Die Tatsache, dass dieses Buch, das in dem sehr angesehenen Berliner Lyrikverlag kookbooks https://kookbooks.de/products/clara-cosima-wolff-handreichung-gedichte erschienen ist, irgendwie handgemacht wirkt und so, als sei es persönlich von der Autorin mit blauen Kabelbindern zusammengeschnürt worden, ließ mich beim Öffnen des Umschlags, in dem es kam, erst einmal stutzen. Handreichung heißt der neue und erste Lyrikband der jungen Hagener Lyrikerin Clara Cosima Wolff, die nach einem Schreibstudium in Hildesheim nun schon seit einiger Zeit mit Gedichten und Übersetzungen auf sich aufmerksam gemacht hat und seit ein paar Monaten als Stadtbeschreiberin in Dortmund lebt.
Fünf kleine schmale Bände sind mit diesen Kabelbindern zusammengefasst worden, die man dadurch so drehen und wenden kann, dass jedes der vier Bände entweder der erste oder der letzte ist.
Ich versuche sie nun ganz unvoreingenommen so zu lesen, als wüsste ich nichts über die Autorin, die ich nun schon zweimal bei wirklich großartigen Lesungen erlebt habe und die dann jedes Mal etwas zu den Gedichten gesagt hat, was ich nicht im Hinterkopf haben will, weil ich mir für die Besprechung lieber vorstellen will, eine*n unvoreingenommene*n Leser*in zu sein, die dieses Buch zum ersten Mal in den Händen hält und nie etwas von seiner Autorin gehört hat.
Leicht verrückt und sehr verspielt und mit einem kleinen Feuerwerk an Bezügen und Infos zum Schreibprozess und zu literarischen Anreger*innen geht es schon im ersten Band los. Der beginnt mit einem Kreuzworträtsel. Kreuzworträtsel? Das fand ich immer furchtbar. Es ist doch etwas für alte Leute! Was fängt so eine junge Lyrikerin mit Kreuzworträtseln an? Aber bei ihr ist es mehr als nur Kreuzworträtsel; es geht nicht nur ums Finden von Begriffen, die später noch eine Rolle spielen, sondern es wird schon gleich sprachspielerisch. Und dann mischt sich auch Scrabble ein. Nachdenken und raten muss man nicht dabei, sondern die Auflösung wird gleich mitgeliefert und ist Vorgabe und Bestandteil dessen, was dann folgt.
Das ist raffiniert und philosophisch zugleich. Inspirieren lassen hat Wolff sich vor allem von Elke Erb und Helène Cisoux, deren Zitate ein jedes ihrer Bände einläutet. Auch Dagmara Krauss ist ein Vorbild. Wie diese zerlegt und zersägt sie Sprache und Struktur und fügt sie neu wieder zusammen. Die drei Leitmotive ihres Schreibens, Demenz, Bienen und Geschlechtsidentität, tauchen in fast allen Texte sowohl inhaltlich als auch formal auf. Das nicht ausgeschriebene Wort, das plötzlich abgebrochene Wort klingt immer nach einem Wort, das angegangen und vergessen wurde. Das ist eine sehr interessante und faszinierende Methode, neue Sprache, Sprachlichkeit, Sinnlichkeit zu schaffen.
Was Sprache, was Gehirn ist, geht ineinander über. Der zweite Band heißt Zell:eilung. In ihm finden sich Gedichte mit Titeln wie eingespeist, demenzellfurcht, zell:zerfall; die studierte Psychologin Wolff hat sich als Sitz ihrer fünf Bände das Gehirn ausgesucht, ein Gehirn, das sprachlich verrückt spielt. Im dritten Band zog an:gst ein beschäftigt sie sich gedichtlich mit ihrer Rolle und Prägung als Frau und findet so wunderbare Sätze und Begriffe wie „ambivalenz meiner ängstlichkeit und ambivalenz meiner weiblichkeit…den fluch der sich fürchtenden frau zu wiederholen….furchtlernen unter mäusen….angstratte“.
„Sehr geehrte Fr. Angst zu spüren ist ein natürlicher Begleiter des Lebens…“ heißt es dann klug im letzten Text dieses Bändchens. Im vierten Band fundstuecken schreibt sie auf dem Titel:
tag gute
auguste
wer a sagt
muss auch weh
wir zeugen vom nisten multiloge und ein leidt ende
fußnot
rückdeutende rasuren
und lässt Elke Erb kommentieren: Diesen Zustand müsste man konservieren können. In diesem Band arbeitet sie mit Zitaten aus einem Interview mit der ersten Demenzpatientin und Collagen aus von ihr selbst verfassten neuropsychologischen Anamnesen.
Aber diese vier ersten Bände sind eigentlich nur die Einstimmung für den letzten und fünften Band, in dem sie auch inhaltlich wirklich auf den Punkt kommt. Beschrieben werden in den Gedichten dieses Bandes eine demente Mutter und das Kind, das sich um sie kümmert und das wohl die Autorin ist. Das sind auch meine absoluten Lieblingsgedichte in diesem Band. Liebevolle sprachlich wunderschön gebaute Gedichte, die von Fürsorge und Zuneigung erzählen, die manchmal kaum auszuhalten ist. kuemmerumkehr heißt dieser Band. Wie schlimm es sein muss, schon in jungen Jahren für die Eltern verantwortlich zu sein, wenn man selber doch auch noch Kümmern und Sorge bekommen sollte, davon erzählt sie in freien Versen und mit Sprachmacht:
leitsinn
ach du mein leichtchen
treibst mich an
zieh ich aus
weh nicht fort
Das ist traurig, das tut weh und das schmerzt. Clara Cosima Wolff hat einen großartigen lyrischen Band über Demenz und ihre Betroffenheit verfasst. Ehrlichkeit, Sprachgewalt und Mut hat sie mit dieser „Handreichung“ bewiesen!