30.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert schwach in südwestlicher Richtung.
Neben dem Eingang zum Markt, man muß an ihm vorbei, wenn man den Einkaufswagen holt oder abgibt und den Euro aus dem Kettenschlitten nimmt – also an strategisch günstiger Stelle –, steht unser Bettler. Ich sage »unser Bettler«, weil wir uns in Marokko angewöhnt hatten, jeden Morgen immer demselben Mann einen Dirham zu geben. Es war ein Krüppel, der auf einem Holzbrett mit vier kleinen Rollen hockte, das Brett ähnelte einem Transportroller für Möbel. Der winzige Kerl bewegte sich, trotz seiner Behinderung, mit erstaunlicher Schnelligkeit und Geschicklichkeit auf dem Gefährt. Rund um den Djemma-el-Fna gab es viele blinde, taube, aber auch körperlich unversehrte Bettler. Erstaunlich war das Informationssystem dieser Gilde. Wenn man einem etwas gegeben hatte, versuchte es kein anderer mehr bei dir. Wie sie sich verständigten, weiß ich nicht. Aber die Einheimischen waren ebenfalls an dieses Ritual gewöhnt und beherzigten die tägliche… weiter lesen
28.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
Gestern im Café im Volkspark Schöneberg am goldenen Hirsch. Wir saßen mit Freunden zusammen, Peter und Uwe redeten mit Jörg über die Marbacher Verliese. Ich sprach mit Claudia, einer Französischlehrerin, die mit Peter verheiratet ist, über den Fall Özdamar und Zaimoglu. Die Sonne schien und ein leichter Wind wehte sacht die weißen Wollsamen der Bäume vom Boden auf. Eins dieser Büschel setzte sich auf Claudias Dekolleté, sie trug ein leichtes Kleid aus Organza. »Du hast da Samen«, sagte ich. »Ach«, lächelte sie, »und wischte die weiße Wolle von der Brust, »ich hätte gern mal wieder ganz anderen Samen. Ich bin jetzt fast fünfzig und habe das Gefühl, irgendwann werde ich achtzig und hatte nicht mal mehr einen Liebhaber …« »Das ist interessant«, unterbrach ich sie, »laß uns darüber mal reden.« »Nein, nicht jetzt, ich möchte nicht, daß Peter es hört.« Wie aufs Stichwort wandte… weiter lesen
27.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert schwach in östlicher Richtung.
Daß jetzt ausgerechnet Klaus Theweleit »wir« sagt wie einst Franz Beckenbauer, ist fast so abstoßend wie Frauen, die sich in Fahnen wickeln.
(BK / JS)
26.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert in nordwestlicher Richtung.
Telefonat mit P., der sich über den flatternden Bär in unserem Blog wundert. Er hatte gedacht, wir meinen damit Bruno, dabei flattert unser Bär doch auf dem Schöneberger Rathaus. Jeden Morgen, bevor wir bloggen, stehen Barbara und ich auf der Dachterrasse und gucken, in welcher Richtung die Fahne flattert. Bei dieser Gelegenheit spricht P. von Brunos Wanderbewegung, und mir fällt ein, daß die Wanderkarte des Bären mit den Plätzen, wo er Schafe gerissen, Abfalleimer durchwühlt, Bienenstöcke geknackt und Leute erschreckt hat, sehr an die Lettristen erinnert, speziell an Isidore Isous ›Geistige Entwicklung der Poesie‹.
(JS)

25.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert schwach in nordwestlicher Richtung.
Es muß mal gesagt werden und besser als Hotte Tomayer in einem seiner berühmten wundersamen Faxe, welches uns soeben erreichte, kann man es nicht sagen:
Der Alkohol löst die Zunge
Und die Fesseln der Scham je nachdem
Doch nie wird der Alkohol lösen
Das Alkoholproblem
(HT/BK/JS)
24.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert heute nicht.
Ein paar Blocks vom Bundesplatz, in der Wexstraße, gibt es die ›Entenklinik‹, eine Citroen-Werkstatt mit Laden. Vor dem Haus und im Hof stehen immer ein paar Deuxchevaux. Jeder, der schon in den Fünfzigern und Sechzigern gelebt hat, empfindet ja eine gewisse Liebe zu solchen Enten, Käfern oder R4-Kisten. Aber irgendwann hatte ich dann alles betrachtet, was dort an antiquarischem technischem Gerümpel im Schaufenster lag und sah nicht mehr hin. Doch gestern, als wir wieder daran vorbeigingen, rief Barbara: »Hast du das gesehen? Ich fasse es nicht! Das sind Voodoo-Puppen!« Tatsächlich lagen dort Puppen, die aussehen wie solche für Kleinkinder. Sie sind etwa zwanzig Zentimeter groß, mit Sand gefüllt und tragen Fußballtrikots. Du kaufst dir die Puppe mit dem Trikot der Nation, deren Mannschaft verlieren soll. Vor dem Spiel Deutschland gegen Schweden kauft der nationalbewußte deutsche Hexer eine Schwedenpuppe, sitzt vor dem Fernseher und sticht Henrik… weiter lesen
23.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert schwach in östlicher Richtung.
Die schönste Schote in der Handke-Sache platzte gerade im Tagesspiegel, Alexander Gauland ließ sie platzen: »Dabei sind das Schreiben Handkes wie der ›Anschwellende Boxgesang‹ von Botho Strauß neben der ›Blechtrommel‹ von Günter Grass die letzten Überreste jener deutschen literarischen Leitkultur, von der bald niemand mehr wissen wird, was sie denn sei …« Wie recht der Mann hat, inklusive Synapsenfehler! Da wollen wir nicht abseits stehen und erlauben uns die folgende sommerliche Reminiszenz:
Und nun geschah das Sonderbarste, was ich während dieser Petrarca-Preis-Verleihung sah. Die Leute pflückten Lavendel, der Porträt des toten Dichters Rolf Dieter Brinkmann auf der Spanplatte wurde vom ZDF an die provenzalische Mauer gelehnt und abgefilmt. Genau die Atmosphäre, über die Brinkmann sich zu Lebzeiten schreibend ausgeätzt hätte, über dieses Lämmeressen, den Lorbeermuff, die Witwe … na ja, und die Tischreden. Ich war beim Sonderbaren, ach so, die Lavendelwiese – alles verteilte sich, da sehe ich diesen unglücklichen Handke, wie er auf einem leichten Hang Kobolz schießt. Im Turnsport nennt man das ja wohl ›Rolle vorwärts‹. Macht doch dieser Fiti tatsächlich drei unbeholfene Rollen auf einer Lavendelwiese. Das mußt du dir einmal vorstellen: Einer, der es nicht kann, jemand, der nicht fröhlich ist, der ein Erwachsener ist, der Schriftsteller ist und obendrein einer, der Handke heißt, im Lavendel mit drei, vier mißratenen Rollen nach vorn! … weiter lesen
22.06.2006 von Schröder & Kalender
Der Bär flattert meist schwach bis mäßig in nordöstlichen Richtungen.
Ist ja klar, daß die Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lieber einschlägige intime Etablissements wie Prestige, Liberty oder Venus besprechen würden, weil »Sex sells« noch immer gilt, und außerdem der Matratzensport mehr Spaß macht als die Vermessung der Welt. Auch fiele bei der Verfassung solcher Rezensionen der eine oder andere Stich ab – auf Presseausweis versteht sich. Das aber würde die Herausgeber in Frankfurt nicht amüsieren. Was tun?
Es gibt in Schöneberg einen Tantra-Puff, den Saranam Ludvik Mann betreibt. Unter der Überschrift »Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Wie Heinrich Manns Enkel das Werk seines Opas in einem Tantra-Sex-Studio fortsetzt« erzählt nun die BUNTE … äh, Verzeihung, FAS-Redakteurin Uta Rünauver, was der Enkel sagt: »Unser Modell sind die Bonobo-Äffchen, die sich sehr viel Zärtlichkeit geben und den ganzen Tag über Sex haben.« Und als er das Interview nach einer… weiter lesen