Von Barbara Junge
Vor wenigen Tagen hat der Musiker Danger Dan eine Ballade zur Lage der Nation veröffentlicht. Der Titel: „Keine Angst“. Sie erzählt von den vielen Möglichkeiten, sich als antifaschistisch gesinnter Mensch gegen Faschisten, Rechtsextreme und deren beider Erstarken in Deutschland zur Wehr zusetzen.
Der Hinweis auf Militanz als eines der Mittel der Wahl fällt in dem Song dabei nicht allzu subtil aus. „Ich freue mich sehr, diesen Debattenbeitrag zur Lage der Nation nun auf die Welt loslassen zu können“, schrieb Danger Dan zur Veröffentlichung. Und die Nation diskutiert.
Ein Fernsehsender allerdings hatte für die kritische Diskussion zu „Keine Angst“ wohl nicht den nötigen Mut. Die ZDF-Senderleitung verfügte, Danger Dan und der Pianist Igor Levit dürften den Song in der Satiresendung „Die Anstalt“ nicht interpretieren. Womit das ZDF Danger Dan und Igor Levit ganz nebenbei den Hit mindestens des Sommers beschert hat. Und der Gesellschaft die dringend notwendige Auseinandersetzung mit der Frage, was Antifaschismus praktisch heißen darf – und vor allem kann.
Wie viel darf Antifaschismus?
Diese Debatte wird auch in der taz intensiv geführt. In den ersten drei Tagen erschienen alleine vier Kommentare dazu, von Gaby Coldewey, Leon Holly, Daniel Bax und Andreas Fanizadeh. Fortsetzung folgt. Denn die Frage „Was tun?“ beschäftigt Kolleg*innen. Es gibt ein großes Bedürfnis, sich selbst dazu zu positionieren. Das gilt genauso für unsere Community auf taz.de und in den Social-Media-Kanälen, die intensiv mit uns diskutiert. Und Sie, und Ihr?
Im Zentrum der Debatte steht das Besingen umstrittener bis strafbewährter Auslegungen von Antifaschismus. „Ist Danger Dan“ – der ja vor 5 Jahren schon mit ‚Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt‘ einen antifaschistischen Nerv getroffen hatte – „jetzt (nicht) zu weit gegangen?“, fragen (sich) viele in der und um die taz.
Den Gruß an inhaftierte militante Antifaschist*innen am Ende des Songs könne man als Gewaltaufruf lesen und er schade dem Anliegen, urteilen andere direkter. Aber ist dem so? Wenn Danger Dan nur ein fröhliches Liedchen über klandestines Sprühen gegen Faschisten hätte trällern wollen, (auch das taucht im Songtext auf), hätte er es auch einfach sein lassen können.
Erst die Zuspitzung im Liedtext auf das Outen von Nazis und den Gruß an die Inhaftierten „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ (Lina E., Johann G., Maja T. und Thomas J.) gibt dem Lied den – einem Danger Dan würdigen – nötigen Provokationsgehalt.
Was in der Debatte fehlt
In dieser ganzen Debatte fehlt jedoch etwas ganz Wesentliches: Es ist ein Blick auf die Verzweiflung, die aus diesem Lied spricht. Was treibt Danger Dan dazu, solch eine Ballade zu schreiben, und was Igor Levit, sie am Klavier zu begleiten? Wo stehen wir als Gesellschaft, wenn diese beiden Musiker Militanz ins Spektrum der bürgerlichen Debatte tragen?
So trifft „Keine Angst“ ein Gefühl der Ohnmacht bei vielen Antifaschist*innen, ob sie Militanz ablehnen oder nicht. Gerade bei Jüngeren. Sie fühlen sich oft hilflos ob des Erfolges von Faschisten und Rechtsextremen in deutschen Parlamenten.
Sie ängstigt die totschlagbereite Entschlossenheit von Jungfaschisten auf der Straße, wie zuletzt in Göttingen oder Berlin. Oder sie erleben seit Jahren in Orten wie Cottbus, Demmin oder Wurzen rassistische, anti-semitische, queerfeindliche oder gegen politische Gegner*innen gerichtete Gewalt. Das ist die eigentliche innewohnende Tragik des Liedes.
„Die Welt dreht sich gerade schneller denn je und ich habe das Gefühl, es ist nicht die richtige Zeit, sich entspannt zurückzulehnen – ganz im Gegenteil“, schreibt Danger Dan zur Frage, warum er jetzt dieses neue Album aufgenommen hat.
Wir in der taz haben ja immerhin das Privileg, uns journalistisch einmischen zu können. Aber was ist mit Euch, mit Ihnen? Haben Sie, habt Ihr das Lied schon gehört, den dazugehörigen Liedtext schon gelesen? Steckt darin eine Kraft, sich über das eigene antifaschistische Tun Gedanken zu machen?
Was tun? Wir würden uns freuen, wenn auch Sie und Ihr diese Debatte mit uns führen würdet. Mailen Sie uns: briefe@taz.de
Barbara Junge ist Chefredakteurin der taz.
1.
„Muss man Danger Dan ausladen?“
Nein, im Sinne eines faktischen Zwangs ohnehin nicht; im Sinne eines rechtlichen Zwangs auch nicht – und auch im Sinne eines moralischen Gebots nicht.
2.
„Den Gruß an inhaftierte militante Antifaschist*innen am Ende des Songs könne man als Gewaltaufruf lesen und er schade dem Anliegen, urteilen andere direkter. Aber ist dem so?“
In den Lieben Grüßen als solches liegt kein Aufruf; es sind halt liebe Grüße an Leute mit einer geteilten (antifaschistischen) Grundhaltung; zur Effektivität / der Richtigkeit der den Leuten vom Staaten vorgeworfenen Handlungen verhält sich das Stück nicht. […]. Der „Elefant“ wird nicht ausgesprochen; es wird auch nicht gesagt, was (als zu Tuendes) „eh klar“ ist.
Was tun (gegen Nazis)?
Wenn ab September „Faschismus an der Macht“ in einem Bundesland – und dann vielleicht bald auch in weiteren – droht, dann ist jetzt allerhöchste Eisenbahn sich mit, „Nie ohne Handschuh, kein Fingerabdruck hinterlassen […], Ihr braucht Regeln für die Kommunikation, […], Ihr dürft von Anfang alles nur geheim kommunizieren, das bedeutet: Keine DMs, keine messenger und mails; alles, was verboten sein könnte, immer nur face-to-face“, zu befassen.
Langfassung meiner Antwort:
https://blogs.taz.de/theorie-praxis/antworten-auf-fragen-der-chefredakteurin/.