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vonHelmut Höge 14.06.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Vorige Woche meldete die Frankfurter Rundschau:

Das polnische Institut für Nationales Gedenken will erreichen, dass deutsche Staatsanwälte die noch lebenden Mitglieder der Brigade Dirlewanger verfolgen. Oskar Dirlewanger befehligte eine SS-Brigade, die bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, der Erhebung der polnischen Heimatarmee AK gegen die deutschen Besatzer ab August 1944, tausende Frauen und Kinder erschoss.

Nun hat das Rote Kreuz den Polen rund 80 Karteikarten mit Namen von Mitgliedern der Brigade übergeben. „Etwa zehn dieser Leute leben wohl heute noch“, sagt Jutta Wiedmann. Die Deutsche arbeitet im Museum des Warschauer Aufstandes. „Im Rahmen eines Projektes über ‚Erzählte Geschichte‘ wollten wir Kontakt zu deutschen Wehrmachtsoldaten aufnehmen, die damals in Warschau stationiert waren“, erklärt sie. Um die Zeitzeugen zu finden, wendete sich das Museum an die Heimkehrer-Datei des Roten Kreuzes. Museumsdirektor Jan Oldakowski entschloss sich, die Namen zu veröffentlichen. „30 dieser Männer dienten in der Zeit von August bis November 1944“, sagt Wiedmann, „das heißt, sie waren sehr wahrscheinlich an dem Morden in Warschau beteiligt.“

„Mörder dürfen nicht ungestraft entkommen“, fordert Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem. Der Chef des Instituts für Nationales Gedenken in Polen, Janusz Kurtyka, sagte: „Es besteht kein Zweifel, dass die Soldaten dieser Einheit Verbrecher waren.“ Man werde sehr bald ein Rechtshilfeersuchen an Deutschland stellen, um die strafrechtliche Verfolgung in die Wege zu leiten. Jutta Wiedmann glaubt nicht an eine Verurteilung: „Diese Leute sind sehr, sehr alt.“ Dirlewanger selbst ist tot.

Zur Geschichte dieser Spezialeinheit

Vor einiger Zeit gab ich einmal in Guben/Gubin an der Neiße im Rahmen eines von Bonn  geförderten Kunstprojekts des Arbeitsmediziners Gregor Mirwa, das er „Le Weekend“ nannte und alle paar Jahre dort veranstaltete, eine deutsch-polnische Schülerzeitung heraus.

Dazu forschte ich in der Stadt nach Kenntnissen über die SS-Brigade Dirlewanger, die dort quasi ihr Ende gefunden hatte. In Guben gab es 2004 noch vier staatlich geförderte Jugendclubs (teilweise auf ABM-Basis): drei linke in leerstehenden Fabrikanlagen in der Unterstadt, dem ehemaligen Industrieviertel, das seit 1945 allein noch Guben heißt (die weitgehend zerstörte Innenstadt auf polnischer Seite heißt seitdem Gubin), und ein rechtes Jugendzentrum im Neubauviertel der Oberstadt – in einem der dortigen „Sozialwürfel“.

An der Herstellung der Zeitung beteiligten sich fünf polnische Schüler der Gubener  „Europaschule“ und eine deutsche Punkerin aus einem der drei linken Jugendzentren in der Unterstadt. Diese hatten eine Art Friedensabkommen mit dem rechten Club in der Oberstadt geschlossen, das meines Wissens jedoch  einige Jahre später gebrochen wurde. Die wirtschaftliche Depression von Guben seit der Wende hat inzwischen auch Gubin erreicht. Immer mehr Leute ziehen weg, auf deutscher Seite nehmen die Rechten zu, d.h. die Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit mündet in dumpfes Ressentiment. Am Ende wird  Guben den Großbaggern des schwedischen Vattenfallkonzerns weichen, denn auch unter der Stadt befindet sich Braunkohle.
Hier, was meine Dirlewanger-Recherche dort am Ende ergab:

Eine der letzten Verteidigungs-Fronten des Zweiten Weltkriegs verlief entlang der Neisse – mit den zu „festen Plätzen“ ausgebauten Städten Guben, Forst und Muskau. Wobei die reiche Textilstadt Guben während der neunwöchigen Kämpfe fast vollständig zerstört wurde. 1997 erschien dort ein Buch des Geschichtslehrers Andreas Peter :“Guben 1945/46″ – mit Augenzeugenberichten aus diesen Jahren. Mehrmals wird darin die „Waffen-SS“ sowie eine „Strafdivision“ erwähnt. 1993 waren bereits die Erinnerungen „Bewegte Jahre“ von Christiane Rösler erschienen. Sie erwähnte ein seit Januar 1945 in Guben eingesetztes „SS-Bewährungsbatallion Dirlewanger“. Quasi von der anderen – sowjetisch-antifaschistischen – Seite stammt der Bericht „Die Befreiung der Lausitz“ von Max Pilop, 1985 im sorbischen „Domowina-Verlag“ veröffentlicht. Hier wird unter den „Gegnern“ u.a. die „36. SS-Waffengrenadierdivision“ erwähnt.

Dabei  handelt es sich um die SS-Sturmbrigade Dirlewanger, die an die Neisse versetzt und dort am 3.März 1945 auf Befehl Himmlers zur „36.Waffengrenadierdivision der SS“ aufgestockt worden war, wobei neben politischen Häftlingen auch reguläre Heeresteile unter das Kommando von Dirlewanger kamen. Von ihren verlustreichen Kämpfen zeugen noch heute etliche Soldaten-Friedhöfe in der Umgebung Gubens. In dem etwa zehn Kilometer entfernten Dorf Horno – das zwischen 1990 und 2006 erneut umkämpft war – diesmal, weil der Braunkohlekonzern Laubag (Vattenfall), den sorbischen Ort mit Großbaggern platt machen wollte –  findet sich auf der Kriegsgräberstätte ein Kreuz mit der Aufschrift „Soldat Dirlewanger, gest. am 22.4.45“, auf einem anderen Kreuz steht „Oberst Walter Freiherr von Uckermann – gefallen als Soldat infolge der Maßnahmen vom 20.Juli 44“.

Statt zu Kriegen zwischen Staaten kommt es – seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs -mehr und mehr zu Bürgerkriegen bzw. Kämpfen gegen Befreiungsbewegungen. In den USA aber auch in der BRD gibt es deswegen seit einiger Zeit Bestrebungen, die Heere zu Partisanen-Bekämpfungseinheiten umzuwandeln. Der ehemalige faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt hatte bereits in den Fünfzigerjahren gemeint: „Partisanen lassen sich nur mit Partisanen bekämpfen“. Im Mai 1962 berichtete der Spiegel über eine neue Sondereinheit des US-Militärs, die im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Das Nachrichtenmagazin nannte sie „Kennedys Partisanen“. Diese „Green Berets“ waren teilweise Ukrainer, die zuvor als nationalistische Partisanen gegen sowjetische, polnische und jüdische Partisanen gekämpft hatten, von den Deutschen unterstützt – mindestens toleriert. Bei den Franzosen wandelte sich Teile der Fremdenlegion bereits während des Algerienkriegs zu speziellen Partisanen-Bekämpfungseinheiten. In der Bundesrepublik kam es erst kürzlich zum Aufbau von sogenannten Krisen-Spezial-Kräften (KSK). Insgesamt stellen diese Einheiten derzeit noch eine allzu „knappe Ressource“ dar, wie sich zwei Bundeswehr-Generäle gerade ausdrückten, und die deswegen dagegen waren, dass man sie nun einfach bei der Vergeltung des New Yorker Terroranschlags in Afghanistan einsetzt – wo sie möglicherweise sofort vernichtet werden.

Die Idee für all diese Spezialeinheiten geht auf die Nationalsozialisten zurück: im März 1940 ließ Heinrich Himmler die im Reich inhaftierten Wilddiebe ins KZ Oranienburg überstellen, wo sie zu einer Scharfschützen-Kompanie zusammengefaßt wurden. Mit der Führung dieses später so genannten SS-Sonderkommandos, das bald Kompaniestärke erreichte, wurde der ebenfalls vorbestrafte Dr. Oskar Dirlewanger betraut. Er ließ seine Männer zunächst im besetzten Polen ausbilden, wo sie erst in Lublin und dann in Lemberg jüdische Arbeitslager bewachten. Weil sie dabei plünderten und mordeten, wurde Ende 1941 ein Ermittlungsverfahren gegen das Sonderkommando eingeleitet. Um dem zuvor zu kommen, ließ der SS-Gruppenführer Gottlob Berger die Spezialeinheit nach Weißrußland verlegen, wo SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski sie zur „Partisanenbekämpfung“ einsetzte. Im Mai 1942 wurde das Sonderkommando durch ukrainische Freiwillige, erpreßte russische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge sowie mit 1000 Turkmenen verstärkt (später kamen noch mehrere tausend islamische Antikommunisten – u.a. „Ostmuselmanen“, Tschetschenen, Krimtataren und Aserbaidschaner – dazu). Am Ende erreichte das „SS-Sonderbataillon Dirlewanger“ Regimentsstärke.

Der inzwischen zum SS-Sturmbannführer beförderte Dr. Oskar Dirlewanger konnte damals bereits auf eine lange Erfahrung in der Partisanenbekämpfung zurück blicken. Als ehemaliger Weltkrieg I-Teilnehmer tat er sich nach 1918 als Kommandant des „Freikorps Holz“ mehrfach bei der Niederschlagung von Arbeiteraufständen hervor. Im Kampf gegen Max Hoelz und dessen „Rote Armee“ erlitt er 1921 in Sangerhausen einen Kopfschuß. 1922 promovierte er mit einer Schrift „Zur Kritik des Gedankens einer planmäßigen Leitung der Wirtschaft“. 1933 wurde er Leiter des Arbeitsamtes Heilbronn, wo er jedoch bald wegen einiger Orgien, an denen minderjährige Mädchen beteiligt waren, von der NSDAP fallen gelassen und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung trat der nunmehr 42jährige der Legion Condor bei – eine gegen die internationalen Brigaden in Spanien eingesetzte deutsche Guerilla-Bekämpfungseinheit. Sie wurde 1939 nach dem Sieg Francos aufgelöst – und der „neuzeitlich ausgebildete Dirlewanger“ (!) bekam, nachdem sich sein ehemaliger SA-Kamerad Gottlob Berger, der inzwischen bei der SS Karriere gemacht hatte, für ihn verwandt hatte, das Kommando über die „Wildschützen-Einheit“.

Zu seinem Stellvertreter wurde später der (wegen Mißhandlung von Untergebenen) ebenfalls vorbestrafte SS-Hauptsturmführer Kurt Weisse ernannt. Beide bekamen 1943 bzw. 44 das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Um die Kontrolle über ihren gepreßten Haufen zu behalten, arbeiteten sie mit harten Strafen und Todesurteilen. Ihre großenteils vorbestraften Kriminellen durften sich dafür an der Zivilbevölkerung schadlos halten. Himmler hielt schützend seine Hand über sie: „Dirlewanger ist ein braver Schwabe, wurde zehnmal verwundet, ist ein Original“, erklärte er auf einer Gauleitertagung in Posen. Dieses „Original“ lief z.B. gerne mit einem lebenden Affen auf der Schulter herum und hielt sich einen „Harem“, bestehend aus jungen jüdischen und russischen Mädchen, der immer wieder erneuert wurde, indem Dirlewanger die alten erschießen und neue einfangen ließ. An seinen Vorgesetzten Berger kabelte er am 11. 3. 1943: „Die gewünschten Russinnen werden am Montag eingefangen…Preis…pro Russin 2 Flaschen Schnaps“.

Bei seinen Partisanen-Bekämpfungs-„Aktionen“ in Weißrußland mußten sich die Neuzugänge der Truppe – Russen und Ukrainer aus Kriegsgefangenenlagern z.B. – dergestalt bewähren, daß man die Bevölkerung eines Dorfes nackt an einer zuvor von ihnen ausgehobenen Grube hinknien ließ, und die „Neulinge“ hatten sie einzeln zu erschießen: „Zwei sind vorgeschrieben, weitere wählst du nach deinem Gutdünken. So viele du nimmst, soviel bist du wert in den Augen der Deutschen! Und das wird sofort belohnt – mit Zigaretten. Du übergibst die Pistole dem nächsten ,Fremdländer‘ (so nannten die Deutschen alle Einheimischen), und bekommst zwei Zigaretten“.

Das berichtet Ales Adamowitsch in seinem Buch „Henkersknechte“ – in dem es um das Wirken des SS-Sonderkommandos in Weißrussland geht. Es erschien 1982 in der DDR und 1988 in der BRD – und basiert auf Verhörprotokollen einiger nach dem Krieg in der Sowjetunion angeklagter Ukrainer aus dem Dirlewanger-Regiment. Insbesondere thematisiert es die Vernichtung des Großdorfes Borki: „Erschossene Einwohner 1112, Vom SD liquidiert 633, Auf der Flucht erschossen 282“ – so die diesbezügliche Erfolgsmeldung von Dirlewanger selbst. Diese Quoten wurden hernach von Bergers Adjudanten SS-Brigadeführer Graf Pückler als „sehr beachtliche Erfolge“ bezeichnet. Insgesamt soll das SS-Sonderkommando Dirlewanger allein in den Oblasten Minsk und Mogiljew 150 Dörfer vernichtet und insgesamt 120.000 Menschen getötet haben. Ein ehemaliger Angehöriger der Einheit gab nach dem Krieg in der BRD zu Protokoll: „Bei Einsätzen wurden die Dörfer umzingelt und in Brand gesetzt. Es wurden also auch Frauen und Kinder erschossen oder sonstwie getötet…Hierbei war Dirlewanger zugegen und leitete die Einsätze. Er war nicht feige und stürmte oftmals mit“.

In der ersten Hälfte des Monats Mai 1943 wurden bei den Aktionen „Draufgänger I und II“ fünf partisanenverdächtige Dörfer vernichtet. Im Monat darauf war das Sonderkommando im Rahmen der Aktion „Cottbus“ laut eigenen Angaben an der Tötung von „14.000 Partisanen und Zivilisten“ beteiligt, daneben wurden „5000 männliche und über 1000 weibliche Arbeitskräfte“ für den Transport nach Deutschland erfaßt und weitere „1000 Menschen gefangengenommen“. Zu solchen und ähnlichen „Großunternehmen“ gegen „Partisanen“ und „unnütze Esser“, die komplette „tote Zonen“ und zerstörte Städte hinterließen, wurden nicht nur weitere Mordkommandos, Einsatzgruppen und SS-Divisionen sowie Polizei-Einheiten eingesetzt, sondern auch die spanische „Blaue Division“, das französische Infantrieregiment 638, Teile der 8. Italienischen Armee, die slowakischen Infanterieregimenter 101 und 102, sowie die VIII. Ungarische Armee.

Rechte deutsche Historiker bezeichnen deswegen diese konzertierten „Bandenbekämpfungs-Aktionen“ (beim Großunternehmen „Cottbus“ kamen insgesamt 16.662 Mann zum Einsatz) gerne als eine Vorwegnahme der NATO.

Tatsächlich stießen die deutschen Methoden der Partisanenbekämpfung schon gleich nach dem Krieg bei den Westmächten auf großes Interesse. Wie der Berliner Historiker Christian Gerlach in seinem 1200-Seiten-Werk über „Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland“ (1999) nachwies, haben u.a. die US-Streitkräfte bereits sehr früh die deutschen Partisanen-Bekämpfungserfahrungen studiert und – im Korea- sowie im Vietnamkrieg – dann auch angewandt. Ihre Experten empfahlen dabei insbesondere die Schaffung von „Ground-Zero“-Zonen durch Umsiedlung und Massenmord sowie das deutsche Wehrdorfkonzept (wofür ab 1966 u.a. John Wayne Propaganda machte). „Ähnliches praktizierten die US-Truppen auch auf den Philipinen und die Briten in Zypern…“.

Umgekehrt erwähnt Reuben Ainsztein in seiner Geschichte des „Jüdischen Widerstands im deutschbesetzten Osteuropa“ (1993) einige erfolgreiche Guerilla-Aktionen gegen das SS-Sonderkommando Dirlewanger. So gelang es z.B. 1943 den Partisanen-Einheiten von Dmitrij N. Medwedew, 600 SS-Männer, von denen viele zum Dirlewanger-Kommando gehörten, zu töten. Als Erich von dem Bach-Zelewski als „Chef der Bandenkampfverbände“ Anfang August 1944 die Führung bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands übernahm, war ihm auch Dirlewangers Regiment wieder unterstellt. Ein Teil wurde dabei von den polnischen Elite-Bataillonen Miotla und Zoska geschlagen, die anschließend 347 Gefangene, die meisten waren Juden, aus dem Gefängnis befreien konnten. Doch zuletzt waren die Aufständischen den Deutschen unterlegen. Am 11. August mußten sie aus dem Wola-Viertel weichen: „Nun konnten Dirlewangers Kriminelle – unterstützt von Einheiten der Kosaken Wlassows – beginnen, zehntausende Zivilisten zu vergewaltigen, zu berauben und zu ermorden“. Hitlers Befehl lautete, alle Aufständischen zu erschießen, ebenso den nicht-kämpfenden Teil der Bevölkerung, und anschließend die Stadt dem Erdboden gleich zu machen.

In seiner kürzlich erschienenen Studie „Der Warschauer Aufstand“ schreibt der Historiker Wlodzimierz Borodziej: „Dieser Befehl wurde in Wola hauptsächlich von der Brigade Dirlewanger durchgeführt“. An anderer Stelle heißt es: „Mit dem Erfolg Dirlewangers, der von Massenexekutionen und anderen Exzessen seiner Soldateska begleitet wurde, war das Austandsgebiet in drei Zonen aufgespalten“. Die letzten überlebenden polnischen Kämpfer flüchteten durch die Kanalisation aus der Stadt.

Das SS-Sonderkommando Dirlewanger wurde zwei Monate später bei der Niederschlagung des slowakischen Nationalaufstands eingesetzt – zusammen mit den „SS-Panzergrenadierdivisionen Tatra und Horst Wessel, den Divisionen Prinz Eugen und Estland, der Kampfgruppe Schill und der SS-Brigade Dänemark, der 60. Motorisierten und der 17. Infanteriedivision sowie zahlreichen Polizei- und anderen Kräften“, wie der in die Slowakei eingeflogene sowjetische Partisanen-Kommandant Alexej N. Asmolow in seinen Memoiren (1977) schreibt. Die Aufständischen konnten zwar ihr Hauptquartier in Banska Bystrica gegen die deutsche Übermacht nicht halten – und mußten in die Berge zurückweichen, aber anders als in Warschau rückte hier die Rote Armee noch rechtzeitig vor ihrer vernichtenden Niederlage ein. In der Zwischenzeit nahm speziell das SS-Sonderkommando Dirlewanger Rache an der Zivilbevölkerung, indem es mehrere Dörfer einäscherte und hunderte von Menschen erschoß. Darüberhinaus wurden insgesamt „10.000 Aufständische von den Deutschen gefangen genommen“, heißt es auf einer aktuellen Internet-Seite zum „55.Jubiläum des Slowakischen Nationalaufstands“.

Im Dezember 1944 war ein Richter des Feldgerichts der 16. SS-Panzergrenadier-Division, Dr. Bruno Wille, zu Dirlewangers Sturmbrigade in die Slowakei versetzt worden. In einem Verhör äußerte er sich 1946 über „die Zustände“, die er dort vorfand: „Die Einheit war weder ihrer Zusammensetzung noch ihrer Führung nach eine SS-Einheit,…die wenigsten trugen eine SS-Uniform…Dirlewanger regelte alle ihn betreffenden Fragen direkt mit Himmler…oder seinem intimen Freund SS-Obergruppenführer Berger, der alles für ihn tat…Die Rechtspflege bei der Brigade war erschütternd…Dirlewanger erledigte alles selbst…Die Führung der ganzen Einheit war nur auf Prügel aufgebaut…Als ich Dirlewanger darauf hinwies, daß das, was bei der Brigade geschehe, glatter Mord sei, kam es zum Bruch…Ich wurde dann aus Gründen meiner persönlichen Sicherheit zu einer anderen Einheit versetzt“. Der für die Niederschlagung des Aufstands in der Slowakei verantwortliche SS-Obergruppenführer Höffle äußerte sich nach dem Krieg vor einem tschechoslowakischen Gericht ähnlich. Als das Sonderkommando im Dezember 1944 bei Sahy an der Grenze zu Ungarn, wo die Stadt Ipolysag heißt, operierte, „kam es zum Konflikt zwischen ihm und Dirlewanger“.

Die Militärpolizei sowie die Geheime Feldpolizei hatte wiederholt Deserteure aus dem Sonderkommando aufgegriffen, „die ihre Waffen an die Partisanen verkauft hatten und nun zu einer Belastung für die kämpfenden deutschen Truppen geworden waren“. So schreibt die faschistisch-empiristische US-Zeitschrift „Siegrunen“ in ihrer Ausgabe 42 (1987), die der „36. Waffengrenadierdivision der SS“ gewidmet ist. Bei den Deserteuren handelte es sich um Kommunisten und Sozialisten aus verschiedenen KZs – 2000 waren allein am 17. Dezember der Dirlewanger Brigade überstellt worden. Von ihnen liefen bald hunderte zur Roten Armee über. Anfang 1945 zog man das Sonderkommando zurück – in die Nähe von Pressburg, wo es reorganisiert und mit weiteren Mannschafts-Überstellungen aus KZs wieder aufgefrischt wurde. Es gab neue Aufgaben:

Am 4. Februar erreichte das Sonderkommando die Neisse, wo es zur „36. Waffen-Grenadier-Division der SS“ erweitert wurde. Zwei Tage später eroberten Teile von Dirlewangers Truppe zusammen mit anderen deutschen Einheiten bereits den von der Roten Armee eingenommen Ort Sommerfeld, südöstlich von Guben. Dann wurden sie jedoch auf die westliche Neisse-Seite zurückgedrängt, wo sie sich zwischen Forst und Griessen festsetzten. Am 18.April begann der Angriff der 1.Gardearmee der 1 Ukrainischen Front auf den „Hornoer Berg“, bereits am darauffolgenden Tag fielen 24 deutsche Soldaten, u.a. der trotz seiner Degradierung als Kompanieführer eingesetzte von Uckermann. Am 24. April wurde Horno aufgegeben – die Deutschen zogen sich in Richtung Guben zurück. Dort hatten inzwischen andere Kompanien der Brigade Dirlewanger an der Mückenberg-Kaserne Feinberührung gehabt.

Im Stadtzentrum entwickelte sich dann im Laufe des Monats ein regelrechter Stadtguerilla-Kampf – einen „Kleinkrieg“ nennt ihn der Zeitzeuge Hans Georg Lengauer in einem Sonderheft des „Gubener Heimatbriefs“ (1998): „So kam es, daß die Sowjets (z.B.) die linke Seite der Seeckt-Straße besetzt hielten, die rechte Straßenseite dagegen in eigener Hand war“. Der Autor Behauptet, daß  „die 36. Waffen-SS-Grenadierdivision bereits ab dem 16.März die militärische Einheit darstellte, die bis zur Aufgabe der Stadt Guben verteidigte“. Die „Adolf-Wolf-Höhe“ – im heutigen Gubin – und andere Erhebungen „wechselten oft bis zu zehnmal am Tag die Besitzer“. Die einstige „Perle der Lausitz“ verwandelte sich dabei in ein „Monte Cassino des Ostens“. Die Bevölkerung, die zuvor massenhaft Flüchtlinge aus dem Osten aufgenommen hatte, war am 6. Februar evakuiert worden. Zuvor hatte man noch ein letztes Aufgebot – den „Volkssturm“ – zusammengestellt. Und die „Gubener Zeitung“ druckte einen Durchhalte-Artikel Himmlers ab: „Der Herrgott wird am Ende unserem tapferen Heldenvolk und damit dem wahren Europa den Sieg schenken“.

Der Ortskommandant Werner Theermann bekam jedoch Skrupel, dabei auch noch die Jugendlichen zu verheizen, er beging am 27. Februar mit seiner Familie Selbstmord. Einen Tag später wurde Oberst Berger Kommandeur aller „in Guben eingesetzten Verbände, einschließlich der Brigade Dirlewanger und einigen Volkssturmbataillonen: Es hagelte Verbote, Anweisungen und Strafandrohungen. Ein schnell zusammengestelltes Stand- und Schnellgericht sollte Fahnenflucht und Desertation verhindern. Als Fahnenflucht galt schon das ungenehmigte Überwechseln vom Ost- zum Westufer der Neisse“. Im Hof der Schule am Sportplatz wurden z.B. an einem Tag „sechs Landser, die versucht hatten, das Westufer der Stadt zu erreichen, erschossen“ – schreibt Lengauer. Zuvor hatte bereits der Regionalforscher Gerhard Gunia im „Gubener Heimatkalender“ (1966) einen ähnlichen Vorfall erwähnt: „Ein Zug von etwa 40 Angehörigen des Strafbataillons 999 zog durch die Stadt. Sie hatten die Front verlassen. Alsbald entwaffnete die SS die ganze Kolonne…und mähte mit Maschinengewehren die 40 Soldaten nieder“. Auch einige in die Brigade Dirlewanger gepresste politische Häftlinge  aus verschiedenen KZs starben auf diese Weise in und um Guben, wie der Oldenburger Historiker Hans-Peter Klausch in seiner gründlichen Studie über die SS-Sonderformation, in der er sich insbesondere mit den „Antifaschisten in SS-Uniform“ befaßte, herausfand.

Nachdem alle Brücken gesprengt und die Armee- sowie SS-Einheiten zurückgezogen worden waren, wurde Guben am 16.April auch von den dort noch vorhandenen Volkssturmeinheiten geräumt. Am 24. April zogen die Truppen der 1. Weißrussischen Front zusammen mit einigen polnischen Einheiten in die Stadt ein. Für Guben war damit der Krieg beendet.

Dennoch bezeichnet der Zeitzeuge Lengauer den „20. Juni 1945 in Guben“ befremdlicherweise als den „schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt“: An diesem Tag zwangen „Einheiten der 7. Polnischen Infanteriedivision“ alle Deutschen, die sich im Ostteil der Stadt, dem heutigen Gubin, befanden, mit ihren wenigen Habseligkeiten die Neisse zu überqueren – sie waren von nun an „Vertriebene“ aus Polen.

Die 36. Waffen-Grenadier-Division der SS hatte sich Ende April  kämpfend in Richtung Cottbus zurückgezogen. Ein Teil geriet am 27. Und 28. April bei Halbe in einen Kessel und wurde vernichtet. Der Haupteil wurde am 29. April von der Roten Armee gefangen genommen. Einigen kleineren Truppenteilen gelang es jedoch, am 3. Mai die Elbe zu überqueren, wo sie sich in amerikanische Gefangenschaft begaben. Das war aber nicht das Ende ihres Kommandanten Dr.Oskar Dirlewanger: Der hatte bereits bei einem Unfall im Februar 1945 einen Schädelbruch erlitten und war in ein Württemberger Reservelazarett eingeliefert worden. Zu seinem Nachfolger wurde Brigadeführer Fritz Schmedes ernannt. Der Berliner Verleger von SS-Geschichten Rolf Michaelis schreibt in einem Buch über „Das SS-Sonderkommando“: Nach seiner Genesung im Lazarett wurde Dirlewanger „bei einer Fahrt durch Althausen von einem ehemaligen jüdischen KL-Häftling erkannt und deshalb verhaftet“. Der Ortsarrest befand sich bereits in französischer Hand, die Wachmannschaft bestand aus Polen. „In der Nacht vom 4.6. auf den 5.6.45 wurde Dirlewanger…dreimal aus der Zelle geholt“ – und von den Wachen tot geschlagen. Im Protokoll heißt es wenig später, er sei „eines natürlichen Todes“ gestorben: Wahrer kann man es nicht ausdrücken!

Die Leiche von Dirlewanger wurde 1960 exhuminiert und identifiziert. Desungeachtet behauptet Ales Adamowitsch in seinem Buch „Henkersknechte“ noch 1982: „Schon in unseren Tagen wurden die sterblichen Reste des Oskar Paul Dirlewanger, der in Lateinamerika friedlich verstorben war, sorgsam in die BRD übergeführt und in Würzburger Erde bestattet“.

Als gesichert kann hingegen gelten, daß einige Unterführer des SS-Sonderkommandos nach dem Krieg beim CIA-Sender „Radio Liberty“ unterkamen und von den einfachen Dienstgraden etliche später bei der Aufstellung der ersten Vietkongbekämpfungseinheiten „Green Berets“ Verwendung fanden. Derzeit gibt es ferne eine schwedische Rockband namens „Dirlewanger“.

Beim Soldatengrab in Horno kann man nur vermuten, daß seine Truppe ihrem verwundeten Führer damit einen letzten Dienst erweisen wollte, indem sie einfach einen unbekannten Soldaten unter dem Namen Dirlewanger bestattete – um ihm das Untertauchen ins Nachkriegs-Zivilleben zu erleichtern. Der Kriegsforscher Paul Grünitz hält eine solche „Verschleierung“ für durchaus möglich. Als ehemaliger Landser und Partisanenbekämpfer (in Finnland) weiß er aus eigener Erfahrung, wie leicht dies mit den Erkennungsmarken und Soldbüchern der Soldaten möglich war.

Die in und um Guben herumliegenden Leichen ließ damals die Rote Armee beseitigen, wobei sie auf die ortsansässige Bevölkerung zurückgriff: „Das war fast so wie heute – eine erste Form von ABM: für die Bestattungsarbeit bekamen wir was zu essen“, erinnert sich ein alter sorbischer Bauer.

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kommentare

  • In der Berliner Zeitung steht heute ein langer Artikel über das Sonderkommando Dirlewanger. Acht seiner Männer sollen noch in der BRD leben. sie hatten sich zuvor in sowjetischer Kriegsgefangenenschaft befunden. Der Autor des Artikels in der Berliner Zeitung bezweifelt, dass sie aufgrund der dünnen Aktenlage jetzt noch verurteilt werden können. Immerhin hat dieser derzeit zwischen den diversen polnischen und deutschen Justizstellen noch anschwellende „Ermittlungsvorgang“ schon mal die Aufmerksamkeit der deutschen, vor allem jedoch der polnischen Presse geweckt – und damit ihr Interesse an einer Aufklärung der Einsätze des Sonderkommandos Dirlewanger in Polen, Weissrussland, der Slowakei und sonstwo. Der Autor des Artikels in der Berliner Zeitung sieht dies in einem Zusammenhang mit dem offiziell zu heldenhaftem Tun erklärten Warschauer Aufstand. Dagegen hatten vor einiger Zeit zwei oberschlesische Künstler mit einer Ausstellung und einem Buch ihre eigenen Bilder des Warschauer Aufstands gesetzt – ausgehend von Wajdas Film „Der Kanal“. Ihr Buch „Wo bleibt die Meldegängerin“ erschien gerade auch auf Deutsch – und wurde im Polnischen Institut vorgestellt. Über die Meldegängerinnen in diesem Aufstand – speziell über „Gänseblümchen“ f- indet man Näheres im diesbezüglichen blog hier.

  • Der litauische Geschichts-Revisions-Kampf läuft ähnlich auch in anderen postsozialistischen Ländern ab. Da diese „Kämpfe“ nicht selten – wie in Kroatien – mit Geldern von einst in die USA Emigrierten finanziert werden, kommt dabei immer wieder ein „Wahn“ heraus, mendelt sich sozusagen durch, der denen amerikanischer Rechter ähnelt.

    Die Europa-Korrespondentin des New Yorker, Jane Kramer, hat deren „geistigen Dschungel“ 2002 fast liebevoll im Detail, wenn auch etwas zu ironisch, in ihrem Porträt eines „einsamen Patrioten“ durchforstet. Ihr Buch über den Waffennarr John Pitner aus dem Whitcom County bei Seattle hat den Untertitel: „Die kurze Karriere eines amerikanischen Milizionärs“. „Waffennarren“ sind fast alle Milizionäre und Freemen in Amerika. Die meiste Zeit verbringen sie, folgt man Jane Kramer, mit der Waffenbeschaffung und dem Zusammenbasteln von ungefährlichen Materialien zu hochexplosiven. Ideologisch haben sie sich auf Antikommunismus und unterkomplexeste Staats-Verschwörungen geeinigt, zusammengenommen erfüllt dies durchweg den psychiatrischen Befund/Tatbestand einer „kritischen Paranoia“ – mit gelegentlichen „Kampfanfällen“, die der Psychoanalytiker Paul Parin bei den kommunistischen Partisanen in Jugoslawien als „ansteckende Epilepsien“ bezeichnet hat, also als etwas, „das es gar nicht gibt“. Hier waren es demobilisierte Partisanen – auf dem Heimweg, die plötzlich perspektivlos und unbewaffnet „Anfälle“ bekamen, wobei sie besinnungslos um sich schlugen und Feuerstöße aus imaginären Gewehren abgaben.

    Von „Ansteckung redeten in den Siebzigerjahren auch Gilles Deleuze und Félix Guattari: Da, wo sie versuchten, das Werden von Gruppen/Banden/Meuten/Schwärmen begrifflich zu fassen. Wissend, dass der Ort des Durchgangs zu dem was geschieht, genau die Ungenauigkeit ist. Das Etwas-Anderes-Werden (Klein-, Schwarz-,Frau-, Tier-, Molekular-, Unwahrnehmbar-Werden), also das Werden von Gruppen und ganzen Klassen, über die Ansteckung – ist kein Sein und kein Schein (mehr), sondern eine Metamorphose, meinen D/G in „Milles Plateaux“. Interessant ist an diesem französischen Widerstandskonzept, das der Bologneser Linksradikale Franco Berardi (Bifo) gerade noch einmal vor der vernichtenden Kritik einiger englischer Sozialstaats-Verteidiger in Schutz nahm, der Aspekt der „Ansteckung“ dabei. Sollte es am Ende doch so etwas wie einen „Aufruhr-Virus“, wenn schon nicht ein „-Gen“, geben? – Das vielleicht sogar Linke wie Rechte gleichermaßen befällt, nur das letztere dann etwas primtiver (re)agieren, aber auch das mag man bezweifeln…Ein unangenehmer Gedanke.

  • Zufällig (?) geht es heute in einem JW-Artikel u.a. um die ehemalige Waldpartisanin und Ghettokämpferin Rachel Margolis. Sie war eine der wenigen Juden, die nach dem Krieg in Litauen blieben – und nicht nach Israel auswanderten, wohin sie schon vor der Revolution emigriert waren. Die christlichen Litauer zog und zieht es dagegen zumeist in die USA, in die Gegend um Chicago. Margolis blieb wie gesagt in Vilnius, wo sie später an der Universität lehrte und das „Jüdische Museum“ mit aufbaute. Erst nach ihrer Emiritierung und als ihre inwzischen in Israel lebende Tochter ein Kind bekam, sie also Großmutter wurde, zog Rachel Margolis ebenfalls dort hin. In Litauen geriet sie kürzlich in eine öffentliche Auseinandersetzung. Das patiotische Litauen warf, ähnlich wie zuvor das polnische, den ehemaligen jüdischen Partisanen vor, mit den Russen kollaboriert zu haben – mithin also Vaterlandsverräter zu sein und dazu in ihrem Wahn noch jede Menge anständige Litauer getötet zu haben.

    In der JW schreibt Frank Brendle:

    Begleitet von entsprechenden Hetztiraden in den Medien, ermitteln die litauischen Justizbehörden derzeit gegen jüdische Widerstandskämpfer, die den faschistischen Okkupanten Paroli geboten haben. Der Vorwurf: Verbrechen an Litauern. Unmittelbar betroffen sind die in Israel lebenden Yitzhak Arad und Rachel Margolis sowie die in Vilnius lebenden Fania Brantsovsky und Sara Ginaite. Gemeint sind alle Juden, die mit kommunistischen Partisanen kooperiert haben.

    Anfang des Jahres eröffnete die rechtskonservative überregionale Tageszeitung Lietuvos Aidas die Kampagne mit der rhetorischen Frage »Warum stellt niemand Fania Brantsovsky vor Gericht?« Brantsovsky hatte sich 1943 der »Vereinigten Partisanen-Organisation« FPO angeschlossen; heute arbeitet sie im Jüdischen Museum Vilnius. Das Blatt wirft ihr vor, sie habe gemeinsam mit »sowjetischen Terroristen« im Januar 1944 die Einwohner des Dorfes Kaniukai umgebracht. Dabei stützt es sich auf die Memoiren der früheren Partisanin Margolis und fordert, diese als Zeugin zu laden. Eine Anklage fordern zahlreiche Medien auch gegen Yitzhak Arad, der als Jugendlicher in der Markov-Brigade gekämpft hatte (Deckname »Tolya«) und von 1972 bis 1993 Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem war. Arad schreibt in seinen Büchern über Angriffe auf litauische Kollaborationseinheiten. Seine Gegner schlußfolgern messerscharf, er habe Litauer ermordet.

    Die Justiz hat die Kampagne gegen die als »Mörder« und »Terroristen« diffamierten Nazigegner aufgegriffen. Brantsovsky wurde aufgefordert, als Zeugin gegen ihre Kameraden zu auszusagen. Im Mai dieses Jahres erschien die Polizei mehrfach am Nebenwohnsitz von Rachel Margolis in Vilnius, um sie zu »befragen«. Weil Margolis aber in Israel lebt, hat die Polizei statt ihrer die Direktorin des Jüdischen Museums, Rachel Konstanian, ausgefragt. Arad hat noch keine offizielle Benachrichtigung, weiß aber aus litauischen Quellen, daß »antisowjetische Gruppen« ihn angezeigt haben und die Behörden ihn vernehmen wollen. Das sagte er der Zeitung Jewish Chronicle. Nach jW-Informationen wird auch gegen die Widerstandskämpferin Sara Ginaite ermittelt.

    Dabei ist die krude antisemitische Ausrichtung von Lietuvos Aidas offensichtlich: Die Kampagne begann ausgerechnet am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Allen Ernstes behauptet das Blatt, die »Endlösung« sei vom »100-Prozent-Juden« Adolf Eichmann ersonnen worden; auch die Nazigrößen Heydrich, Himmler, Bormann seien Juden gewesen. Stalin, ebenfalls unter jüdisch-zionistischem Einfluß stehend, habe geholfen.

    Komplett ausgeblendet wird dagegen, daß Litauen eine Hochburg der Nazikollaboration war. Die »Belastungszeugin« Margolis berichtet tatsächlich über Kaniukai – und zwar über den Angriff auf eine »Nazigarnison«. In der Lesart von Lietuvos Aidas freilich handelte es sich um einfache Bauern, die gegen die »Plünderungen durch rote Terroristen« eine »Selbstverteidigung« organisiert hätten – das ist ziemlich genau der Sprachgebrauch der Nazizeit. Daß die Justiz dennoch ermittelt, zeugt vom antikommunistischen Klima in Litauen: Wer als Jude überleben wollte, konnte das nur im gemeinsamen Kampf mit Kommunisten bzw. Rotarmisten.

    Die Beschuldigten sind entsetzt von den Vorwürfen und lehnen die Mitwirkung an der Justizposse ab. In der Jerusalem Post vom 28. Mai sagte Arad: »Sie wollen die Geschichte neu schreiben«. Die Mörder der Juden sollen als Helden Litauens dargestellt werden und die wenigen Überlebenden als Kriminelle. Brantsovsky steht zu ihrer Teilnahme am Widerstand: »Es war eine Frage der Ehre.« Sie habe nicht vor, aus Litauen zu emigrieren. »Ich habe einmal gekämpft, ich kann wieder kämpfen.«

    Das Simon-Wiesenthal-Zentrum Jerusalem wirft den litauischen Behörden eine Kampagne gegen »jüdische Helden des antinazistischen Widerstandes« vor, deren Ziel es sei, von den unzähligen Verbrechen von Litauern an Juden abzulenken. Nach der Unabhängigkeit 1990 sei in Litauen nicht ein einziger Naziverbrecher eingesperrt worden.

  • Immer wieder findet man in den Würdigungen des Warschauer Aufstands die dumme Bemerkung, dass die Rote Armee, die bereits am rechten Weichselufer stand, den verzweifelten Kämpfen der polnischen Heimatarmee (AK) gegen die überlegenen Deutschen tatenlos zusah.

    Es ist richtig, dass die Rote Armee nur einige wenige Unterstützungsaktionen unternahm, man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass die AK zuvor noch heftig gegen die Rote Armee gekämpft hatte, indem sie tausende sowjetische und jüdische Partisanen ermordete. Um zu begreifen, wie verblendet diese antisemitischen und antikommunistischen polnischen Patrioten waren, muß man nur die Erinnerungen jüdischer Partisanen lesen, die in der Ukraine, in Weissrussland, in Litauen und Polen gegen die Deutschen kämpften.

    Zuletzt erschien auf Deutsch: „Als Partisanin in Wilna“ von Rachel Margolis.

  • Näheres zum Warschauer Aufstand findet sich hier im blog-eintrag „Gänseblümchen“, der sich mit dem Umgang der Kommunisten mit diesem Aufstand nach 1945 befaßt.

    Im Anschluß dran sind einige neuere Arbeiten – ein deutscher Dokumentarfilm und eine polnische Ausstellung mit Katalog, den es jetzt auch auf Deutsch gibt – erwähnt.

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