vonHans-Peter Martin 23.02.2020

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Im Dezember war ich zuletzt in den USA unterwegs. Zuerst in Detroit, Michigan. Niederschmetternd. Dutzende Gespräche, fast nur mit Afroamerikanern. Keiner von ihnen wird im November 2020 Donald Trump wählen, aber KEINER glaubte, Trump werde nicht gewinnen.

2016 war der US-Bundesstaat Michigan neben Wisconsin und Pennsylvania einer der „Swing-States“, die Trump zum Sieg verhalfen.

Einige Tage später ein Abendessen an der Upper West Side in New York. Der Sohn der Familie studiert an einem der Elite-Colleges. Seine Mutter ging 2016 für Hillary Clinton auf die Straße. Joey, so heißt der smarte Student, verblüffte mit seiner Einschätzung, dass es egal sei, welcher US-Demokrat im Herbst gegen Donald Trump antreten werde. Jede Kandidatin und jeder Kandidat habe seine Stärken und Schwächen, die sich letztlich aufheben würden. Die Achillesferse von Bernie Sanders sei der Bundesstaat Florida: Zu viele Menschen dort seien Kuba zu nahe, zu anti-sozialistisch.

Das Vorwahlergebnis unter den demokratischen Wählern in Nevada mag das nun relativieren: Latinos mögen „Tío Bernie“, den Onkel, der seit Jahrzehnten Haltung zeigt. Das allein wird natürlich nicht reichen.

Doch das weiter um sich greifende Corona-Virus könnte die Hauptsäule des Trump-Gebäudes ins Wanken bringen: Müssen immer mehr Städte und Regionen abgeschottet werden, werden immer mehr Reiseströme, Produktfertigungen und Lieferketten betroffen sein. Eindrucksvoll schon jetzt: die um 90 Prozent gesunkenen Flugbewegungen in China (siehe Flightradar24.com). Gefährlich für die Automobilindustrie: 90 Prozent weniger Autoverkäufe in der Volksrepublik. Und ein Drittel der französischen Fertigungsstätten befinden sich in der so gebeutelten Provinz Hubei. Auch die US-Ökonomie wird die Folgen der Isolationen immer stärker zu spüren bekommen. Die Crash-Spirale wird damit befeuert.

Trifft das die Wall-Street? Noch nicht. Doch das neuartige Virus könnte zu jenem schwarzen Schwan werden, das die Aktienkurse endlich einbrechen läßt – und mit ihnen einen so wichtigen (Renten)Rückhalt für viele Kleinanleger. Dann wird es um die Deutungshoheit gehen: Trump wird gegen China argumentieren und einen nationalen Schulterschluss anstreben. Bernie Sanders wird aber gleichzeitig mit einem seiner drei Hauptthemen, der Krankenversicherung für alle, eine neue Argumentationsdynamik erreichen. Und er kann mit seiner Globalisierungskritik punkten – wie auch seinem beharrlichen, glaubwürdigen Auftreten gegen den finanz-industriellen Komplex.

Schaun mer mal.

Auch darum bin ich der Meinung, dass eine relevante linke Kraft in allen Demokratien unverzichtbar ist.

Zum Thema: Hans-Peter Martin, „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“ Penguin Verlag, München. 384 Seiten und 25 Grafiken, 24 Euro. Weitere Informationen: www.hpmartin.net

Aktualisierung am 24.2.2020: Heute sind die verschiedensten Aktienindizes deutlich gefallen. Schaun mer mal weiter.

 

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https://blogs.taz.de/gameover/corona-virus-als-bernie-sanders-wahlhelfer/

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