Interview mit Die Nerven: „Ein Majorlabel? Das würde uns als Band killen!“

Zum Interview treffe ich Die Nerven in Kreuzberg. Tags darauf werden sie im Berghain ein phänomenales Liveset abliefern, das erneut die im folgenden Interview angesprochene irre Intensität bestätigt. Die beiden Sänger Max Rieger und Julian Knoth ergänzen gegenseitig ihre Antworten, pingen sie vor und zurück – was schön widerspiegelt wie die Band auch musikalisch ineinandergreifend funktioniert, als unzertrennliche Einheit. Drummer Kevin Kuhn spricht weniger, strahlt dafür aber eine zurückgelehnte Rocknrollabgefucktheit aus, die den beiden anderen auf den ersten Blick abgeht.
Ein Gespräch über eigentlich nicht vorhandene Vorbilder, label politics, Aufnahmetechniken, eines der besten Alben des Jahres und die Frage, was eigentlich wirklich politisch ist:


Schön dass wir uns endlich einmal zu einem Interview treffen.

Julian Knoth (Gesang, Bass): Spät genug, Du bist ja ein langer Wegbegleiter dieser Band!

Max Rieger (Gesang, Gitarre): Eigentlich von der ersten Minute.


Ich habe Euch tatsächlich damals über auf Soundcloud hochgeladene Songs für mich entdeckt.

Julian: Ja, Chris (der Label-Manager von This Charming Man, der alten Plattenfirma der Nerven, Anm.) hatte rough mixes von drei Songs einfach mal hochgeladen.


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„Irgendwann geht’s zurück“, „Schrapnell“…

Julian: …und „Haut und Knochen“.

Ich habe gehört, dass ihr von Euch aus ein neues Label gesucht habt?

Max: Wir wollten einfach die Vertriebswege besser gestalten und international auch irgendwo ankommen, deshalb sind wir zu Glitterhouse gegangen.

Aber ihr seid vom This Charming Man – Label im Guten geschieden?

Julian: Ja, auf jeden Fall. Der profitiert ja weiterhin und hat noch ungefähr zwanzig andere Bands von uns in seinem Roster. Neue Bands schanzen wir ihm ja außerdem immer wieder zu. *lacht*

This Charming Man war in den letzten Jahren regelrecht ein Gütesiegel, dass man sich eine neue Band des Labels anhört, weil die so viel gutes ausgegraben haben: eben Euch, Messer, Karies, Kadavar….

Max: Auf Glitterhouse finden wir’s dafür aber spannend, dass wir die einzige richtige Gitarrenband sind.

Julian: Und Glitterhouse ist ja ebenso sehr ein Gütesiegel.

Euer letztes Album wurde überall sehr euphorisch besprochen. Glitterhouse ist doch wieder ein Indie-Label – wollten Euch eigentlich auch andere, größere Plattenfirmen unter Vertrag nehmen?

Julian: Bei uns persönlich kam nie etwas an, wir haben das nur über Ecken gehört.

Max: Sony hat nie angerufen…

…und Universal auch nicht, die haben lieber Wanda genommen… Könntet Ihr euch das denn vorstellen?

Max: Nur zu Konditionen, die kein Majorlabel zu dieser Zeit mehr bewilligen würde. Nur mit absoluter Sonderstellung.

Julian: Wenn wir’s wie die Flaming Lips machen können, dann meinetwegen schon.

Max: Wenn’s mit absoluter künstlerischer Freiheit ist und einem Vorschuss, der uns zehn Jahre die Existenz sichert, dann fangen wir an zu diskutieren. Sonst würde uns das doch nur killen als Band. Ist doch so.

Man hört ja dass bei Wanda beispielsweise der arme Sänger bei jedem Promo-Auftritt diese alte Lederjacke tragen muss, weil die so ein „trademark“ ist. Aber gut, bei Wanda ist das auch nicht weiter wild und kein „Ausverkauf“, denn in denen war es schon immer angelegt, eine Musik zu machen, die in der Breite wirkt und eher auf einem „gute Partyband“ – Level funktioniert…

Max: Schön für sie…


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Deutschsprachige Gitarrenbands im Ausland – das funktioniert eigentlich nie. Mir fallen eigentlich nur Blumfeld Mitte der 90er ein, die für kurze Zeit sogar ein Thema für den NME und mit Pavement auf Europatour waren.
Bei Euch dagegen habe ich das Gefühl, dass Euer Sound tatsächlich auch in England oder Amerika Anklang findet.

Max: Tatsächlich haben wir für dieses Album erstmals auch in England richtig Promo gemacht.

Julian: Das war auch der Grund, warum wir das Label gewechselt haben und zu Glitterhouse gegangen sind, da Glitterhouse international viel besser vernetzt ist. Wir haben in Roskilde gespielt, in Israel, in Holland…

Max: …und die Resonanz war überall so positiv. Auch wenn die Leute die Texte nicht verstehen.
Oder vielleicht gerade deswegen!
*lacht*

In den 90ern war Blumfelds „L’etat et moi“ sogar in den NME Jahrescharts – was mir damals absurd vorkam, da ich mir gerade „L’etat et moi“ gar nicht von Distelmeyers Texten losgelöst denken konnte. Als Deutscher rezipiert man Blumfeld, zumindest die Mitt90er-Sachen, total über Distelmeyers Texte. Damals war ich schon überrascht, dass man bei Blumfeld den Text nicht versteht und trotzdem von der Platte überwältigt ist.


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Max: Auf jeden Fall wirken Blumfeld auch ohne die Texte. Es hat ja auch keine andere Hamburger Schule Band jemals geschafft, eine Atmosphäre zu kreieren wie Blumfeld auf „Ich-Maschine“. Die Gitarren waren in offenen Stimmungen, was ich selten bei deutschen Bands gehört habe.

Julian: Und sie waren fantastische Musiker. Der Schlagzeuger: richtig gut! Natürlich auch der Bassist.
Bei Blumfeld steht auch jedes Instrument für sich und ist gleich wichtig – so wie wir das bei uns auch wollen.

Auf Eurem neuen Album sind die Songs von der Struktur her offener und ihr geht noch stärker in Richtung Sonic Youth. Seht ihr bei euch selbst auch eine Entwicklung in Richtung Noiserock und weg von einer Punkecke?

Max: Wir haben nie so gedacht. Wir haben beim Aufnehmen natürlich nie Worte wie Sonic Youth, Punk oder Noise-Rock in den Mund genommen. Bei der neuen Platte ging es uns mehr darum, dass wir uns von all diesen Begriffen lösen. Wie Du richtig sagst: es ist offener, es ist freier. Also eine Loslösung von Genrebegriffen.

Es ist wahrscheinlich eine Journalisten-Krankheit, immer die Vergleichsschubladen aufziehen zu wollen.

Max: Ja, das ist deine Krankheit! Eine Geisteskrankheit!
*lacht*

Julian: Wobei… Max, Du hast letztes Jahr, als du Sonic Youth gehört hast, auch noch gesagt: „geil, der Typ spielt ja so Gitarre wie ich!“

Max: Ich wollte das nie erzählen – nicht dass es arrogant rüberkommt – aber es war tatsächlich so, dass ich beim ersten Hören von Sonic Youth gedacht habe: „Krass. Der spielt so Gitarre wie ich!“
Aber Sonic Youth haben jetzt andererseits auch nicht den einen signature sound, sondern viel durchgemacht. Ich finde ja an Sonic Youth auch gut, dass sie sich ohne eine Hitsingle oder Medienquatsch etabliert haben.

Wie seht ihr denn die Entwicklung Eurer drei Platten – jetzt gelöst von Genre-Begriffen, weil ihr ja sicherlich auch beim ersten Album nicht ins Studio gegangen seid und wie eine bestimmte Band klingen wolltet.

Max: Nein, vorher natürlich auch nicht.

Was ist für Euch anders an „Out“ im Vergleich zu „Fun“ und „Fluidum“?

Max: Sie ist besser.

Julian: …und spiegelt mehr wieder, auf welchem Level wir sind. „Fun“ hat natürlich auch unseren Level widergespiegelt – aber den von 2013 eben.

Max: Im Grunde sind alle unsere Platten ein Dokument von der Band zu jener Zeit, ein Foto, eine Momentaufnahme. „Out“ ist also sozusagen das aktuellste Foto der Band, es repräsentiert uns für diese Zeit am Besten.

Wie läuft bei Euch eigentlich das Songwriting? Schreibt ihr unabhängig voneinander und nehmt dann zusammen auf – oder entwickelt ihr die Songs gemeinsam?

Julian: Wir stellen uns zusammen in einen Raum, spielen einfach und erarbeiten uns so die Songs.

Max und Julian, ihr singt ja beide – ist es so, dass derjenige singt, der auch den jeweiligen Text geschrieben hat?

Julian: Seid „Fluidum“ schon. Wir singen aber den Backgroundgesang für den anderen. Es gibt ja diese Technik, dass man einen Song einmal einsingt und dann noch ein zweites Mal und beide Aufnahmen für den Mix nimmt – bei uns ist das aber jetzt der jeweils andere, während bei „Fluidum“ sich noch jeder selbst „gedoppelt“ hat.

Max: Wir nehmen jetzt auch anders auf, also live: einer hat das Lead-Mikrofon und der andere singt gleichzeitig ins Background-Mikrofon.

Sind die Alben generell live aufgenommen?

Max: Ja. Zuerst die Instrumente, dann die Vocals. Und danach noch wenige Overdubs. Wir haben vielleicht bei fünf Songs auf „Out“ Overdubs.

Julian: Aber schon viel mehr als früher.
*zu Max* Bei „Fun“ hatten wir aber mehr Gitarrenoverdubs, die hast Du noch mal komplett eingespielt…

Auf „Out“ spielt der Bass eine viel prominentere Rolle.

Max: Der Bass ist auf jeden Fall zentraler, als das bei anderen Bands normalerweise der Fall ist. Es geht eben nicht darum, dass der Bass das Fundament legt und die Gitarren darüber spielt, sondern dass Bass und Gitarren miteinander Harmonien spielen, dass alles ineinander greift.

Ihr macht ja auch noch neben den Nerven viel mit anderen Bands. Kevin, du spielst ja auch noch in Karies. Das ist wahrscheinlich das Bekannteste aller Nebenprojekte.





Kevin Kuhn (Schlagzeug): Karies hat wahrscheinlich die meiste Presse bekommen. Aber innerhalb von Stuttgart ist Karies beispielsweise aber gar nicht so bekannt. Es ist relativ.

Da ihr die Nerven-Songs zusammen „erspielt“, stellt sich die Frage dann eh nicht, was ihr fürs Hauptprojekt und was für die Nebenband nehmt?

Julian: Ich habe wahrscheinlich die meisten Nebenprojekte, aber alles ganz klein – in die möchte ich auch gar nicht viel Zeit investieren. Das sind dann eben die Stücke, die ich allein schreibe und schnell schnell aufnehme.

Max: Es gibt eigentlich nur eine Ausnahme, „Girlanden“ war eigentlich ein Solo-Demo von Julian. Wir hatten einmal diskutiert einen Peter Muffin – Song für die Nerven aufzunehmen…

Julian: …ja, aber das wollt ich nicht, den hab ich ja nicht „freigegeben“! *lacht*

Max: Da ich mit den Nerven soviel unterwegs bin, habe ich einfach meine Leerstellen mit meinem Nebenprojekt „All Die Gewalt“ gefüllt. Und dadurch ist es fast das Gegenteil der Nerven geworden, weil ich – wenn ich dann allein zuhause in meinem Zimmer saß – natürlich keine Lust mehr hatte, einen Nerven-Sound zu machen, sondern das Gegenteil.

Es gibt die „Wohnstadt Stuttgart“ – Compilation und andere Stuttgarter Punkbands wie Human Abfall – aus der Berliner Sicht wird Stuttgart ja immer als extrem cleanes und konservatives Eck wahrgenommen. Ist es so, dass das als Gegenreaktion wiederum harsche Musik befördert?

Max: Stuttgart ist überhaupt nicht so clean. Es hat so viele Baustellen, die schlechteste Luft in Europa. Ich wohne direkt an der luftverschmutztesten Straße Europas.

Julian: Als wir angefangen haben, wollten wir schon einen Gegenpol zur Stuttgarter Musiklandschaft bilden. Es gibt zwar viele Bands in der Region, aber alle sind seltsam, haben überhaupt nichts mit Popkultur am Hut, überhaupt muss man sagen, dass Popkultur in Stuttgart einfach nicht stattfindet.

Kevin: Popkultur ist natürlich auch ein weites Feld. Denn die dicken, fetten Rockacts, die laufen in Stuttgart besser als in Berlin.

Julian: Klar, 30 Seconds To Mars verkauft alles aus. Oder Santana. Classic Pop und Rock. Ich habe mal einen Artikel gelesen, dass Lenny Kravitz beispielsweise in Stuttgart doppelt so viele Tickets wie in Berlin verkauft hat.

Max: Aber um auf die Frage zurückzukommen, ich glaube schon, dass man sich an Stuttgart gut reiben kann, was natürlich inspirierend wirkt. Stuttgart ist langweilig und wird langweiliger. Alles verschwindet, alles wird weniger.

Euer Live-Sound ist immer sehr beeindruckend. Eine Soundwand, die auf einen herunterstürzt. Gerade Du, Max, wirkst ja manchmal wie von Sinnen, fast schon weggetreten. Singst Du Dich in so einen Zustand hinein oder ist es doch ein Act, den du auf die Bühne bringst?

Max: Viele Leute würden sehr viel Geld ausgegeben für die Droge, die das gleiche Gefühl erzeugt, das ich habe, wenn ich auf der Bühne stehe. Es passiert einfach, da ist wirklich gar nichts gespielt.

Ich habe Euch hier in Berlin im Monarch gesehen…

Julian: Monarch in 2012 war unsere erste Berlin-Show.

Kevin: Das war auch praktisch die erste Show außerhalb von Stuttgart oder zumindest außerhalb von Süddeutschland.

Bei der Intensität, die die Show hatte, konnte man schon Angst bekommen, ob das für Euch noch gesund sein kann.

Max: Ob das gesund ist? Nein, auf keinen Fall! *lach*
Hast Du uns seitdem nicht mehr gesehen?

Doch, zum Beispiel zuletzt auf dem Reeperbahnfestival im vergangenen Jahr.

Max: Aber ist das nicht ein Unterschied wie Tag und Nacht? Damals konnten wir doch eigentlich noch gar nichts, wenn ich so darüber nachdenke. Wir haben aber im Monarch immerhin zum ersten Mal einen Song auf 15 Minuten gedehnt und immer nur einen Ton gespielt…

Textlich seid ihr durchaus eher schwieriger zu greifen. Trümmer beispielsweise werden gern explizit politisch, Human Abfall setze eine Art aggressiven Dadaismus ein.

Max: Human Abfall spielen eher aggressives Beamtendeutsch!

Julian: Ich habe den Messi (Human Abfall Sänger) für meine Bachelor-Arbeit interviewt und wir haben dafür über Liedtexte gesprochen. Es heißt ja immer, „auf deutsch kann man nicht über Liebe singen“, aber man kann eben sehr gut über „Aktenablage“ und „Baupläne“ singen – und das beschreibt eigentlich Human Abfalls Art zu texten am Besten.


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Worüber war denn deine Bachelor-Arbeit, wenn du darin Human Abfall – Texte behandelt hast?

Julian: Ich habe über die deutschsprachige Musikszene geschrieben, habe Paul von Trümmer, sowie Human Abfall und Candelilla interviewt.

Empfindet ihr euch selbst als politisch in Euren Texten?


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Julian: Das werden wir tatsächlich häufiger gefragt. Auf einer Skala sag ich ja 2 von 10 und Max 8 von 10.

Max: Es ist nichts verkehrt daran, wenn man unsere Texte politisch interpretiert.

Julian: …aber es ist dabei privat, es spricht mehr das privat-politische Gefühl an und gilt deshalb universeller. Du sollst Dich damit identifizieren können, aber der Song soll dabei zeitlos bleiben.

Max: Die Ebene weiter sozusagen. Da ist der Mensch und hier die Politik. Wir wollen nicht Texte über die Politik schreiben. Es gibt den Menschen, es gibt die Politik und dann wiederum die Spiegelung auf den Menschen zurück. Das würde ich auch nicht zwingend als politisch bezeichnen, sondern als Resultat dessen, was gesellschaftlich relevant ist – aber eben gespiegelt zurück auf das Individuum. Ich glaube nicht an Personengruppen, ich glaube nicht an Versammlungen, ich glaube nicht an Vereiningungen – ich glaube an Empfindungen. An Dinge, die man spüren kann. Deshalb ist politisch für mich der falsche Begriff.

Eure Texte fühlen sich politisch relevant an, aber man kann nicht sagen warum.
Das ist, glaube ich, das Faszinierende an Euren Texten.


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Ein Gegensatz dazu wäre jetzt beispielsweise „Revolte“ von Trümmer, das ja sehr explizit eine politische Utopie formuliert. In diese Richtung wollt ihr aber explizit nicht gehen?

Julian: Wir würden es nicht wollen, so zu texten. Wir möchten uns eine Deutungsoffenheit in unseren Texten bewahren.
Wir haben aber sicher nichts dagegen, wenn uns jemand politisch versteht.



Das – erneut hervorragende – neue Album „Out“ der Nerven ist bereits erschienen.
Die Band befindet sich noch auf Tour:

08.12.15 Bremen – Lagerhaus
09.12.15 Groningen (NL) – Vera
10.12.15 Tilburg (NL) – Stadtwacht Extase
11.12.15 Hengelo (NL) – Metropol
12.12.15 Brussels (B) – AB Club
13.12.15 Essen – Weststadthalle
14.12.15 Köln – Gebäude 9
15.12.15 Weinheim – Cafe Central
16.12.15 Stuttgart – Universum
– wird im neuen Jahr fortgesetzt.


Ankündigung in eigener Sache:

2015-12-08 12_13_25-8mm7Nov1.docx - Microsoft Word