28.06.2011 von Helmut Höge

“Araber vor der Stadt Algier” (Eugène Delacroix). Photo: wooop.ch
Die Ernte vernichten, die Kornspeicher plündern, die Viehherden konfiszieren – und sogar unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder töten… “All das sind meiner Ansicht nach missliche Notwendigkeiten, denen sich aber jedes Volk, das die Araber bekriegen will, zwangsläufig unterwerfen muss,” schrieb Alexis de Tocqueville 1841, als er nach einem Aufenthalt in Nordafrika seine “Arbeit über Algerien” verfaßte. Dieser Kolonialkrieg, der 1830 mit der Landung der französischen Flotte in Algier begann, und Millionen Algeriern das Leben kostete, endete erst 130 Jahre später 1962 mit der Unabhängigkeit des Landes. Aber schon 1965 kam es dort zu einem blutigen Putsch und ab 1991 zu einem Bürgerkrieg, der zwischen Islamisten und Militär geführt wurde und in dem noch einmal über 100.000 Algerier den Tod fanden. Dieser Krieg ist noch immer nicht beendet.
Die Nachrichtenagentur AFP meldete am 24.Juni 2011:
“Ein Soldat und ein… weiter lesen
23.06.2011 von Helmut Höge
Austahriren:
Die Reaktion formiert sich – nach einer Schrecksekunde und einer anfänglichen Verbalunterstützung der arabischen Aufständischen reagieren die europäischen Staaten und ihre bewaffneten Organe auf die Tahrirplatz-Besetzungen ihrer eigenen Bevölkerungen ähnlich postfaschistisch wie die Regime in Bahrain, Saudi-Arabien, Libyen und Syrien.
Zur Erinnerung: In Syrien beschimpfte der Alleinherrscher Assad in seiner dritten TV-Rede am Sonntag die Aufständischen als „Saboteure”, “Vandalen”, “Kriminelle” und “vom Ausland gelenkte Verschwörer“. Als seine Propagandaministerin erklärte, dass es sich bei den in die Türkei Geflüchteten um Syrer handeln würde, die dort Verwandte besuchen wollten, mußte sie jedoch zurücktreten. Kurz nach Assads TV-Rede eröffnete seine Geheimdiensttruppe eine Facebook-Seite, auf der sie in Anspielung auf den “Kairo-Virus” verkündeten: “Keime wollen das Regime stürzen”. Dabei rufen seit letzter Woche die Demonstranten nicht mehr: “Wir wollen das Regime stürzen”, sondern: “Bewohner von Damaskus – in unserer Stadt haben wir das Regime bereits gestürzt”. Dies berichtet heute die untergetauchte syrische Rechtsanwältin… weiter lesen
21.06.2011 von Helmut Höge

Flagge der Arabischen Revolte. Photo:wikipedia
Die taz berichtet heute:
Katrin Leskowski sitzt in einem Büro mit Blick auf die Hamburger Binnenalster. Beim Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft betreut sie seit viereinhalb Jahren den Libyen-Kontaktkreis. Seit 1934 bahnt der Unternehmerverband zwischen deutschen Firmen und afrikanischen Entscheidungsträgern Kontakte an, organisiert Reisen deutscher Politiker in den Maghreb, ist oft dabei, wenn ein deutscher Bundeskanzler oder Wirtschaftsminister auf Staatsbesuch fährt. In Hamburg bereitet Katrin Leskowski derzeit die Libyenreise des Afrika-Vereins vor. Um neue Ansprechpartner macht sie sich keine Sorgen. Mit dem Gaddafi-Personal könne man teilweise weiterarbeiten. So ähnlich sei das schon in Tunesien gewesen. “Die gleichen Leute kommen überall wieder nach oben.”
“Wir durchlebten viele Leben während dieser verwirrenden Feldzüge und haben uns selbst dabei nie geschont; doch als wir siegten und die neue Welt dämmerte, da kamen wieder die alten Männer und nahmen unseren Sieg, um ihn der früheren Welt anzupassen, die sie… weiter lesen
13.06.2011 von Helmut Höge

Umzugswagen der tunesischen Aufständischen auf dem Karneval der Kulturen in Kreuzberg. Photo: Antonia Herrscher
Wie in der Revolte – im Widerstand und von der Reaktion – die Wahrheit auf der Strecke bleibt, hat zum Einen 1990 Peter Weibel als Organisator eines Kongresses in Budapest über “Rumänien im Fernsehen” herausarbeiten lassen (anschließend entstand aus den Ergebnissen ein Merve-Band). Und zum Anderen der Erfinder des sozialistischen Existentialismus: Der weißrussische Rotarmist und Schriftsteller Wassil Bykau, der sich mit nichts anderem als mit dem Partisanenkampf gegen die Deutschen beschäftigte. Er gab 1996 der Zeitung “Russkij Berlin” ein Interview. Darin meinte er:
“Bis vor kurzem durfte man die ganze Wahrheit über den Krieg nicht sagen. Das lag nicht an der Zensur oder am dogmatischen Sozialistischen Realismus, die natürlich auch die Literatur unterdrückten, sondern an dem besonderen Charakter des gesellschaftlichen Bewußtseins in der Sowjetunion, das nach dem Krieg eine fast süchtige Beziehung – nicht… weiter lesen
07.06.2011 von Helmut Höge

“Der Schrei”. Photo: sueddeutsche.de
Persische Schreihälse
Wie tief der Kolonialismus sitzt, kann man sehr schön an einem Text des linken Publizisten Erich Kuby sehen: 1951 schrieb er unter der Überschrift “Uns gehört das Öl! schreien die Perser” eine Reportage über die Übernahme der BP-Ölfelder im Iran durch die Perser. Kuby war im Juli 1951 nach Teheran geflogen, um über den “Hinauswurf” der Anglo Iranian Oil Companie (AIOC) in Abadan und die Verstaatlichung der persischen Ölindustrie zu berichten. 1989 nahm er diesen Text in eine Sammlung von Artikeln auf, die er zwischen 1946 und 1989 geschrieben hatte und die dann der BRD-Verlag Hanser sowie ein Jahr später der DDR-Verlag Volk und Welt unter dem Titel “Mein ärgerliches Vaterland” veröffentlichten.
Sein SZ-Artikel aus dem Jahr 1951 strotzt nur so vor Arroganz gegenüber den zerlumpten und unausgebildeten persischen Arbeitern, die sich anheischig machen, die klugen, hochorganisierten Engländer an der Öltechnik abzulösen: “Es… weiter lesen
06.06.2011 von Helmut Höge
Den Antikolonialismus nicht übertreiben!
Der islamistische Angriff auf das World Trade Center USA bewog die Herausgeber der deutschen “Zeitschrift für europäisches Denken: Merkur” eindeutig Stellung zu beziehen. “Der Merkur macht mobil” titelte die FAZ daraufhin. Seitdem ist diese Zeitschrift immer reaktionärer geworden. In der Berliner Zeitung bemüht sich heute ihr Herausgeber, der Ästhetikprofessor Karl Heinz Bohrer, seine Wendung zur “Kriegstreiberei” zu erklären: “Unsere Editorials galten im Grunde nur einer Frage: Nämlich der, dass eine, nennen wir es arabische Form der Kulturkritik am Westen nichts mit einer Kulturkritik im Adornoschen Sinn zu tun hat. Wir haben uns, zweifellos mit einer gewissen Kälte, von einer Sentimentalität des intellektuellen Umarmens distanziert…” Der Mitherausgeber des “Merkur”, Kurt Scheel, Autor des Buches “Die Freunde und die Feinde des Islam”, ergänzte Karl Heinz Bohrers Infragestellung eines “aggressiven Panislamismus”: “Eine bestimmte Form von sentimentalem Antikolonialismus und Antiimperialismus spielen wir nicht mit.”
Auch die Allarabischen Aufstände zehn Jahre… weiter lesen
05.06.2011 von Helmut Höge

Slavoj Zizek redet über den Tag nach den Aufständen. Photo: freitag.de
Hat sich die “Facebook-Generation” von Amsterdam nach Berlin verlagert oder in Berlin verdoppelt? fragten wir uns gestern nach dem Kongreß “Marx is muss” in einem Gartencafé am Reichsbahnausbesserungswerk sitzend, während hunderte junger Leute an uns vorbeischlenderten, entweder mit einer Bierflasche oder einem Handy in der Hand. Die Frage ließ sich nicht so schnell beantworten. Unsere letzten Amsterdamreisen lagen zu lange zurück, damals war die Stadt noch das Mekka der Interrail-Generation gewesen - die Berlin von da aus zunehmend weiträumiger umfuhr, u.a. nach Prag und Krakau. Auch die Internet-Faszination zog dann noch viele eher nach Amsterdam als nach Berlin.
Jetzt waren hier auf alle Fälle unter den ganzen Easyjettern viel mehr Mädchen als Frauen. Das wurde in unserer Runde, in der die Ethnologinnen dominierten, jedoch bestritten, ließ sich aber nicht ausdiskutieren: Es fehlte uns an “gesicherten Daten”. Jemand zitierte… weiter lesen
04.06.2011 von Helmut Höge

Demo in Berlin gegen das Regime im Iran. Photo: hagalil.com
Die taz-Autorin Doris Akrap schreibt heute in ihrer Kolumne:
Zufällig erfahre ich an diesem Tag auch von einer geplanten Demo vor der ägyptischen Botschaft. Ich beschließe, dort hinzugehen…
Die Demonstration fordert die Freilassung von Maikel Nabil Sanad, dem ersten und einzigen Kriegsdienstverweigerer Ägyptens. Er wurde wegen seiner Kritik an der Militärführung von den derzeit regierenden Militärs zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die ägyptische Botschaft in der Stauffenbergstraße ist wahrhaft ein Monument der Grausamkeit, der ästhetischen: ein quadratischer, von riesigen Ornamenten durchsetzter graulila Marmorklotz. Grund genug, diesen Ort schnell wieder zu verlassen. Die Gruppe, die mit Transparenten, Schildern, Trillerpfeifen, Tröten und Megafon ausgestattet ist, ist leider so klein, dass die Botschaftsangehörigen wohl kaum von ihr Kenntnis nehmen. Hätte das Botschaftsgebäude Fenster, hätten sie vielleicht sogar mal lächelnd rausgeschaut.
Irgendwie ist das Ganze ein bisschen traurig, denn unter der Handvoll Leute… weiter lesen
02.06.2011 von Helmut Höge

Die Revolution. Photo: prague-life.com

Die Liebe. Photo: xtown.net
Ganz anders als die gestern im blog zitierten deutschen Islamforscher und Bevölkerungswissenschaftler sieht der kommunistische Pariser Philosoph Alain Badiou die Aufgaben der Revolution – und der Liebe:
Zur Erinnerung vorweg: Die jugoslawischen Studenten besetzten im Sommer 1968 die Belgrader Universität – und benannten sie in “Rote Universität Karl Marx”" um. Als sie sich im Hof der Philosophischen Fakultät zusammen mitSchriftstellern und Künstlern versammelten, sagte die serbische Dichterin Desanka Maksimovi zu ihnen: “”Merkt euch das Gefühl, das ihr jetzt habt, ihr werdet ein Leben lang davon zehren”
Kann man das: von einem Moment, einem Ereignis ein Leben lang zehren? Damals war es, das Ereignis des Zusammenströmens, noch nicht einmal vorbei – im Gegenteil: “Sie wollten das erreichen, was die Väter ihnen immer nur versprochen hatten: einen radikalen Umbau der Gesellschaft,” meint der serbische Regisseur Zoran Solomun, der damals – als Sechzehnjähriger… weiter lesen
01.06.2011 von Helmut Höge

Youth-Bulg-Logo. Photo: commerce.madbutcher.de
Für die heutige taz interviewte Stefan Reinecke den Islamwissenschaftler Reinhard Schulze über die derzeitige Situation im Morgenland:
taz: Herr Schulze, welche Rolle spielen Frauen in den arabischen Aufständen?
Reinhard Schulze: Ohne sie hätten diese Revolten gar nicht diese Durchschlagkraft. Das gilt für Ägypten, auch für den Jemen. Das hängt damit zusammen, dass Frauen in diesen Gesellschaften, anders als noch in den siebziger Jahren, in erheblichem Maße am öffentlichen Leben teilnehmen. Deshalb sind sie heute auch Teil der Aufstände.
Was hat sich Ihrer Beobachtung nach seitdem verändert?
Der Schlüssel ist die Berufstätigkeit der Frauen. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) sind etwa 40 Prozent der Frauen in den arabischen Gesellschaften erwerbstätig. In den siebziger Jahren waren es unter sechs Prozent. Das ist eine massive Veränderung. Viel höher ist das Erwerbsniveau in den westlichen Industriestaaten auch nicht.
Wie kam es zu dieser Veränderung?… weiter lesen