von 20.04.2013

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Auf dem taz-Kongress am 20. April 2013 sollte es auf einer Podiumsdiskussion mit dem Titel “Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen” um Sprache, Diskriminierung und Zensur gehen. Es kam zum Eklat, als Moderator und taz-Redakteur Deniz Yücel einen Ausschnitt aus der Rede „I Have a Dream“ von Martin Luther King vorlas und dabei zum wiederholten Mal das umstrittene N-Wort aussprach. Die Stelle ist im Audio-Mitschnitt im Teil 4 ab Minute 9.20 zu hören, hier ein Transkript:

 

Triggerwarnung: Rassistische Sprache

 

Deniz Yücel: “Und dann habe ich hier noch ein letztes Zitat für heute: ‘Aber einhundert Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei. Einhundert Jahre später ist das Leben des Negers leider immer noch von den Handfesseln der Rassentrennung und den Ketten …’”

 

Zwischenruf aus dem Publikum: “Sag doch einfach ‘N-Wort’!”

 

Deniz Yücel ruft: “Ich sage was ich will! Und ich lese den Text so vor …”

 

Weitere Zwischenrufe

 

Deniz Yücel ruft: “Sag mal! Entschuldigung! Das könnt ihr vielleicht an der Universität machen, ich lasse mir das Wort hier nicht verbieten!”

 

Deniz Yücel brüllt: “Du kannst gerne vor die Tür gehen!”

 

Deniz Yücel sagt: “So. Und ich lese diesen Text so, wie er geschrieben wurde! ‘Und den Ketten der Diskriminierung …”

 

Zwischenrufe: “Sag das Wort nicht! Sag das Wort nicht!”

 

Deniz Yücel ruft: „Geh bügeln! – ‘Einhundert Jahre später – Einhundert Jahre später lebt der Neger immer noch auf einer einsamen Insel der Armut in der Mitte eines weiten weiten Ozeans des materiellen Wohlstands.’ Eine Passage aus Martin Luther Kings berühmter Rede ‘I have a Dream’…“

 

Weitere Zwischenrufe

 

Deniz Yücel: “Wir sind hier aber nicht an der Universität und wenn jetzt die versammelten Kulturwissenschafts-Spackos den Saal verlassen, dann können wir diese Veranstaltung in Ruhe zu Ende führen. Ist noch wer da, dann bitte jetzt gehen, es ist jetzt die Gelegenheit! Hallo, Du auch bittesehr, da ist die Tür, oder der Ausgang!”

 

Auch Sharon Otoo, Mitglied im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V., verließ das Podium.

 

Deniz Yücel schrieb anschließend in der taz über die Zwischenrufer: „Es ist dies ein zwangsneurotisches Verhalten, das man weniger bei aufgeklärten Menschen, Intellektuellen gar, vermuten würde und das an ganz andere Leute erinnert: An katholische Nonnen, die versehentlich auf Youporn gelandet sind (‚Weiche, Satan!‘). Oder an Hinterwäldler in Pakistan, die mit Schaum im Bart und Schuhen aus Autoreifen an den Füßen gegen Karikaturen protestieren (‚Death to Amerikka!‘). Ähnlich ist nicht nur der religiöse Abwehrreflex, ähnlich ist auch der inquisitorische Furor, mit man zu Werke geht. In diesem Zusammenhang also: Das Wort ‚Neger‘ ist schlimm, schlimm, schlimm und muss weg, weg, weg.“

 

Sharon Otoo antwortete in der taz: „Das N-Wort ist traumatisierend, ruft grausame Erinnerungen und gewaltvolle Bilder hervor. Es wurde damals benutzt, um die Versklavung von Millionen von Afrikaner_innen zu legitimieren.“ Ihr sei natürlich klar gewesen, dass das Wort in der Veranstaltung vorkommen würde, aber sie habe nicht gewusst, dass es so häufig sein würde. Otoo: „Trotzdem bin ich erst aufgestanden, als Herr Yücel anfing, das Publikum lauthals zu beschimpfen. Ich bin gegangen, weil ich nicht mehr Teil einer so respektlosen, verhöhnenden Diskussion sein wollte.“ Sie wolle niemandem etwas verbieten, dazu habe sie ja auch gar keine staatliche Gewalt, sie wolle jedoch aufrufen: „Wenn ich für eine gendergerechte und rassismusfreie Sprache plädiere, dann, weil ich andere – und mich selber – für die eigenen Privilegien zu sensibilisieren versuche. Auch mittels Sprache kann ich mich solidarisch zeigen und es kostet mich wenig. Die möglichen ästhetischen Kosten (dieses Binnen-I sieht so hässlich aus!) erscheinen mir als das kleinere Übel gegenüber den Zumutungen, denen marginalisierte Menschen sonst täglich ausgesetzt sind. Sie haben keine Wahl.“

 

Chefredakteurin Ines Pohl und der Leiter des taz.labs, Jan Feddersen, haben gemeinsam ihr Bedauern öffentlich gemacht. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland warf Deniz Yücel in einem offenen Brief vor, er habe den Kolonialismus verharmlost, Genozide relativiert und sich als Moderator respektlos verhalten. Die Initiative verurteilt erneut die Benutzung des N-Wortes. Der Begriff werde “nach wie vor im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen und Alltagsdiskriminierung gegen Schwarze Menschen in Deutschland verwendet” und sei “integraler Bestandteil rassistischer Konzepte” gewesen. Es werde Zeit, “dass sich die taz, ebenso wie die breite Gesellschaft, endlich kritisch mit dem Thema Rassismus und Sprache auseinandersetzt” und die “Stimmen derjenigen ernst nimmt, die üblicherweise als die so genannten Anderen gelten” und die als “Expert_innen zum Themenfeld Rassismus und Diversity anzuerkennen” seien. Den offenen Brief haben 61 Gruppen sowie gut 600 Menschen unterschrieben, darunter auch ein dutzend taz-Mitarbeiter.

 

Unsere Chefredaktion hat darauf eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, die Redaktion habe in vielen Gesprächen – durchaus kontrovers – über den Vorfall, unseren Umgang damit und das Thema Sprache und Rassismus diskutiert. Rassismus sei für die taz inakzeptabel, Respekt im Umgang miteinander unabdingbar. Die Redaktion nehme die Vorwürfe, die im offenen Brief der ISD genannt werden, sehr ernst. Sie wisse, dass sich die taz, wie die Gesellschaft überhaupt, diesem Thema stellen müsse. Dabei müsse es um Grenzen gehen, die wir nicht überschreiten sollten, aber auch um die Frage, wann Diskussion unmöglich gemacht werde und wo Zensur beginne.

 

Die taz druckte eine ganze Seite Leserbriefe zu dem Thema und begann eine Debattenserie. Unser Redakteur Daniel Bax unterstellte in dem ersten Artikel Deniz Yücel einen „Willen zur Verhöhnung“ und fragte: „Warum muss man ein Wort wie ‚Neger‘ verwenden, wenn sich andere dadurch verletzt fühlen?“ In einem zweiten Artikel antwortete Bettina Gaus: „Die Tatsache, dass es oft vernünftig ist, Betroffene selbst eine Sprachregelung treffen zu lassen, heißt jedoch nicht, dass im Konfliktfall alle anderen zu schweigen hätten. Diskriminierung bedeutet nicht nur Herabwürdigung, sondern auch Ausgrenzung. Wer meint, nur Betroffene seien zu einem Urteil berechtigt, fördert selbst die Ausgrenzung.“ Im dritten Teil der Debattenserie schrieb Hadija Haruna: „Sicher, es ist unbequem, sich bewusst zu machen, dass viele Worte eine Bedeutung haben, die über das hinausgehen, was man vielleicht sagen möchte. Doch leider können sich Menschen einer rassistischen Sprache bedienen, obwohl schwarze Menschen, Schwule und Lesben, Sinti oder Muslime zu ihrem Freundeskreis zählen. Und dass sie es nicht rassistisch gemeint haben, ist kein Argument dafür, dass ihre Sprache nicht auch rassistische Spuren aufweist.“

 

Die Gruppe „taz watch“ protestierte am 28. Juni, am 11. Juli, am 25. Juli und am 8. August vor dem taz-Café gegen Rassismus und Diskriminierung.

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