MMS zu versenden. Dann müsste es noch im Gesendete-Ordner liegen. Tut es. So, dann jetzt weiterleiten an besagten Freund, zwei Minuten später habe ich die E-Mail von ihm. Mit dem Foto von Emanuel im Anhang. Als ich es weiterleiten will, fällt das Internet aus. Also auf den Stick ziehen. Es klappt. Das Bild ist auf dem taz-Rechner. Ich atme auf. Anderthalb Stunden für dieses Bild.

Der taz-Redakteur öffnet die Datei. Die Auflösung ist zu klein. Einen verpixelten Emanuel will kein taz-Leser sehen.

Jetzt hilft nur noch eins: Noch einmal Emanuel suchen und ein neues Bild machen. Ich laufe drei Meter aus dem Backstagebereich heraus und da steht er. Einfach so. Er hat er einen Film geguckt. Deshalb hat er auch die Lautsprecherdurchsage nicht gehört und ich habe ihn nirgendwo gesehen.

Emanuel kommt mit in den Backstagebereich und wird von allen freudig begrüßt. Mit dem iPhone machen wir in der Sonne ein Foto. Am Montag erscheint es in der taz. Und ich werde mir eine neue Speicherkarte zulegen. Eigentlich wollte ich ja heute Nachmittag auch noch einen Text schreiben. Der Titel der Veranstaltung: „Teilen, Tauschen, Schenken“.


Von Svenja Bednarczyk

Von links schimpfen: Deniz Yücel, Isabel Lott, Doris Akrap, Christian Füller und Kai Schlieter. Foto: David Oliveira

Von links schimpfen: Deniz Yücel, Isabel Lott, Doris Akrap, Christian Füller und Kai Schlieter. Foto: David Oliveira

Es spielen: Christian Füller, Deniz Yücel, Isabell Lott, Julia Seeliger, Kai Schlieter, Doris Akrap als die Moderatorin und viele Zuschauer und Zuschauerinnen auf dem tazlab.

Bühnenaufbau: Zwei Tische stehen auf der Bühne. Darauf und daneben viele Gläser, sechs Flaschen Sekt, passend dazu sechs Redakteure. Musik aus der Nachbarshalle schallt herüber.

Frau aus dem Publikum: „Ich rege mich schrecklich über dieses Format auf. Muss man denn immer so unfreundlich miteinander reden?“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Isabel Lott „Schreien Sie nicht so!“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Sie: „Ich schimpfe ja auch nicht gerne, aber dieses Format hier… Immer dieses Schimpfen. Das regt mich so auf.“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Die Moderatorin: „Haben Sie die taz denn heute schon gelesen?“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Sie: „Ich kann nicht lesen“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Christian Füller: „Damit sind sie ein typischer Tazleser“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Deniz Yücel: Die meisten Abonennten und Genossinnen bezahlen die taz ohne sie zu lesen. Das ist doch super. Wir müssen nur so viele Genossinnen finden, die die Idee finanzieren und müssen irgendwann gar nicht mehr produzieren. (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Zuschauer geht nach vorne, in die Nachbarshalle und schreit: „Ruhe verdammt!“ (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Andre Frau aus dem Publikum sagt irgendwas feministisches zur taz am Frauentag. Irgendwas an dem Titelbild passt ihr nicht. (Die Musik aus der Nachbarshalle ist sehr laut)

Musik wird leiser…

Isabel Lott: „Ich möchte mal wissen. wie man Leute wie euch zufriedenstellen kann. Ihr Leser seid zu prüde.“

Frau aus dem Publikum: „Das ist ja die reinste Leserverarsche hier!“

Moderatorin: „Auf unserer Twitterseite…“

Mann aus dem Publikum (unterbrechend): „Hallo? Hallo? Warum muss man denn immer streiten?“

Julia Seeliger schimpft, Christian Füller lacht. Foto: David Oliveira

Julia Seeliger schimpft, Christian Füller lacht. Foto: David Oliveira

Deniz Yücel: „Was soll diese Hippiescheiße, schneid dir mal die Haare ab! Der Zeitungsleser liest die Zeitung, nicht um Aktuelles zu erfahren, sondern um seine eigene Meinung dargestellt zu finden. In der Redaktion herrscht Meinungsfreiheit. Die Meinungen sind heterogen. Und der Leser regt sich auf, wenn die Meinung des taz-Redakteurs anderes ist, als seine eigene.“

Andere Frau aus dem Publikum: „Die taz Redakteure haben aber nur eine Meinung vom DEM Leser.“

Christian Füller: „Die Redakteure finden heterogen toll. Deswegen darfst du auch sprechen.“

Deniz Yücel: „Wir brauchen keine Leser, das hatten wir vorhin schon.“

Christian Füller: „Andere Verlagshäuser haben nur einen Verleger. Der kann einen anschnauzen oder feuern. Hier haben wir 10.000 Verleger, die alle meinen, uns anschnauzen zu können“

Deniz Yücel: „Falsch. Die Genossen lesen ja nicht. Sie investieren, haben aber nichts zu melden. Das ist das Wunderbare an dem System.“


Stimmen vom tazlab

 

Isolde Charim

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Barbara Dribbusch

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Antoine F. Götschel

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Boris Palmer

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Nico Paech

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Anetta Kahane

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Christian Rätsch

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Orientierung im Netz: Dringend erwünscht

Von Julian Kasten

Nicht wenige Menschen klagen über die Informationsflut, die auf sie einwirkt. Zusammen genommen treffen täglich tausende Botschaften auf einen Menschen ein. Das Internet als Knotenpunkt und Verteiler für immer mehr Inhalte ist für die enorme Vielfalt an Informationen das markanteste Beispiel. Wie man diesem Phänomen begegnen kann, erläutert der Blogger Marcel Weiß in der Veranstaltung „Reizüberflutung? Alles eine Frage des Informationsmanagements“.

Das Internet hat sich in den letzten Jahren zu einer rasanten Informationsmaschine entwickelt. Bei allen Vorteilen, die diese Vielfalt bietet, tun sich auch große Probleme auf. Wer sich für viele Inhalte interessiert, sucht viele Webseiten auf, verfolgt viele Links und droht logischerweise auch, sich darin zu verlieren. Artikel werden nicht mehr gelesen, sondern gescannt. Was nicht extrem wichtig ist, muss aus dem Aufmerksamkeitshorizont verbannt werden. In Warteschlangen und Straßenbahnen wird das mobile Gerät gezückt und die Umwelt weitestgehend ignoriert. Neue Mails, soziale Netzwerke und Blogger kennen kaum eine Pause. Der Schritt zur Abstumpfung scheint nur noch gering zu sein. Wer schon ständig ausgefüllt mit Informationen ist, kann nicht mehr viel aufnehmen.
Andererseits verdienen immer mehr Menschen ihr Geld damit, dass sie Informationen im Netz finden, bündeln und weiter geben. Neues zu verpassen, wäre ein Nachteil gegenüber den Anderen. Diese Menschen haben letztlich keine andere Wahl als Tools wie RSS-Feeds und Nachrichtendienste anzuwenden, die ihnen die Informationen nach eigenen Kriterien vorselektieren. Marcel Weiß betont, dass er ohne diese Tools auch untergehen würde: „So kann ich alles Wichtige mitnehmen, ohne ständig am Tropf hängen zu müssen“. Letztlich bleibt es ein Kompromiss: Was dennoch latent mitschwingt, ist die Abhängigkeit dieser Menschen und ihrem Tun von der Kommunikationstechnik und deren Werkzeugen. Eine viel beklagter Aspekt auf diesem Kongress, nämlich die Dominanz der Technik und der kapitalistischen Wirtschaft über zeitliche Kapazitäten der Menschen, wird von Weiß ganz anders interpretiert; Die beschleunigte Nachrichtenverbreitung ist für ihn grundsätzlich positiv einzuschätzen.
Doch nur Wenige nutzen eine nennenswerte Bandbreite, die meisten Menschen besuchen nur wenige Seiten. Wieder andere haben kaum Kenntnisse und kein Interesse an den Informationswelten. Letztlich liegt es also allein beim Einzelnen, sich die Kompetenzen und Fertigkeiten anzueignen, zu selektieren und Prioritäten zu setzen. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, die Internetnutzung radikal einzuschränken, wenn man dazu bereit ist, die potentielle Informationslücke zu den Anderen in Kauf zu nehmen. Das fällt wohl immer mehr Menschen schwer, die sich zu den gut und schnell Informierten zählen wollen.


Schöner Leben – der ganze Tag

Text und Fotos: Reinfried Musch

Das Paar an der Spree liegt klassisch aufeinander in der Frühsonne. Vor neun ist es noch kühl. Wer meint, man müsse am Samstag ausschlafen, den würde ich schon spießig nennen, sagt Jan zur Kurzbegrüßung und lächelt müde. Die Räume K 1 – 3 sind voll. Wir haben Alternativen, titelt die taz überall.

Die erste Runde: Durch den Magen zum Schönen Leben

Zuerst Pflanzen schützen, dann Tiere, dann Menschen? So kann Mensch das nicht berechnen, schimpfe ich mich nach innen. Wir sind Getreide oder Römersalat oder der Knüller – Äpfel – von Netto. +++ Die Stadt hat viele international erfahrene Experten, sie müssen gestalten können. Durchmischen, Markt draußenhalten, die Gruppe tragfähig bekommen, Wedding, sagt Wedding. Hier dauerte es Jahre. Aber es geht. Ohne QM. Die haben den Titel besetzt: Soziale Stadt. +++ Alles ist durch Brüssel verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, sagt Thilo Foodwatch. Der Smiley ist schwer umkämpft, keiner will als Gammelfleisch in die Medien. Die Verbraucherrechtsbewegung geht von Deutschland aus und muss europaweit von unten vor Ort aufgebaut werden. – Hier sitzen die meisten. Liebe zu Veränderung geht wohl doch überwiegend durch den Magen. Konsum als Widerstand und der Widerstand als Verweigerung von Fastfood.

Ich treffe die Rätin. Sie zieht aus. Gegen den Antisemitismus- Vorwurf will sie nicht für ihr Haus kämpfen. Es wird der gleiche Makler sein, der die Umwandlung von denkmalsgeschütztem Garten in Bauland als Wiedergutmachung gemanagt hat. Senat und Bezirk haben zugestimmt, ohne die jüdischen Erben in Amerika mit den Scheunenviertlern zusammen zu bringen zu wollen. Wer weiß, was geworden wäre.

Zweite Runde: Serielle Monogamie in Hausgemeinschaft mit Freier Schule

Zeit ist knapp, aber ohne gibt es keinen Rückhalt. Statt Familie fürsorgliche Freundschaft. Nicht nur gleichgeschlechtlich, sondern gemischt. Hier ist alles knall voll, auch der Intendant. Er ist noch jung. Frau Osterland will gemeinschaftlich alt werden. Als rasende Rentnerin und serielle Monogame mit hohem Aktivitätsniveau. Allein im Gemeinschaft der Nachbarn. Interessegeleitete Wahlverwandtschaft, pflegende Angehörige und Gemeinachaftsräume. Im Linienhaus geht es ohne diesen Leerstand. +++ Holstein will nach vorn, nicht nach unten, sagt Der Grüne Dichter Habeck. Windumbau. Im TheaterSaal sind deutlich weniger Holsteiner. Das dortige Schulsystem sei ziemlich unterirdisch und nicht die Zukunft, sagt eine Diskutantin und vielleicht ist das die Vermutung: Ohne Schule wird wohl wenig. Die guten Schulen seien die freien, übergreifenden, projektorientierten. Ich habe Holstein nur für meinen Jüngsten im Blick. Glück ist eine politische Kategorie, denn gelingendes Leben ist nicht Zufall. Aber auch nicht ohne. Man muss auch darauf stoßen.

Dann kommt Gott und Habeck lächelt, dass es sicher viel gebe zwischen Himmel und Erde.Er lebe sicher deutlich unten. – Das macht wohl wirklich den Unterschied, würde ich der Freien Christin sagen, die aber nicht begleitet. Vom Himmel aus sieht alles gut geordnet aus und mensch muss nicht tiefer hinsehen. Aber diese Gute sicht hat doch was Gutes: ein starkes Wohlwollen.

3. Runde: Eingeschränkt flexibel ist entspannt

Gemeinschaftsräume sagt Osterland abschließend, man findet sich nicht auf den Flur. Wir schon und wir bitten uns in die Wohnung. ++++ Reden zum Selbstzweck ist Code einer therapeutischen Gesellschaft erklärt die Bloggerin in Speakerrs Corner. Sie schafft freundliche Menschen, verbraucht ummäßig Zeit und Energie. Leerquatschen hilft nicht, auch nicht im Netz. Da steht sie im kleinen Schwarzen mit schönen weißen Strümpfen. Jeden Tag wird die Welt in den Medien etwas schlechter. Öffentliche Ohnmacht macht müde und erschöpft. Das Privatleben hat aber nicht den Rang der politischen. Alles bringt nichts und das gilt für alles. Flexibilität macht uns fertig. Aber ein Festlegen erlaubt Entspannung. Zwei oder drei Prinzipien reichen da schon aus. Ich, erwidert die Rätin auf dem Flur, bin da nicht gemeint. Ich gehe, wo ich gern gesehen bin und die da sind, sehe ich gern und wenn es reicht, war es genug, um wieder sein zu können ohne Stress und Krampf und Therapie.

Es wird langsam anspruchsvoll. Der Kaffee einfach also 2, das Baguette 3€, das ist ein Angebot, sagt der Kellner hinter dem Tresen zu einer murrenden Besucherin. Auch das ist HdK.

Runde vier: APO plus und ahoi

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Yoga statt Praktikum

Von Katja Barthold

Die Gewerkschaftsverterin Jessica Heyser reagiert überraschend gelassen beim Thema unbezahlte Prakika auf dem tazlab. Um den prekarisierten Berufseinstieg soll es gehen. Darum, wie schwer es ist, überhaupt eine Festanstellung zu bekommen, unbefristet. Den Frust darüber konnten die hauptsächlich jungen Zuhörer_innen am Mikro äußern.

Die Moderatorin Maxi Leinkauf fordert die Leute auf, ihr Elend weiter ins Mikrophon zu jammern und begleitet die Aussagen mit einem mitleidigen Blick. Alle sind sich einig. Alles ist schlecht. Es ist unendlich schwer, einen Job nach dem Studium zu bekommen – und wenn, dann ist er schlecht bezahlt, oder die vielen Arbeitsstunden ermöglichen es kaum noch, ein gutes Leben zu führen. Oft reiht sich aber statt dem Job ein Praktikum nach dem anderen und wofür? Für nichts.

Anschließend tritt aus dem Publikum eine Mitarbeiterin eines Hamburger Verlages an das Mikro und verkündet stolz, dass auch sie sich gern der Mithilfe von Praktikanten bedienen. Sie scheint stolz zu sein auf die praktischen Erfahrungen, die sie damit jungen Leuten bieten. Jedoch steht sie hier vor dreißig jungen Leuten, die genau wissen, wer hier in Wirklichkeit vom wem profitiert in Zeiten der Generation Praktikum. Die üblichen Argumente der Arbeitgeberseite ziehen hier nicht. Die Stimmung im Publikum beginnt zu kochen: Die Mitarbeiterin muss zugeben, den Praktikanten kein Geld zu bezahlen. Sie weigert sich aber, sich zu schämen und kontert: „Wir zahlen mit Kontakten.“ Und da ist sie wieder: die Begründung für Ausbeutung, in einem Land, wo ein Studium schon lange keine Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt mehr ist. Kontakte seien ja nicht alles… auch ein Gutachten stellt die Verlagsmitarbeiterin hin und wieder aus. Gutachten? Was sie wohl meint, ist ein Arbeitszeugnis. Neue Facebookfreunde und ein Arbeitszeugnis statt finanzieller Entlohnung und eines sicheren Arbeitsvertrages? Die Generation Praktikum wird also mit einem Kuchenkrümel gefüttert, während der restliche Kuchen verschlossen im Safe bleibt.

Während die Hamburgerin dies preisgibt, bleibt Jessica Heyser überraschend emotionslos für eine Vertreterin des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Legal sei das ja nicht“ richtet sie verlegen lächelnd das Wort an die selbsternannte Arbeitgeber-Wortführerin, und gibt dem Publikum den Rat, einfach keine unbezahlten Praktika zu machen. Die Moderatorin, Redakteurin des Freitags, stimmt ihr eifrig nickend zu. Beide haben es geschafft, beide genießen den Luxus einer Festanstellung. Auf dem Weg dorthin füllten beide selbst ihren Lebenslauf mit zahlreichen Praktika. Dem Publikum raten sie jedoch erneut davon ab.

Wut breitet sich aus im Publikum – doch Jessica Heyser bleibt entspannt. Kein Wunder, hat sie ihre Arbeitszeit doch auf die Hälfte reduziert und nutzt die gewonnene Zeit für ihr Hobby – Yoga.


Von Julian Kasten

Annette Jensen signiert Bücher. Foto: David Oliveira

Annette Jensen signiert ihr Buch. Foto: David Oliveira

Was Menschen glücklich macht, gehört zu den ältesten und größten Fragen der Menschheit. In dem Buch “Wir steigern das Bruttosozialglück – Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben” von Annette Jensen erwarten Lesende zunächst eine weitere Anleitung zum Glücklichsein. Doch die Autorin konzentriert sich auf Portraits alternativer und ökologischer Projekte und unterstellt dabei einen Glückseffekt. Anders leben heißt nicht nur verzichten, sondern hat mit Lust und Spaß zu tun.

Das Bruttosozialprodukt ist immer noch der populärste Indikator für gesellschaftliche Wohlfahrt. Dabei gibt es nicht nur breite Kritik daran, sondern auch bereits Alternativen. Das Königreich Bhutan ist berühmt dafür geworden, ein Glücksmininsterium ins Leben gerufen zu haben, dessen Ziel die Steigerung des Bruttosozialglücks ist.

Immer mehr Menschen scheinen zu der Einsicht zu gelangen, dass materieller Wohlstand allein nicht glücklich machen kann. Bereits Marc Aurel (121-180 nach Christus), römischer Kaiser und Stoiker, meinte, dass man nur wenig brauche, um glücklich zu sein. Glück sei gar das billigste, was es auf der Welt gibt, sagte der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980). Das Grübeln über Glück ist also nicht neu, doch dafür nicht weniger aktuell.

Jensen portraitiert in ihrem Buch knapp 40 Projekte, in denen Menschen in Gemeinschaftsprojekten und Graswurzelaktivismus andere Lösungen in Wirtschaften und Leben erarbeiten. So stellt sie ein Dorf vor, in dem durch demokratische Energieversorgung weit mehr Energie produziert wird als benötigt, und der Strom so verkauft werden kann. Genauso führt sie die “blue economy” von Günter Pauli oder regionale Lebensmittelversorgung durch Eigenarbeit als Exempel für alternative Formen des Wirtschaftens und des Lebens an. So reiht sie Projekte aneinander, ohne letztlich die Frage nach dem Glück explizit zu stellen. Immer wieder betont sie, dass die portraitierten Menschen eine positive Ausstrahlung hatten und andere dadurch motivieren, ebenfalls alternative Projekte anzuschieben. Ob Menschen nun glücklicher werden, WEIL sie diese gemeinsamen Projekte realisieren, oder ob es bereits glücklichere und optmistischere Menschen sind, die über die Kraft und die Visionen verfügen, um solche Projekte überhaupt realisieren zu können, bleibt unbeantwortet. Auch auf die Frage, ob es für sie einen Unterschied mache, ob Menschen ein ökologisches Projekt starten oder gemeinsam ein Autorennen veranstalten, kann die Autorin nicht zufriedenstellend antworten. Letztlich geht es ihr aber auch nicht um begriffliche Genauigkeiten, sondern um die Darstellung eines Veränderungsprozesses, den sie mit optimistischen Augen betrachtet.

Veränderung aus Lust und aus Notwendigkeit

Was in den Achtzigerjahren als moralisch gebotener Ausstieg aus dem Hamsterrad propagiert wurde, hat laut Jensen heute eher mit Lust zu tun. Das schließt die ökologische und soziale Notwendigkeit alternativer Wirtschafts- und Lebensformen nicht aus. Was damals aber nach Ausstieg klang und auf pessimistischer Grundlage erwuchs, ist heute eher ein Einstieg in ein neues Leben und ein neues Gefühl für die unmittelbaren Dinge des Lebens.

Für den britischen Philosophen John Stuart Mill (1806-1873) hört das Glück bereits auf, wenn man danach fragt. Für Arthur Schopenhauer (1788-1860) ist sogar eines der größten Irrtümer der Menschen die Annahme, dass sie existieren, um glücklich zu sein. Denoch setzt die Autorin auf die Anziehungskraft dieses mythischen Glücksbegriffs und der titelgebenden Wortschöpfung. Schon die reine Masse an Büchern zu dem Thema zeigt, wie sehr Menschen danach streben, glücklich zu sein. Und auch, wie sehr sie glauben, es nicht zu sein.

Die Glücksforschung zeigt, dass das BIP kein guter Glücksindikator ist

Warum das so ist, zeigt die empirische Glücksforschung recht deutlich. Obwohl der materielle Wohlstand in den meisten Industrieländern in den letzten fünfzig Jahren stark zunahm, gab es gleichzeitig keine nennenswerte Veränderung des wahrgenommen Glückszustandes. Das hat mehrere Gründe: Menschen vergleichen sich mit ihrem Umfeld. Wenn überall der Wohlstand steigt, hat der Einzelne keinen Mehrwert. Darüber hinaus neigen Menschen dazu, andere Menschen glücklicher einzuschätzen, als diese tatsächlich sind. An eine Zunahme des materiellen Wohlstands gewöhnen sich Menschen rasch und omnipräsente Werbung tut ihr übriges dazu, den Menschen Wünsche und Visionen zu präsentieren, deren Erfüllung letztlich die Kapazitäten der Menschen übersteigt. Schon Adorno (1903-1969) schrieb, dass die Kulturindustrie den Menschen um das Glück betrüge, dass sie ihnen vorgaukelt. So erscheint es mitunter schwierig, glücklich sein zu können, wenn das Umfeld suggeriert, dass man immer noch glücklicher sein könnte – das mündet darin, dass Menschen nach jedem Glückszuwachs die Messlatte höher hängen. Das ist unter der hedonistischen Tretmühle zu verstehen.

Der Schlüssel zum Glück ist also durchaus so etwas wie Verzicht; der Verzicht auf die vielen materiellen Güter, auf unnachhaltige Produkte, auf die Überholspur des Lebens, auf die Abhängigkeit vom rasenden Kapitalismus und auf die Oberflächlichkeit und Entfremdung in der individualistischen Gesellschaft. Die Angst vor dem sozialen Auschluss und Abgehängtwerden zu nehmen, ist eines der Ziele von Büchern wie diesem von Annette Jensen. Denn eine Veränderung des Wirtschaftens und Lebens ist – in Glück gemessen – eher Einstieg statt Ausstieg, mehr Aufstieg als Abstieg.


Verklemmt oder offen?

Von Vanessa Weiss

Foto: Wolfgang Borrs

Foto: Wolfgang Borrs

„Wenn das in den Achtzigerjahren wäre, dann hätten wir die Veranstaltung wohl nicht so voll bekommen“, kommentiert Martin Reichert, Redakteur der sonntaz, die zahlreiche Beteiligung der Kongressbesucher, die mehr über Carolin Emckes Buch über ihr Coming-Out erfahren wollen.

Nach ihren Büchern „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“ und “Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF” widmete sich Carolin Emcke in ihrem erst kürzlich erschienenen Buch „Wie wir begehren“ ihrer eigenen Geschichte. Persönlich und immer in Verbindung zu den sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen zu ihrer Jugend- und frühen Erwachsenenzeit schildert sie episodenhaft ihre Gedanken über die Entdeckungen ihrer Homosexualität, wenn sie beispielsweise über den aus ihrer Sicht unspektakulären ersten Kuss mit einem Jungen berichtet, den sie bildhaft beschreibt. Vielleicht war auch das einer der „Momente, die das Leben verändern“, wie sie die Wirkung einer Schauspielerin im Theater auf sich beschreibt.

Foto: Wolfgang Borrs

Foto: Wolfgang Borrs

Beim Schreiben des Buches vertraute sie nicht nur auf ihre persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen, sondern auch auf intensive Recherche sozialer und gesellschaftlicher Bedingungen homosexueller Akzeptanz, erklärt sie. Sowohl die Medienlandschaft als auch die Literaturszene setzten sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit diesem Thema auseinander. Dennoch schien dies auch dort eher ein Tabuthema gewesen zu, wenn sich der Moderator Martin Reichert zu Aussagen über die Achtzigerjahren hinreißen ließ, dass sie „muffig, eng und rigide“ gewesen seien.

Aber warum sind die Menschen heute weniger verklemmt als früher, so dass sie eine für 50 Zuhörer ausgelegten Veranstaltungsraum stürmen, um mehr über ein episodenhaftes Coming-Out–Buch zu erfahren? Vielleicht ist es vor allem die Offenheit, mit der Politiker und Prominente über ihre Homosexualität in den Medien sprechen.

 

Carolin Emcke über ihr Buch “Wie wir begehren”, Toleranz und den Umgang mit Sexualität

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Von Alexander Kohn

Foto: Wolfgang Borrs

Foto: Wolfgang Borrs

„Sie haben früher die Käfighühner ihres Schwiegervaters gefüttert, stimmt das“, fragt taz-Reporter Peter Unfried.

Winfried Kretschmann, erster grüner Ministerpräsident Deutschlands, rollt das Kabel seines Mikrofons in der Hand zusammen wie ein Lasso: „Hätte ich sie verhungern lassen sollen? Oder hätte ich meinem Schwiegervater sagen sollen, dass er nicht in den Urlaub fahren kann? Einen gewissen Schuss Pragmatismus muss man schon mitbringen wenn man in einer Familie lebt, genauso in der Politik. Die Käfighühner sind am Ende elendig umgekommen, als der Hof abgebrannt ist.“

Unfried hat noch eine zweite Frage an Kretschmann, der seit gut einem Jahr in Baden-Württemberg mit grün-rot (“Nicht rot-grün!”) regiert: „Produzieren Sie Ihren Strom eigentlich selbst?“

Kretschmann: „Ja zum großen Teil schon, mit einer Photovoltaik-Anlage. Aber seit diese ganzen Sicherheitsinstallationen in meinem Haus vorgenommen wurden, reicht der Strom allerdings nicht mehr.“

Gemeinsam mit taz-Kollege Jan Feddersen hat sich Unfried heute vorgenommen, Kretschmann in Sachen „Gutes Leben“ einmal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Nach gut einer Stunde bekommen sie Verstärkung vom Überraschungsgast Daniel Cohn-Bendit. Nach zwei Stunden sind zwei Bahnhofsgegner aus Stuttgart (in einer der hintersten Reihen) nicht unbedingt glücklich mit der Performance des Pragmatikers im hellen Anzug zwischen Thymianbüschlein, Salbei, Pfefferminz und Rosmarin, die von einem Berliner Urban Gardening-Projekt ausgeliehen wurden und nun die Bühne schmücken sollen und dafür in der Hitze der Scheinwerfer schwer dürsten müssen.

Aber der Reihe nach: Bei Kretschmanns Einlauf klatschen die vielleicht 300 Menschen im Saal zunächst so gut wie einmütig. Kretschmann sammelt kräftig Sympathiepunkte. In Anspielung auf teure Limousinen, die er übrigens selbst seit rund 20 Jahren fährt, wie eine Nachfrage ergibt, sagt er: „Diese großen Wagen werden hauptsächlich exportiert. Wenn wir als eine Hochtechnologie-Region mit einem hohen Wohlstandsniveau nicht zeigen, dass man auch anders leben kann, dann werden weltweit noch viele große Schlitten nachgebaut. Vielleicht können wir ja auch ein gutes Leben exportieren.” Dass man auch mal laufen könne, oder radeln eben. (Applaus!)

Die Kerbe kommt gut, weiter geht’s.

Foto: Wolfgang Borrs

Foto: Wolfgang Borrs

„Ist doch erstaunlich, dass sich die Leute nur am Wochenende auf ihre Räder schwingen und strampeln wie die Idioten. Aber ansonsten fahren sie mit dem Auto zur Arbeit. Wie wir uns bewegen, das ist eine kulturelle Frage. In Freiburg gibt es Fahrradparkhäuser. Aber als ich Lehrer war in Sigmaringen, da kannte ich jeden Radfahrer persönlich.“ Jedenfalls sei es immer schwer, Leute zum Verzicht zu bewegen. Ihnen etwas in Aussicht zu stellen sei wesentlich dankbarer: „Man kann in Baden-Württembreg nicht über zehn Prozent rauskommen, wenn man nicht auch ein Versprechen von Prosperität macht.“

Da sind sie wieder, die große Autos. Kretschmanns Aussage aus einem Interview mit der BILD-Zeitung wird von den beiden tazlern ins Spiel gebracht: „Weniger Autos sind besser als mehr Autos.“ Kretschmann erzählt exemplarisch von einem der vielen vielen Besuche skeptischer Wirtschaftsvertreter, die ihm dieser Nebensatz eingebracht hat: „Der Chef eines bekannten Autokonzerns war zwei Tage später in meinem Büro und hat mich zu meinen Einstellungen zur Autoindustrie befragt. Ich habe ihm gesagt, vom Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft wird mich niemand abbringen. Aber über den Weg dahin könne man sich unterhalten.“

Und dazu später: „Es ist wichtig, dass wir jetzt nicht nur radikale Sprüche ablassen. Sondern wir müssen zeigen, dass man die Energiewende durchführen kann.“ Das Thema sei mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft und auch bei Unternehmern angekommen.

Zu den Gegnern von Stuttgart 21: “Wir haben wirklich völlig aneinander vorbeigeredet.“ Es gehe hier nicht um Lüge oder Wahrheit, sondern um Alternativen. Der Konflikt sei „zivilreligiös aufgeladen“, besagten Menschen gehe es nicht mehr um einen Park oder Bahnhof. Man könne die Debatte “um einen Bahnhof nicht so aufladen, als ging´s um Atomraketen”. Man solle den Konflikt nicht überdimensionieren. “Sonst redet man nur noch aneinander vorbei und kann nicht mehr zu einem Konsens kommen.“

Es gehe bei S 21 tatsächlich nicht um einen Bahnhof, finden auch die beiden Stuttgarter von hinten im Saal. Sie verbringen ihre Freizeit an Ständen, zeigen Flagge gegen das Projekt. „Es geht um die Art, wie die Entscheidung gefällt wurde“, sagt die Aktivistin. Darum, dass es keine Transparenz gegeben habe, und noch immer nicht gebe. Leider hört Kretschmann das nicht, das Podium wurde nicht zur Publikumsdiskussion geöffnet.

Und der Vergleich mit den Atomraketen? „Pragmatiker“, nennen die beiden ihn mit einer Stimmlage irgendwo zwischen Ironie, Respekt und Enttäuschung.

Auch dem Politiker auf der Bühne geht es nicht um Inhalte allein. Nach gut einer Stunde im Kreuzgespräch zwischen den beiden taz-Journalisten bekommt er Verstärkung von Daniel Cohn-Bendit: „Man kann nicht mit der Apokalypse Politik machen. Und das ist ja das größte Problem der Politik – die Leute zu mobilisieren für etwas, was in 20 Jahren ist.“ Schließlich seien die Klimaprobleme von heute die „Konsequenzen der falschen Entscheidungen von vor 30 Jahren“. Das apokalyptische Thema sei nicht leicht zu lancieren: „Die Klimafrage existiert im Wahlkampf in Frankreich nicht.“

Kretschmann übernimmt wieder, das Lasso nun in der Rechten: „Wir müssen nicht nur ein Versprechen geben, dass wir eine Kathastrophe verhindern wollen, sondern dass wir in diesem Prozess auch neue Formen des guten Lebens erobern können. Dass man kein Miesepeter ist, auch wenn man ein harter Ökö ist.“

taz-Journalist Jan Feddersen: „Haben sie Hoffnung, dass die Grünen hin zur nächsten Bundestagswahl etwas sinnfroher rüberbringen, was sie mitteilen wollen?“

„Ich versuch’s“, verspricht Kretschmann.

 

Winfried Kretschmann über seine eigene Idee vom guten Leben.

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Sprechstundennest

Von Florian Muarrawi

Foto: Wolfgang Borrs

Foto: Wolfgang Borrs

Permanente Geräuschkulisse, vorbeieilende BesucherInnnen, ein großer Bildschirm, der zur Ablenkung einlädt. Gekonnt werden bei den sechs Speedlabs zu je 30 Minuten in der Eingangshalle des Hauses der Kulturen der Welt gewöhnliche Anforderungen an Sprechstunden ignoriert.

„Gedankliche Anarchie, die uns frei machen soll von einer therapeutischen Gesellschaft, vom Reden und Lamentieren zum Selbstzweck“, fordert Meredith Haaf. Die Journalistin, Schriftstellerin und Bloggerin leitet die erste sogenannte Sprechstunde im Durchgangsbereich „Speakers Corner“ zum Thema Erschöpfung ein, das Publikum hört auf dem Boden sitzend zu, nicht wenige schreiben akribisch mit.

Ihre Ausführungen, die heutige Gesellschaft sei im hohen Maße befindlichkeitsfixiert sowie Erschöpfung und Stress resultiere vielfach aus unserer Angewohnheit, diesen subjektiven Empfindungen zu viel Raum zu überlassen, findet beim Publikum viel Zustimmung. Ihre propagierte Konsequenz jedoch, so wenig wie möglich über Stress zu reden, trägt den unterschiedlichen Stressbewältigungsstrategien verschiedener Charaktere keine Rechnung. Es ist schlicht zu einseitig. Die Nichtbeachtung von unwohl empfundenen Situationen drängt den Menschen in eine passive Haltung, die ihn im schlimmsten Fall nur noch zum Betrachter von Geschehnissen macht. Die Erschöpfungsvermeidungsstrategie führt in eine unnötige selbstverschuldete Erschöpfung.

Haffs Ansatz dient letztlich sicher als ein Baustein, Mimosen zu verdeutlichen, nicht jede stressige Situation verlange stundenlange Reflektion, aber als Allheilmittel taugt er nicht. Merklich wird das Publikum zum Nachdenken angeregt, als sie sagt: „Die politische Komplexität und das daraus entstandene Ohnmachtsgefühl lässt sich durch subjektive Vereinfachungen politischer Prozesse und einer vermehrten Sturheit in eigenen Ansichten aushalten.“

Das Speedlab lässt dem Publikum viel Raum für Zwischenfragen, welches zu einer abwechslungsreichen Kommunikation zwischen Moderator, Referentin und dem Publikum führt. Das Publikum erfährt zudem, wie spontan und tiefgründig die Referentin in ihrer Thematik verankert ist. Doch bleibt widersprüchlich, dass man zwei Stunden über Erschöpfung diskutiert und debattiert, ohne eine einzige Pause zu machen, ohne eine kurze Reflexionszeit. Dies wäre in Anbetracht der vielen ReferentInnen und Themen angebracht.

Schnell werden Moderatoren und ReferentInnen ausgetauscht, das Publikum blättert gestresst die vollgeschriebene Seite weiter. Das Thema Erschöpfung wird im Verlauf der sechs Sprechstunden aus politischer, psychologischer, medizinischer und ökonomischer Sicht betrachtet. Viele BesucherInnen hören sich zwei, drei Sprechstunden an und lassen sich weiter treiben. Die Sprechstunde wird kurzzeitig zu einem Nest für Menschen, die eine kurzzeitige Bleibe suchen und dann ausschwirren.