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vonMesut Bayraktar 21.09.2017

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

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Welche Rolle spielt die Bühne in den Wahlprogrammen, welche Perspektiven versprechen sie der Schauspielkunst, und was hat Shakespeare mit der Wahl zu tun – Eine kleine Suche

Der Beginn der neuen Spielzeit fällt dieses Jahr mit der Bundestagswahl zusammen. Dies zum Anlass genommen hat das Magazin „Theater der Zeit“ in seiner aktuellen Ausgabe Nr. 9 die „Gelegenheit“ gefunden, „das Verhältnis von Theater und Politik genauer in den Blick zu nehmen und kritisch zu befragen.“ Dabei ist die Ausgangsfrage der Redaktion: „Kann man angesichts der Erfolge rechtspopulistischer Parteien von einer Krise der Demokratie sprechen? Oder täuscht nicht die Ausrufung der Krisen aller Teilbereiche der Gesellschaft über den großen krisenhaften Zusammenhang der kapitalistischen Weltgesellschaft hinweg?“ Ich stünde mit gutem Grund auf der Seite der zweiten These, aber dazu ein anderes Mal. Namhafte Theatermacher wie u.a. Andres Veiel, Hasko Weber und Sasha Marianna Salzmann machen Vorschläge und weisen auf interessante Aspekte hin. Das massive Jahrbuch von „Theater heute“, das seinen Namen als „Buch“ verdient, trägt die Überschrift „Der ideale Staat“, was nicht grundlos an Platons Politea erinnert, versuchen doch die Autoren wie die Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters Shermin Langhoff auf einer metaphysischen Tabula rasa Staat und Gesellschaft neu zu denken, um utopische Fluchtpunkte zu öffnen, die Bewusstseinsverengungen sprengen sollen. Im Kulturmonopol des Kapitalismus ist ein solch utopischer Idealismus sicher verzeihlich, zumal wir uns in einer ziemlich reaktionären Epoche befinden. Auf diese Fragestellungen werde ich jedoch erst die kommenden Wochen was schreiben. Ich habe mir mal hingegen die Zeit genommen, in den Wahlprogrammen der Parteien nach dem Begriff „Theater“ zu suchen und, sofern ich fündig wurde, zusammenzustellen, was die Parteien für das Theater und allgemein für Kultur bzw. Kulturförderung zu bieten haben.

„Denn wovon lebt“ – das Theater?

Nach dem Grundgesetz obliegt die Finanzierung von Theaterhäusern den Ländern und Gemeinden. Dabei spricht man vom sog. „Kulturföderalismus.“ Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Kulturbetriebs hat vier Säulen: 1. Erlöse (z. B. durch den Verkauf von Theaterkarten), 2. Einnahmen aus betriebsnahen Strukturen (z. B. durch Fördervereine oder Stiftungen), 3. Einnahmen von privater Seite sowie 4. kommunale Zuschüsse (z. B. durch Fehlbedarfsfinanzierung). Wie aber jedem bekannt sein dürfte, ersticken viele Gemeinden in horrenden Schulden, und die Länder sind auch nicht besser dran. Nach der Agenda der neoliberalen Austeritätspolitik heißt das, wie uns Schwarz-Null-Schäubles Aushungerungsaskese in der Europäischen Union zeigt, sparen. Für Gemeinden und Länder mündet diese Logik vor allem und zunächst in der massiven Kürzung von staatlicher Kulturförderung, d.h. Sparen beginnt mit der Kürzung des Kulturetats. Das hat nicht nur zu maroden Strukturen im Kulturbetrieb geführt, wozu auch die schlechten Arbeitsbedingungen von Künstlern gehören, sondern heizt zusätzlich eine brutale Konkurrenzsituation in der Kultur an, was endlich auch zu Schließungen von Theaterhäusern führen kann. Der Kapitalismus verhandelt nicht mit Kultur, er macht sie zur Ware, d.h. nach Adorno zur Kulturindustrie. Ich selbst komme aus Wuppertal, eine exemplarische Gemeinde mit hoher Verschuldung, und habe erlebt wie das Schauspielhaus Wuppertal, das weltweit für das Tanztheater Pina Bausch stand, systematisch stillgelegt wurde. Kurz, ohne staatliche Subvention wird Theaterhäusern das Genick gebrochen. Erlöse durch den Verkauf von Theaterkarten stemmen allenfalls die Kosten für den Kavier und Champagner der Abonnenten in der ersten Reihe. Daher sind die Länder und die Gemeinden außerordentlich vom Kurs und Wohlwollen der Bundesregierung abhängig.

Welche Parteien gehen gerne ins Theater?

CDU/CSU: Unter der ziemlich sachlichen Überschrift „Kultur und Medien“ des staatsmännisch apostrophierten „Regierungsprogramm(s): Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ stellen die Christdemokraten fest, dass „Deutschland das Land mit der höchsten Dichte an Theatern (usw.) … weltweit ist.“ Ein Satz weiter steht: „Um diesen Reichtum zu sichern, stärken wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen für künstlerisches Schaffen.“ Was das konkret bedeutet, bleibt natürlich im Sinne Merkel’scher Anästhesie aus. Man wird vergeblich nach konkreten Vorschlägen für die Stärkung der Lebens- und Arbeitsbedingungen suchen. Im Grunde genommen soll es so bleiben, wie es ist. Denn bereits im nächsten Absatz, wo das „großartige Erbe“ der „Kulturnation Deutschland“ gehuldigt wird, endet schon wieder der Abschnitt „Kultur und Medien.“
Das Wort „Theater“ kommt nur 1xMal vor.

SPD: Bei den Sozialdemokraten wird man etwas fündiger. „Wir machen uns für Mindestvergütungen und Ausstellungsvergütungen stark und prüfen die Einführung eines Künstlergemeinschaftsrechts.“ Was heißt aber Künstlergemeinschaftsrecht? Es ist im Grunde genommen eine Ergänzung des Urheberrechts, womit die Nutzung gemeinfreier (nicht mehr geschützter) Werke und Darbietungen mit einem Vergütungsanspruch nachfolgender Künstlergenerationen verbunden sein soll, damit der Verdienst erst posthum wertvoll gewordener Kunstwerke ihren verstorbenen Urhebern zuteil wird (z.B. Van Gogh, der zu Lebzeiten nur ein Gemälde verkaufen konnte). Das Theater betrifft es wenig. Außerdem wollen die Sozialdemokraten die „Solo-Selbstständige(n) möglichst umfassend in die verschiedenen Zweige der gesetzlichen Sozialversicherung einbinden.“ – also die Freie Szene ist angesprochen. Der Wille ist richtig, aber das Problem ist nur, dass man auch genug verdienen muss, damit die Gebührenpflicht nicht weiter verarmt. Im Übrigen will man, was man bis heute nicht geschafft hat, „Kultur für alle: Wir ermöglichen Kultur unabhängig von Geldbeutel, Schulabschluss, Alter, Geschlecht oder Herkunft.“ Da würden jetzt aber viele protestieren – Kultur ist nach wie vor ein Minderheitenprivileg der Wohlständigen.
Das Wort „Theater“ kommt nur 1xMal vor.

Die LINKE: Die Linken sind die Einzigen, die weniger Sand in die Augen mit nichtssagenden Huldigungen streuen und bereits in der Einführung ihres Wahlprogramms „Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle.“ die maroden Strukturen namentlich auch im Theater und die kommunale Haushaltsnotlage, die zur Schließung kultureller Einrichtungen führt, benennen. Ihre sozialpolitische Forderung geht weit über die der Sozialdemokraten hinaus: „Wir wollen die Vergabe öffentlicher Fördermittel an eine gute, existenzsichernde Vergütung, gute Arbeitsbedingungen und Gendergerechtigkeit koppeln. Wir streiten für branchenspezifische Mindesthonorare und Ausstellungshonorare für bildende Künstlerinnen und Künstler.“ Und dann findet man eine zentrale Formulierung, die ein äußerst wichtiges und zeitgenössisches Problem in der Theaterlandschaft betrifft und von Sachkenntnis zeugt: „Wir unterstützen den Erhalt von Ensemble-Theatern, damit Theater konstante politische Akteure in der Stadtgesellschaft bleiben können.“ Hier setzt man sich mit Theater auseinander und weiß, dass (zumindest in der Theorie) das Ensemble-Theater ein kollektives Bollwerk gegen die neoliberale Besatzung ist. Im Übrigen wird ergänzt, dass „der Eintritt in Museen, Theater, Konzerte für Kinder und Jugendliche kostenlos sein (soll).“
Das Wort „Theater“ kommt 6xMal, mehr als bei allen anderen, vor.

FDP: Bei der One-Man-Show-Partei alias Lindner-Partei sucht man vergeblich nach dem Stichwort „Theater.“ Hier will man mit Theater anscheinend nichts zu schaffen haben. Viel ist die Rede über eine „Gründerkultur“, doch der Tenor in Bezug auf Kunst und Theater entspricht dem realitätsfremden Credo des Marktfundamentalismus: die freien Kräfte des Verwertungsimperativs, (d.h. die freien Kapitalisten) des Marktes werden es regeln. Über Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung von Künstlern findet man kein Wort. Beiläufig streben die Marktfundamentalisten „die Festschreibung eines Anteils von zehn Prozent des jährlichen Budgets öffentlicher und öffentlich geforderter Kulturorganisationen für kulturelle Bildung an.“ Ist hiermit auch Theater erfasst?
Das Wort „Theater“ kommt gar nicht vor.

GRÜNE: Im Wahlprogramm der Grünen „Zukunft wird aus Mut gemacht“ muss man leider feststellen, dass wenig Mut zur Theaterzukunft zu finden ist. Man liest beispielsweise eine Floskel wie: „Eine partizipatorische und transparente öffentliche Kulturförderung ist für uns ein entscheidender Träger kultureller Entwicklungsmöglichkeiten.“ Und wenn es zu den konkreten Arbeitsbedingungen kommt, findet man dasselbe wie im Programm der Sozialdemokraten: „Künstler/innen und Kulturschaffende brauchen eine stabile soziale Absicherung und verbesserte Verdienstmöglichkeiten durch Mindestlöhne und Honoraruntergrenzen, die unter anderem in öffentlichen Förderprogrammen verankert werden müssen.“
Immerhin taucht das Wort „Theater“ 4xmal auf, allerdings meist als Zierde im abstrakten Zusammenhang zur gesellschaftlichen Pluralität.

AfD: Zur Überraschung findet man das Wörtchen „Theater“ im „Programm für Deutschland“ des Konglomerats aus Rechtsradikalen und Nationalkonservativen im Abschnitt „Verkehr“ und dort im Zusammenhang eines Konjunkturprogramms für Infrastruktur. Im Anschluss daran wird im „Einzelnen“ dieses Programm zerlegt. „Theater“ wird darin nicht aufgeführt, sodass die Erwähnung dieses Gesellschaftsinstituts sich nur als Augenwischerei erweist. Im Abschnitt „Kultur und Medien“ macht man deutlich, dass man für eine „deutsche Leitkultur“ eintritt und „Multikulturalismus“ als „Nicht-Kultur“ und „Ideologie“ verneint. Im Übrigen hat, wie Shermin Langhoff vom Maxim-Gorki-Theater sagt, der Kulturpolitische Sprecher der AfD schon angekündigt, im Falle eines Wahlsieges das Maxim-Gorki als „Beispiel für Multikulti-Ideologien“ zu schließen. Anschließend wird in Spenglerischer Manier ein „Kulturkampf“ im „Abendland“ mit dem „Islam als Heilslehre“ konstatiert, worin die „deutsche kulturelle Identität“ geschützt werden muss. Man will „Ideologiebesetzte kulturpolitische Vorgaben des Staates beseitigen“, ich aber frage mich, ob „deutsche kulturelle Identität“ nicht selbst eine wahnwitzige Ideologie ist, die letztlich im Ethnozentrismus, kurz Rassismus mündet. So sind die Rechten: unzählige (auch selbst konstruierte) Widersprüche werden mit dem Allheilmittel Nationales Bügeleisenprinzip weggemacht. Nebenbei hat Gaulands jüngste Volksverhetzung, indem er fordert, „auch stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten während des II. Weltkrieges (zu) sein“ bereits im Wahlprogramm Niederschlag: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiv identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.“
Das Wort „Theater“ kommt nur 1xmal vor.

Resümee: Welche Parteien nun wirklich gerne ins Theater gehen, können die Leser selbst beantworten.

Theater und Gesellschaft

„Wir brauchen ein Wissen um unsere Gesellschaftlichkeit“, schreibt der Theatermacher Andreas Veiel in der aktuellen Ausgabe von „Theater der Zeit“, und dieses Wissen, kann man hinzufügen, ist kultureller Natur. Jede gute Politik muss am Ende ein Mehr an Kultur zur Konsequenz haben. Das hat uns bereits Perikles vor drei Jahrtausenden bewiesen, der mit der Polis inmitten der historischen Umstände die Bedingungen schuf, unter denen die drei großen Tragödiendichter und in deren Gefolge die Komödiendichter geboren wurden. Sie beeinflussen Theater und Kunst bis heute. Das Theater ist so was wie das Institut der kulturellen Avantgarde der Gesellschaft. Die Freiheit des Theaters bemisst sich seit jeher nach dem Grad der Freiheit der Gesellschaft, in der sie schafft. Als Avantgarde kann das Theater Vorstöße in diese Richtung machen, zieht aber die Gesellschaft nicht mit, muss sich das Theater wieder zur Gesellschaft zurückziehen. Das erleben wir heute. Das bedeutet aber für das Theater, dass sie, indem sie für die Freiheit der Gesellschaft eintritt, für ihre eigene Freiheit kämpft. Denn ebenso wie die Lohnabhängigen die Krisen des Kapitalismus ausbaden müssen, muss das Theater Kürzungen etc. bei Krisen des Kapitalismus hinnehmen. In diesem Sinne ist das Theater auch „ein“ Lohnabhängiger. Beide, Gesellschaft und Theater, befinden sich also in gleicher Lage. Sie sind gefangen in der Unfreiheit, die die Freiheit Weniger konserviert. Aber das Theater besitzt eine metaphysische Bühne, die Raum und Zeit bricht, in der gesellschaftlichen Weltbühne, die in Raum und Zeit verharrt. Shakespeare hat das in „Hamlet“ erstmalig ausgesprochen, dass nämlich die Schuldwahrheit erst auf der Bühne, die in der Bühne steht, sichtbar wird. Die Theaterbühne in der Weltbühne entfaltet so eine Phänomenologie der Spiegelungen, die mit schöpferischer Kreativität genutzt werden kann, Gesellschaft und Theater auf Wege zu ihrer Freiheit hinzuweisen. Denn „das Schauspiel sei die Schlinge.“

Was mich betrifft, gehe ich auch wählen, möglichst im Sinne sozialer Freiheit – auch wenn ich die Gewissheit habe, dass mit angekreuzten Stimmzettel, die alle vier Jahre abgegeben werden, nicht die klassengeteilte Gesellschaft überwunden wird.

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