Album des Monats November – Platz 1: Girls – Broken Dreams EP

girls broken

Es mag viel erstaunliches an den Girls, der Zweimannband aus San Francisco, geben, aber letzten Endes überrascht doch immer am meisten, dass die scheinbare Simplizität von Songs und Lyrics nicht etwa dazu führt, dass man sich schnell verliebt, aber wieder überdrüssig wird, sondern dass Girls das Gegenteil eines Onenightstands sind. Wie schon beim Debütalbum gilt für die recht überraschend erschienene EP wieder: neben den sofort als Hits zu identifizierenden Songs wachsen die ursprünglich nur als Füllermaterial angesehenen Lieder mit jedem Abspielen weiter, so dass wir erneut ein in sich geschlossenes, verdammt gutes und – das ist eben das überraschende – Woche um Woche besser werdendes (Mini-)Album bekommen haben.

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Wer bisher nur die drei großen Girls-Songs „Lust For Life“, „Hellhole Ratrace“ (unsere Songs des Jahres 2009) sowie „Morning Light“ kennt, wird vom recht kontemplativen Sound vielleicht überrascht sein. Wer allerdings die b-Seiten der erwähnten Singles bereits gehört hat, weiß, wo diese EP herkommt. Durchgehend ruhige Stücke, mal wie bei „Heartbreaker“ zart countryfiziert wie ihre Cover-Version des Skeeter-Davis-Klassikers „End Of The World“ („Morning Light“ b-Seite), mal wie beim wundervollen „Thee Oh So Protective One“ mit versteckten Doo-Wop- und Brill-Building-Einflüssen, die man auch auf dem Burt-Bacharach-zitierenden „Life In San Francisco“ („Lust For Life“ b-Seite) schon vernehmen konnte.

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War auf dem Debütalbum noch mehr oder minder stolz vom Meisterarrangeur und autodidaktischen Produktionsgenie Chet JR White „Album was not recorded in any studio“ in den liner notes vermerkt worden, standen durch den überraschenden Erfolg des Erstlings nun die nötigen Mittel bereit, um sich an eine „richtige“ Studioproduktion für diese EP zu wagen. Dabei gelang es Chet White erneut, die Songs exakt auf den Punkt zu bringen: die Soundpalette wird zart erweitert, Bläser bereichern „Thee Oh So Protective One“, Dee Dee Dum Dum singt die backingvocals zu „Substance“, aber dennoch ist die Intimität, das Spontane des Debüts nicht verschwunden. Neben dem bereits mehrfach erwähnten, beschwingten „Thee Oh So Protective One“ ist es die zurückgelehnteste Hymne an Rocknroll aller Zeiten, „Substance“ („don’t try to fight it / you can do anything / you can rock and roll / out of control“), und der achtminütige Schlusstrack „Carolina“, die einen wieder nichts lieber machen lassen wollen als nach San Francisco zu ziehen, nur um in der Nähe der Girls leben zu können.

Es gibt in jüngerer Vergangenheit keine Band, die derart schulmäßig alles richtig gemacht hat. Eine handvoll brillanter Singles mit wunderbaren Videos und zum daniederknien schönem Cover-Artwork wird von einem durchgängig überzeugendem, extrem abwechslungsreichen und dennoch wie aus einem Guss klingenden Album getoppt, auf das kaum ein Jahr später, ohne große Ankündigung, eine EP folgt, die ausgefeilter klingt, ohne die Kanten abzuschleifen.
Girls, eine Band to fall in love with. (Christian Ihle)

Girls im Popblog:
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