„Der Schwerpunkt der Welt liegt weder an der Elbe, noch an der Etsch, sondern an den Grenzen Europas, an der Donau.“ Mit diesem Zitat des liberalen französischen Politikers Talleyrand, der das Expansionsstreben Napoleons früh kritisierte, beginnt das neue Buch von Sabina Fati: Wer begeht das Donaudelta. Eine Reise in Zeiten des Krieges durch Transnistrien, Ukraine, Moldau und Rumänien, das soeben im Dittrich Verlag erschienen ist. https://www.velbrueck.de/Programm-oxid/Rumaenische-Literatur/Wer-begehrt-das-Donaudelta.html
Transnistrien, Gagausien, Moldawien, Bessarabien… das sind Länder, von denen ich bis vor kurzem noch nie oder nur sehr wenig gehört hatte. Dass sie teilweise sogar eigene Sprachen haben, wusste ich noch viel weniger. Die Geschichte ist über diese Gegenden hinweggefegt; erst waren sie ewig lange Teil des Sowjetischen Reiches und heute sind sie gefangen und eingekesselt durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Mich interessieren diese Länder, seit ich im Mai diesen Jahres zum Poesiefestival in Iasi/Rumänien eingeladen war, das direkt an der Grenze zu Moldawien liegt, von wo auch einige der dort eingeladenen Lyriker*innen stammten, die mir von ihrer Heimat erzählten. Ich war deshalb sehr gespannt auf dieses gerade neu erschiene Buch.
Die rumänische Journalistin Sabina Fati hat für Radio Free Europe/Radio Liberty als Politikkommentarin gearbeitet. Außerdem war sie stellvertretende Chefredakteurin der Tageszeitung »Romania libera«. Sie hat sich im Jahr 2023 auf den Weg gemacht, um die seltsam weltverlorenen aufgegebenen Länder rund um das Donaudelta, also die Mündung der verschiedenen Donauarme in das Schwarze Meer, dem Vergessen zu entreißen. Das Donaudelta ist das zweitgrößte Flussdelta Europas, 72% seiner Fläche stehen unter Naturschutz. Fati hat ein wunderbares ausführliches Buch über ihre Reise im östlichsten Teil des Donaudeltas verfasst: Sie ist von Rumänien aus über die Grenze gefahren und hat ehemalige Donau-Hafenstädte aufgesucht, die einst blühende Orte voller Leben waren und die heute verschlafene menschenleere Ortschaften mit kaputten Häusern sind, sie hat die letzte Leprakolonie Europas aufgesucht und viele Fußmärsche gemacht zu entlegenen Gegenden, die noch nicht mal mehr eine Maschrutka anfährt und hat immer mal wieder an Schwarzmeerstränden gestanden, die früher Touristenmagnete waren und heute menschenleer sind. Man folgt ihr gebannt durch diese so exotischen und fremden Länder der ehemaligen Sowjetunion, die teils noch sehr viel russischer sind, als selbst Fati es vermutet hat.
Ihre Reise war nicht ungefährlich und ist ganz sicher nicht zur Nachahmung empfohlen. Immer wieder berichtet sie von russischen Drohnen und Einschlägen in ihrer Nähe. Sie trifft Kriegsversehrte und Russenfreunde ebenso wie Russenfeinde und Menschen, die vom Krieg noch gar nichts mitbekommen haben. Bei ihren historischen Exkursen an den Orten, an denen sie sich aufhält, erfährt sie so kuriose Dinge wie die Geschichte der Eunuchen, einer religiösen Sekte, die sich im 19. Jahrhundert gründete und deren männliche Mitglieder sich entmannten, während die Frauen sich die Brustwarzen abschnitten. Diese Sekte existierte noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Überhaupt ist man erstaunt, wie viele unterschiedliche Religionen und Völker und Kulturen in diesem doch gar nicht so übergroßen Gebiet heute noch leben. Reste der Menschen, die einst in diese vor langen Jahren blühende und prosperierende Gegend gekommen sind, von der heute nur noch wenig übrig ist.
„Obwohl die Donau nur einen schmalen Streifen des Landes bewässert, der heute unter der Herrschaft der moldauischen Fürsten steht, bringt sie dem Land den größten Nutzen. Denn einerseits ermöglicht sie den Handelsschiffen verschiedener Völker, in Galati vor Anker zu gehen und andererseits ermöglicht sie den Moldauern die Möglichkeit, ihre Waren über den Pruth nach Konstantinopel und zu anderen Städten am Schwarzen Meer zu bringen und ihnen dadurch einen deutlichen Gewinn zu verschaffen.“ (Dimitrie Cantemir, 2001)
Fati treibt bei ihrer Reise, die im Jahr 2023 stattfand, vor allem ein Gedanke: Den Einfluss und die schädliche Beeinflussung durch die Russen in diesen Ländern, die inzwischen selbständig sind und eigentlich die Schnauze von den Russen voll haben müssten, zu untersuchen. Das tut sie nicht nur mit groben Fakten zur Russischsprachigkeit und Statistiken zur Bevölkerung, sondern auch mit vielen wunderbaren literarischen Zitaten. Und sie beschreibt, was sie erlebt und wen sie trifft. Sie berichtet von ständigen Drohnenbeschüssen und der Infiltrierung westlicher Medien durch russische Geheimdienste, die sich bis in unsere westliche Gesellschaft auswirkt, für das sie viele Beispiele anführt, die erschrecken.
Sie spricht mit Menschen, die in diesen Gegenden im Schatten des Krieges leben und sich scheinbar daran gewöhnt haben. In Odessa tun die Menschen, sagt sie, so, als wenn gar nichts sei, gehen täglich ihren Verrichtungen nach, kaufen in teuren Luxusboutiquen ein, während daneben Bräute mit ihren Soldatenbräutigamen Fotos auf der historischen potemkinschen Treppe machen. „Die Einwohner Odessas wollen nicht, dass sich ihr Leben ändert. Sie hören nachts die Sirenen, wollen aber nicht in die Schutzräume hinuntergehen, wollen den Krieg nicht akzeptieren und manche wollen auch nicht über das Leben nach 2022 reden.“
Im Budschak isst sie Stör-Aspik und berichtet über die Verfolgung der Kosaken, deren Nachfahren heute noch in Wylkowe, dem „Venedig des Ostens“ wohnen, durch die Sowjets. „Seltsamerweise neigt diese Gemeinschaft, die von den Machthabern und der Justiz Russlands verfolgt wurde und gezwungen war, fern ihrer Heimat Zuflucht zu nehmen, immer wieder dazu, das ihnen widerfahrene Unrecht zu vergessen und ihren Feind in die Arme zu schließen.“ Das erinnert stark an das Wahlverhalten der Menschen in der ehemaligen DDR. Es ist faszinierend zu lesen, wie sie es schafft, mit diesem Buch einerseits eine völlig fremde Landschaft zu beschreiben und in tristen Schwarzweißfotografien festzuhalten und wie der Leser zugleich auch immer wieder an sein eigenes Land erinnert und damit demütig wird.