vonMargarete Stokowski 14.10.2018

taz Buchmesseblog

Margarete Stokowski und taz-Autor*innen bloggen live von den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. | Alle Infos unter: taz.de/buchmesse

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Ich glaube, ich habe zu nichts auf der Welt ein so masochistisches Verhältnis wie zur Buchmesse. Liebe die Messe und bin jedes Mal völlig fertig. Die ersten Jahre war ich eigentlich nur völlig fertig, weil ich so viel gesoffen habe, und dann trotzdem viel gearbeitet (geschrieben), aber seit ich hier mit Büchern herkomme oder zum Diskutieren bin ich sogar fast ohne Alkohol am Ende tot, oder meistens eigentlich schon nach der Hälfte der Zeit.

Sehe offenbar auch fortgeschritten zerfallen aus; wurde auf dieser Messe ständig von Leuten gesiezt, die ich auf Mitte 20 schätzen würde. „Dürfen wir ein Selfie mit Ihnen machen.“ Krass. Einer, gestern, auf der Titanic-Party, war 21 und rang sich um 4 Uhr 20 dazu durch mir zu sagen, dass er meine Texte mag, aber halt: „Ihre Texte“. Er wurde dann von Kollege N. zurechtgewiesen. Kollege N. allerdings, auch so ein Fall – als ich sagte, ich sei nicht mehr krank, nur noch heiser vom vielen Labern, da rief er: „Nicht mehr krank! Ich hab ja nun genug Zombiefilme gesehen, um zu wissen, wie das ist. Ja, ja, ‚er wurde nur leicht gebissen‘, und so.“ Er bot dann Drogen an zum Gesundwerden. Ein höflicher Mann.

Der Samstag war der schlimmste Tag, weil: eh, Publikumstag, volle Hallen. Und ich: drei Stunden Schlaf, vier Termine, mit wenig oder gar keinen Pausen dazwischen. Zwei davon waren Fernsehen, also auch zweimal Maske, und die Frauen von der Maske waren alle toll, aber am Ende des Tages hatte ich ein Kilo Schminke im Gesicht und ein so starkes Bedürfnis das Zeug wegzuduschen, das sich anfühlt wie angetrockneter Senf, und gleichzeitig trifft man dann aber noch alle zehn Meter jemanden und am besten noch Leute, die Selfies machen wollen, auf denen man das wahrscheinlich eh nicht sieht, aber es fühlt sich sehr eigenartig an.

Überhaupt, Buch-PR machen, eigenartiger Job. Wenn man 20 Interviews zu einem Buch hat, dann führt man mindestens 10mal quasi dasselbe Gespräch, nur mit anderen Leuten. Eine Art Theaterstück. Das ist nicht weiter schlimm, viele Leute machen das, aber man muss sich dran gewöhnen, eine Roboterversion seiner selbst zu werden und trotzdem so wirken, als würde man die Frage gerade zum ersten Mal hören – „Wie viele Tage sind es denn noch ganz genau bis zum Ende des Patriarchats?“

Es ist natürlich alles ein irres Privileg, zu den ganzen Sachen überhaupt eingeladen zu werden. Es gibt auch Autoren, die haben auf der Messe kein einziges Interview, und nur eine Veranstaltung, wo dann nur eine Person kommt. Bin extrem verwöhnt in dieser Hinsicht und will mich deswegen nicht beschweren, außer halt: dass es ein komischer Job ist, der in großem Gegensatz zum Schreiben steht. Beim Schreiben ist man die meiste Zeit allein und muss sich ständig Sachen ausdenken. Beim Buchbewerben ist man nur beim Pinkeln allein und redet ständig dasselbe. Weird.

Ich war heute zum ersten Mal auf dem Blauen Sofa, das ich bisher zehn Buchmessen lang nur beobachtet hatte. Dachte immer, es muss sehr stressig sein da zu sitzen, war dann aber lustig. Was wohl allergrößtenteils an der sehr guten Moderatorin lag, Christine Watty von Deutschlandfunk Kultur.

Überhaupt sind in den letzten Tagen einige gute Dinge passiert beim Buch-PR-Machen. Schön, natürlich, wenn Leute kommen und sagen, dass sie mögen, was ich mache. Manche kommen auch und erzählen, dass sie mich nicht kennen. Auch schön. Nach meiner Veranstaltung am Spiegel-Stand am Donnerstag kam eine Frau zu mir und sagte, sie hat vorher noch nie was von mir gehört oder gelesen, fand aber meinen Buchtitel gut und fand richtig was ich gesagt habe und holt sich jetzt das Buch. Das ist beruhigend, weil man – ich – in diesen Veranstaltungen manchmal auch das Gefühl hat, die ganze Zeit eigentlich nicht viel gesagt zu haben.

abo

10 Wochen die digitale taz und am Samstag die gedruckte taz am Wochenende lesen und dazu den Atlas der Globalisierung erhalten.

Auch süß: Deniz Yücel erzählte mir vorhin, dass bei meiner Veranstaltung am taz-Stand zwei Nonnen waren, mit „Verlage gegen Rechts“-Sticker auf der Tasche. Erst standen sie ganz hinten und waren traurig nicht viel zu hören (der taz-Stand ist zu klein), dann lotste Deniz sie nach vorne. Ich hätte extrem gerne gehört, was die zwei darüber dachten, was wir da geredet haben – Doris Akrap und ich –, habe aber nur ein Foto von ihnen gesehen und mehr nicht.

Jetzt am Sonntag, heute, hab ich noch ein Podium, „Standortbestimmung Feminismus“ (13 Uhr am Weltempfang), mit Kübra Gümüşay und Heike-Melba Fendel. Katrin Gottschalk moderiert. Dann noch eine Kaffeeverabredung, die erste der Messe to be honest, dann noch ein Gedicht schreiben und dann abhauen. Habe gerade mein Blog-Abschluss-Gedicht vom letzten Mal gelesen (schreibe hier immer ein Gedicht am Ende) und muss sagen, ich finde es sehr gut, Mann, wie ist das denn entstanden, unklar. Besser wird es nicht.

Nur einen Wunsch hätte ich, an die Leute vom Blauen Sofa: Dass sie ein zweites Sofa besorgen und hinten im Backstagebereich aufstellen, und alle, die einen Blaues-Sofa-Termin haben, kriegen sozusagen als Honorar einen Gutschein über eine halbe Stunde (so lang wie die Termine) Power-Nap-Zeit auf dem hinteren Sofa. Nur Einzelnutzung, Hände über der Bettdecke etc. Wer seinen Gutschein nicht braucht, kann ihn im Darknet (Frankfurter Hof) verscherbeln. Mehr will ich nicht.

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2018/10/14/sie-frau-roboter/

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