vonkarlheinzruch 13.08.2018

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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In einer Einladung zur taz-Mitgliederversammlung äußerte sich Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch zur Zukunft der taz. Hier finden Sie den Text der Broschüre.

Sie sehen es in der U-Bahn, am Bushäuschen oder in der Straßenbahn – überall dort, wo sich die lesenden Menschen die Zeit nicht mehr mit einer Zeitung, sondern mit dem Smartphone vertreiben. Die Verlage registrieren es an den Rückläufen vom Kiosk, die aus dem Zeitungsvertrieb eine aufwändige Art von Papier-Recycling gemacht haben: die Zeitungen werden am frühen Morgen an die Kioske ausgeliefert, um am Abend zu neunzig Prozent wieder als Altpapier dort eingesammelt zu werden. Die Zusteller der Zeitungsabonnements erdulden es mit extrem mageren Löhnen: Weil die Gewinnmargen in ihrem Niedriglohnsektor so gering sind, wurde die Einführung des Mindestlohns für Zusteller auf einen Zeitraum von drei Jahren gestreckt.

Wo man hinsieht wird deutlich: Was früher untrennbar zusammengehörte, geht nun getrennte Wege; das Zeitalter der gedruckten Zeitung ist zu Ende, der Journalismus lebt im Netz weiter. Praktisch jede Printpublikation – von FAZ bis taz, von Spiegel bis ZEIT – hat inzwischen eine digitale Publikationsstrategie. Auch die taz fokussiert sich längst nicht mehr nur auf einen Redaktionsschluss für die Printausgabe, sondern produziert stetig aktuelle Nachrichten für die digitale Leserschaft und denkt parallel zur gedruckten taz zugleich noch die „ausgeruhten“ Analysen fürs Wochenende mit.

Der digitale Wandel hat viele Vorteile: Die Vielfalt des Angebots ist gut für den Journalismus. Aber in einem Wettlauf fallender Printerlöse und steigender Kosten sind die meisten Verlage immer noch auf der Suche nach Geschäftsmodellen für eine digitale Publizistik. So steht nun eine ganz neue Frage im Raum: Was tun, wenn es mit dem Papiergeschäft gar nicht mehr weitergeht? Mitte Juni gab der österreichische Pressevertrieb Morawa bekannt, dass er den Vertrieb von Tageszeitungen zum Ende des Jahres 2018 einstellt. Nach 140 Jahren im Pressevertrieb rechnet es sich für Morawa nicht mehr. „Die Kosten, die der Vertrieb verursacht, sind so hoch, dass die Verkaufserträge diese à la longue nicht mehr decken würden“, so Morawa in einer Pressemitteilung.

An die Nach-Print-Zeit denken

„Den meisten Verlagen fehlt es an einer Strategie für die Nach-Print-Zeit“ mahnte der „Journalist“, das Verbandorgan der Journalisten-Gewerkschaft DJV in seiner Juni-Ausgabe. Seit ihrer Gründung hat die taz davon profitiert, dass sich neue Techniken am Horizont abzeichneten, die das Publizieren schneller, preiswerter oder vielfältiger machten. Um es mal überspitzt auszudrücken: Als in London die Setzer der TIMES noch für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze streikten, entwickelten die taz-Techniker in West-Berlin schon moderne Workflows, die auf der Basis von Fotobelichtungen funktionierten. Wir gehörten zu den ersten, die 1994 ihre komplette Druckausgabe ins Internet stellten.

Wir haben nicht nur seit langem eine digitale Publikationsstrategie, sondern mit „taz zahl ich“ auch ein funktionierendes, weil solidarisches Geschäftsmodell. Die taz hat mit einem neuen Redaktionssystem und ihrem neuen Verlagshaus wichtige Investitionen für die Zukunft getätigt. Neue Angebote wie das Wochenendprintabo oder das digitale E-Paperabo oder die Kombination aus beiden weisen den Weg in die Zeit nach der gedruckten täglichen taz. Und wir haben mit der taz Genossenschaft eine Geschäftsgrundlage, die es möglich macht, Risiken einzugehen, um die Zukunft der taz zu sichern.

Denken wir also mal an die Nach-Print-Zeit: Wir kommen zur Arbeit und müssen keine tägliche Druckausgabe der taz produzieren. Nicht mehr um 16 Uhr Redaktionsschluss, keine Reklamationen wegen fehlender taz im Briefkasten. Sie kommen morgens zur Arbeit und haben auf Ihrem Smartphone oder Tablet schon alles erfahren, was Ihnen wichtig ist. Sie haben dieses digitale Angebot vielleicht kombiniert mit der taz am Wochenende auf Papier, die sich noch mehr von der Werktags-Taz unterscheiden wird als jetzt schon. Wir sparen gemeinsam Papier und können alle die Zusteller der Wochenendausgabe anständig bezahlen. Wir haben den digitalen Wandel zur Veränderung genutzt. Und dabei mehr gewonnen: Eine Perspektive für die Zukunft.

Müssen wir Angst vor der Zukunft haben? Sicher muss man sich fragen: Kann das überhaupt funktionieren? Unser Szenario 2022 zeigt, dass mit den Umsätzen der täglich gedruckten taz auch erhebliche Kosten für Druck und Vertrieb wegfallen. Wir müssen also bei der Transformation in neue Erlösmodelle keine unrealistischen Annahmen machen. Wir müssen „nur“ anfangen, unsere Gewohnheiten zu ändern und die neuen Wege, die längst eingeschlagen sind, weiter ausbauen.

Zeit für Veränderung

Der Weg ins digitale Zeitalter ist kein Spaziergang, soviel ist längst klargeworden. Die taz-Redaktion wird bis 2022 noch einmal alle publizistischen Angebote weiterentwickeln und verbessern, um passgenaue Produkte anbieten zu können. Unsere LeserInnen werden neue Gewohnheiten entwickeln müssen, wenn die taz unter der Woche nicht mehr morgens im Briefkasten, sondern als elektronisches Dokument im E-Paper oder im Internet auf taz.de jederzeit erreichbar ist. Dieser Transformationsprozess erfordert Offenheit von allen und eine transparente Kommunikation nach innen und außen.

abo

Digital lesen: Die taz ist in vielen Formaten verfügbar, lesen Sie wo und wann immer Sie wollen.

Wenn etwas aufhört zu existieren, macht das zunächst Angst. Wir sind sicher, dass wir die Existenz der taz sichern, wenn wir uns bereits jetzt gut darauf vorbereiten, dass der tägliche Druck und Vertrieb der Papier-taz bald nicht mehr möglich sein könnte. Wir müssen die Chancen nutzen, die darin liegen und neue Publikationsmuster entwickeln, die kostengünstiger, ökologischer und schneller sein können als zuvor. Die Akzeptanz dieser Prämisse wird die Antwort auf die Fragen nach der Zukunft jedes Einzelnen, jeder Abteilung oder jedes Ressorts in der taz leichter machen und Ängste nehmen.

Das gilt auch für Sie und alle Mitglieder der taz Genossenschaft. Wir möchten keine Zeit verlieren, um in Ruhe die notwendigen Veränderungen in allen Dimensionen erkunden zu können. Selbstbewusst setzt die taz dabei wieder auf die Aufgeklärtheit ihrer Unterstützer, dass dieser Prozess des Wandels von ihren Leserinnen und Lesern, AbonnentInnen und GenossInnen solidarisch unterstützt und mitgestaltet wird. Man kann es auch anders, kürzer sagen: Wer sich früher verändert, hat auch früher wieder liebgewonnene Gewohnheiten. Deshalb sagen wir: Es ist Zeit für Veränderung.

KARL-HEINZ RUCH, für die Geschäftsführung

 

Wie sollte Ihrer Meinung nach eine digitale taz-Publizistik aussehen? Welche Strategien für den Übergang von der gedruckten taz zu Online würden Sie uns vorschlagen? Schreiben Sie uns an: szenario2022@taz.de

Die Arbeit der taz braucht es heute genauso wie vor 40 Jahren. Die Frage ist: Haben wir die Weichen in Richtung Zukunft richtig gestellt? Im Innovationsreport haben MitarbeiterInnen der taz untersucht, was es braucht, um weiterzumachen.

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https://blogs.taz.de/hausblog/szenario-2022/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Egal, wie sich das online Angebot der taz entwickeln wird – es stellt für mich überhaupt keine Alternative zur Printausgabe dar! Schon gar nicht nach dem zuletzt durchgeführten, wie ich finde, sehr gelungenen Relaunch. Ich weiß, dass es zunehmend schwieriger wird, Printzeitungen gewinnbringend zu vertreiben. Daher ist es sicher richtig, online weiter zu entwickeln.
    Trotzdem gebe ich folgendes zu bedenken: Online ist anstrengend für die Augen, über kurz oder lang liest man oberflächlicher (z.T. nur noch Überschriften und Bildunterschriften) und unpraktisch ist es auch. Der Akku ist begrenzt, ein Tablet lässt sich nicht zusammengerollt in die Jackentasche stecken, ein Handydisplay kann niemals eine schön gestaltete Doppelseite (z.B. „Nahaufnahme“) ersetzen, Funklöcher trüben das durchgehende Lesen usw.
    Das Ökologieargument zählt schon gar nicht: Die taz wird auf Recyclingpapier gedruckt, für die Online-Ausgabe brauche ich ein in Herstellung und Benutzung umweltschädliches Handy.
    Für mich persönlich stellt sich daher die Frage, ob ich mein seit vielen Jahren ununterbrochen laufendes Abo bei einer Einstellung der Printausgabe aufrecht erhalten würde.
    In einem bin ich mir sicher: Es würden weder alle Printabonnenten ihr Abo 1:1 in ein online-Abo umtauschen, noch würden in dem Maße neue online Leser hinzugewonnen werden, wie alte Leser abwandern würden. Damit würde sich sehr schnell wieder die Existenzfrage stellen. Das wäre sehr, sehr schade!
    Bin gespannt, wie das Meinungsbild bei der Geno-Versammlung ausfällt!

    Mit besten Grüßen

  • Moin,
    auch ich werde – selbst als Genosse (Generation Babyboomer) – mich nicht dazu herablassen, die taz auf dem Schmartphone zu lesen: keine Übersicht, keine Haptik , kein Geruch nach Druckerschwärze und permanente Konzentrationsstörung wie zuvor schon gesagt. Geht gar nicht! Auch Tablets sind nicht der Weisheit letzter Schluss – dieses ewige rumgewische auf einem Schminkspiegel: welcher Narzisst denkt sich sowas aus!! Dann schon besser Geräte mit e-Ink. Solange irgend möglich auf Papier. Grossformatiger Digitaldruck wäre ggf. auch noch eine Alternative, diese Geräte werden ja mit hohen Stückzahlen immer preiswerter. Smartphone wird wohl problemloser mit Generation Y…

  • Hallo,

    meiner Meinung nach muss eine Verbessserung des online-Angebots nicht notwendigerweise durch den anstehenden Verzicht des Printmediums getrieben werden. Ich verstehe das so, dass die Drohkulisse „2022 endet die Printausgabe“ nötig ist, um online die richtigen Schritte zu setzen – schön. Ob Print oder nicht ist aber, egal wie gut oder schlecht das Onlineangebot ist, nochmal eine ganz andere Frage.

    Was online nervt ist, dass Ihr keine Accounts anbietet. Ich will oben einen Login-button, klick, auth, fertig – ich werde nicht mehr mit „taz-zahl ich“ belästigt. Man kann das irgendwo versteckt im Forum weiter unten machen, das ist aber die Hälfte der Zeit nicht da und funktioniert bei mir auch nicht zuverlässig. Andere Zeitungen machen das besser.

    Ich bin bei taz zahl ich dabei, dieser Service „kennt“ mich aber nicht. Ich würde z.B. gerne meinen Beitrag erhöhen und ich finde nirgends eine derartige Option. Das ist schade. Natürlich kann ich nochmal spenden, aber das wird dann doch unübersichtlich, auch auf dem Kontoauszug. Ich hätte das taz zahl ich Abo auch gerne flexibler – so dass ich den Betrag erhöhen und herabstufen kann. Natürlich macht das Eure Planung schwieriger, aber in guten Zeiten würde mir das erlauben, Euch mehr zu unterstützen.

    Zuletzt: mit meinem Umzug nach Wien hat vor 10 Jahren auch mein taz-Print-Abo geendet. Man kriegt die taz hier nicht am Erscheinungstag geliefert. Das ist enorm schwach. Ich weiß, Print geht zu Ende, der Fokus ist auf Berlin. Trotzdem zeigt das, dass es bei der Printausgabe noch Potential gibt, die das Überleben jenseits von online möglich machen würde.

    Liebe Grüße,
    Georg

    • Lieber Georg,

      vielen Dank, dass Sie unser Online-Angebot „taz zahl ich“ bereits unterstützen.

      Dass Sie die Zahlungsforderung sehen, obwohl Sie die taz bereits unterstützen, ist leider ein technisches Problem. Eine „Erkennung” unserer AbonnentInnen am Computer ist schwierig und wir wollen keine Profilierung des NutzerInnenverhaltens. Die Paywall könnten Sie jedoch per Cookie deaktivieren, sofern Sie Cookies in Ihrem Browser akzeptieren (http://www.taz.de/!114184/).

      Dass Sie Ihr taz-Print-Abo beenden mussten, tut uns sehr leid. Wir hoffen, dass Sie dennoch auch in Zukunft taz-Leser bleiben werden.

      Viele Grüße

    • Stimme zu! Wenn es eine Möglichkeit gäbe, sich zu identifizieren und die „taz zahl ich“-Abfragen zu vermeiden, wäre das toll. Kch würde auch gerne meinen monatlichen Beitrag erhöhen.

  • Ich werde ganz sicher nicht noch mehr Zeit am Smartphone verbringen, um Zeitung zu lesen. Genauso wenig wie ich Bücher digital lese. Online lesen macht nicht nur Kopfschmerzen und die Augen kaputt, abgesehen vom haptischen Leseerlebnis lese ich digital wesentlich weniger konzentriert und vergesse häufig schnell, was ich gelesen habe. Das Auge springt schon zu den nächsten links, gleichzeitig bekommt man ständig neue Nachrichten via Threema, whats app oder messenger angezeigt. Alles ablenkend, so kann ich nicht gut Zeitung lesen. Heutzutage ist man quasi gezwungen, viel Zeit digital zu verbringen. Ob in meinem Fall als ehrenamtliche Kommunalpolitikerin, in den sozialen Bewegungen, für meine Geflüchteteninitiative, ohne geht garnichts mehr. Das tut mir gesundheitlich nicht gut, das Maß an online Stunden ist definitiv zu hoch. Wie schön ist dagegen eine gedruckte Zeitung in der Tasche, die man jederzeit herausziehen kann. Interessante Artikel können gleich ausgeschnitten werden. Außerdem lese ich häufig abends im Bett noch Sachen, die ich vorher als nicht so relevant übersprungen habe, dabei habe ich schon etliche Perlen entdeckt, die mir digital komplett entgehen würden. Lieber Kalle, ich glaube nicht dass es nur mir so geht! Taz muss sein, auch gedruckt!

  • Hallo, ich habe kein Mielkophon (Google, Apple und Co brauchen nix von mir wissen, auch nicht dass ich TAZ lese – und schon gar nicht was genau), und das Notebook darf ich gar nicht zur Arbeit mitnehmen wg. Angst des Chefs vor Datenklau. Also kein TAZ-Lesen in der Bahn mehr möglich, sondern erst abends zu Hause – mit anderen Worten: An manchen Tagen z.B. mit politischer Arbeit nach Feierabend gar nicht. Und die Wochenendausgaben sind genau die, die stapelweise rumliegen, weil ich am Wochenende gar nicht so viel lesen kann. Alternative: TAZ abends ausdrucken und am nächsten Tag im Zug lesen – also die Zeitung von gestern mit den Nachrichten von vorgestern. O.K. – 2014 gehe ich in Rente, ziehe in ein Ökodorf und habe dann alle Zeit der Welt. Dann wollte ich digital werden, weil eine (!) N TAZ in den Ort zu bringen echt nicht öko wäre.Aber bis dahin bitte Gnade fürs Papier! Wider den Smartphone-Zwang!

    • Ob lesen mit allen Sinnen nur mit Papier möglich ist weiß ich nicht, aber es ist in jedem Fall anonymer. Was bei ganz ungünstiger politischer Entwicklung für eine linke Tageszeitung schon ein Vorteil wäre.

      • Hallo Pablo,

        ich glaube, da unterliegst Du einem Irrtum – die Überwachung ist nicht nur im Internet allgegenwärtig, da ist sie nur offensichtlicher. Der öffentliche Raum wird immer mehr überwacht und das wird sich mittelfristig auch nicht ändern, irgendwer hat immer Angst vor irgendwas und deshalb braucht es eine Videokamera.

        Die anonymste Methode Inhalte zu konsumieren ist meiner Ansicht Nacht die Nutzung des tor-Browsers. Grundsätzlich sollte man das tor-Projekt daher auch unterstützen.

        Liebe Grüße,
        Georg

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