Archive for Dezember, 2008

31.12.2008 von Helmut Höge
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Unsinnige Rück- und Ausblicke

von Helmut Höge

In jeder Zeitung steht das selbe: die Highlights des vergangenen Jahres, Photos von Prominenten.

Die FAZ macht mit Kuba auf “ein Land, das vom Vorbild zum Problemfall wird”. Die Junge Welt sieht das in ihrer Kuba-Sonderbeilage “50 Jahre Revolution” genau andersherum: vom Problemfall zum Vorbild. So sehen das auch wohl die meisten Lateinamerikaner.

Im Feuilleton macht die FAZ mit Interna aus dem Deutschen Imkerbund auf, wo es dieser Tage zu einer “Austrittswelle im Beirat” gekommen ist. Der Grund: Wegen des Maissaatgut-Beizmittels “Clothiadinin” von Bayer starben etwa 330 Millionen Bienen im Frühjahr allein am Oberrhein – und der Imkerbund hat sich dagegen anscheinend zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Die Süddeutsche Zeitung konzentriert sich im Wirtschaftsteil auf den Ausblick:

Für das “Wirtschaften 2009″ empfiehlt sie “einen Kapitalismus mit Maß und Ideen” und begründet außerdem, “Warum nicht jeder Banker schlecht ist und Josef Ackermann recht hat”. Dieser, so wird dann im… weiter lesen

31.12.2008 von Helmut Höge
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Hausmeisterkunst (302)

von Helmut Höge

zwei tonnen eine kiste
Die Photographin, Stefanie Peter, merkte zu diesem Bild an: Die Parkplatzproblematik in Kairo ist ein Faß ohne Boden, dachte sich der deutschstämmige Hausmeister einer Villa im Stadtteil Zamalek auf der Nilinsel und setzte diesen Gedanken ins Bild, indem er zwei solche Exemplare jeweils über einen Haufen Pflastersteine stülpte. Allen, die sich einbilden, ihren Kleinwagen trotzdem zwischen den Pollern parken zu dürfen, gibt er mittels eines zwischen den beiden Fässern positionierten Plastikkorbs zu verstehen, dass das verboten ist…

30.12.2008 von Helmut Höge
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Die Dinge…(37)

von Helmut Höge

Auf der taz-weihnachtsfeier erfuhr ich von Imma Harms, dass sie Ende Januar ein Seminar in Reichenow über den Gabentausch anbietet, im Zusammenhang einer Marcel-Mauss-Lektüre.

Zufällig kam kurz danach der in Italien lebende Anselm Jappe nach Berlin, der in seinem Buch “Die Agenteuer der Ware” bereits eine derartige Marcel-Mauss-Lektüre angeregt hatte.

Wir kamen überein, uns zukünftig als “Freunde eines neuen Agrarkommunismus” enger zu vernetzen, wie man heute so sagt.

Ausgehend von Jappes Buch hatte ich mich bereits im Zusammenhang der Verkaufsausstellung von Produkten aus europäischen Produktivgenossenschaften “Le Grand Magasin” einige Male mit dem Gabentausch befaßt (siehe unten), sowie auch einmal, 1974, neben einer Kant-Kritik von Alfred Sohn-Rethel einen Text von Georges Bataille über “Die Verausgabung” veröffentlicht, in dem es ebenfalls um den Gabentausch und den Potlatsch ging.

1. …unter und auf dem Gabentisch

Die geschichtliche Vorform des Warentauschs ist der Geschenk- oder Gabentausch. Er ist gekennzeichnet durch die Verpflichtung… weiter lesen

29.12.2008 von Helmut Höge
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Glühbirne/Siemens

von Helmut Höge

Eine Endlosgeschichte. Jetzt wollen sie die Glühbirne verbieten. Und alle Medien geben prompt einen Glühbirnen-Abschiedstext – rechtzeitig zum Fest des Lichts – in Auftrag. So auch die taz:

Die Glühbirne: verehrt, verraten und verglüht

“Was für’n Leben, diese Glühbirne – wenn sie nur sprechen könnte und davon erzählen … Tja, wenn’s sonst nichts ist: Sie spricht.” So beginnt Thomas Pynchons Geschichte über die unsterbliche Glühbirne “Byron”, die den Häschern des Elektrokartells Phoebus S.A. entkommt und einen Aufstand der Glühbirnen gegen die Begrenzung ihrer Lebensdauer auf 1.000 Stunden plant.

Den Aufstand hatte sich Pynchon ausgedacht, die Begrenzung aber war real. 1926, “ausgerechnet zum Fest des Lichts”, wie sich der Devianzforscher Rolf Schwendter viel später empörte, hatte das Kartell die Lebensdauer aller Glühbirnen von 2.000 auf 1.000 Stunden verkürzt. Alle Kartellmitglieder mussten fortan für jede verkaufte Glühbirne, die 50, 100 oder sogar 200 Stunden länger brannte… weiter lesen

24.12.2008 von Helmut Höge
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Hausmeisterkunst (301)

von Helmut Höge

zerbeulter kanister

Schon wieder ein verkehrtherummes Foto, das der blogwart bitte richten möge…

Es zeigt den dritten Poller des alexandrinischen Hausmeisters und Teebringers Said. In der selben Machart wie seine anderen beiden Poller: einen Olivenölkanister mit Erde und einer Palme gefüllt, den er ebenfalls als mobilen Poller einsetzt, d.h. auf die Straße stellt, um Platz für den Waren-Anlieferungsverkehr frei zu halten. Umgekehrt wie bei den beiden anderen, wo die Palmen wegen der heißen Auspuffabgase schon fast eingegangen sind, wurde bei diesem Poller hier jedoch der Kanister mehrfach angefahren, die Palme blieb dagegen, so weit man das beurteilen kann, gesund. Foto: Mariella Mosler

24.12.2008 von Helmut Höge
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Im Sumpf (Darwin und Hermann)

von Helmut Höge

(Aus aktuellem Anlaß: Ich soll für Sabine Vogel das neue Buch des “Ultradarwinisten” Richard Dawkins rezensieren und dann sah ich gerade, das Christian Semler an seinem Schreibtisch das neue Buch eines Münzforschers über die “Varus-Schlacht” las.)

Diese Schlacht am Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christi, in der einige germanische Stämme unter der Führung von Hermann dem Cherusker drei Legionen des römischen Feldherren Varus partisanisch aufrieben, jährt sich im kommenden Jahr zum 2000. Mal. Die Nachkommen der Sieger von damals wollen das ganz groß feiern – unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel. “Die Kanzlerin wagt sich damit auf sumpfiges Gelände”, erklärte dazu Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung. Damit ist nicht das ursprünglich moorige Schlachtfeld gemeint, dass sich im übrigen neuesten englischen Erkenntnissen zufolge gar nicht mehr dort befindet – bei Detmold in Westfalen, wo Kaiser Wilhelm I. ab 1838 das die “Freiheitskriege” besiegelnde Hermannsdenkmal errichten ließ, sondern im niedersächsischen… weiter lesen

16.12.2008 von Helmut Höge
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Genossenschaftsprodukte/Schuhe (37)

von Helmut Höge

Im kleinen “Le Grand Magasin” werden u.a. auch Schuhe verkauft, z.B. leichte Damenschuhe für 17 Euro von der slowakischen Genossenschaft Cil in Prostejov. Es geht der Genossenschaft angeblich nicht gut, der Absatz ihrer Produkte ist nicht so, wie er sein müßte.

Das hat auch etwas damit zu tun, dass vor allem Turnschuhe gekauft werden.

Hier folgen die letzten Schuhgeschichten:

Historischer Schuhwurf

Der Journalist Muntaser el Saidi machte Geschichte, als er den US-Präsidenten George Bush Jr. auf einer Pressekonferenz in Bagdad mit einem Paar Schuhe bewarf und ihn als “Hund” beschimpfte. Er wurde verhaftet. Seine Berufskollegen sind sich nicht einig: Während die einen ihn danach beglückwünschten und seine Freilassung forderten, bezeichneten andere sein Verhalten als “unprofessionell”. “Der Schuh ist auf dem besten Weg, das Symbol antiamerikanischen Ressentiments im Irak zu werden,” schreibt dazu die FAZ, und fügt, ebenso wie die SZ, hinzu: “Die Schuhsohle ist für Muslime… weiter lesen

14.12.2008 von Helmut Höge
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Bauernlegen

von Helmut Höge

Es war nur einer bürgerlichen Zeitung eine Meldung wert – auf 24 Zeilen schnurrte dabei die dpa-Tickernachricht zusammen:

2007 begingen 16.000 indische Bauern Selbstmord. Die meisten, nämlich 4000, im westindischen Bundesstaat Maharashtra, wo Monsanto die meisten Baumwoll-Saatgut-Firmen aufgekauft hat, um den Bauern ihren giftigen Scheiß ohne Alternative anzudrehen. Nicht selten endeten die Baumwoll-Anbauer dadurch, dass sie aus dem Saatgut einen Cocktail mischten, den sie austranken.

2006 begingen in Indien sogar insgesamt 17.000 Bauern Selbstmord, also noch mehr als im vergangenen Jahr, “der Trend sei aber ungebrochen,” schreibt die SZ, die sich dabei auf dpa beruft, welche dies der Zeitung “The Hindu” entnahm.

Seit dem Jahr 1997 begingen insgesamt mehr als 180.000 “meist hoch verschuldete” Bauern in Indien Selbstmord. Die Kongresspartei hatte bei ihrem Amtsantritt 2004 versprochen, die Misere der Kleinbauern zu lindern. Das ist ihr gelungen: Die Bauern, denen es am miesesten ging, sind so gut wie verschwunden.

In Deutschland,… weiter lesen

09.12.2008 von Helmut Höge
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Hausmeisterkunst (300)

von Helmut Höge

verklemmt tür

Hier noch mal der selbe Poller im vierten Stock das taz-gebäudes – aber in Funktion. Man erkennt unschwer, auch wenn der blogwart das photo noch nicht umgedreht hat, dass seine Funktion nicht die Verkehrsabweisung, sondern durch Blockierung der Tür geradezu eine Einweisung des Verkehrs – zur Honorar- und Spesenabteilung im “Büro” ist. Dies ist anders als bei den bürgerlichen Medien,  die sich durch demütigende Abhängigkeit vom Kapital (im Anzeigengeschäft) und durch peinliche Abonnementkampagnen (über Drückerkolonnen) finanzieren – und deswegen dieses sauer eingeworbene Geld mit jede Menge Barrieren (bei der FAZ sind es u.a. goldene Poller) gegen ihre allzu geldgierigen Mitarbeiter und Autoren schützen müssen. Die taz hat weder Kapitalanzeigen (nur Kleinanzeigen im Austausch) noch nennenswerte Abozahlen, dafür jedoch relativ freigiebige “Sponsoren”, die sie rührend altertümlich “Genossen” nennt, was diese aber in finanzieller Hinsicht nur umso mehr anspornen soll. Die salomonische Formel für diese oder ähnliche aus der Tradition der… weiter lesen

09.12.2008 von Helmut Höge
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Zwischen uns und den Dingen… (36)

von Helmut Höge

…klafft eine empfindliche Lücke. Für Georg Simmel befindet sich dort -  in einer “Zwischenwelt” – der objektive Wert, der für uns im Kapitalismus laut Karl Marx allein “Geltung” hat.

Simmel bezeichnet den Wert (der Waren) als eine “metaphysische Kategorie”, Theodor W. Adorno und Alfred Sohn-Rethel sprechen von einer “realen Abstraktion”. Die Ware ist ein sinnlich-übersinnlicher Gegenstand, ihre Produktion setzt ein System “abstrakter Arbeit” voraus, in dem “der Wert als Subjekt auftritt”, sagt Marx. Es gibt darin kein konkret vermitteltes Gemeinwesen (mehr). “Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eigenen Hand beherrscht”. Und noch darüber hinaus – d.h. nachdem er eigentlich schon aus dem Produktionsprozeß herausgefallen ist, wie Volker Braun dies gerade in seinem neuen Roman “Machwerk” geschildert hat, er handelt von einem frühzeitig pensionierten Havariemeister aus dem Lausitzer Braunkohlekombinat, der fortan  auf ABM- bzw. MAE-Maßnahmen angewiesen… weiter lesen