vonSabine Schiffner 16.10.2026

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Sabine Schiffner dichtet und denkt über sich und andere nach.

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Am letzten Tag meines Aufenthaltes hier wurde ich an die Rainis-Gymnasium in Tukums eingeladen, um dort mit Deutschschülern einen Gedichtworkshop zu machen. Die Schüler, die teilweise erst seit diesem Jahr Deutschunterricht haben, waren erst sehr zurückhaltend, tauten dann aber auf. In der Pause erklang auf einmal von überall her ein wunderschöner vielstimmiger Gesang. Das ist der Chor, der probt im dritten Stock, sagte mir die Deutschlehrerin Eleonora Jordana. Jeder von den Schülern hier bei uns geht zum Chor.

In der letzten Stunde meines gestrigen Workshops schrieben die Schüler dann sehr berührende schöne Gedichte, die sie ins Deutsche übersetzten und vortrugen. Hinterher erzählte mir die Lehrerin, dass einige der Schüler eigentlich zum Chor hätten gehen sollen, aber lieber noch eine weitere Stunde geblieben seien, um Gedichte zu schreiben…Tukums, das man in Lettland vor allem wegen des gereimten Spruches „Uz Tukumu pēc smukuma!“ (Nach Tukums gehen, um Schönheit zu holen) kennt, ist eben sehr inspirierend. Ich werde das vermissen!

Dass die Letten ein Land voller begeisterter Sänger sind, ist ja spätestens seit der so genannten singenden Revolution bekannt, die zwischen 1987 und 1991 als friedlicher Protest gegen die als Okkupanten empfundenen Russen stattfand. Die Lieder der Letten, so genannte Dainas, durften lange nicht gesungen werden. Jetzt nutzten sie sie, um mit Hunderttausenden anderen Sängern eine starke Stimme gegen die Unterdrückung ihres Landes zu entwickeln. Erfolgreich waren sie damit im Jahr 1990, als sie endlich die so lang ersehnte Unabhängigkeit bekamen.

Gestern war ich mit der Historikerin Inta Ditschle, die sich sehr intensiv mit dem baltendeutschen Erbe in Tukums beschäftigt, auf dem baltendeutschen Friedhof in Tukums, der gleich neben dem russischen Friedhof auf einem Berg angelegt wurde. Dieser Hügel, der ursprünglich eine Vormoräne war und von dem aus man die ganze Stadt überblicken ist, ist inzwischen zu Teilen abgerutscht. Der deutsche Friedhof, auf dem unter anderem die Verwandtschaft der baltendeutschen Dichterin Gertrude von den Brincken liegt, ist ziemlich heruntergekommen, die Grabsteine zerstört. Als ich das sah, kam mir ein Gedicht von ihr in den Sinn, das ich vor kurzem gelesen hatte.

Friedhöfe bei Tuckums

 

Einstmals, vor wenig Äonen, war alles hier Meer,

brausend brach sich das Hohelied der Gezeiten.

Sand rinnt und Sage raunt nächstens von Urzeit her,

wo sich jetzt Birken ein dürftiges Dasein erstreiten.

 

Düne war dieser Hügel, jetzt trägt sein Schoß

sieben Friedhöfe, – zahlloser Herzen Erlebnis;

Kreuze und Steine, vornehm und namenlos,

landfremde Krieger, Armut und Erbbegräbnis.

 

Über dem Rasen trennen Gitter und Tor

Glaube von Glaube – die fallenden Blätter tuscheln –

Unter dem Rasen, wo sich das Schicksal verlor,

mischen sich Staub und Samen, Wurzeln und Muscheln.

 

Zwischen den Gräbern gehst du, liest Grabspruch und Schrift –

„Heimgegangen“, wie klingt es gewiss und geborgen,

Fast musst du staunen, dass es nicht d i c h betrifft…

Heute noch nicht, vielleicht aber übermorgen…

 

Sterben…, raunen die Winde von Urzeit her,

Wälder und Städte versanken, es kann nicht schwer sein…

Sand raunt und Saga: Einstmal war alles hier Meer;

einstmals, nach wenig Äonen, wird`s wieder Meer sein….

(Gertrud von den Brincken, Stimme im Dunkel, München, 1949)

 

 

Der russische Friedhof ist sehr viel besser gepflegt und instand gehalten. An mehreren Stellen wird gefegt und gesäubert. Die Gitter um die Gräber sind gut erhalten, auf vielen Gräbern stecken Plastikblumen. Frau Ditschle erzählt mir, dass nach der Gründung des Lettischen Staates im Jahr 1990 als erstes der Denkmalstatus für den deutschen Friedhof aufgehoben wurde.

Auf dem Rückweg ins Stadtzentrum sprachen wir auch über die Besetzung durch die Russen und warum inzwischen wieder Parteien erstarken, die eine Rückkehr zu Putin wollen. Sie zeigt mir ein ziemlich hässliches Haus: Guck mal, das war ein Haus, in dem konnten die russischen Funktionäre einkaufen oder Leute, die mit den Russen arbeiteten. Wir Letten konnten das nicht. Wenn wir in ein Geschäft gingen, dann bekamen wir höchstens ein paar Herrensocken. Es gab nichts für uns. Und die konnten in diesem Geschäft alles bekommen, auch Westwaren. Wir aber waren zweite Klasse. Diese Leute, die früher in diesem Geschäft eingekauft haben, wollen ihr Gefühl des Privilegiertseins wieder zurückhaben, dass sie unter der russischen Herrschaft hatten, in der Russisch die Hauptsprache war hier in Lettland.

Ehemaliges Geschäft für russische Funktionäre in Tukums

Lettisch als Literatursprache gibt es noch nicht lange. Die Dainas waren über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit für die Letten, sich in ihrer Sprache auszudrücken. Sie sind meist recht kurz, selten länger als vier Zeilen. Die vorherrschende Sprache in den Städten war deutsch- bzw. russisch. So boten die Dainas die mündliche Möglichkeit der Überlieferung von lettischen Mythen vor allem auf dem Lande, wo das Deutsche etwas weniger dominant war.

„Es muss bemerkt werden, dass für den Letten die Dainas mehr bedeuten als nur eine literarische Tradition. Sie sind für ihn die Verkörperung des von Vorvätern überlieferten kulturellen Erbes, denen die Geschichte greifbarere Ausdrucksformen verweigerte. Diese Lieder bilden die Grundlage der lettischen Identität und Singen wird zu einer identifizierbaren Eigenschaft eines Letten.“ (Vaira Vīķe-Freiberga, Journal of Baltic Studies, 1975)

Ich war sehr froh, als ich während meines Aufenthaltes hier in Lettland bei einer Chorprobe zuhören durfte, die in dem kleinen Dorf Tume in der Nähe meines kleinen Dorfes Jaunpils stattfand. Obwohl Tume so klein ist, hat es doch exzellente Sänger und vor allem eine großartige Chorleiterin, die in ganz Lettland bekannt ist. Ihr Mann ist wohl auch als Juror international auf Chorwettbewerben unterwegs und war auch anwesend, weil er eines der Lieder, die an dem Abend gesungen wurden, selber komponiert hatte. Die Lieder waren alle von zeitgenössischen Komponisten, manche heiter, andere schwermütig, alle sehr besonders. Am nächsten Tag flog dieser Dorfchor nach Kalamata/Griechenland wo sie an einem internationalen Chorwettbewerb teilnahmen und immerhin den dritten Platz bekamen!

Gestern Abend durfte ich dann sogar selber in einem lettischen Chor mitsingen. Mein Mitstipendiat hier auf der Burg, ein junger lettischer Dichter, der auch Chorsänger ist, nahm mich mit zur Probe des örtlichen Chores in der Burg. Der wurde von dem in Lettland sehr bekannten Chorleiter Ārijs Adamsons dirigiert, der der Sohn des berühmten lettischen Komponisten Ārijs Šķepasts ist, von von dem an dem gestrigen Abend auch einige Lieder gesungen wurden, so u.a. ein Lied über Wölfe, in dem geheult wurde, ein Lied über Undine, in dem der Chor die Geräusche des Wassers nachmachte und ein Lied über Rosen an Bäumen, das mit lautem Hatschie endete. An diesem Sonntag wird der Chor mit diesem Programm in Riga auftreten.

Ich wurde vom Chor sehr freundlich aufgenommen und durfte mich in die zweite Reihe zu den Altstimmen setzen. Und ich konnte mich nun persönlich überzeugen von der Begeisterung der Letten für ihre sehr besonderen Lieder. Das war ein schöner letzter Abend hier in Lettland, voller Musik und netter Menschen. Und als ich gestern Abend ein letztes Mal die Treppe zu meiner Kemenate hochstieg, musste ich auf einmal denken: Wo gesungen wird, da lass dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.

Danke für eine ganz besondere Zeit an die Unesco City of Literature Tukums und an Guna Roze!

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