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vonAchmed Khammas 24.02.2019

Der Datenscheich

Erneuerbare Energie, Science Fiction, Technikarchäologie und Naher Osten – verifiziert, subversiv, authentisch.

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Ich gebe zu, diese Regelmäßigkeit ist auch mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Doch gesagt ist gesagt – und solange sich hier noch immer ein ausreichend hoher Stapel in Wartestellung befindet, kann ich mich nicht einmal damit herausreden, nichts zur Rezension vorliegen zu haben. Also dann…

 

Artemis von Andy Weir (2017/2018), der uns alle mit seinem Marisaner begeistert hat, spielt etwas näher an der Erde, nämlich auf dem Mond. Das ist dann aber schon fast alles, was erwähnenswert ist, denn ansonsten handelt es sich um einen netten und einfach gestrickten Roman, der den Charakter eines Jugendbuches hat. Ich denke, der lag schon länger in Andys Schublade – uns dieser muß schließlich auch seine Miete zahlen. Weshalb das Buch dem Erfolg leider ‚nachgeschoben‘ wurde.

S ist for Space von Ray Bradbury (1966/2017) ist eine Story-Sammlung des Altmeisters, die dem Verlag zufolge eine ‚Deutsche Erstausgabe‘ darstellt. Wozu man sagen könnte: na endlich! Denn die 16 Kurzgeschichten sind äußerst facettenreich, teilweise skurril und mitunter überraschend ‚aktuell‘ – und damit nicht nur für SF-Historiker geeignet, sondern für alle, die eine Packung literarischer Pralinen einer massiven Schokoladentafel Utopie vorziehen.

SS – GB von Len Deighton (1978/2018) ist ein weiterer Roman aus der schier endlosen Reihe von Büchern um die Vorstellung eines siegreichen 3. Reiches. In diesem Fall wurde die Vorlage vom BBC in Form einer fünfteiligen Mini-Serie verfilmt, denn immerhin heißt der Held Inpector Archer – und der ist Brite. Die spannende Geschichte windet sich in einiger Entfernung um den Mythos der ‚deutschen Atombombe‘, streift den britischen Widerstand und hangelt sich knapp an einer Katastrophe nach der anderen vorbei, und das Ganze auch noch, ohne die Deutschen pauschal als Massenmörder darzustellen. Deighton scheint ein echter englischen Gentleman zu sein. Aber besser als The man in the high castle, wie der Verlag in der Video-Werbung zitiert, ist das Buch aber nicht – also keine überzogenen Erwartungen bitte.

Cryonic – Der Dämon erwacht von Vitali Sertakov (2005/2013) hätte auch mit einem etwas weniger dramatischen Titel überlebt. Immerhin ist es der Mitarbeiter eines Forschungsinstituts Artur Kowal, der sich 2006 in einen kryonischen Schlaf versetzen läßt – und 120 Jahre später in einer verseuchten, mutierten und magischen Welt erwacht, die ihm erscheint wie aus einem Horrorroman entsprungen. Es folgen die zu erwartenden Abenteuer, bis der erwachte ‚Dämon‘ dieser neuen Welt den Krieg erklärt. Ich muß mich gelegentlich mal nach dem 2. Band der Reihe umschauen…

Die Kuppel von Markus Stromiedel (2012/2016) handelt vom autoritären Überwachungsstaat Europa im Jahr 2013 – was nun wirklich kaum mehr utopisch genannt werden kann. Der spannende Thriller begleitet den jungen Militärpolizist Vincent Höfler, der von seinen Vorgesetzten in Brüssel auf eine mysteriöse Mission in den deutschen Osten geschickt wird, in deren Verlauf klar wird, daß die dubiosen Machenschaften der europäischen Regierung für jeden lebensgefährlich werden, der zu viel weiß. Und das tut Höfler inzwischen. Noch.

AUTONOM von Annalee Newitz (2017/2017) ist zum Thema Biotechnologie und KI das, was Neuromancer für das Internet war, meint zumindest Neal Stephenson. Und ich kann ihm nur recht geben. Die Autorin, die auch von Cory Doctorow ausgiebig gelobt wird (Gott, die halten echt zusammen, diese Leute!), beschreibt zwar eine Welt, die etwas weit in der Zukunft liegt (2144), was mir hundert Jahre zu viel ist, doch dem Lesespaß tut dies keinen Abbruch. Die Erlebnisse der Produktpiratin Jack sind packend, die Wendungen klug und das gesamte Geschehnis ziemlich irrwitzig. Eine Empfehlung!

Die Gabe von Naomi Alderman (2016/2018) wird sogar von Margaret Atwood gelobt. Was bnachvollziehbar ist, wenn man(n) weiß, daß es in dem Buch daraum geht, daß alle Frauen plötzlich die Gabe habe, durch bloße Berührung Schmerzen zu erzeugen … und sogar zu töten. Womit Männer zum schwachen Geschlecht werden – mit allen guten und schlechten Resultaten, die man sich dazu nur ausdenken kann. Ein interessanter Ansatz, der nicht nur für Feministen/innen lesenswert ist.

Die politische Anmerkung:

Ach, ich habe wirklich nicht Senf für jede Wurst, die uns die Realität gerade vorsetzt. Zudem auch tonnenweise Senf manchmal nicht verdecken kann, aus welchem äh… Auslaß diese Würste zunehmend kommen.

Deshalb etwas positives, was auch äußerst politisch ist: Mein Sohn (12) und ich waren heute im Deutschen Spionagemuseum am Leipziger Platz, das zwar ordentlich Eintritt verlangt, dafür aber auch wirklich viel bietet. Wobei die interaktiven Exponate natürlich besonders Interesse finden – denn wer hat Zuhause schon einen Korridor mit queren und sich teilweise bewegenden Laserstrahlen, um diese mit filmreifen Verrenkungen zu über-, unter- und durchwinden?

Was allerdings eine Wand mit den wichtigsten ‚Verschwörungsgeschichten‘ (Kennedy, Mondlandung, 11.09.usw.) dort zu suchen hat, konnte sich mir nicht ganz erschließen. Dafür wurde ich aber durch viele andere Dingen entschädigt, die mir bei meinem nächsten Einsatz als Simultandolmetscher in Kanzleramt sicherlich nützen können, wenn es mal wieder ‚politisch‘ wird. Was das ist, darf ich natürlich nicht sagen – das muß man vorher unterschreiben, bevor man in das Museum gelassen wird <harhar>…

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