Ya (I Am)

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1. Der Film in einem Satz:
Ein russischer Bilderrausch aus Wahnsinn, Drogen, White Trash, Flamboyanz, Tod, Punk, Kreuzigung und „Maria Magdalena“.
2. Darum geht‘s:
Die einzige Möglichkeit, der Einberufung zur Armee zu entgehen, ist es, sich im Irrenhaus Schizophrenie attestieren zu lassen. Da es für Jungs nichts schlimmeres als die Zucht und Ordnung – Ideale des russischen Heeres gibt, ist die Selbsteinweisung in das Irrenhaus definitiv die zu bevorzugende Option.
Die semiautobiographische Geschichte Igor Voloshins, die er mit „Ya“ verfilmt, klingt dünn – und das ist vollkommen egal, denn wie schon in seinem letzten Film „Nirvana“ ist Voloshin kein Erzähler, sondern ein Meister der Bilder. So richtig weiß man nie, ob man gerade erlebte Realität, Drogenwahn oder Traumgebilde sieht. Die Ebenen verschwimmen, werden undeutlich, sind aber durchweg mit beeindruckender Wucht inszeniert. Die mysteriöse Figur des „Rome“, eine Art Vorbild und zum Mythos stilisierter Misfit, der von den Jungs vergöttert wird, ist dabei eine der beeindruckendsten Rollen, die man seit langem im Kino gesehen hat. Wenn er – Jesus nicht unähnlich – mit einer Armada leichter Mädchen im Arm die dunklen Straßen entlang schreitet, während der Soundtrack Sandras „Maria Magdalena“ spielt, Rome Pillen und Pulver in die Luft wirft und alle gemeinsam die Nacht zum Tag machen, gelingt es Voloshin die Wildheit der Jugend in mitreißenden Bildern einzufangen. In der letzten Szene des Films zieht ein Hund elend langsam einen ans Kreuz geschlagenen jungen Mann über den Asphalt, auf der Tonspur hören wir – auch in der russischen Originalversion! – auf Deutsch eine Stimme „was soll das?“ flüstern; Wir wissen es nicht, wir haben keine Ahnung, was eigentlich in diesem Film passiert ist und sind doch bewegt, erschüttert, mitgerissen von diesem Bild einer Jugend am Abgrund.
Neben einer merkwürdigen Schönheit im Schmutz ist immer Gevatter Tod ein stiller Begleiter, was in einem wunderbar gefilmten Epilog auf herzzerreißende Art deutlich wird: auf einer Insel sitzen zwischen verfallenen griechischen Säulen die Weggefährten des jungen Voloshins und in einer stummen Szene blendet Voloshin die Daten ihres Dahinscheidens ein. Soviel verschwendetes Leben, so viel junger Tod! Die Figuren erstarren zu Stein und zerbröseln zu Staub, aus.
Der erst 35-jährige Igor Voloshin zeigt mit seinen ersten beiden Filmen „Nirvana“ und „Ya“, dass er der beeindruckendste Bilderstürmer unter den jungen europäischen Regisseuren ist. Seine Bildsprache ist nicht weniger originell als die eines Alejandro Jodorowsky und wie beim alten Chilenen liegt die Geschichte in den Bildern.
3. Der beste Moment:
Jene bereits angesprochene “Maria Magdalena” – Szene, nach der man sofort aus dem Kino rennen will, um sich den backcatalog von Sandra zu besorgen! … weiter lesen