vonLys Kulamadayil 19.06.2020

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Die deutsche Diplomatie hat ein Repräsentationsproblem. Sie ist zu männlich und zu weiß. Wie eine Antwort auf eine kleine Anfrage des Bundestags ergab, waren 2019 nur knapp 24,27% der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Noch geringer ist der Anteil von Führungskräften mit sichtbarem Migrationshintergrund. Dieser liegt nämlich bei null und auch insgesamt ist Diversität im Auswärtigen Dienst eine echte Seltenheit. Das will das Auswärtige Amt nun ändern und findet sich dabei ungewollt zur Zielscheibe von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Am 25 Mai 2020, am Tag an dem die brutale Tötung des afro-amerikanischen George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis (USA) eine landesweite Protestbewegung gegen rassistische Polizeigewalt und institutionalisierten Rassismus auslöste, verbreitete das Auswärtige Amt via Twitter eine Videobotschaft. Darin ermutigt eine junge Schwarze Diplomatin Deutsche mit Migrationshintergrund sich für eine Laufbahn beim Auswärtigen Amt zu bewerben.

Diversity-Tag 2020

2014 hat das Auswärtige Amt die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Warum noch viel zu tun bleibt, erklärt Tiaji Maynell Sio vom Netzwerk "Diplomats of Color" am #DDT20

Gepostet von Auswärtiges Amt am Dienstag, 26. Mai 2020

Obwohl 13,3% aller deutschen Staatsangehörigen einen Migrationshintergrund haben, sind sie im Auswärtigen Dienst dramatisch unterrepräsentiert. Dabei haben viele von ihnen zwei für den diplomatischen Dienst wichtige Eigenschaften buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen: interkulturelle Kompetenz und Mehrsprachigkeit. Dass es dennoch kaum deutsche Diplomatinnen und Diplomaten mit Migrationshintergrund gibt mag viele Gründe haben. Ein wichtiger Grund jedoch ist, dass ein Beruf in der deutschen Diplomatie über die Staatsbürgerschaft hinaus auch eine „deutsche Identität“ erfordert und diese wird Deutschen mit Migrationshintergrund leider nach wie vor gesellschaftlich häufig nicht zuerkannt, wie viele erschütternd rassistische Reaktionen auf die Videobotschaft im Netz zeigten. Dass eine junge schwarze Frau Deutschland nach außen vertritt, schien viele Twitter Nutzer in ihrem Selbstverständnis als Deutscher/Deutsche zu treffen. Sie sahen damit „Deutschland abgeschafft“.

Das Auswärtige Amt begab sich nach der Veröffentlichung der Videobotschaft in einen bemerkenswert heftigen, ja geradezu emotionalen virtuellen Schlagabtausch mit diesen zornigen Personen und schien dabei kaum fassen zu können plötzlich selbst zur Zielscheibe von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geworden zu sein.

Tatsächlich aber hat die deutsche Diplomatie zu lange ein entfärbtes Bild Deutschlands widergespiegelt und damit auch zu lange den Wunschvorstellungen völkischer Strömungen in unserer Gesellschaft entsprochen. Dass es dies nun ändern will ist gut und richtig, denn auch fortdauernde Nicht-Existenz von nicht weißen Personen, gerade in den repräsentativen Führungspositionen, ist eine Form von institutionalisierter Diskriminierung. Die deutsche Diplomatie repräsentativer zu gestalten wäre ein weiterer Schritt auf dem langen Weg den Schatten der Vergangenheit abzuschütteln welcher dem Irrglauben deckt, dass es echte und unechte Deutsche gäbe, und, dass das deutsche Volk damit etwas anderes sei als die Summe seiner Staatsbürgerinnen und Staatsbürger.

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