vonHans-Peter Martin 07.02.2020

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Das unzerstörbare Ibiza-Video zerstörte in Österreich die rechte Vizekanzlerschaft des H.C. Strache. Seine Ära währte mehr als kurz. Doch wie steht es um Sebastian Kurz, den Wieder-Kanzler?

„Ich lebe in Euer Zukunft“, sage ich als Österreicher gerne bei politischen Veranstaltungen in Deutschland. Unter der ÖVP-FPÖ-Regentschaft der Konservativen und Rechtsaußen war das eine Drohung. Die neue ÖVP-Grün-Regierung mag nun ein Hoffnungsschimmer sein, könnte man meinen.

Provozierende Zweifel daran schürt jedoch die Inszenierung des neuen Stücks der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Wiener Akademietheater. „Schwarzwasser“ lautet der Titel. Am Morgen des Premierentages war ich noch im Pulverschnee unterwegs, dem weißen Gold der Alpenrepublik. Auch das ist Österreich: weiß und schwarz. Und kaum etwas dazwischen. Der „Keim“, wie Elfriede Jelinek das autoritäre Geschwür nennt, verbreitet sich überall, mit und ohne Strache. Hass und Gewalt, sie macht nirgendwo halt. Den Boden bereitet gerne eine selbstgefällige Ignoranz.

Noch am Skilift unterhielt ich mich mit einem Wiener Geschäftsmann, der in der Schweiz lebt und sich jedes Jahr mit seiner Exfrau und seinen Kindern entspannt zum Urlaub in Lech am Arlberg trifft. Abends sitzt er gerne im „Auerhahn“, in dem Gäste auch von Auerbachs Keller schwärmen.

Wie so viele ausgewanderte Hauptstädter ist der Wiener Gesprächspartner meinungsstark. „Zum Kotzen“ findet er, dass die AfD rund um die Ereignisse in Thüringen als demokratisch gewählte Partei jetzt wieder so heruntergemacht wird. Und Vergleiche mit dem Aufstieg Hitlers? „Lächerlich, wir leben doch in einer gefestigten Demokratie“. Auch in der bisherigen DDR, die nicht nur in ihrer Larmoyanz Österreich oft so ähnlich ist?

Eine Stunde vor der „Schwarzwasser“-Premiere antwortet Steven Winkler, Kellner im Café Museum am Wiener Karlsplatz, auf die Frage nach seinem Jobstress: „Arbeit macht frei“. Er ist jung, vom Eingangstor in Auschwitz hat er nie gehört. „Ich bin noch nicht rechtsradikal“, sagt er und hält das für eine Erklärung.

„Eintritt macht frei“, prangt es in großen Buchstaben auf den Rigipsplatten, die im Akademietheater den Bühnenraum verstellen, ehe sie im Laufe des Abends von den Schauspielern inbrünstig in Stücke geschlagen werden. Welche Symbolik.

„Schwarzwasser“ ist ein durchgängiger Lauftext, ein einziger Monolog, aus dem Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann überzeugend seine Figuren destilliert. Dabei bleibt es nicht beim offensichtlichen Protagonisten H.C. Strache, der auf der politischen Bühne über seine Einfältigkeit und Geldgier gestolpert ist, ein Tölpel, befallen von anfälliger Geltungssucht. Immer mehr drängt sich ein aalglatter, viel raffinierterer Charakter in den Vordergrund, manchmal fein gekleidet, dann wieder Mephisto, bisweilen vervielfacht. Zum schwarzen Anzug trägt er zwischendurch auch grellgrüne Plastikhandschuhe. Da will sich einer in seinem Machtstreben nicht schmutzig machen. Das passt so sehr zu Sebastian Kurz und seinen grünen Helfern, dass es kaum ungewollt sein kann.

Wer das Stück so versteht, denkt weit über Björn Höcke hinaus an neue Zeiten. „Gegenwart“, „Gegenwart“, skandiert ein Chor, als es auf der Theaterbühne schon um mehr als nur Ibiza-Phantasien geht. Das Volk wird zum Spielball, die Antidemokraten verstehen sich stets als Opfer.

Bevor Nachdenklichkeit und Beklemmung aufkommt, liefert die Aufführung beste Unterhaltung: schrille Momente, unerwartete Rollenwechsel, gewollt Ironisches, berührende Monologe. Erneut beweist sich die Autorin als große Sprachvirtuosin. Scheinbar banale Assoziationsketten legen nicht selten Grundsätzliches bloß: Wo beginnt, wo endet der alltägliche Faschismus? Verhandelt wird auch Essentielles der Daseinsfürsorge: Wem gehört das Wasser (dessen Privatisierung H.C. Strache auf Ibiza diametral zu seinem Parteiprogamm für möglich hielt), wem gehört die Straße? Die Rechte marschiert darauf, doch „Fridays for future“ besetzt sie auch.

„Am Ursprung war die Gewalt, die kommt ja auch jeden Tag wieder“, so Jelinek, „die wurde dann sublimiert zu einer Veranstaltung mit Tanz auf Donauinseln, Waldbühnen, Schloßparkplätzen, mit Menschen Zerreißen (sic), Tiere Zerlegen, Bäume Vergewaltigen, sich unzulässig auf unzuverlässige Bäume Setzen, Straßen Zerfahren, Zeitungen Mißbrauchen, Kindermelken.“

Und Gesetze? „Wir müssen gesetzeskonform handeln, außer natürlich, es werden Handlungen gegen uns gesetzt, denn dann handeln wir jetzt erst recht“, heißt es im Sprechtext. Und wieder ist die Jetzt-erst-recht-Gesellschaft präsent, von Kurt Waldheim über Björn Höcke bis Sebastian Kurz mit dessen geplanter Sicherungshaft für potentielle Straftäter, welche die Grünen neuerdings verharmlosen. „Das Haus brennt.“ Und: „Deutschland marschiert auch schon wieder.“

Zur Pause der Uraufführung blieben die Besucher aus der sozialdemokratischen Tartuffe-Fraktion rund um den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig noch länger im Saal. Ein Wort drang aus deren Mitte: „Begräbnis“. So sehr dies ein Zufall gewesen sein mag, bezeichnend war es doch.

Jelineks Schauspiel ist düster. Wenn es den neuen Rechten weiterhin gelingt, Wahrheiten zu leugnen und mit atemberaubender Leichtigkeit von der Täter- in die Opferrolle zu schlüpfen, sind sie kaum zu stoppen. „Der Keimträger bleibt, der Rest wurde nicht gerufen, doch sie kommen“, so Jelinek. Und bei der Message-Control, dem Framing und Unterdrücken unliebsamer Nachrichten, liefern viele Meinungsbildner Schützenhilfe. Jelinek: „Keiner also kann ihn wieder einfangen, diesen junge Gott.“ Und: „Das muss man erst einmal können: Sanftmut spielen.“ Wer beherrscht diese Rolle besser als Österreichs so adretter Jungkanzler?

„Schwarzwasser“ kann nur mit außergewöhnlichen Schauspielerinnen und Schauspielern gelingen. Die langjährigen Ensemblemitglieder des Burgtheaters, Caroline Peters und Martin Wuttke, zählen dazu. Felix Kammerer und Christoph Luser hat der neue Direktor Martin Kušej an das Haus gebunden und so ein Exzellenzversprechen gehalten. Was für ein Quartett.

Die Aufführung ist eine Reise wert. Nur bei einem Theaterbesuch erschließen sich die vielen Dimensionen des Stücks und seiner Inszenierung. Die Belohnung findet im Kopf statt.

 

P.S: Wie schon bei der Präsidentenwahl 2016 rief die gerühmte „New York Times“ mit „95prozentiger Sicherheit“ wieder einen Mainstream-Demokraten vorzeitig zum Wahlsieger aus. Dieses Mal ging es nicht um Hillary Clinton, sondern um Pete Buttigieg bei den Vorwahlen in Iowa. Unberücksichtigt blieb dabei die Information eines Abstimmungsleiters, dass in seinem wichtigen Wahlkreis zwar die Ergebnisse zügig an die Zentrale gemeldet worden waren, aber tagelang nicht berücksichtigt wurden. Das Nachsehen hatte Bernie Sanders.

Auch darum bin ich der Meinung, dass eine relevante linke Kraft in allen Demokratien unverzichtbar ist.

 

 

 

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