vonhausblog 03.01.2019

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Er hat Geschichten teilweise verfälscht, manche frei erfunden, und er stürzte den Spiegel, als dies im Dezember bekannt wurde, in eine Glaubwürdigkeitskrise: Claas Relotius. Mehr als 50 Texte veröffentlichte der Reporter beim Spiegel. Für einige der manipulierten Reportagen wurde Relotius sogar mit Preisen ausgezeichnet. Er hat inzwischen die Absicht bekundet, sie zurückgeben zu wollen. Aber die gefälschten Geschichten bleiben. Nicht nur der Spiegel muss jetzt also Aufarbeitung betreiben, auch die taz. Denn ganz am Anfang seiner journalistischen Karriere war Relotius Praktikant der taz in Hamburg.

Wie viele der Veröffentlichungen im Spiegel tatsächlich von Fälschungen betroffen sind, ermittelt jetzt eine Kommission, die der Spiegel eingesetzt hat. Auch Routinen des Magazins sollen überprüft werden. Und nach einem der größten Betrugsfälle im deutschsprachigen Journalismus folgen bei dem Nachrichtenmagazin auch personelle Konsequenzen: Der neue Co-Chefredakteur, Ullrich Fichtner, und der neue Blattmacher und bisherige Ressortleiter von Relotius, Matthias Geyer, lassen ihre Verträge ruhen.

Beiträge von der taz geprüft

Aufgedeckt wurde der Skandal, als der Co-Autor einer Reportage Verdacht schöpfte. Dieser musste seinem Verdacht jedoch hartnäckig nachgehen, glauben wollte man ihm beim Spiegel zunächst nicht. Nach anfänglichem Leugnen habe Relotius aber dann eingestanden, ganze Passagen frei erfunden zu haben, schreibt der Spiegel. Dem Spiegel sagte Relotius zudem, auch bei anderen Medien Texte manipuliert zu haben.

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Von August bis September 2008 war Claas Relotius Praktikant der taz in Hamburg. Aus dieser Zeit finden sich im Archiv unter seinem Namen zehn Texte, darunter ein Vorbericht über den Tag des offenen Denkmals, ein Interview zu einer Lego-Ausstellung in Wolfsburg, eine Hamburger Kneipenszene oder ein Bericht über einen Fair-Trade-Laden in Hamburg-Ottensen. Länge: zwischen 46 und 130 Zeilen.

2011 veröffentlichte die taz im Kulturteil noch einen Text zu einem Fotoband über Jazzmusiker. „Unser Eindruck nach der uns bisher möglichen Überprüfung ist, dass Claas Relotius in der taz keine Geschichten erfunden hat. Zwar finden sich Ungenauigkeiten oder wir hinterfragen auch manche Quellenangaben. Gleichwohl sieht uns all dies – mindestens bislang – doch eher nach Anfängerfehlern aus, nicht nach systematischem Betrug am Leser und an der Leserin“, sagt Vize-Chefredakteurin Barbara Junge. Den aktuellen Stand unserer Überprüfung finden Sie hier:

07.08.2008
„Hamburger Szene: Die hohe Kunst der freien Rede“

Die „Große Bergstraße“, die in Relotius’ erstem Text für die taz erwähnt wird, gibt es in Altona tatsächlich. In der Hamburger Szene ist zudem von einem „(…) hagere(n) Greis auf einem hölzernen Hochsitz“ zu lesen: Den Hochsitz gab es wirklich, es handelt sich dabei um ein Kunstprojekt namens „Schonzeit“. Veranstaltet wurde das Projekt von der Blinzelbar, Große Bergstraße 156-158 in 22767 Hamburg; die Installation ist von Judith Haman und Oliver Zorn vom 20. Juni bis 31. Dezember 2008. Es handelte sich um eine Art Speakers’ Corner, die Leute mit den Megaphonen, die ebenfalls im Text erwähnt werden, gehörten dazu. Die Beschreibung ergibt also Sinn. Was fehlt, ist der Hinweis darauf, dass es sich um ein Kunstprojekt handelt.

23.08.2008
„Einkaufen im Verein“

Die genannten Orte (Bioladen Warenwirtschaft, Große Brunnenstraße 141, 22763 Hamburg) und Personen sind verifiziert. Anne Knauss, die im Text zitiert wird, sagte der taz: „Das war alles in Ordnung und der Artikel auch.“

23.08.2008
„Der Herzog von Kolumbien“

Der Text beginnt wie folgt: „Wenn sich Orlando Duque mit breitem Grinsen aus 30 Metern in die Tiefe stürzt, scheint jeder Hauch von Gefahr verflogen.“ Im Vergleich mit Videoaufnahmen scheint dieses Bild zweifelhaft. Folgende Zitate von Duque sind auch in einer älteren Quelle aus dem Jahr 2004 zu finden: „Das Gefühl der Angst vor dem Sprung und die Entspannung danach“ und „Genau das ist der Kick.“

In der Quelle steht: Was ihn immer wieder dazu bringt, von einem vergleichsweise zehnstöckigen Haus zu springen? „Die beste Erklärung dafür ist das Gefühl der Angst vor dem Dive und die Entspannung danach, wenn du wohlbehalten aus dem Wasser auftauchst. Wir gehen knapp an die Grenzen heran und manchmal ein kleines Stückchen darüber hinaus.“ Orlando Duque ist zudem zum Zeitpunkt des Erscheinens des taz-Artikels 33 Jahre alt, nicht 34 (geb. 11. 9. 1974).

29.08.2008
„Hamburger Szene: Saubermänner und Reinheitsgebote“

Die Szene ist nicht verifizierbar. Der von Relotius zitierte Wolf-Dieter Poschmann hat im Jahr 2008 die Sommerspiele tatsächlich kommentiert.

02.09.2008
„Verklage deine Hochschule“

Das Interview mit Hochschulrechtler Dirk Naumann wurde verifiziert. Er bestätigte seine Aussagen gegenüber der taz: „Die Zitate sind so, dass ich davon ausgehe, dass dies meine Äußerungen gewesen sind. Sie waren zum damaligen Zeitpunkt auch inhaltlich richtig. Auch der Gesamtkontext und Inhalt des Artikels scheint mir – vom damaligen Zeitpunkt her gesehen – als zutreffend.“

03.09.2008
„Auslandsstudium in der Heimat“

Relotius berichtet über eine neu gegründeten Zweigstelle einer ungarischen Privatuniversität in Hamburg, an der deutsche Medizinstudenten ihr in Budapest begonnenes Studium fortsetzen wollen. Er sagt, somit bilde erstmals eine ausländische Hochschule Mediziner in Deutschland aus. Ob es den zitierten Student Max Beckmann gibt, ist zweifelhaft. Es gibt mindestens zwei Ärzte dieses Namens. Bei beiden passt die Vita nicht. Jörg Weidenhammer, der ebenfalls zitiert wird, ist 2017 gestorben, eine dritte Person namens Ottmar Kolber „vom Außendienst der Bundesärztekammer“, ist nicht zu finden. Wahrscheinlich ist die Funktionsbezeichnung falsch, es heißt ziemlich sicher „Auslandsdienst“, nicht „Außendienst“.

Weiter schreibt Relotius: „Zudem wird an der so genannten Semmelweis Orvostudományi Egyetem (SOTE) seit 1983 Human- und Zahnmedizin in deutscher Sprache gelehrt, weshalb er sich nicht besonders umstellen musste.“ Bei Zahnmedizin ist dies allerdings erst ab 1987 der Fall.

Relotius schreibt zudem von 40 Studierenden im Studiengang. Das Abendblatt berichtet in zeitlicher Nähe, es seien nur 16, 40 hingegen die maximale Zielzahl. Auch die SZ hatte am 01.09.2008 geschrieben: „40 Studenten beginnen dort am am 8. September ihre klinische Ausbildung“. Geplant war, 40 Studierende in der Ausbildung zu haben – trotzdem stimmt die Zahl nicht. Der Aquise-Zeitraum der Asklepios-Kliniken war offenbar sehr kurz. Etwas über 20 (26, schreibt das Hamburger Abendblatt 2010) Studierende sind aufgenommen worden, 19 haben ihr Studium dort beendet. Relotius hat sich wahrscheinlich auf die bis dahin veröffentlichten Zahlen verlassen.

05.09.2009
„Schwimmbecken fällt ins Wasser“

„Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hatte im vergangenen Sommer extra seinen Sylt-Urlaub unterbrochen, um die Pläne für das schwimmende Chlorwasserbad auf der Außenalster vorzustellen.“ Dieser Bericht scheint wahr zu sein. Auch im Abendblatt steht: „Für die Präsentation des Vorhabens – passend zur Badesaison – unterbricht der Bürgermeister seinen Urlaub auf Sylt.“

10.09.2008
„Hamburg, Land deines Lächelns“

„Beim Wirtschaftsgipfel ,Hamburg Summit‘ beraten deutsche und chinesische Spitzenpolitiker über die transkontinentale Partnerschaft. Damit wird zugleich die Kulturveranstaltung ,China Time‘ 2008 eingeläutet“ – diese Meldung ist verifiziert.

13.09.2008
„Ein zeitloses Spielzeug“

Das Interview mit Modellbauer René Hoffmeister ist ebenfalls verifiziert.

13.09.2008
„Geschichte zum Anfassen“

Der Text behandelt den bundesweiten 16. Tag des offenen Denkmals. Professor Gottfried Kiesow findet im Text Erwähnung. Er ist 2011 gestorben. Den Satz, mit dem Relotius ihn zitiert, sowie auch der gesamte Absatz, ist in einer vier Wochen älteren Quelle zu finden. Die zitierte Irina von Jagow, Geschäftsführerin Stiftung Denkmalpflege Hamburg, hat ihre Aussagen der taz gegenüber bisher noch nicht bestätigt.

08.01.2011
„Das Auge des Jazz“

Der Text von Relotius ist schwer zu überprüfen, da das Buch der taz nicht vorliegt. Abgesehen von den biografischen Informationen zu Autor Herman Leonard, die richtig sind, stammen alle weiteren Informationen und Zitate direkt aus dem besprochenen Buch.

Recherche: LENA KAISER, BRIGITTE MARQUARDT, JAN KAHLCKE und BARBARA JUNGE

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kommentare

  • Liebe TAZ-Journalisten.

    Ich wäre euch dankbar, wenn ihr nicht nur die Artikel nachrecherchiert, sondern auch intern hinterfragt, ob eure Strukturen und eure Ansprüche Anreize für Fakes durch eure Journalisten setzen, ähnlich dem essayistischen Schreibstil im Hause Spiegel bei Relotios.
    Nach meinem Verständnis ist Relotius und seine Art des Fälschens beim Spiegel zu guten Teilen ein Resultat der Ansprüche an eine erfolgreiche Journalismuskarriere im Spiegel (aka Fehlanreize) – und der Spiegel verdrängt dieses Thema m.E. immer noch, indem er sich auf den Einzelfall kapriziert.

    Ich sehe die Chance, dass der Volontär Relotius bei euch noch relativ „unverformt“ ankam und durch euch nicht „falsch“ verformt wurde und daher nahe an den ihm erkennbaren Fakten blieb – aber ihr seid die Insider, die das eher beurteilen können.

    Die TAZ hat sich in der Vergangenheit durch eine hohe Transparenz und Selbstkritik bei erkannten Problemen und Fehlern ausgezeichnet, mehr als die meisten anderen journalistischen Medien. Bitte behaltet das bei und werdet nicht selbstgerecht, dann könnt ihr auch weiterhin eines der besten journalistischen Projekte Deutschlands (ob nun als Zeitung oder Digitalprodukt) bleiben.
    Ich hoffe es. Deutschland und insbesondere seine Linke braucht eure aufmerksame Begleitung!

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