vonMesut Bayraktar 14.05.2019

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

Mehr über diesen Blog

Ein lebendiges Schaf wird auf der Bühne von einem echten Schäfer geschoren. Gleichzeitig ist auf einer Riesenleinwand im Hintergrund die Schlachtung eines Schafes zu sehen, von dem kopfüber hängend Blut aus dem abgeschnittenen Hals schießt. Die Leinwand hat die Maße des Genter Altars von Hubert van Eyck und Jan van Eyck. Das Original vom Jahr 1432 bzw. 1435 verhandelt die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes.
Neben dem Schäfer erzählt auf der Bühne ein echter Vertriebener seine Flucht aus Afghanistan und seine ersten Tage in Gent. Auf der Leinwand wird er zum Märtyrer Christophorus. Adam und Eva finden ihren ersten säkularen Niederschlag in einem echten Paar, das sich zuvor auf der Bühne ausgezogen hat. Die zweite Säkularisierung von Adam und Eva erfolgt zum Schluss mit einem echten Iraner und einer echten Afrikanerin aus Ruanda. Beide fragen, was Heimat bedeutet und ahnen den Globalismus, der im Begriff der Heimat steckt. Sie ziehen sich aus und die Nacktheit verwandelt sie zu Adam und Eva. Auch liest eine echte Mutter einen Brief von ihrem Sohn vor, der nach Syrien ging, ein IS-Kämpfer wurde und schließlich in einer Silvesternacht starb. Diese Mutter, eine Muslimin, wird auf der Leinwand zur Mutter Maria. Nicht zuletzt wird ein echter Konfessionsloser zum Johannes dem Täufer und ein echter Mädchenchor zu singenden Engeln.

Begleitet werden die performativen Berichte von Genter Bürgern mit pathetischer Musik, um den emotionalen Abzugskanal des Publikums voll zu entriegeln. Dieses Gefühl nennt Milo Rau ein geschichtliches – warum, bleibt offen, da das geschichtliche Bewusstsein darin erstickt.

Das Scheren-Prinzip

Das Muster von Milo Raus »Lam Gods« ist plausibel. Es funktioniert durch eine doppelte Transformation. Reale Einzelne werden zu christlich-mythologischen Gestalten im Genter Altar transformiert. Umgekehrt transformieren sich diese Gestalten durch ihre Entheiligung in reale Einzelne. Damit will »Lam Gods« zeigen, dass die theologische Geschichte im Altar permanent wiederkehrt in der abendländischen Geschichte des profanen Lebens, bis heute. Zwei professionelle Schauspieler moderieren die lose nebeneinanderstehenden »rite des passages«, die Übergangsriten. Nach etwa eineinhalb Stunden ist die Nachstellung des Alters komplett. Dann spiegelt sich eine gesellschaftliche Pluralität ab, dessen widerspruchslose Einheit im Genter Altar fingiert wird – auf Kosten der widerspruchsvollen Einheit in der faktischen Klassengesellschaft, die damit verdeckt und unerfahrbar bleibt. Die Aufführung enthüllt sich als linksbürgerliche Bekehrung für linksbürgerliche Bekehrte, die ihren Liberalismus gegen den Konservatismus der rechtsbürgerlichen Schichten innerhalb derselben bürgerlichen Klasse in Stellung bringen.
Kein Wunder also, dass Szenen wie die beschriebenen auf die Gemüter der Klassengefährten drücken, die darin ein Skandal sehen. Zum Gewinner dieses Skandals wird Milo Rau, der dadurch in aller, d.h. bürgerlichem Munde ist.

»Lam Gods« ist das Produkt eines Scheren-Prinzips. Aus der Totalität der Wirklichkeit werden Ausschnitte mit einer Schere abgeschnitten, die dann auf der Bühne zu einem visuellen Kleid zusammengenäht werden. Die visuelle Totalität auf der Bühne, hier durch die Maßeinheiten und Motive des Altars, erfolgt nicht durch die poetische Durchdringung des Bestehenden, um es als Gemachtes und Werdendes zu enthüllen. »Lam Gods« ist antipoetisch, eine Video-Collage in übergangsloser Prosa. Der Altar ist damit die referenzielle Mitte und Bezugsgröße der Aufführung, die mehr einer Bürgerplattform denn einer Theaterinszenierung gleicht. Das nennt Milo Rau globalen Realismus.

Positivismus statt Realismus

»Lam Gods« erweist sich als platonische Mimesis. Es ist Theater ohne Theater. Wirklichkeitsausschnitte werden eins zu eins auf der Bühne abgebildet, ebenso wie bei Platon die Realwelt mit der Ideenwelt abgebildet wird. Ein anderes Konzept der Mimesis bietet Aristoteles, der darunter nicht Abbildung, sondern Nachahmung versteht – Brüche, Abweichungen und Vermittlungsketten sind damit nicht ausgeschlossen, vielmehr inbegriffen. Sie sind notwendig, um das zu versinnlichen, was sich in der gesellschaftlichen Praxis im Rücken der Menschen vollzieht und sich gleichsam ihrer sinnlichen Erfahrung entzieht.

Daher kippt der Realismus der Aufführung, den sie für sich beansprucht, immer wieder in einen Positivismus, der nicht imstande ist, Ursachen und Kausalzusammenhänge erfahrbar zu machen. Er erkennt nur das an, was da ist, ohne meistern zu können, dass das, was da ist, gleichsam verbürgt, was noch nicht da ist. Es geht also um Vorhandenes, das nicht den Schatten seiner Möglichkeiten abwirft. Das geschichtliche Gefühl, das Milo Rau für seine Arbeit reklamiert, emotionalisiert dieses schattenlos Vorhandene, das er als Abgebildetes auf die Bühne stellt. Die Emotionalisierung betitelt nun das Abgebildete wie in einem Fotoalbum: Alle Menschen stehen auf einer Erde. Sie sagt aber nicht und kann nicht sagen: Alle Menschen leben in einer Welt, die die Einheit von sozialen Gegensätzen ist, welche den Menschen Charaktermasken aufdrückt. Letzteres würde Dargestelltes historisieren. Die Rezeption des Zuschauers würde sich nicht im geschichtlichen Gefühl verkürzen, das der Zuschauer bedenkenlos empfindet, sondern zu einem geschichtlichen Bewusstsein ausdehnen, womit er empfindend bedenkt, was die Bühne ihm zur Erfahrung bringt.

Macht des Poetischen

Jeder halbwegs ernstzunehmender Theatermacher erkennt, dass die gesellschaftliche Ordnung eine Konstruktion ist. Milo Rau gehört zweifellos dazu. Ein realistischer Theatermacher hat die Absicht, diese Konstruktion auf der Bühne zu rekonstruieren. Dem wird »Lam Gods« gerecht, auch wenn es immer wieder in einen Positivismus zurückfällt. Ein dialektisch-realistischer Theatermacher will aber darüber hinaus, die Rekonstruktion auf der Bühne mit der Macht des Poetischen gegen die bestehende Konstruktion der Welt ausspielen, mit anderen Worten: Zeigen, wer die Ordnung wie gegen wen konstruiert und was die Konstruktionsprinzipien dieser Ordnung sind, um die Fragwürdigkeit des kapitalistischen Paradigmas zu erleben. Dieses Erlebnis, das die Vorstellung einer Umkonstruktion und Umordnung eröffnet, produziert »Lam Gods« nicht. Dazu ist eine performative Videoinstallation – ohne Dramatik und ohne Poesie und ohne Schauspieler – nicht imstande.


Kürzlich ist das Buch »Das Geschichtliche Gefühl. Wege zu einem globalen Realismus« im Alexander Verlag Berlin erschienen.
Das Buch basiert auf Milo Raus Vorlesungen im Rahmen der 6. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/stilbruch/2019/05/14/theater-ohne-theater/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.