Album des Monats Mai / Platz 1: Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers

Generell fällt es schwer, Platten außerhalb ihres Kontextes zu beurteilen, aber bei dem neuen Album der Manic Street Preachers ist es eine Unmöglichkeit. Zuviel Geschichte steckt in dieser Platte.
In Deutschland beginnt jene Geschichte eigentlich erst mit ihrem Brit-Pop-Triumph „A Design For Life“ und dem dazugehörigen Album „Everything Must Go“. Demzufolge nimmt man hierzulande die Manic Street Preachers auch eher als Vertreter des überbordenden Soundkostüms, der Exuberanz war. In England jedoch sind die Manic Street Preachers immer noch in erster Linie die wildeste Band der frühen 90er, als sie sich von Clash-Epigonen zu Guns’n’Roses-Verehreren wandelten, auf dem Weg Interviews der Güte „Slowdive sind schlimmer als Hitler“ gaben, sowie versprachen, sich nach ihrem Debütalbum auf der Bühne selbst anzuzünden. Soweit kam es nicht, aber den Radiohead-Songtitel „how to disappear completely“ hat niemand so gut umgesetzt wie das intellektuelle Mastermind der Gruppe, Richey Edwards, der am 1. Februar 1995 auf immer verschwand. Man fand keine Leiche, nichts.

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Kurz zuvor hatten die Manic Street Preachers mit „The Holy Bible“ das Album veröffentlicht, das in Großbritannien noch immer als ihr Meisterwerk gilt und in der dortigen Wahrnehmung in einer Reihe mit Joy Divisions „Closer“ und Nirvanas „In Utero“ steht: dem letzten Statement eines Künstlers, der an der Welt zugrunde geht. „The Holy Bible“ hat auch heute nichts von seiner Wucht und Brutalität verloren, im Gegenteil, es ist wahrscheinlich von allen Manics-Alben dasjenige, das über die Jahre gewachsen ist und in keiner Sekunde veraltet klingt.

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Die Manic Street Preachers zur Holy Bible Zeit mit Richey Edwards (im Vordergrund)

Zwischen der Produktion zu „Holy Bible“ und seinem Verschwinden hatte Edwards den verbliebenen drei Bandmitgliedern ein Büchlein mit Prosatexten, Gedichten und potentiellen Songlyrics übergeben, die die Manic Street Preachers bis heute nicht angetastet hatten. Nun aber, nachdem das letzte Album „Send Away The Tigers“ eine überraschende kommerzielle Wiedergeburt war, Edwards nun offiziell für tot erklärt wurde, kramen die drei Waliser das alte Büchlein heraus und schreiben das letzte gemeinsame Album. Für das Coverbild wurde erneut Jenny Saville verpflichtet, die bereits „Holy Bible“ gestaltete. Zur Produktion zog man mit Steve Albini ausgerechnet den Produzenten heran, der damals „In Utero“ für Cobain zum definitiven Statement formulierte und wandte sich wieder ab vom Stadionrock des Vorgängers und näherte sich eines reduzierten Sounds an, wie man ihn von den Manic Street Preachers seit „Holy Bible“ nicht mehr gehört hatte. Dennoch handelt es sich bei „Journal For Plague Lovers“ nicht um „Holy Bible – The Sequel“, denn erstaunlicherweise sind Edwards’ Texte dieses Mal weniger wütend verzweifelt, sondern vielmehr abstrakt, kaum greifbar und weit weniger politisch (auch wenn Noam Chomsky natürlich trotzdem erwähnt wird).

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Die Manic Street Preachers dieser Tage ohne Richey Edwards (v.l.n.r.: James Dean Bradfield, Nicky Wire, Sean Moore)

Auch musikalisch sind die Manic Street Preachers klug genug, sich – bei aller Reduktion – nicht wieder in die Garagenhölle von „Holy Bible“ zu begeben, sondern formulieren „Journal“ als Antwort auf die „Bible“ im Bewusstsein, seit damals 15 Jahre älter geworden zu sein. So bleibt neben all dem nihilistischen Punk genügend Raum, um in den wunderbaren „This Joke Sport Severed“, „Facing Page: Top Left“ und „Doors Closing Slowly“ ruhige Momente des Durchatmens zu schaffen (wobei letzeres nun das vierte Mal nach „No Surface All Feeling“, „Ready For Drowning“ und „Song For Departure“ ist, dass die Manic Street Preachers die gleiche Melodie verwenden…).

Es sind aber dennoch die Erinnerungen an ihre ersten prä-Debütalbum-Singles, die in „Jackie Collins Existential Question Time“ und „Me and Stephen Hawking“ (mit der unfassbaren Zeile: „we missed the sex revolution / when we failed the physical“) unweigerlich durchschimmern wie auch die „Holy Bible“ Referenzsongs „Peeled Apples“ und „Bag Lady“, die am meisten überraschen. Wer hätte gedacht, dass eine Gruppe Vierzigjähriger mit solch trotzig erhobener Faust zurückkommen könnte und das Vermächtnis ihrer Jugend nicht beschädigt, sondern konsequent weiterführt? Ein Triumph, nichts weniger.

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Anhören:
* Me & Stephen Hawking
* Jackie Collins Existential Question Time (hier)
* Peeled Apples (hier)
* Facing Page: Top Left
* Bag Lady (hidden track)

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Die Manic Street Preachers im Popblog:
* My Favourite Records… mit Nicky Wire
* Plattenkritik Send Away The Tigers

Nicky Wire im Popblog:
* Schmähkritik Nr. 59: über The White Stripes
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