vonMesut Bayraktar 12.08.2019

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

Mehr über diesen Blog

Flugsteuer, CO2-Steuer, Fleischsteuer und was weiß ich noch was für Steuern – als ließe sich die Zerstörung des Planeten durch solche Steuerreformen aufhalten. Das ist eine völlig verlogene Debatte, die letztlich die schlagen soll, die sowieso Geschlagene sind. Diese Logik, gesellschaftliche Probleme zu lösen, ist selbst das Problem, weil sie die arbeitenden, unteren Klassen zur Haftung zieht, wo doch die Banken, Unternehmen, Kriegsindustrien, Börsen und Herrschenden die planetarische Ausbeutung verschulden, ja, daraus auch profitieren.

Man braucht nicht Ökonom zu sein, um zu sehen, dass solche Steuern auf die Verbraucherpreise gehen. Sie sind ein Spiel mit der Scham: Wenn du dir dieses oder jenes nicht leisten kannst, bist du schuldig, schäm dich! Du wirst behandelt wie der Arme im Mittelalter, der Gott gegenüber schuldig ist und deswegen Buße und Verzicht leisten soll, obwohl er nicht weiß, warum er schuldig und arm ist. Verzichten sollen die, die sowieso Verzicht leisten auf das Leben, das ihnen mit Wänden der Unterdrückung verweigert wird. Auch wird nicht hinzugefügt, dass Verzicht auf der einen Seite Mehrkosten auf der anderen Seite bedeutet. Beim Verstoß gegen Verzichtsregeln geißelt die Polizei der Moral. So tickt die grüne Fraktion des Bürgertums, die derzeit durch die Medien zu einer regierungsfähigen aufpoliert wird und sich gleichzeitig mit dem Tarngrün der Bundeswehr Auslandseinsätze vorstellen kann. Konsumsteuern und Konsumverbote, beim gleichzeitigen Nicht-Antasten der Klassenprivilegien der Reichen, die ihnen die Wirtschaftsform garantiert – das ist das Programm der Grünen.

Ich gebe zu, dass ich mir all diese Mehrkosten nicht leisten kann; ja, dass ich und viele aus meiner Klasse in den Urlaub fliegen, weil wir uns dem Traumata durch die Ausbeutung für wenige Tage entziehen wollen – und trotzdem bin ich gegen die Klimazerstörung, engagiere mich, kämpfe dagegen, und bin auch für den Tierschutz. Aber mein Portemonnaie gibt keine Segelfahrt über Ozeane her oder eine Zugfahrt nach Spanien. Wir sehen auch nicht ein, warum wir auf Fleisch verzichten sollen, wenn Avocado die Wasservorräte anderer Länder verwüstet und die weltweite Konkurrenz die Wälder in Brasilien abholzt. Auch sehen wir nicht ein, CO2-Steuern zu bezahlen, wo es nicht einmal Steuern auf der Börse gibt und die milliardenschweren Monopolkonzerne im Energiesektor die größten CO2-Verursacher sind.

Wann erkennt man endlich, dass der Kapitalismus und die damit herrschende Produktionsweise nicht an Menschen, Klima, Tierwohl usw. interessiert ist, sondern am Profit, den die Herrschenden aus Menschen, Klima, Tiere usw. ziehen? Steuerphantasien ersetzen solche Erkenntnisse nicht.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/stilbruch/2019/08/12/ein-spiel-mit-der-scham/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Hmm. Ich habe das Gefühl, hier kollidieren mehrere Hauptwidersprüche miteinander…
    „Dass … viele aus meiner Klasse in den Urlaub fliegen, weil wir uns dem Traumata durch die Ausbeutung für wenige Tage entziehen wollen“ – das wird die ausgebeuteten Service-Kräfte im Pauschalreise-Hotel sicherlich freuen zu hören… achja, das waren noch Zeiten, als es sowas wie international(istisch)e Solidarität gab.
    „Warum wir auf Fleisch verzichten sollen, wenn Avocado die Wasservorräte anderer Länder verwüstet“ – Genau, wenn für die Hipster-Avocado der Regenwald abgeholzt wird, sollten wir proletarischen Bratwurstesser*innen auch energisch darauf bestehen, dass das Mastfutter für unsere Wurst auch aus Regenwaldrodungen kommt.
    Was der Hipster kann, können wir schon lange!
    Ich teile ja die Meinung, das in der Debatte um die Klimafrage der Aspekt der sozialen Gerechtigkeit, immerhin eine der drei Säulen von Nachhaltigkeit, etwas zu kurz kommt. Aber die Revolution zu fordern und sich dann das Wochenende im Schrebergärtchen zu verstecken ist es ja auch irgendwie nicht…

    Um mal *Scientists for Future* zu zitieren: „Diese Art des Wirtschaftens ist nicht zukunftsfähig“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.