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vonChristian Ihle 12.07.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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So sehr sich auch das Gekabbel zwischen Delling und Netzer in den letzten Jahren abgeschliffen haben mag, jener kleine, in der Sendepause eines Spiels festgehaltene Moment zeigt dann doch, wie sehr die beiden – bei aller gegenseitigen Hochachtung – tatsächlich auch in unbeobachteten Augenblicken genauso miteinander umgehen wie während der Spielanalysen:

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Auch wenn wir weit zurück denken, in jene graue Vorzeit als Deutschland einen sympathischen Rumpelfußballnachlassverwalter als Bundestrainer hatte, der in einer immer noch unvergessenen Brandrede sich das Schlechtreden eines Unentschiedens gegen Island (!) verbat, war neben Weißbier-Waldi als Punchingball auch Delling und Netzer ins Visier geraten und ja gar Auslöser der ganzen Chose. Rudi Völler legte damals Gerhard Delling nahe, „Wetten Dass“ zu übernehmen und bezichtigte Günter Netzer des ewigen Standfußballs gegen Albanien! Was werden graugelockte Schnurrbartträger wohl im Jahr 2042 über Mesut Özil sagen, wenn der einst deutsche Spiele mit „seiner“ Zeit vergleicht?

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So sehr man Netzer auch schon Gedichte ob seiner manchmal drög-unsinnigen Analyseversuche gewidmet hat

“…Er schiebt die Worte hin und her
Wie schlapp getretne Bälle.
Sein geistlos Mittelfeld spielt quer
Und kommt nicht von der Stelle.
Er dribbelt qualvoll durch den Satz
Und bleibt am nächsten hängen.
Sein Schuss aus dem Zitatenschatz
Verfehlt das Tor um Längen.
Und weil sein Kopfballspiel so mies,
Sind die Pointenpässe
Auch viel zu flach und unpräzis
Und ohne Raffinesse.
Nicht, dass er sich noch selbst verletzt:
Verbal, durch einen Drehschuss.
Ach, wär ich doch sein Trainer jetzt:
Ich hätte ihn schon lang ersetzt,
Zur Not auch durch Matthäus.”

… ist man doch immer noch froh gewesen, wenn einem die beiden ARD-Kommentatoren aus dem Fernseher entgegenblickten an Stelle der sonstigen Pappnasen, die innere Reichsparteitage feierten…

Miro Klose
(größer? Klick!)

…oder die „fleischgewordene Zumutung, Komplettniete“, „der luziferisch leutselige Quatschkarton“ Johannes B. Kerner, der gottseidank aufgrund seines Senderwechsels uns wenigstens bei diesem Turnier erspart blieb – leider aber nicht der nicht minder unerträgliche Urs Meier. Auf RTL wiederum muss man Klinsmann sogar während des Spiels ertragen (die SZ vermutete, dass Florian Königs unablässiges, 90minütiges-Dauergequassel daran liegen könnte, dass er die gute Absicht verfolge, mehr Redebeiträge seines Kommentatorenkompagnons Klinsmann zu verhindern), ganz zu schweigen von der unerträglichen Event-Präsentation von Klopp und Jauch vor den Spielen.

Nicht besser macht es Sky. Dort mögen die Kommentatoren an sich noch die kompetentesten sein, doch die Halbzeitmoderationen sind an Dürftigkeit nicht zu überbieten. Lars Ricken stellte schon erstaunliche Maßstäbe hinsichtlich Ödnis auf, doch der Schalker Heiko Westermann konnte dem ewigen Dortmunder auch hier zeigen, was eine Harke ist. Nachdem man Westermann auch nur zwei Minuten beim Reden zuhören musste, dankt man dem lieben Gott, nicht Westermanns Freundin zu sein und so wenigstens nicht auch noch privat mit ihm über Fußball reden zu müssen – wäre Westermann eine Landschaft und gelunge Sätze fröhlich sprießende Blumen, Westermann wäre die Sahara.

Dann eben doch lieber jeden Tag Netzer und Delling, sonst müssten wir in Anbetracht der weiteren Reporterschar ebenfalls noch zu solchen Worten greifen:

Langsam hegen wir Atheisten angesichts der Kerner-Meier-Plage jedenfalls den Wunsch, es möge doch ein Gott existieren, ein rächender. “So nicht!”, meint unsere österreichische Kneipengastsachverständige Corinne Kurrent, als Meier, der sein Haupt vor der Sendung offenbar in einen Kübel Gel getaucht hat, neuerlich derart erhellend vor sich hin expertelt, dass man den Allmächtigen dafür verflucht, dem Menschen die Sprache gegeben zu haben.

(Jürgen Roth, Frankfurter Rundschau)

So hat Netzer im Rückblick doch die einen oder anderen Prügel unverdient kassiert…

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…und in diesem Sinne: lach nochmal, Netzer!

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