vonMargarete Stokowski 12.10.2018

taz Buchmesseblog

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Ich dachte die ganze Zeit, warum riecht denn der Suhrkamp-Stand so nach Popcorn?, bis ich gesehen habe, dass das nicht Suhrkamp ist, sondern nebenan Poppen.de. Oh Mann. Poppen.de hat einen Stand, an dem es hauptsächlich das Buch „Die Sex-Flüsterer“ gibt, und dazu kostenloses Popcorn, und naja, klar, wenn Nazis auf die Buchmesse dürfen, dann dürfen natürlich auch so irre Kalauer.

Geht eh auf schräge Art ständig ums Vögeln überall. Auf der Agora, dem großen Innenhof zwischen den Messehallen, werden irgendwo weiße Schaumherzen in den Himmel gepustet und darunter sitzen Menschen in der Sonne und schaudern angesichts von „Weltpuff Berlin“, dem Überraschungsbums von Rowohlt, der am Mittwochabend im Frankfurter Hof vorstellt wurde. Die Veranstaltung war etwas mysteriös angekündigt; die meisten wussten nicht, was da kommt, und viele hätten es wohl im Nachhinein lieber auch nicht erfahren. Im Perlentaucher stand dann heute früh: „Die Literaturkritiker schämen sich für Rowohlt bei der Vorstellung von Rudolf Borchardts vor 80 Jahren verfasstem pornografischen Nachlass-Roman ‚Weltpuff Berlin‘: Musste das so herrenabendartig ablaufen, fragt die SZ.“

Ich war nicht dabei, habe mich aber dann natürlich informiert, was da wohl so drinstehen mag im Weltpuff. Folgendes also:

Wir tranken Champagner und wurden toller mit Reden, während die Studenten hinten, schon schwer bezecht, aus vollem Halse sangen: „Wenn die Sterne funkeln, ficken wir im Dunkeln, Arschloch hoch, – Arschloch hoch!“ Wir tranken Brüderschaft, das Mädchen küsste mich lachend und ich zog sie an mich. Sie küsste sich an mir fest und lehrte mich die Anfangsgründe des Lippengebrauchs. Als ich mich brennend in ihren Mund eingrub suchte ihre Hand unter dem Tisch nach meinem Mannstab für ihre Wirkung auf mich und beglückte mich mit nerviger Hand völlig ohne meine Lippen eine Sekunde loszulassen.

Okay. Man könnte sagen, naja, das ist halt altes Zeug, aber im Moment steht auf der Bestsellerliste auch „Alpha“ von Kollegah, und da stehen Sätze der Sorte: „Frauen, Geld und Freiheit. Das wollen wir. Und zwar alles EN MASSE!“ Ich bin zu geizig mit meiner Zeit, um die feinen Unterschiede zwischen den beiden Werken herauszuarbeiten.

Besser: „Girlsplaining“ von Katja Kemel, die unter anderem der Frage nachgeht, warum Leute so tun, als sei Körperbehaarung „unweiblich“ – obwohl die allerallermeisten Frauen welche haben.

abo

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Habe mir das Buch am Reprodukt-Stand besorgt und ging dann raus, um darin zu lesen. An der Tür läuft eine Frau an mir vorbei, auf deren Werbetüte steht: „Frauen, die lesen, sind klug und gefährlich“. Es gibt ja diese Bücher, die so heißen, von Stefan Bollmann, I know, das macht es nicht besser, alles ein eigenartiger Fetisch, aber immerhin ein paar Lebensgeschichten von Frauen, die man nachlesen kann.

Aber diese Tüten mit dem Spruch: kompletter Müll. Wie bekloppt ist das? Alles daran. „Frauen, die lesen“ – so ziemlich jede Frau liest dann und wann mal irgendwas. Soll es heißen: „viel lesen“? Warum steht das da nicht? Soll es heißen: „Frauen, die lesen gelernt haben in der Schule“? Heißt: Frauen in armen Ländern oder Analphabetinnen sind dumm und harmlos?

Und dann: „…sind gefährlich“ – für wen? Für Männer? Für andere Frauen? Generell? Was passiert, wenn zwei lesende Frauen aufeinandertreffen? Und was ist die „Gefahr“? Dass sie von irgendwas Ahnung haben?

Und was sagt es, dass es vom selben Autor ein Buch gibt mit dem Titel „Frauen, die DENKEN, sind gefährlich und stark?“ In Abgrenzung zu was – Frauen, die schon tot sind? 2018, Leute.

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2018/10/12/bums-und-bums/

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