Liebe Nena,
was für ein schönes Bild mit den Menschen, die sich trotz allem miteinander im Schnee vergnügen. So ganz direkt und unvermittelt. Und das scheinbar ja nur möglich, weil es ein paar Tage Zeit gab. Als wäre diese Zeit plötzlich erschienen. In meinem Kopf ist beim Lesen Deines Briefes eine Momo-Szenerie entstanden. Die großartige Geschichte von Michael Ende ist im letzten Jahr noch einmal neu verfilmt worden. Ich habe den Eindruck – und vermutlich wäre er sonst nicht für viel Geld produziert worden – dass er einen Nerv trifft, eine Sehnsucht insbesondere von Millenials, die dann mit ihren Kindern in die Kinos strömen.
Ich habe ihn mir im Kino nicht angesehen, obwohl ich wirklich viel mit dieser Geschichte und Momo als Figur verbinde. Aber ich empfand schon bei dem anderen Film ein seltsames Paradox, wenn ich ihn mir ansah. Michael Endes Werke waren für mich beim Lesen immer eine wundervolle Ausbreitung von phantastischen Bildern, Worten und tiefen, meistens schmerzhaften Gedanken in meinem Kopf. Da er so einzigartige und ungewohnte Bilder findet für die großen, schweren Themen, waren sie ein Anstoß für meinen Kopf zu rattern. Und das rattern ist deutlich leiser, wenn mir ein Film die Visualisierung einer Idee abnimmt.
Während sich bei der Frage wie Momo denn vorwärts kommt, wenn sie rückwärts läuft, mein Kopf beim Lesen verknotet, ich kurz das Buch absetzen, diesen paradoxen Visualisierungen in meinem Kopf Zeit geben muss und damit noch viele andere Gedanken über Zeit-Verlust angestoßen werden, zeigt es mir der Film innerhalb von ein paar Sekunden/Minuten einfach: Sie dreht sich halt um. Das philosophische Problem ist vom Tisch. Momos Problem, wie man den Zeitdieben entkommen kann, wird visuell geklärt und damit stellt sich die Frage in der tatsächlichen Welt für mich erst gar nicht so drängend, dass ich sie zulassen müsste.
Ich habe keinen Knoten in meinem Kopf durch ein für die Realität unlogisches Bild/Problem und deswegen bin ich auch nicht motiviert, den Knoten zu lösen. Und das heißt auch, dass all die Gedanken, die als Beiwerk durch das Grübeln über den Knoten entstehen könnten – unsinnige, kreative, gefährliche oder innovative Ideen –, gar nicht erst entstehen. Wir wollen keine Kunst, für die es keine Interpretation gibt. Wir wollen keine Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Wir wollen keine Probleme, für die es keine Lösungen gibt. Wir wollen nicht mehr denken als unbedingt notwendig. Und damit ist der Zeitdiebstahl vollumfänglich umgesetzt.
Ich fühle mich seit einiger Zeit immer abgestoßener von bebilderten Medien. Ganz pauschal jede Art von visuellem Medium widert mich an. Sie sind voller Bilder und Sprache, denen man nicht trauen kann. Stumpfer Journalismus, der in Abhängigkeit von Meta dahin pauschalisiert. Dopaminabhängigkeiten als Lock-In-Methode für die verschiedenen Anbieter soziale Medien. Scheinbare, dürre Sozialität mit der gesamten Welt. Die seltsame Gleichzeitigkeit der Dinge, die uns immer mehr abstumpft gegenüber dem, was wir als Einzelwesen ganz direkt erleben könnten. Und überall Unterhaltung, vor der wir uns kaum noch retten können. Wann ist es mal leise? Wann empfinden wir Langeweile? Wann führen wir phantastische Diskussionen, die unsere Köpfe zum rauchen bringen? Wann sind wir bereit das, was uns als Realität vermittelt wird, herauszufordern?
Ich lausche wie Momo immer noch gerne Geschichten. Das ist einer der Gründe, weswegen ich so gerne unterwegs bin. Ich will wissen, wie die Menschen, die etwas erleben, ihre Geschichte erzählen. Ich will sehen, wie sie noch einmal fühlen, wenn sie in ihre Erinnerungen eintauchen. Ihre Narrative ausbreiten und dabei bestimmt nicht bei dem bleiben, was objektive Realität genannt wird. Ich freue mich auch immer daran, dass die Zeit verstreicht, während sie reden – ohne, dass sie das wirklich merken oder es bewerten. Manchmal tun sie es nachträglich. Aber während sie in ihrem Kopf unterwegs sind, gehört ihnen für einen kurzen Moment ihre Zeit (und auch meine). Sie dehnt sich, sie streckt sich, sie springt umher, verbindet erlebte Realität, die weit weg voneinander stattgefunden hat. Ähnlich wie Du es von den im Schnee spielenden Menschen erzählst, habe ich dann häufig das Gefühl, sie sind plötzlich ein bisschen farbiger, ein bisschen mehrdimensionaler.
Und nein, das ist ganz bestimmt nicht das, was Influencer*innen tun. Denn in dem Moment, wo ich in die mediale Öffentlichkeit trete, bin ich ein Produkt, werde ich gemessen, werde ich bewertet und alles, was ich versuche zu erzählen, wird verglichen mit dem, was andere schon erzählt haben. Auch das, was erzählt oder gezeigt wird, muss in die Raster der jeweiligen Plattform und Algorithmen passen. Ich habe kein Social Media mehr und trotzdem erlebe ich leider immer wieder, dass fremde Menschen mir ihre Geschichten so erzählen, als wäre ich ein Aufnahmegerät mit der sehr begrenzten zeitlichen Möglichkeit irgendeiner Plattform. Es gibt inzwischen sogar Bücher, die sprachlich eher in eine Meta-Plattform gehören würden. Lieb Euch, Mausis. Würden wir insbesondere soziale Medien wie ein Märchenbuch behandeln, wäre das vermutlich angemessener: Eine Ansammlung bunter Bilder sowie lustige und phantasievolle Sprache.
Aber so einfach ist das leider nicht: Der Fotograf und Wissenschaftler Rolf Sachsse hat als sein Lebenswerk ein sehr umfassendes fotografisches Archiv über den Nationalsozialismus erschaffen. Eine der Thesen, die er aus der Beschäftigung mit dem Material getroffen hat, ist die „Erziehung zum Wegsehen“ (siehe gleichnamiges Werk). Die These ist an sich simpel – aber tiefgreifend, wenn man sich die Entwicklung der visuellen Welten bis heute ansieht: Als Teil der Propaganda des faschistischen Staates wurde mit der neuen Technik der Fotografie eine visuelle Welt erschaffen, die die Menschen lieber ansehen wollten, als die entbehrungsreiche und durchaus schmerzhafte Realität. Ein Wegsehen von Missständen wird massiv erleichtert, wenn man stattdessen irgendwo hinsehen kann. Der NS hat dafür die neue technische Möglichkeit des sogenannten „Knippsens“ genutzt: Fotoapparate kamen auf den Markt, die es auch Laien plötzlich ermöglichten, Fotografien herzustellen. In den Zeitungen aber auch an anderen Stellen wurde nun vermehrt dazu aufgerufen, die eigene Perspektive festzuhalten.
Das kam daher als Demokratisierung dieser Technik. Erstmals wurden gewöhnliche Menschen in die Konstruktion der Bilderwelt eines faschistischen Staates eingebunden, indem sie dazu motiviert wurden, das eigene, gute deutsche Leben zu fotografieren und es mit der Welt vermittelt über Medien zu teilen. Das verschafft nicht nur einen anderen „Wahrheitsanspruch“, wenn scheinbar alltägliche Situationen von irgendwelchen Menschen „geknippst“ werden, anstatt direkt als Inszenierung des Staates daherkommen. Es involviert außerdem jeden Menschen, der teilnimmt, in die Konstruktion der Bilderwelt der faschistischen Erzählung. Insbesondere wenn hier der schöne Schein dargestellt wird, der in absoluter Diskrepanz zur gesellschaftlichen Gewalt eine parallele Realität eröffnet, wird jede*r Knippser*in in die Mittäterschaft eingebunden. Die Motivation, etwas Schönes zum Hinsehen zu erschaffen, um sich und anderen selbst das Wegsehen vom Hässlichen zu erleichtern, verbindet die Bürger*innen mit dem faschistischen Staat.
Schon in der letzten Runde von Faschismus in Deutschland war also die Konstruktion von Bildern durch Jedermensch ein zentraler Pfeiler der ideologischen Stabilität. Der Effekt hat sich heutzutage ins absolut Absurde potenziert. Wir ersticken in einer Flut voller Bilder, von denen wir noch nicht mal mehr sicher sagen können, dass ein Mensch sie gemacht hätte. Wir sind süchtig nach diesen Bildern, am besten schnell geschnitten als Video und nicht länger als 30 Sekunden, denn für mehr reicht unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht. Süchtig nach dem kurzen Dopaminschub, den uns diese Bilder verschaffen. Wir sehnen uns nach diesen Bildern, mit denen wir von dem wegsehen können, was uns auf der Straße anschreit, eine Randnotiz in den lokalen Nachrichten ist oder was neben uns in der Bahn passiert. Denn das überfordert uns.
Wir können uns das Elend in der Masse, in der wir es produzieren, nicht länger ansehen. Es macht uns depressiv. Es macht uns handlungsunfähig. Es macht, dass wir nicht mehr leben wollen, weil wir nicht wissen, warum und wofür. Der Berg von Vernichtung und Leid, den wir schon angesammelt haben und der jeden Tag größer wird, sich mit jeder neuen faschistischen Verschärfung im Staatswesen vergrößert – wir wollen ihn einfach nicht mehr sehen. Also werfen wir genauso unsere Knippsereien in die Welt, wie unsere (Ur-)Großeltern und nehmen unseren Anteil an der visuellen Konstruktion einer Realität, die wir uns wünschen.
70 Millionen Menschen in Deutschland nutzen täglich Social Media, das sind 85% der deutschen Bevölkerung. Mir war klar, dass es kaum noch Menschen gibt, die gar keine Profile irgendwo haben. Aber die Zahl hat mich dennoch schockiert – das sind nur noch 15%, die nicht direkt in diesen bunten, leichten, lustigen, emotionalisierten Bilderwelten herumlaufen. Die Konzerne, die hinter den Plattformen stecken, sind anders als im NS keine Staaten. Aber sie sind sehr eng verbunden mit den faschistischen Bewegungen in den USA und Europa – in fast allen Fällen mit finanziellen und teilweise mit personellen Überschneidungen. Die neuen faschistischen Staaten brauchen sie auch. Genauso wie der NS die Bilderwelten brauchte, die sich Menschen anschauen können und die sie von dem Entfremden, was vor ihrer Nase passiert. Das individuelle Erlebnis hat keinen Wert und darf schon lange keinen Wahrheitsanspruch mehr erheben, wenn es nicht von tausenden Menschen gesehen, bestätigt und mit weiteren Bildern ergänzt wurde. Faschismus braucht diese Abhängigkeit von Bildern und sozialer Validierung in möglichst jedem Individuum.
Und fürs Individuum funktioniert es noch nicht mal: Man fühlt sich trotzdem Scheiße. Man hat trotzdem Depressionen, fühlt keine Motivation mehr für irgendwas und funktioniert so vor sich hin. Sinnlosigkeit ist heutzutage normal. Sie gehört dazu. Man kann sich darin auch gut einrichten, solange man schöne Bilder zum Verschwinden und Arbeit zu verrichten hat. Ist es deswegen so wichtig, dass wir keine freie Zeit mehr haben? Keine Langeweile empfinden? Keine phantastischen Ideen mehr spinnen?
Diese Normalität der eigenen Sinnlosigkeit und zeitlichen Unfreiheit gehen mir momentan wirklich nah. Auch, weil ich mich ihr nicht entziehen kann, solange ich in Gesellschaft leben möchte/muss. Ich kann zwar meine Social Media Profile löschen und habe dann weniger zum Hinsehen. Ich kann auch die Arbeit verweigern – aber dank der CDU und Friedrich März als Wegbereiter*innen des neuen Faschismus, kommt mir der Staat dann jetzt schon gefährlich nahe.
Ich musste deswegen wieder anfangen meine Zeit zu verkaufen und es bereitet mir fast körperliches Unbehagen, obwohl ich die Tätigkeit als solche mag. Aber jede Stunde, die ich verkaufe, bedrängt auch alle anderen. Die Uhr ist wieder meine ständige Begleiterin geworden und ohne meine Zigarre habe ich Angst, zu verschwinden. Obwohl ich ein besonders liebevolles und wertschätzendes Umfeld habe, haben wir bisher noch zu wenige Risse in der Mauer solidarisch besetzt, als dass wir uns gegenseitig dauerhaft einen Sinn und freie Zeit geben könnten. Zu sehr fühlen wir die Abhängigkeit, zu sehr warten wir auf eine Erlaubnis, zu sehr glauben wir, das hübsche Märchenbuch wäre die Realität. Wir sind schon jetzt tragende Säulen des neuen, bunten Faschismus.
Im nächsten Brief erzähle ich was zu Dromologie – aber damit lasse ich mir noch Zeit. Geschwindigkeit scheint mir keine gute Gefährtin dieser Tage. Und bevor das hier wirklich TLDR (too long, didn’t read) wird, generiere ich lieber serielle Abhängigkeit.
Enjoy the silence und viel Liebe
Yours Fin
2. Brief: Im Namen der Sicherheit
5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen
6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank
9. Brief: Ich möchte lieber nicht
10. Brief: Raubbau am Sozialsystem
11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before
12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?