vonMesut Bayraktar 04.07.2018

Stil-Bruch

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Warum geht meine Generation scharenweise in die Klubs? Sind sie Einrichtungen gelebter Kulturindustrie oder, wie zu ihrer Entstehungszeit, Orte stilbrechender Freiheit? – Über Körper, Gesten, Tanz und Macht.

1.

Bunte Lichtstrahlen schlagen sich durch eine vernebelte Dunkelheit. Stampfende Bässe jagen durch Raum und Zeit, bis sie im Ohr trommeln und jeden Laut des Geistes zerschlagen. Eine geordnete Anarchie regiert, um die anarchische Ordnung außerhalb des Klubs zu parodieren. Kreatürliche Körper, die Menschen zum Verwechseln ähnlich sehen, verdrehen ihre Gelenke und schwingen ihre Gliedmaßen, auf die jedes Tier mit Neid schielen würde, wenn es aus seiner Natur springen könnte, wie jemand aus der Natur Herausgefallener.

Um einen herum gürtet sich eine Biomasse von schwitzenden, gehetzten, vergifteten Körpern, die als Chor der Geistlosigkeit figurieren, um den Geist eines Chors zu verhöhnen. Es wird gelacht, geraucht, geleckt, gegrabscht und gesoffen. Da steht man nun vor der Wahl, nüchtern, bei Verstand, der Besinnungslosigkeit überdrüssig: soll ich gehen oder soll ich mich fallen lassen? So oder so: man bleibt Gefangener seiner Einsamkeit.

2.

Welchem jungen Menschen ist diese Situation nicht bekannt, die in Berlin, München, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Hamburg oder sonst wo eintritt? An diesem Widerspruch, wenn man sich in einer solcher Klubs als Gefangener seiner Einsamkeit befindet, kann man eigentlich nur verbittern oder sich frustrieren, bis der Frust zu Verachtung und Hass umschlägt, ohne dabei auch nur zu merken, Opfer eines Oberflächenphänomens zu sein. Denn Verbitterung und Frust stellen keine Fragen; sie antworten auf die Fraglosigkeit.

Ich möchte mich fragen – fragen, warum meine Generation scharenweise den Weg zum sinnlichen Sumpf industrialisierter Bacchustempel sucht, wo eine geistige Ausrottung stattfindet, die emotional zerklüftet, und wo unterdrückte Energien verschwenderisch entladen werden, obwohl sie produktiv-schöpferisch kanalisiert werden könnten.

3.

Das Selbst drückt sich durch den Körper aus, der im Raum dreidimensional wird. Was passiert also mit diesem Körper im Klub: er entriegelt sich durch den Tanz, der ein zweckloser Schlusspunkt von überwundenen Hemmungen, Verlegenheiten und Beschämungen ist, die die Klassenverhältnisse wie Nieten, Schrauben und Scharnieren in die Körper schweißen. Doch so, im Tanz und im Rausch triebregender Musik, befreit sich der Körper von mechanischen Gesten, aus denen im Alltag das Echo der Macht spricht. Alltagsgesten sind mikrophysische Zeichen der Macht, Zeichen, die den Körper erobern, damit die Macht sich verkörperlicht. So fängt die Macht die archaischen Bewegungen der Körper auf, unterwirft sie ihrer Disziplin, um sie in ihrer Ordnung einzureihen und gefangen zu halten – vom Wohnungsort über die Einrichtung der Wohnung sowie über die Straßen und bis hin zum Arbeitsplatz und dem Raum der Freizeitauslebung.

Das ist das physiologische Prinzip von der Herrschaft der Macht. Sie gibt vor, wie der Körper sich zu bewegen hat, damit sie sich selbst bewegen kann. Sie regiert nicht mit Zuckerbrot und Peitsche, wie ehedem, sie beherrscht die Gesten der Körper, um Körper der Gesten zu werden. Gesten im Alltag sind Gesten der Macht. Durch sie hindurch kommunizieren nicht Menschen miteinander, sondern unmittelbar die Macht mit sich selbst. Die menschliche Begegnung findet dabei allenfalls mittelbar statt, im Hintertreffen. Die Macht okkupiert den Körper des Menschen, sodass die Macht Körper wird. Der Körper ist vom Belagerungszustand besetzt.

4.

Diese Gesten des Alltags, so ahnt es der Körper selbst, sind körperfeindliche Gesten, die bis ins Kleinste den Körper zu fesseln und seine Kräfte zu bändigen suchen, um sie zweckmäßig in der Logik der Kapitalakkumulation zu verwenden; daher die Entfesselung des Körpers im Klub, wenn er tanzt. Hier fühlt der Körper sich frei, frei vom Wertgesetz des Kapitals. Hier darf der Körper, ein komplexer Apparat von Gesten, sich sprichwörtlich gehen lassen. Hier tritt der Körper aus der Mechanik des Alltags heraus und findet zu sich. Im Tanzen erlebt der Körper sich selbst. So ist der Gebrauchswert vom Tanz – existentiell gesehen – nichts anderes als das Selbsterlebnis des Körpers, worin der Körper sich vom Echo der Macht entronnen dünkt. In diesem Sinn muss man noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

Aber die Macht ist raffiniert: sie lässt den Klub zu, damit der Körper einen Raum seiner Selbstbegegnung hat, um den tanzenden Stern zu neutralisieren, der im Raum der Macht eine Gefahr darstellen würde. Ansonsten müsste sie die Körper versklaven; stattdessen besänftigt sie die Körper, um sie für den Tauschwert zu verwenden. Der tanzende Stern in einem, die schöpferische Körperkraft, wird zum arbeitenden Stern außer einem, zur ausgebeuteten Arbeitskraft. Im Klub darf der Körper aufatmen, eben deshalb, damit der Geist um so gründlicher erwürgt wird. Im Antlitz tanzender Körper zeigt sich ein Heimweh nach Freiheit, das in den Klubs mit dem Siegel der Heimatlosigkeit erdrosselt wird.

5.

Der Körper, dessen Motorik im Alltag durch die Motorisierung der Macht ersetzt wird, ist in der Klassengewalt der Verhältnisse seiner archaischen Dynamik beraubt. Statt Gesten des Selbstausdrucks zu erfinden, nimmt er die Gesten der Macht an. Er soll ausdrücken, was er nicht ist, damit die Macht sein kann, was sie nicht ist. Darin vollzieht sich seine Entfremdung; der Körper ist nicht Ausdruck des Selbst, er ist Ausdruck eines Anderen. Er wird in Beschlag genommen, er wird Besitz der Klassenherrschaft. Im Klub darf aber seine archaische Dynamik in Momenten der Entriegelung ausbrechen.

Daher suchen viele junge Menschen, vor allem aus der Arbeiterklasse, die besonders dem ökonomischen Druck des Kapitals in Familie, Schule, Ausbildung und Arbeit, also in der Reproduktion und Produktion der materiellen Grundlage der Gesellschaft, nach fünf bis sechs Tagen des monotonen Produktionszwangs den Weg zu den Klubs auf – den Einrichtungen gelebter Kulturindustrie. Dort dürfen sie sich zergehen, zerstreuen, wüten. Der Körper darf sich erholen, während der Geist sich vergisst. Die Entfremdung im Alltag wird mit der Entfremdung im Klub therapiert, um schließlich doppelt entfremdet zu sein. Doch was sagt das aus, warum geht meine Generation scharenweise in die Klubs? Nicht, wie es gemeinhin heißt, um die Macht zu vergessen, die im Alltag auf sie lauert, sondern um den Alltag zu erleiden, den die Macht über sie erhängt.

6.

Letztens war ich im Klub. Ich beobachtete die Leute, deren Sinne im Rausch vernebelt waren. Dabei fiel mir ein junger, schlanker Mann mit schwarzen Locken auf, der ein weißes Shirt trug, das über einer herkömmlichen Jeans flatterte. Er hatte ein glattes Gesicht, das unter den Augen und um den Mund bereits erste Anzeichen von Stress und vom Altern zeigte. Eine Bierflasche haltend, tanzte er in einem Winkel unter einer schallenden Musikbox. Dabei war er kein guter Tänzer, aber er kam sichtlich ins Schwitzen. Einige Strähnen legten sich wie Seetang auf seine Schläfen. Dann und wann unterhielt er sich mit Personen um sich herum. Als er aber in Bewegung kam, erkannte ich, dass sein Körper rebellierte; er rebellierte gegen die Mechanik der Macht im Alltag – ob bewusst oder unbewusst spielt dabei keine Rolle. Seine Gesten wurden authentisch.

Es waren Gesten, aus denen sein Selbst in die Welt sprang, um im nächsten Augenblick wieder im Körper zu verschwinden. Sein Lächeln verriet ihn. Irgendwann entdeckte ich ihn vor dem Eingang des Klubs, wo er neben mir eine Zigarette rauchte, ohne wahrzunehmen, dass ich ihn beobachtete. Dann sprach er mit einer Freundin. Ich lauschte ihnen und hörte dabei, dass er ihr, adrenalisiert von der Nacht, sagte: „Ich brauch solche Abende, sonst würde ich auf meinen Chef nicht klar kommen.“ Dieser >Chef< ist eines von vielen Agenten der Macht der Klassenherrschaft. Diesem will man entronnen sein und eben weil er ihm nicht entrinnen kann, braucht er einen Raum, der ihm den Schein eines Entronnen-Seins vorspielt. Nur so kann dieser junge Mann von vielleicht Mitte zwanzig die Beschädigungen durch den Alltag erleiden. Das ist aber nicht die Tragödie. Die Tragödie besteht darin, dass die Klubs, wo die Leidensfähigkeit von zur Warenproduktion dressierter Körper trainiert wird, Teil der Strategie der Klassenherrschaft sind. So wird der junge Mann wieder in die Hände seine Chefs fallen können, um auf ihn „klar zu kommen.“

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