Heute fahre ich mit meiner litauischen Dichterfreundin Ramunė Brundzaite von Vilnius aus Richtung Nord. Wir wollen nach Šeduva, einer Kleinstadt mitten in Litauen, in der es seit letztem Jahr ein ganz besonderes Museum gibt. Es heißt auf englisch Lost Shtetl Museum, aber sein litauischer Name Dingęs štetlas – Verschwundene Shtetl trifft besser, was es hier zu entdecken gibt. In diesem Museum, das vom finnischen Architekturbüro Lahdelma & Mahlamäki Architects entworfen wurde, wird nämlich anhand des Beispiels der Stadt Šeduva das Leben in den seit 1945 ausgelöschten jüdischen Shtetls in Litauen gezeigt. Es gab diese Shtetls, die vor allem von jüdischen Menschen bewohnte Stadtviertel oder Dörfer waren, seit Jahrhunderten in Litauen und in allen anderen Ländern des Ostens. Hier lebten neben ihren christlichen Nachbarn vor allem ashkenasische Juden, die Jiddisch und die lokalen Sprachen sprachen. Die meisten lebten unter prekären Umständen, denn ihre Existenz war über Jahrhunderte von Progromen und antisemitischen Angriffen bedroht. Nur wenigen gelang der Aufstieg und ein Wechsel in die großen Städte. Im katholischen Litauen gab es 1941, als die deutschen Truppen Litauen besetzten, noch 200 von diesen Shtetls mit einer Bevölkerung von insgesamt ca 110000 jüdischen Menschen. 105000 von ihnen wurden innerhalb eines Jahres ermordet. Heute gibt es kein einziges Shtetl und keinen einzigen Juden mehr im ländlichen Gebiet von Litauen. Ähnlich sieht es auch in den anderen östlichen Ländern aus, in die deutsche Truppen einmarschierten.
Die letzten drei Orte, an denen ich seit Mai aus literarischen Gründen war, verband etwas, was durch Deutsche ausgelöst wurde; an allen dreien fanden nämlich in den vierziger Jahren schreckliche Progrome statt, durchgeführt von der Zivilbevölkerung, überwacht von Deutschen. Es handelt sich um die Stadt Iasi in Rumänien https://blogs.taz.de/fremdeln/fremdeln-in-iasi-3/, die Stadt Tukums in Lettland https://blogs.taz.de/fremdeln/renten-fuer-ss-angehoerige/und die Stadt Šeduva in Litauen. An allen drei Orten war ich nicht wegen dieser Themen, sondern wegen ganz anderer Gründe und jedesmal wurde ich mit einer Vergangenheit konfrontiert, die schrecklicher nicht sein könnte. Während sich die Deutschen in Deutschland ihrer jüdischen Bevölkerung ebenso wie der Roma und anderer marginalisierter Gruppen im Ausland entledigten, indem sie sie nach Polen oder nach Weißrussland schickten, wo sie in Vernichtungslagern umgebracht wurden, wurden die jüdischen Menschen in den eben erwähnten Ländern gar nicht erst verschickt. Sie wurden aus ihren Häusern herausgeholt, in nahe Wälder gebracht, wo sie Gruben ausgraben mussten und wo man sie anschließend erschoss. So geschehen auch in Litauens Hauptstadt Vilnius, wo 1941 fast 100000 Juden auf diese Weise erschossen und in Gruben geworfen worden. Auch in den anderen Großstädten im Baltikum gingen die Deutschen mit der sehr aktiven Hilfe vieler litauischer, lettischer und estnischer Helfer vor, die schon lange vor Ankunft der Deutschen mit antisemitischer Propaganda aufgehetzt worden waren.
Die Erinnerung an den Holocaust wurde nach 1945 von den russischen Besatzern unterdrückt. Die ehemaligen Synagogen und Gebetshäuser wurden zerstört oder umgebaut. Gedenken gab es nicht. Das hat sich erst seit 1990 sehr langsam geändert. Aber nicht so wie es in anderen Ländern geschehen ist. Noch immer ist viel zu wenig Wissen über das, was in Litauen geschah, im Bewusstsein der Bevölkerung, sagt Ramune. Schlimm vor allem heute, wo der Nationalismus, rechte Gruppierungen und auch der tief sitzende Antisemitismus immer stärker wird.
Als wir in Šeduva ankommen, bin ich erst einmal sehr überrascht von dem Ort, den ich mir wie ein kleines Dorf vorgestellt habe, der aber eine gar nicht mal so kleine Stadt mit 4000 Einwohnern und einer riesigen prächtigen katholischen Kirche ist. Die Stadt ist voller Blumen jetzt im Oktober, an allen Straßenrändern blühen Tagetes, Cosmea, Rosen und Mohn über und über, als wenn es mitten im Sommer wäre. Wir durchqueren den Ort und kommen an einer Gedenkstätte vorüber, die auf einem Platz aufgestellt wurde. Die Statue eines Mädchens in einem leichten Kleid steht dort vor einem stilisierten Davidstern. „Für die Juden von Šeduva“ lautet die Inschrift. Manche Menschen haben kleine Steine und Blumen zu Füßen dieses berührenden Denkmals gelegt, das von dem litauischen Künstler Romualdas Kvintas entworfen wurde.

Er hat auch die Skulpturen für die drei anderen Gedenkstätten entworfen, die von den Machern des Lost Shtetl Museums angelegt wurden und die an den Plätzen stehen, wo die jüdischen Menschen Šeduvas zusammengepfercht und ermordet wurden, etwas außerhalb der Stadt und im Wald Pakutuvėnai.
Die Idee für das Museum und die Gedenkstätten kam von Sergei Kanowitsch, der 2015 mit seiner NGO Maceva (Hebräisch für «Grabstein»), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jüdische Friedhöfe zu restaurieren, den 300 Jahre alten jüdischen Friedhof von Šeduva dokumentiert und restauriert hatte. Hier, in Šeduva, ließen sich auf einem großen Terrain noch Steine und Fragmente von ca. 2000 Gräbern und Überreste von 400 jüdischen Menschen nachweisen, die vor 1941 hier bestattet worden waren. Als er damit fertig war, fragte sich der Sohn des angesehenen litauisch-jüdischen Schriftstellers Grigori Kanowitsch und Experte für das Kulturerbe der Litwaks, der litauischen Juden, wie wohl die Zukunft des abgelegenen Friedhofs aussehen würde, der zwei Stunden nordwestlich der litauischen Hauptstadt Vilnius liegt. Er befürchtete, dass der Friedhof weiterhin wie ein totes Areal und von der Welt verlassen sein würde. Er begann dann, von einem Museum zu träumen, das eine Art Wächter für den Friedhof sein könnte und noch dazu die Geschichte des Ortes erzählen würde, neben dem er liegt. Und er machte sich auf die Suche nach Geldgebern.
Das Lost Shetl Museum ist etwas ganz besonderes. Es wurde nämlich von privaten Sponsoren finanziert, die die ca 200 Millionen Euro Kosten aufbrachten. Federführend war dabei ein anonym bleiben wollender Nachfahre der jüdischen Menschen von Šeduva. Der finnische Architekt Mahlamäki hat die in strahlendem weiß gehaltene Häusergruppe, die typisch für die Bebauung eines litauischen Shetls ist und in deren Mitte die Synagoge herausragt, wie ein Modelldorf entworfen. Durch die weiße Farbe wirken sie unwirklich und gleichzeitig wie eine Leerstelle. Es ist unheimlich und wunderschön zugleich, wie sich die Häuser in die sie umgebende Landschaft einfügen und doch aus ihr hinausstechen. Rings herum wurde von italienischen Gartenbauarchitekten die für die Gegend typische Landschaft angelegt, viele Bäume gepflanzt, ein See gegraben. Nebenan ist ein großes Feld Teil des Daffodil-Projekts https://www.google.com/search?q=daffodil+project+holocaust&rlz=1C1CHBF_deDE1059DE1060&oq=daffodil+project+holocaust&gs_lcrp=EgZjaHJvbWUyBggAEEUYOdIBCDU1MDdqMGo0qAIAsAIB&sourceid=chrome&source=chrome.ob&ie=UTF-8, das an Holocaustgedenstätten durchgeführt wird; 1,5 Millionen Osterglocken sollen weltweit an die 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder erinnern. Im nächsten Frühjahr wird dieses Feld neben dem weißen Museum in leuchtendem Gelb blühen und ganz besonders an die ermordeten jüdischen Kinder aus Šeduva erinnern.
Als wir ins Museum hineingehen, wird Ramunė von einer Gruppe Frauen begrüßt. Es sind ihre ehemaligen Lehrer*innen von dem Gymnasium, an dem sie vor zwanzig Jahren ihr Abitur gemacht hat. Heute sind sie hier, um sich im Museum weiterzubilden. Das Museum ist voller Besucher. Es empfiehlt sich bei einem Besuch auf jeden Fall eine rechtzeitige Voranmeldung. Der Eintritt ist umsonst. Wie war denn damals der Unterricht in deiner Schule in Bezug auf den Holocaust, frage ich Ramunė, die sehr erstaunt über das Treffen mit ihren ehemaligen Lehrer*innen ist. Aber sie kann sich nicht wirklich gut erinnern, außer daran, dass er kein besonders großes Thema war und dass die Beteiligung der Litaueischen Kollaborateure nicht so thematisiert wurde, wie wir es hier und heute während des Rundgangs erfahren. Auch die Bewohner vom heutigen Šeduva nehmen das Museum nicht nur begeistert wahr, wie ich später erfahre. Die litauischen Mitschuldigen am Progrom von Šeduva wurden später größtenteils nicht zur Rechenschaft gezogen.
Das Museum bietet einen faszinierenden Überblick über das Leben der jüdischen Bevölkerung in Šeduva. Insbesondere die Zeit ab 1918 wird thematisiert, nach Gründung der litauischen Republik und Befreiung von russischen und baltendeutschen Okkupanten gab es erst einmal einen liberalen Aufschwung auch in der jüdischen Bevölkerung. Die jüngere jüdische Generation hatte sich verändert, wollte nicht mehr das traditionelle Leben ihrer Vorfahren führen. Viele jüdische Menschen emigrierten aber auch, oft nach Südafrika, oder im Rahmen der zionistischen Bewegung nach Israel. Anhand vieler Dokumente, Bilder und Artefakte wird man in einem großen Saal, der einem Synagogenraum nachempfunden ist ( die Synagoge von Šeduva ist zerstört worden), in diese Zeit und ihre Menschen entführt.
Ein nachgebauter virtueller interaktiver Marktplatz zeigt die typischen Berufe und das Leben in einer kleinen Stadt wie Šeduva. Der nächste Raum führt dann zur russischen Okkupation von 1938, während der auch schon viele wohlhabendere Juden, die als Kapitalisten empfunden wurden, von den Russen Richtung Sibirien verschleppt worden sind. Dann wird man weiter geführt zum Einfall der deutschen Truppen und kann auf den Spuren der 680 jüdischen Menschen aus Šeduva virtuell den Weg nachgehen, den diese auch gehen mussten, ein Weg, der sie aus der Stadt hinaus in den Wald führte, wo sie von litauischen Kolloborateuren unter der Aufsicht von einigen Deutschen erschossen wurden. Innerhalb eines Tages war die gesamte jüdische Bevölkerung Šeduvas ermordet.



Augenzeugenberichte und Berichte von Nachfahren der Juden aus Šeduva, von denen einige ja schon vorher emigriert und sehr wenige rechtzeitig geflüchtet waren, sind im nächsten Raum zu sehen, der dann als eine letzte Station auf einen hohen schmalen Gang zuführt, von dem aus man auf den riesigen jüdischen Friedhof sehen kann.

Ganz vorne auf diesem Friedhof, auf dem fast nur Fragmente und kleine Steinsplitter die 2000 ehemaligen jüdischen Gräber markieren, liegt eine ganze Reihe von unversehrten Grabsteinen, die von Litauern nach 1941 entwendet und auf dem christlichen Friedhof als Grabsteine genutzt wurden, indem man auf der Rückseite die Inschrift einmeißelte.



Diese gut erhaltenen Grabsteine wurden den jüdischen Friedhofsrestaurateuren im Jahr 2013 zurückgegeben. Bestattet zu werden war ein Schicksal, das den Juden, die im litauischen Holocaust umkamen, nicht beschieden war; sie wurden erschossen und verbrannt. Aber sie sind nicht vergessen. Dieses berührende Museum erinnert an sie, indem es ihre Schönheit, ihr Leben und ihre Kraft zeigt, die das Wesen des Shtetls, in dem sie lebten, ausmachte und indem es aufzeigt, wer für ihr Ende verantwortlich war und dass ihr Tod nicht das totale Ende war, wie es die Deutschen gewollt hatten. Die wenigen Überlebenden sind zu vielen Nachfahren in der Fremde geworden und diese haben dafür gesorgt, dass heute so etwas Wunderbares wie dieser Erinnerungsort gebaut werden konnte.
Sehr betreten und betroffen gehen Ramunė und ich aus dem nachgebauten Shtetl hinaus und in die herbstlich schöne und über und über blühende poetische Natur und in den Park, der ringsherum angelegt wurde. Der Schrecken und das Schöne, so nah beieinander. Aber dieses Museum zeigt, dass es Hoffnung gibt, trotz alledem!