vonAchmed Khammas 17.03.2024

Der Datenscheich

Erneuerbare Energie, Science Fiction, Technikarchäologie und Naher Osten – verifiziert, subversiv, authentisch.

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Die Welt kippt von Heiko von Tschischwitz (2022) gehört zum Genre der anspruchsvollen Klimakatastrophen-Thriller. Im Gegensatz zu den vielen anderen Romanen, die sich mit den entsprechenden Herausforderungen auf lokaler Ebene befassen und oftmals nur jammern, geht es hier viel umfassender und auch realitätsnäher um das Geflecht internationaler Beziehungen, das konstruktiv mit dem Kampf gegen den Klimawandel verbunden ist. Klare Charaktere agieren gemäß gut nachvollziehbaren Interessen, die letztlich auf eine völlige Umgestaltung der heutigen Welt herauslaufen. Hochspannend auch der Plot, der auf einer wahrhaft gigantischen Vision basiert … und – Spoileralarm – auf dem chinesischen Denken und Handeln. Der Erstling des LichtBlick-Gründers ist wirklich sehr zu empfehlen!

Paradox Hotel von Rob Hart (2021/2022) ist schwer einzuordnen, da sich der Roman zwar mit dem Thema Zeitreise befaßt – ohne daß dabei jedoch konkrete Zeitreisen stattfinden. Statt dessen spielt sich alles in dem Hotel ab, in welchem die Zeitreisenden vor ihren ‚Abflügen‘ unterkommen. Als die gesamte Anlage plötzlich verkauft werden soll, beginnen die Schwierigkeiten, Störungen und Katastrophen zuzunehmen – anschaulich beschrieben, lebendig und sogar ein wenig liebevoll.

Der dunkle Schwarm 2 – Der stille Planet von Marie Grasshoff (2023) ist als zweiter Band der Reihe nur zu verstehen, wenn man noch den ersten parat hat – bei dem es um Gehirnimplantate ging, die Menschen zu Schwärmen verbinden. Im Folgeband geht nur zäh voran und er liegt im Mittelfeld, was Spannung und Innovation betrifft.

Ultimatum von Christian v. Ditfurth (2019) ist ein Polit-Thriller im Telegramm-Stil, in welchem der Ehemann der (fiktiven) Bundeskanzlerin entführt wird. Als 5. Band der Reihe um den ermittelnden Kommissar Eugen de Bodt gibt es hier SF-Elemente in Form von Hacker-Angriffen, die auch vor Atomkraftwerken nicht halt machen. Der riesige Aufbau des Romans wird allerdings durch einen eher dürftigen Plot (nicht) gekrönt.

Tachyon – Die Waffe von Brandon Q. Morris (2023) behandelt auf sehr spannende Weise eine Gefahr, die von einem weit entfernten Planeten ausgeht, auf welchem Astrobiologen intelligentes Leben entdeckt haben, das sich um ein Artefakt unbekannten Ursprungs kreist, das die Körperchemie beeinflußt – auch die der Forscher. Eine solide Space-Opera des unglaublich produktiven Autors (er MUSS einige Klone von sich haben, die unter seinem Realnamen Matthias Matting in die Tasten hämmern!), die in dem Buch Tachyon – Das Schiff (ebenfalls 2023) ihre adäquate Fortsetzung findet. Hier geht es allerdings etwas verworrener zu – und es empfiehlt sich, die beiden Bände direkt hintereinander zu lesen, um den Faden nicht zu verlieren. Den 3. und finalen Band Tachyon – Der Planet kann ich noch nicht rezensieren, da er mir bislang nicht in die Hände gefallen ist.

Der Übungseffekt von David Brin (1984/2016) gehört zu den weniger starken Romanen des Autors, auch wenn die Idee einer Art ‚negentropischen‘ Welt nicht ohne Reize ist. Immerhin ist die Entropie eines der wirklich großen Ärgernisse unserer Existenz. Und ein Zustand, bei welchem der fortgesetzte Gebrauch von Utensilien und Gerätschaften diese immer weiter verbessern, hat wirklich etwas für sich. Leider bewegt sich die ansonsten recht nette Story auf dem Niveau von Schwerter und Magiern und geht kaum auf die möglichen physikalischen Ursachen und Effekte ein.

Die Kolonie von Wang Jinkang (2007/2023) ist eine perfekte Idee für eine Kurzgeschichte, trägt allerdings nicht das vorliegende 470-Seiten-Buch – das dafür aber mit tiefen Einblicken in die jüngere Geschichte Chinas und besonders die Kulturrevolution sowie den ‚Großen Sprung nach Vorn‘ aufwartet. Kurz gesagt: Mit Hilfe eines ‚Ameisenserum‘ sollen Menschen in friedlichen Kolonien zusammenleben – was allerdings voll in die Hose geht.

Die 5. Welle von Rick Yancey (2013/2016) ist der erste Band der entsprechenden Trilogie, die inzwischen auch verfilmt wurde. Böse Alien greifen die Erde an, vernichten große Teile und versklaven die Reste der Menschheit. Einige wenige nehmen den Kampf auf usw. usf.

Das Signal von Jushua Tree und Philipp Tree (2019) ist der Auftakt einer neuen Trilogie, bei der es um ein mysteriöses Signal geht, um ein Start-up, das die Welt verändern will und um eine Zukunft, die nicht mehr uns gehört. Sobald ich die anderen beiden Teile gelesen habe, folgt eine etwas ausführlichere Rezension.

Der Zeitindex von Christian Cantrell (2021) spielt in der nahen Zukunft, in der ein Serienkiller die Welt in Atem hält. Die einzige Spur sind seltsame Zahlen, die er auf den Körpern seiner Opfer hinterläßt – während er von der CIA-Agentin Quinn Mitchell verfolgt wird. Der Autor greift den Gedanken auf, daß sich die zukünftige Gegenwart möglicherweise ‚verbessern‘ ließe, indem man in die Zeit zurückreist und bereits dort kommendes Übel eliminiert. Gut geschrieben und spannend – wenn auch etwas verwirrend.

Begegnungen auf dem Möbiusband von Colin Greenland (1990/1993) ist ein phantasievoller Roman um die Frachter-Kapitänin Tabitha Jute, die fast bankrott und kurz davor ist, ihr einziges Kapital und ihre beste Freundin, ihr Starship ‚Alice Liddell‘, zu verlieren, als der Unternehmer Marco Metz erscheint, um sie zu engagieren. Dabei geht es darum, um ein außerirdischen Artefakt zu stehlen, was zu Problemen mit den Capellans führt, einer fortgeschrittenen außerirdischen Spezies, die die Menschheit auf das Sonnensystem beschränkt und interstellare Reisen verboten hat. Preisgekrönter Lesespaß!

Hinter den Mauern der Zeit von Horst Pukallus und Michael Iwoleit (1989) ist eine Art deutsches Philip-K.-Dick-Imitat (dem der Roman auch gewidmet ist) in Form eines 1-Personen-Stücks, das mit einem Transrapid beginnt , im welchem ein Man erwacht, der sein Gedächtnis verloren hat und nun auf die Suche nach seiner Vergangenheit geht.

Das 21-milliardste Paradoxon von Leonhard Daventry (1971/1992) beschreibt die erzwungene Reise einer sehr unterschiedlichen Gruppe von Menschen, die gemeinsam in einen Raumschiff unterwegs sind, das angeblich einen neuen Antrieb testet. Doch schon von Anfang an gehen die Dinge schief… und die Reise wird schnell zum Horrortrip. Nicht uninteressant, aber etwas dünn.

Der Klon von Jens Lubbadeh (2022) spielt in Berlin (wo der Autor auch wohnt), etwa zehn Jahre in der Zukunft. Eine Journalistin findet heraus, daß ein koreanischer Biologe illegal Menschen geklont hat – darunter auch Adolf Hitler. Doch wer sind die Auftraggeber? Und wo ist der Klon, was hat er vor?

System Error von Solveig Engel (2022) behandelt das Thema Verbrechensbekämpfung mittels einer KI, die mittels allumfassender Datenüberwachung eingreifen kann, bevor die Taten geschehen. Was natürlich ein wenig an Minority Report erinnert. Und auch hier ist es eine Journalistin, die der Sache auf den Grund gehen möchte und sich dabei in einem Strudel aus Gier, Machtpolitik und Intrigen wiederfindet.

BORN von Kris Brynn (2021) ist ein hochspannender Thriller über das Deutschland der Zukunft, das aus Mega-Cities besteht, deren Bewohner von gigantischen vertikalen Farmen versorgt werden. Die Autorin, die eigentlich Regine Pott heißt, arrangiert das Geschehen um die Taxi-Fahrerin Nalani, die sich mit einigen Freunden daran macht, die Netzwerke des strikt verbotenen Nahrungsmittelhandels offenzulegen, an dem die Herrschenden verdienen. Dabei wird sie von ihrem defekten und daher lernfähigen Kfz-Notfall-Hologramm unterstützt. Ein großer Lesespaß!

Eine unberührte Welt von Andreas Eschbach (2008 u. 2022) ist eher eine Seltenheit – denn wann werden heutzutage noch SF-Kurzgeschichten veröffentlicht? Erinnert sich jemand an die grandiose Serie des Heyne-Verlags ‚Internationale SF-Kurzgeschichten?! Eben! Die vorliegenden Stories stammen auch verschiedenen Jahrzehnten, sind alle im Vorfeld kommentiert und variieren von Horror bis Humor. Wie von meinem deutschen Lieblingsautoren gewohnt, werden sie häufig mit einem Augenzwinkerns und stets mit einer liebevollen Menschlichkeit erzählt. Wie eine Packung Pralinen eben (frei nach Forrest Gump).

Die Apollo-Morde von Chris Hadfield (2021/2022) beschrieben eine letzte, streng geheime Apollo-Mission zum Mond, die den Gesteinsproben auf den Grund gehen soll, die bei vorherigen Missionen gesammelt wurden. Im Wettlauf mit der Sowjetunion stirb der erste Astronaut schon vor dem Abheben der Rakete – was sich später als Mord entpuppt. Ein wirklich spannender Krimi, den die Verschwörungstheoretiker bislang allerdings noch nicht entdeckt haben, unaufgeregt und etwas seltsam.

Starsight – Bis zum Ende der Galaxie von Brandon Sanderson (2018/2022) erzählt die mitreißende Geschichte der Raumschiff-Pilotin Spensa, die ihre Heimatwelt gegen die Krell verteidigt – und sich dabei in einem Gespinst aus Lügen und Falschinformationen wiederfindet. Es ist der Zweite Band nach Skyward – Der Ruf der Sterne, wobei die Reihe durch einen dritten Band abgeschlossen werden soll, der allerdings noch nicht erschienen ist. Insgesamt gesehen gibt es diverse seltsame Fremdwesen kennenzulernen – wie den Schreckschneck z.B. – und spannende Raumschlachten zu bestehen.

Dolfi und Marilyn von Francois Daintonge (2013/2014) spielt im Paris des Jahres 2060, als der alleinerziehende Geschichtsprofessor Tyco Mercier bei einer Tombola den Klon Nr. 6 der eigentlich verbotenen Klonserie von Adolf Hitler gewinnt. Skurril und humorvoll, nicht ganz ernst und trotzdem voll im Meme-Trend… denn es gibt kaum noch literarische Klonversuche, die nicht mit dem ‚Führer‘ in Verbindung stehen. Ein kollektives Wunschdenken?

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