Die Nerven – FUN (9/10)

Ich versuche mir ja „Love To Say I Told You So“ – Reflexe zu verkneifen, aber bei den Nerven sei es dann doch einmal gestattet. Als Ende 2012 ihr erstes Album auf This Charming Man Records veröffentlicht wurde, war sofort eine neue Popblog-Lieblingsband geboren und folgerichtig auch das Album ganz oben in unseren Jahres-Charts. Allein wegen des brillanten Textes von „Irgendwann geht’s zurück“ war unsere Begeisterung gerechtfertigt:


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„Fluidum“ fand dennoch andernorts recht wenig Beachtung (und wurde in der Spex gar verrissen), aber erfreulicherweise ist das gerade erschienene neue Album „FUN“ überall Thema und nicht zuletzt von Kollege Wigger beim Spiegel ebenfalls mit einer Lobeshymne bedacht worden:

„FUN“ ist 36 Minuten und sechs Sekunden lang und eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts. (…) Du studierst aus Langeweile, aber hasst die Dummheit deiner Kommilitonen und willst, dass sie an Malaria oder am Dengue-Fieber verrecken? Du liebst Gaspar Noés „Menschenfeind“, aber auch Alizée, deinen Hund und ein altes Stück Holz, das dir irgendeine Ex-Freundin zum sechsmonatigen Jubiläum schenkte, bevor sie dich verließ? Du hast die Blumfeld-Single „Ghettowelt“, aber musst beim Zahnarzt weinen? „FUN“, die genau genommen nicht erst zweite, sondern fünfte Platte von Die Nerven – auch bekannt durch das brillante DJ-Ötzi-Cover „Ein Stern ( … der deinen Namen trägt)“ – sind ab jetzt dein Schmerz, deine Last und dein Vertrauen!



Und natürlich hat Jan Wigger recht. Auch wenn mir „FUN“ zunächst unzugänglicher als noch „Fluidum“ erschien und etwas mehr Noise-Einfluss und Sonic-Youth-Gitarren (vor allem in der ersten Single „Eine Minute schweben“) zu verzeichnen sind, steht „FUN“ dem Vorgänger in seiner Wucht kaum nach.


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Es ist vor allem die Intensität mit der Die Nerven ihre von einer eher diffusen Unzufriedenheit mit dem Hier & Jetzt getriebenen Songs vortragen, die so sprachlos macht und sie auch noch mal von praktisch allen anderen deutschen Punkbands unterscheidet. Die kompromisslos rauhe Produktion lässt Die Nerven womöglich zunächst weniger zugänglich erscheinen als das ebenfalls gute Album der Labelkollegen Messer und ist ein klassischer „Hit“ wie deren „Neonlicht“ auf „FUN“ auch nicht zu finden, aber dafür erreichen Die Nerven eine Direktheit, die manchmal fast beängstigend wirkt.

Max Rieger, Gitarrist und einer der beiden Sänger, ist zudem live – im besten Sinn – fast nicht zu ertragen, weil eben nichts wie Pose wirkt, sondern Wut und Intensität bis an den Rand der Selbstaufgabe den Livevortrag zu etwas beinah Intimen machen, uns im Publikum es beinah unangemessen erscheint, dem beizuwohnen. Es ist diese Härte, Nähe und Kompromisslosigkeit, Unaffektiertheit, die Die Nerven derzeit zu etwas völlig Singulärem in der hiesigen Musiklandschaft machen.

Es gilt das Gleiche wie bei Vorgänger „Fluidum“: Paranoia-Punk, Abscheu, Verwirrung, Gegendiewändetreten. Nie 1,2,3,4,Aufdiefresse, sondern immer auf Abwegen, und so komplexer als aufs erste Hören gedacht. Dazu Zeilen, die bleiben, und alle Versuche, dem Leben in einer „Welt aus Cellophan“ und „aus Styropor“ mit Eskapismus auf die eine oder andere Art zu entfliehen, als das deklarieren, was sie sind – Flucht eben. (9/10)


Song des Jahres – Potential:


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