vonHans-Peter Martin 04.06.2020

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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„Ischgl hat Pech, Lech hat Glück gehabt“, raunen sich die Nachbarn in meiner Skiwahlheimat am Arlberg zu. Denn Lech kam schlagzeilenfrei durch seine Corona-Quarantäne. Schweigen ist Gold im Kreis der olympischen Medaillengewinner. In keinem Wintersportort gibt es mehr davon. In Ischgl, unten im nahen Paznauntal, keinen einzigen.

So starte ich als zugewanderter Hans im unverdienten Glück meine Reise nach Italien vom  vergoldeten Arlberg aus. Das Straßenschild bei der Abzweigung nach Ischgl sticht ins Auge wie nie. Es wirkt jetzt doppelt so groß. Ein Synomyn wofür? „Es ist die Gier, die sollen an ihrem Geld ersticken“, sagt meine Kinderliebe in Tobadill, ein paar Kilometer weiter. Sie könnte zu Fuß nach Ischgl gehen. Doch um diese Mentalität zu erleben, kann sie gleich daheim bleiben. Dem Sohn hat man ein Grundstück abgeluchst, der Exmann will sie aus dem gemeinsamen Haus vertreiben.

Typisch Tirol? „Schöne Welt, böse Leut“, lautet der Titel des Aufklärungsbuches meines ersten journalistischen Mentors, Claus Gatterer. Er beschrieb darin, wie er den menschlichen Hinterhalten im hintersten Winkel Südtirols entkam.

Seit 1918 ist dieser Flecken Welt, der so viele Besucher bezaubert, nicht mehr ein Teil Österreichs. Italienische Truppen besetzten das Land nach dem Waffenstillstand. Auch darauf stützt sich das in Österreich weit verbreitete Vorurteil gegen die „heimtückischen Italiener“.

„Einig Tirol“ wurde zum generationenübergreifenden Schlachtruf auf beiden Seiten des Brenners. Die „Südtiroler Bumser“, die in den 1960er Jahren Strommasten in die Luft sprengten, galten in Italien als Terroristen. Ich mochte Südtirol jahrzehntelang nicht, weil sich meine Eltern und viele ihrer Gesinnungsfreunde im Urlaub mit der Begründung dorthinzurückzogen, dass man „da noch sagen kann, wie es wirklich war“. Mein Vater organisierte Kameradschaftsbundtreffen und genoss beide Landschaften, die politische und die der Natur.  Meine Mutter, von Natur aus erfahren im Verdrängen, schwärmte vom Rosengarten.

Mit Kopfschütteln reagierten die Nordtiroler, dass die Südtiroler schon am 11. März ihre Schigebiete abriegelten. So eine Blöße wollte sich Österreichs Regierung nicht geben, da ließ sie lieber die Grenzbalken zu Italien fallen. Zunächst protestierte Italiens Regierung, blockierte dann aber auch den Zugang. Wie 1918. Damit auch ein neuer Kampf um ein „Einig Tirol“?

Seit heute dürfen alle EU-Bürger wieder ohne jede Beschränkung nach Italien einreisen. Buchstäblich. Kein Balken, kein Polizist, kein Grenzbeamter steht mehr an der Grenze am  Reschenpass. Auf italienischer Seite rutschte der Souvenirshop in den Konkurs, er steht zum Verkauf. Die Pizzeria daneben ist noch geschlossen. Ruhetag. Auch eine Art, die Öffnung zu zelebrieren.

Also weiter nach Reschen. Mehr oder weniger ein Kunstdorf. 1939 wurden die fruchtbaren Böden in der Talsenke den Plänen für ein Wasserkraftwerk zur Stromgewinnung geopfert. Der Zweite Weltkrieg verhinderte noch die sofortige Umsetzung. Doch danach wurde die Staumauer gebaut und mehrere Dörfer geflutet, finanziert mit Krediten aus der Schweiz. Geblieben ist nur ein Kirchturm, der aus dem Wasser ragt: stets Menetekel, längst Touristenhingucker. „Unsere Leut konnten damals die italienischen Verträge gar nicht lesen“, erklärt die pensionierte Wirtin des „Mohren“ in Reschen. 1951 wurde ihre Famile vom Talboden ans neue Seeufer umgesiedelt. „In zwei Baracken, ohne Entschädigung“, erinnert sie sich. Auch daraus speiste sich die Energie der „Bumser“.

Zeitgleich wuchs der Wohlstand, die Deutschen und die ex-reichsdeutschen Österreicher suchten ihr 1919 verlorenes Territorium in Reisebussen heim, die Skibetriebe verschafften ihnen bald anstrengungslose Höhenerlebnisse mit Gletscherblick. Reinhold Messner und seine Mitstreiter befreiten schließlich das Land vom Nazimief. Gewandte Politiker machten es zur wohl weltweit meistgeförderten Minderheitenregion. Eine schöne Welt mit vielen lieben Leuten.

Aus dem „Mohren“ wurde ein Hotel, erarbeitet von den Enteigneten durch den unablässigen Dienst am Gast. Die Urlauberautos stauten sich ohne Ende.

Heute kommen aber trotz der nunmehr freien Fahrt nur wenige Fahrzeuge vorbei. „Es ist wieder wie nach dem Krieg“, sagt die pensionierte Wirtin. Und wie war es kurz vor der Grenzschließung. Einig Tirol?

Die Wirtstochter ist verbittert. „Als es in der Lombardei mit dem Virus losging, haben sie im Nachbarort auf der Nordtiroler Seite beim Hofer ein Schild aufgehängt: ‚Südtiroler unerwünscht’“. Hofer ist der österreichische Ableger von Aldi. „Und in den Hotels da drüben gab es den Warnhinweis: ‚Südtirol gehört zu Italien’.“

Aus Reschen darf seit der Sperre niemand mehr zur Tankstelle, die nur 100 Meter hinter dem Grenzbalken liegt, obwohl die Anwohner die Kontrolleure an der Grenze persönlich kennen. Wenige Minuten vor unserem Gespräch hielt Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg in Wien eine Pressekonferenz. Das Ergebnis kennen die Südtiroler schon aus dem Radio. Aus allen Nachbarländern dürfen ab sofort die Menschen einreisen, nur aus Italien nicht. Was für eine Heuchelei. „Das werden wir nie vergessen“, meint die Wirtstochter. „Ich war immer für die EU, aber jetzt?“ Und: „Da geht es doch nur ums Geld, die wollen die Österreicher bei sich behalten.“

Dazu passt, dass sich Kanzler Sebastian Kurz an die Spitze der selbsternannten „Sparsamen Vier“ gestellt hat, die verhindern wollen, dass Italien und andere Länder nunmehr Euro-Zuschüsse in Milliardenhöhe und nicht nur Kredite bekommen. Da herrscht eine Engstirnigkeit nördlich des Alpenhauptkammes, die in neuen europäischen Irrsinn führen kann. Die EU ist so einig wie Tirol. Rechtsaußen und Spalter wie Matteo Salvini müssen kaum noch beten, nur warten.

Meine italienische Reise in Corona-Zeiten geht weiter. „Italien ist jetzt frei, arg, wie wir da reden, wie nach dem Krieg“, meint eine Freundin am Telefon. Sie arbeitet in Wien und stammt aus Bozen. Da fahre ich jetzt hin. Dazu in Kürze mehr.

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