vonHelmut Höge 25.08.2006

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Im Zuge der Geflügelpest-Hysterie, die nur ein kleines Aufschäumen  in einer ununterbrochenen Kette von von oben inszenierten Hysterien war – nach Rinderwahnsinn, Sars, 11.9.,  Anthrax, Saddam-Hitler, Irak-Atombombe und vor den Propangasflaschen-Bombern – kam es in einer Charlottenburger Parkanlage nächtens zur Tötung von drei Schwänen. Wahrscheinlich hatten zwei oder mehr junge Leute unter dem Einfluß von Alkohol sie mit Stöcken erschlagen. Sie verknüpften dabei ihre eigene  Gesundheitsvorsorge mit dem Schutz des ganzen Gemeinwesens vor einer tödlichen von Vögeln übertragbaren Seuche. Sie handelten also ebenso gewissenhaft wie nachhaltig. Und das genau machte sie zu kleinen miesen faschistischen Drecksäcken!

Gestern stieß ich beim Spazierengehen am Urbanhafen auf einen toten Schwan, keiner beachtete ihn, ich auch kaum, nur dass ich kurz kuckte, ob auch er erschlagen wurde oder ob er eines quasi natürlichen Todes gestorben war. Die verdummungsfördernde Hysterie hatte sich bereits anderen vermeintlichen „Gefahren“  für Volk und Nation zugewandt. Noch vor acht Wochen hatte ein Freund von mir, der auf dem Land lebt und Hühner hält, den halben Staatsapparat wegen dieser Scheiße mobilisiert. Ihm waren vier Hühner von einem Hund totgebissen worden. Traurig packte er sie in sein Auto, als er am nächsten Tag in die Kreisstadt fahren mußte. Unterwegs stieg ihm der Gestank der toten Hühner neben sich auf dem Boden unangenehm in die Nase und ihn packte die Wut. Kurzentschlossen hielt er an und schmiß die vier Kadaver einfach in den Straßengraben. Als er Stunden später wieder zurück fuhr, war die Stelle großräumig von der Polizei mit rotweißen Plastikbändern abgesperrt, Seuchenexperten in weißen Kitteln untersuchten den Fundort und alle  Autos mußten durch Desinfektionswannen fahren – sein ganzes Dorf hatte man mittlerweile unter Quarantäne gestellt. Mein Freund lachte sich schief. Jahre, ach jahrzehntelang hatte er versucht, alles mögliche „anzuschieben“ – betrieblich, sozial, ökologisch, politisch, die Begrünung seines Mietshauses in der Stadt, die Einrichtung eines Spielplatzes  usw.. Aber nie hatte er dabei die Behörden derart schnell und so massiv mobilisieren können – wie mit dieser kleinen, fast unabsichtlichen Wegwerfaktion. Daran mußte ich denken, als ich noch auf den verschmutzten Schwanleichnam am Urbanhafen starrte. Vom Ufer kam derweil langsam ein lebender Schwan angewatschelt, als er ungefähr zwei Meter von mir entfernt war, fauchte er. Ich sollte wahrscheinlich dem toten nicht zu nahe kommen – also ging ich weiter.

Früher hatte ich Angst vor Schwänen gehabt, das hatte meine Mutter mir eingeflößt, die als BDM-Mädel auf einem Bauernhof eingesetzt worden war, wo sie ständig von einem Ganter verfolgt und gebissen wurde. Das hatte ihr großen Respekt vor allen Gänsevögeln eingeflößt. Und deswegen durfte ich später z.B. nie  Schwäne füttern, erst gegen Ende der Sechzigerjahre, als sowieso alles etwas durcheinander geriet, gelang es es mir, meine gewissermaßen vererbte Gänsevögelangst verhaltenstherapeutisch anzugehen, ja mehr noch: aus einer Phobie eine Philie zu machen. Und das kam so:

1967 eröffnete der indische Großtierhändler George Munro in Bremen einen Zoo, der gleichzeitig eine große Handelsstation war, daneben besaß er noch eine kleinere in Kalkutta. Ich fing als Übersetzer bei ihm an – für seine Frau, die  Büroleiterin war und nur englisch und hindi sprach. Da die beiden jedoch nicht genug Tierpfleger hatten, war ich die meiste Zeit mehr draußen als drinnen beschäftigt. Das fing schon morgens an: Als erstes hatte ich vier kleine Kragenbären in ihr Freigehege zu tragen – jeweils zwei auf einmal, die  ich am Kragen gepackt von mir weghielt, weil sie währenddessen versuchten, mich herzhaft in die Hand zu beißen.

Dann kamen zwei halbwüchsige Orang-Utans dran, die ich mit dem Schlauchboot auf eine kleine Affeninsel in einem See zu bringen hatte. Auf dem Weg dorthin nahm ich sie an die Hand, sie bissen mir dafür ständig in den Fuß oder ins Bein. Auf der Insel mußte ich erst einmal die Tür eines kleines Häuschens aufsperren, damit sie bei Regen darin Schutz suchen konnten. Einmal sprangen mir währenddessen die beiden Orangs wieder zurück ins Schlauchboot – und ich befand mich allein auf der Insel, während die Affen über den See trieben und sich halb totlachten: Vor Freude hüpften sie  auf die Wülste des Schlauchboots und kreischten. Zum Glück kam gerade Buddha, der kleine Sohn der Munros, vorbei. Er krempelte sich eilig die Hose hoch, stieg ins kalte Wasser und bekam nach kurzer Zeit das Schlauchboot zu fassen.

Auch seine  Schwester, Jenny, half mir gelegentlich – nach der Schule. Sie war mit allen möglichen Tieren groß geworden und kannte sich gut mit ihnen aus, während ich mit vielen zum ersten Mal zu tun hatte. So flößten mir  z.B. in den Volieren zunächst die riesigen Schnäbel der Doppelnashornvögel den allergrößten Respekt ein: Sie saßen auf Ästen und man mußte gebückt unter ihnen durchgehen, um einen Eimer voll Obstsalat in ihren Näpfe zu verteilen: Was, wenn sie einem dabei in den Kopf hackten? Jenny zeigte mir, wie harmlos sie waren und wie vorsichtig sie ihre Schnäbel einsetzten – man konnte sie mit der Hand füttern. Ähnliches galt für die Flughunde, die trotz ihrer scharfen Zähnen ebenfalls kindlich-freundliche Obstesser waren.

Schwieriger war es mit dem Einfangen von Tieren, was regelmäßig vorkam, da es sich bei dem Zoo um eine Handelsstation handelte. Auch hierbei half mit Jenny immer wieder – wir freundeten uns immer mehr an. Am Schönsten war es, wenn wir uns beim Zubereiten von mehreren Eimern Obstsalat in der Küche hinter den Volieren heimlich küssten. Ich konnte gar nicht genug Vogelfutter zubereiten. Am Unangenehmsten war es dagegen, Kraniche oder Reiher einfangen zu müssen: Sie wehrten sich mit ihren langen spitzen Schnäbeln sowie mit ihren Flügeln und den scharfen Sporen am Bein – und auf all diese fünf Waffen zugleich konnte man unmöglich achten. Mehr als einmal gelang es diesen Vögeln, mich zu verletzen, mindestens mir die Hosenbeine aufzuschlitzen.

Einmal sollte ich elf Schwäne, die vorübergehend im  Freigehege für Geparden untergebracht worden waren, einfangen und umsetzen. Dieser Auftrag machte mich vollends ratlos. Die elf Schwäne  schwammen im Wassergraben des Geheges: Mit dem Schlauchboot trieb ich sie erst einmal an Land und dann in einer Ecke des Geheges zusammen. Weil ich mich nicht traute, mir einfach blitzschnell einen zu packen, gelang es den Tieren immer wieder, zurück in den Wassergraben zu flüchten, von wo aus ich sie dann wieder an Land und in eine Ecke des Geheges scheuchte…Hin und her – bis der Sohn des Chefs, Buddha, kam und mir half: Wir drängten sie zu zweit erneut in eine Ecke des Geheges – und Buddha schmiß sich einfach auf den erstbesten Schwan, packte ihn, nahm ihn hoch und trug ihn in das gerade fertiggestellte neue Gehege für Teichvögel, wo er den Schwan einfach ins Wasser gleiten ließ. Es sah ganz einfach aus. Ich ließ mir das auch nicht zwei mal zeigen – und tat es ihm nach. Sogleich gelang es mir, einen Schwan zu umfassen, so daß er nicht mehr mit seinen  Flügeln um sich schlagen konnte, seine kurzen Beinchen hielt er von selber still und seinen Schnabel hielt ich mit einer Hand fest. Die andere Hand presste  ich an seinen Bauch.

Nach ein paar Schritten merkte ich, wie weich dort die Federn waren und wie schön es sich anfasste. Ich ließ seinen Schnabel los und griff mit meiner anderen Hand an seine Brust – die war sogar noch weicher. Und weder versuchte der Schwan mir mit seinem Schnabel ins Gesicht zu hacken, noch fing er an zu schreien, im Gegenteil: er kuschelte seinen Kopf leicht an meinen Körper und fiepte nur leise. Ich streichelte ihm den Hals und ging glücklich zum neuen Teich der Wasservögel, wo ich ihn am Rand ins Gras setzte. Mit einem Satz und einem kleinen Schrei sprang er ins Wasser, um sich schnell in der Mitte des Sees in Sicherheit zu bringen. Ich ging zurück, um den nächsten Schwan zu holen. Alle reagierten ähnlich friedfertig, wenn wir sie erst einmal fast umfaßt hielten.

Leider war Buddha so schnell, dass wir schon bald zehn Schwäne gefangen hatten, den letzten, elften, schnappte ich mir – trug ihn aber nicht gleich in sein neues Freigehege, sondern ging mit ihm auf dem Arm noch eine Weile spazieren: Er war nicht schwer und fühlte sich ebenfalls wunderbar an, außerdem roch er gut. Tagelang hätte ich mit ihm so herumlaufen mögen. Ich wanderte mit  ihm durch den ganzen Zoo – und zeigte ihm alles: Die zwei Frettchen, die ich täglich mit teurem Fleisch und Sanostol fütterte. Den Ährenträgerpfau, der kürzlich einem Pfleger auf den Kopf geflogen war und ihn dabei mit seinen Sporen krankenhausreif geschlagen hatte, weswegen ich ihm jetzt jedesmal einen Schlag mit dem Besen auf den Kopf gab, bevor ich ihn fütterte. Die verbotenerweise ausgeführten acht indischen Tempelaffen, die apathisch in ihrem Käfig hockten, immer  stiller wurden und immer heiliger aussahen: Sie hatten sich auf dem Flug eine Lugenentzündung geholt und starben nun einer nach dem anderen langsam an Tuberkulose, wobei sie zuletzt auch noch ihren Pfleger ansteckten. Schließlich den  kleinen Elefanten im Elefantenhaus, der unangekettet zwischen den drei großen herumlief und lauter Unsinn machte: Erst zerfetzte er in einer Nacht eine acht Meter hohe Palme, die die Sparkasse dem Zoo gespendet hatte, dann zerlegte er eine kleine Voliere, in der sich 100 Webervögel befanden, die daraufhin unter das Dach des hohen Elefantenhauses flogen, wo sie so lange herumschwirrten, bis einer nach dem anderen tot auf die Erde fiel. Als ich mit dem Schwan am Käfig des sibirischen Tigers vorbeikam, sprang dieser auf und fauchte, wobei er sich mit den Vorderpfoten am Gitter aufrichtete. Das tat er auch, wenn ich – was mehrmals täglich geschah – mit dem VW-Bus bei ihm vorbeikam. Der schwarze Panther im Käfig nebenan, der einer alten Dame gehört hatte, die in ein Altersheim gekommen war, blieb jedoch ganz ruhig: Er kuckte uns nur traurig oder gelangweilt hinterher. Dahinter arbeiteten unter der Aufsicht eines Wärters 14 Gefangene aus dem Knast Oslebshausen an der Gestaltung eines Bison-Freigeheges. Ich hatte diesen Arbeitseinsatz organisiert und mich anfänglich auch noch darum gekümmert, aber nach und nach war ich dabei zum Laufburschen der Gefangenen geworden, indem ich ihre Briefe zu Verwandten und Freunden austrug bzw. umgekehrt von denen Botschaften an sie übermittelte und ihnen Zigaretten sowie andere Kleinigkeiten besorgte, was jedoch immer mehr wurde. So dass es mich irgendwann überforderte, ich zog mich zurück und überließ dem uniformierten Wächter die Baustelle, was der mit Genugtuung registrierte: „Hätte ich Ihnen gleich sagen können!“

All das zeigte und erzählte ich nun dem Schwan, während ich ihn herumtrug. Schließlich setzte ich ihn am Wasservogel-Teich ins Gras. Bevor er sich dort ebenfalls ins Wasser flüchtete, schüttelte er sich erst mal das Gefieder aus. Dabei kuckte er mich irgendwie erstaunt an: Vielleicht hatte er befürchtet, dass ich ihn an eines der Raubtiere verfüttern wollte? Im Aquarium des Bremer Überseemuseums, wo ich in den Schulferien immer gerne ausgeholfen hatte, war einmal ein verletzter Schwan an eine Boa verfüttert worden, wobei er noch wochenlang danach als Verdickung des  Schlangenleibes sichtbar geblieben war.

Im Frühjahr gab mir mein Chef, Mister Munro, den Auftrag, einen jungen Elefanten mit dem Güterzug nach Ostberlin zu begleiten. Einer der indischen Pfleger, Cholaf, sollte den Elefanten unterwegs auf dem Zug versorgen, ich war für die Papiere, den Zoll, usw. verantwortlich. Mister Munro machte oft und gerne Geschäfte mit dem Osten. Sie wurden über Verrechnungseinheiten abgewickelt. So wurde der freigeborene indische Elefant z.B. mit zwölf Punkten gegen einen in Leipzig nachgezüchteter sibirischen Tiger – mit sieben  Punkten – verrechnet.

Der Elefant ließ sich willig auf einen LKW verladen und anschließend in einen auf dem Bremer Güterbahnhof stehenden geräumigen Waggon führen, wo man ihn ankettete. In einer Ecke des Wagens wurde Heu und Stroh gestapelt. Dort nahmen dann auch Cholaf und ich unser Quartier. Mein Chef drückte mir die Papiere und einige hundert Mark in die Hand, seine Tochter wünschte uns Gute Reise – und los gings.

Ich war von einer etwa zwölfstündigen Zugfahrt ausgegangen und hatte nur ein halbes Dutzend Schokoriegel für den kleinen Hunger zwischendurch dabei. Am Schluß waren wir dreieinhalb Tage unterwegs, die mich ziemlich überforderten. Trotzdem oder gerade deswegen erzähle ich heute noch gerne davon.Alle paar Kilometer hielt der Güterzug, weil er einen Personenzug vorbeilassen mußte oder umgekoppelt wurde: Einige Waggons hängte man ab und andere – neue – wurden angekoppelt. Zuerst einmal mußte der Elefant mit Wasser versorgt werden. Also machte ich mich mit zwei Eimern auf den Weg. Cholaf blieb im Waggon, diese Arbeitsteilung hatte der Lokomotivführer uns angeraten, weil der Inder kein Deutsch sprach und einem beim Wasserholen leicht der Zug verlorengehen konnte, der zum Rangieren ständig hin und herbewegt wurde und anschließend gleich weiter fuhr. Im Falle Cholaf ihn einmal entkommen ließ, hätte er sich kaum durchfragen können. Auf den unübersichtlichen riesigen Rangierbahnhöfen geriet ich immer wieder in Panik, weil ich mich immer weiter vom Waggon entfernen mußte, um etwas Trink- und Eßbares zu besorgen. Wir wären wahrscheinlich verhungert, wenn der Lokomotivführer und sein Assistent uns nicht mit ihren Butterbroten mitverpflegt hätten.

An der DDR-Grenze wechselten die Zugführer. Bevor es weiter ging, besuchten die neuen uns erst einmal in unserem Waggon, wo sie die stoische Ruhe des Elefanten bewunderten. Dann luden sie mich auf ihre Lok ein. Beim nächsten Halt stieg ich zu ihnen. Mit Cholaf konnte ich mich so gut wie gar nicht unterhalten und zu lesen hatte ich auch nichts mitgenommen. Der Lokomotivführer tauschte seine Zigaretten mit mir. Ich rauchte erstmalig Caro-Zigaretten und er von mir Players-. Er erzählte mir währenddessen lustige DDR- und Reichsbahn- Geschichten, ich ihm traurige Tiergeschichten aus dem Zoo. Die Fahrt zehrte an meinen Nerven, außerdem stellte ich mir unsere Nahrungsmittelversorgung in der DDR noch schwieriger vor als im Westen, nicht einmal Ostgeld besaß ich. Der Lokomotivführer tauschte mir fünfzig DM zum Freundschaftskurs von 1:1 ein, er gab mir auch seine Adresse, falls ich noch einmal – ohne Elefant – in die DDR käme.

Beim nächsten Rangierpunkt wurden noch drei Waggons mit Pferden an unseren Waggon gehängt. Sie waren ebenfalls für den Ostberliner Tierpark bestimmt – für die Raubtiere dort. Der Tierpark in Friedrichsfelde war damals der flächenmäßig größte der Welt und das Raubtierhaus, die Alfred- Brehm-Halle, hatte man besonders üppig dimensioniert. Die etwa 80 Pferde, Maultiere und Esel wurden auf ihrer letzten Fahrt von einem alten Mann mit Bart begleitet, der seine Tiere, die er zuvor überall in der DDR eingesammelt hatte, noch einmal ordentlich verwöhnte: Sie bekamen Heu und Hafer so viel sie wollten und standen buchstäblich bis zum Bauch im Stroh. Der alte Mann machte diese Arbeit schon seit vielen Jahren. Der Tierpark war 1954 angelegt worden. Unsere Waggons sollten am Bahnhof Lichtenberg ankommen, von dort wollte man uns mit Lastwagen abholen. Kurz vor Berlin gerieten wir jedoch bei einem neuerlichen Rangiervorhaben an die falsche Lok und fuhren in Richtung Rostock gen Norden. In der Nähe von Oranienburg gelang es mir, den Lokomotivführer von der Fehlzusammenstellung seines Zuges zu überzeugen. Beim nächsten Halt wurden Pferde und Elefanten abgekoppelt und wir mußten erneut endlos warten, wieder und wieder wurden wir umrangiert. Dem alten Pferdebegleiter war das egal: „So leben meine Tiere noch eine Weile länger,“ sagte er fröhlich. Schließlich setzte sich der Güterzug aber doch in Richtung Bahnhof Lichtenberg in Bewegung. Ich stieg bei dem bärtigen alten Mann in den Pferde-Waggon. Weil er schon seit Jahren so unterwegs war, hatte er es weitaus gemütlicher als wir in unserem Elefanten-Waggon. Außerdem war es bei den Pferden wärmer und roch besser. Der alte Mann bewirtete mich mit Essen und Trinken und gab mir seine Adresse. Ich sollte ihm Kaffee und Zigaretten schicken – aus dem Westen. Das versprach ich ihm auch. Er erzählte vor allem Pferdegeschichten – und bedauerte seine Tiere sehr, die Raubkatzen lehnte er dagegen ab: Sie hätten nicht so ein langes verdienstvolles Arbeitsleben wie die Pferde hinter sich und lägen bloß faul herum. Um sich mit dem Pferdeeinsammler unterhalten zu können, mußte man ständig hinter ihm herlaufen, weil er unentwegt damit beschäftigt war, noch irgendetwas Gutes für seine Tiere zu tun. Dabei redete er die ganze Zeit mit ihnen. Seine drei Waggons hatten aus irgendeinem Grund elektrisches Licht, während es in unserem fast völlig dunkel war, so daß wir die Waggontür immer ein bißchen offen ließen, wodurch jedoch die Kälte hereinkam. Außerdem waren Cholaf und der Elefant so gut wie stumm. Manchmal machten sie den Eindruck, als hätte man gemeinerweise zwei völlig unschuldige Inder auf den Weg nach Sibirien geschickt. Ich war mir ganz sicher, daß die beiden ihr Schicksal inzwischen schwer bedauerten. Cholaf wurde immer dunkelhäutiger im Gesicht und der Elefant wiegte permanent seinen Kopf fragend hin und her. Wir verstanden uns, konnten aber nur wenig mehr füreinander tun, als weiter höflich und freundlich zueinander zu sein.

In Lichtenberg wurden wir nicht mehr erwartet, als wir endlich ankamen. Ich mußte umständlich im Bahnhof jemanden bitten, beim Tierpark telefonisch unsere Ankunft anzumelden. Aber dann ging alles wie der Blitz. Cholaf und ich wurden ins Gästehaus des Tierparks gebracht, wo wir uns erst einmal waschen und umziehen sollten. Anschließend wartete bereits ein Essen auf uns – im Tierpark-Restaurant. Dann zeigte man uns das Gelände. Der Elefant war in der Zwischenzeit bereits ins Elefantenhaus gebracht worden, wo die anderen Elefanten ihn aufgeregt mit ihren Rüsseln begrüßten, abtasteten. Nachdem wir uns von ihm verabschiedet hatten, sanken Cholaf und ich totmüde in die frischen Betten des Gästehauses. Am nächsten Tag bot uns die Tierparkleitung an, zwei Tage länger als geplant zu bleiben, damit wir uns richtig erholten konnten.

Für den Abend lud uns einer der Elefantenpfleger zu sich nach Hause ein. Es wurde eine kleine Party daraus. Ich unterhielt mich fast die ganze Zeit mit einer jungen Menschenaffenpflegerin, mit der ich schließlich sogar auf dem Wohnzimmerteppich tanzte. Sie lud mich für den nächsten Tag in das Menschenaffenhaus ein. Es war interessant, die Affen von ihrer Seite aus zu beobachten: Hinter den Tieren, auf der anderen Seite der Scheibe, sah man die Besucher, wie sie in den Menschenaffenkäfig schauten und dabei Grimassen schnitten oder mit den Händen ruderten. Der Ostberliner Tierpark war (und ist) eine Bildungs- und Wissenschaftseinrichtung – und dementsprechend wimmelte es dort von Schulklassen. Ich sah einige Erstklässler, die hingebungsvoll einen alten Schimpansen beobachteten, der gerade gelangweilt eine Banane aß. Vor allem interessierten sie sich jedoch für die Banane, wie ich dann erstaunt feststellte. Schließlich wurde dem Schimpansen ihr Interesse zuwider: Langsam schlenderte er auf die Schüler zu – und zerdrückte blitzschnell die Banane vor ihrem Gesicht an der Glasscheibe, von wo aus sie langsam nach unten in das Sägemehl rutschte. Eins der Kinder fing daraufhin an zu weinen, dadurch wurden auch die anderen Kinder auf die zerquetschte Banane im Dreck aufmerksam und im Nu machte die ganze Klasse ein trauriges Gesicht. Der Lehrer befahl ihnen, sich den anderen Affen in den Nachbarkäfigen zu widmen. Meine Menschenaffenpflegerin bestätigte mir später, als wir zusammen in der Kantine saßen, daß die Südfruchtverschwendung der Menschenaffen ein wirkliches Problem für die DDR-Tiergärten sei. Die Menschenaffenpflegerin gefiel mir immer besser, aber am übernächsten Tag mußten wir schon wieder zurückfahren, diesmal in einem Personenzug. Die Menschenaffenpflegerin brachte uns zum Bahnhof und gab mir ihre Adresse. Ich versprach, ihr zu schreiben.

Aber daraus wurde nichts, denn schon einige Wochen nach meiner Rückkehr steckte mein Chef seine tolle Tochter Jenny in ein englisches Internat, woraufhin ich enttäuscht kündigte – und also erst einmal arbeitslos war, doch empfand ich das nicht so, weil ich mich stattdessen von der damals gerade anschwellenden Schüler- und Studentenbewegung mitreißen ließ.

Zwei Jahre später fing ich an zu studieren, jedoch nicht, wie ich es mir einmal vorgenommen hatte: Zoologie, sondern Soziologie. Noch später verschlug es mich nach Westberlin. Schließlich, mit der Maueröffnung 1989, erinnerte ich mich auch wieder an den Ostberliner Tierpark. Dort hatte sich – das erste Mal wieder in einem DDR-Betrieb – ein Betriebsrat gegründet. Und dieser befürchtete nun die Abwicklung des Ostberliner Tierparks zugunsten des Westberliner Zoos: Die ganze, gerade erweiterte Schlangenfarm sollte in den Westen verlegt werden.  Die Menschenaffen hatte man bereits dort hingeschafft, weil ihre Käfige angeblich marode waren. Das hatte mich wieder an die Menschenaffenpflegerin erinnert, ich traute mich jedoch nicht, direkt nach ihr zu forschen. Doch als der Betriebsrat sich dann wegen des „Schlangenraubs“ an die Presse wandte, meldete ich mich, um darüber als Journalist was zu schreiben. Die Betriebsratsvorsitzende gab mir jede Menge Auskünfte und schriftliches Material (u.a. Protestbriefe von erbosten Ostberlinern, die den Tierpark, seine Gehege und Seen, 40 Jahre zuvor als „freiwillige Arbeitsleistung“ mitaufgebaut hatten).

Ich konnte dann in mehreren Zeitungen Artikel über den „Schlangenraub“  veröffentlichen – und mir seitdem einbilden, mit dazu beigetragen zu haben, daß der Beschluß, die Reptilien und Fische des Tierparks in den Westen zu verfrachten, wieder rückgängig gemacht wurde. Den Elefanten, den ich einst dorthin gebracht hatte, konnte ich bei meinem Besuch jedoch nicht mehr identifizieren, Vielleicht gab es ihn auch gar nicht mehr – er war weiterverkauft worden oder gestorben? Einen Elefantenpfleger, den ich hätte fragen können, konnte ich auch nirgends entdecken. Dafür erwarb ich an einem mobilen Tierpark-Lotteriestand ein Los – nahm mir ein Herz und fragte die Losverkäuferin, ob sie schon lange dort arbeite. Seit 1966, antwortete sie. Ich hakte nach: Ob sie die Menschenaffenpfleger kennen würde. Ja, etliche – bis zur Abwicklung der Primaten-Anlage nach der Wende hätten dort immer sehr viele Leute gearbeitet. Ob ich an einen bestimmten Pfleger denken würde, fragte sie zurück. Ich erzählte ihr die ganze Elefantentransport-Geschichte und beschrieb das damalige Aussehen „meiner“ Menschenaffenpflegerin. Das muß die Jutta gewesen sein, da war sich die Losverkäuferin sofort sicher. Die hätte aber 1972 geheiratet – jemanden, der nicht im Tierpark arbeitete, und im Jahr darauf bereits gekündigt. Nachdem sie zwei Kinder bekommen habe, hätte sie eine Umschulung als Kindergärtnerin gemacht. Und irgendwann sei sie in den Westen gegangen: „Das muß so um 1984 rum gewesen sein“. Genau wußte es die Losverkäuferin nicht mehr. Aber es reichte mir auch so. Ich verließ den Park. Und seitdem bin ich auch nicht mehr dort gewesen. Überhaupt hat meine frühere Begeisterung für Zoologische Gärten stark nachgelassen, aber einen Schwan mit mir herumtragen, würde ich doch noch einmal gerne.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2006/08/25/schwan-im-arm/

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kommentare

  • Wäre es möglich mir ein großes Bild vom Gelände des alten Bremer Zoos als E-Mail Anhang zu schicken oder ein Poster vom Gelände als E-Mailanhang oder am liestem ein Poster für die kosten und Ihre Auslagen komme ich selstverständlich auf.Viele Grüße aus Bremen Hans Hainer Hops.

  • Mein Gott, da habe ich doch gerade einen alten Deutschlandfunk-Studiozeitmitschnitt, „Der Niedergang des Sozialen und der Zwang zum Weniger.“, mit Zitaten von Ulrich Beck gehört, toll, jetzt bin ich noch deprimierter als vorher. Was hat es eigentlich mit seiner gesellschaftlichen Fahrstuhlallegorie auf sich, ständig wurde dieser kreuzblöde Fahrstuhl erwähnt, da mußte ich doch ein wenig schmunzeln.
    Aber naja, hat auch nicht gerade geholfen. Nun wag ich mich mal an Ihren Beitrag, vielleicht heitert der mich wieder ein wenig auf.

  • Die Bremer Zoogeschichte bzw. mein Bremer Zooroman ging später weiter, aber dazu muß ich erneut etwas ausholen:

    Wilhelm Genazino definierte einmal den Humor als „jegliches verbale Belustigungsgeschehen, dass von außen zu uns findet“ – etwa in Form eines Witzes mit oder ohne Pointe. Im Gegensatz dazu steht das Komische, das „in uns entsteht“ und „von niemandem erzählt“ wird. Ich möchte hier nun von dem seltenen Fall berichten, da beides zusammen kommt: bei Jennifer Munro, der Tochter meines früheren Zoochefs. Sie ist heute Biologielehrerin in Bremen, ihre Eltern leben in Belgien, wo sie jetzt ebenfalls einen Handelszoo haben. Die Mutter sucht gern im Internet nach Witzen, die sie ihrer Tochter schickt. Die wiederum leitet sie kommentarlos an mich weiter. Das geht schon seit Jahren so.

    Leider sammelte ich diese Humorlieferungen erst, als mir „das Komische“ daran aufging – so stammt jetzt mein ältester Witz von Mutter und Tochter Munro vom 2. Februar 2002: Ein Amerikaner speist in einem spanischen Restaurant und sieht, wie jemand am Nachbartisch zwei große Kugeln isst. Man erklärt ihm, dass es sich dabei um die Hoden eines Stiers handele, den ein Torero am Morgen in der Arena abgestochen hat. Der Amerikaner möchte ebenfalls welche bestellen, ihm wird jedoch gesagt, er müsse sich bis nach dem nächsten Stierkampf gedulden. Als er dann am folgenden Tag Hoden serviert bekommt, ist er jedoch enttäuscht: „Die sind ja winzig!“ Verlegen meint der Kellner: „Manchmal gewinnt leider der Stier!“ Ab Januar 2003 schickte Jenny mir mehrere Aufrufe, um per Unterschrift bei der UNO gegen die Irakinvasion der Angloamerikaner zu protestieren. Im März kam wieder ein Witz – „Having a Bad Day?“ betitelt: Auf der Intensivstation eines Krankenhauses sterben jeden Sonntag um elf Uhr die frisch operierten Patienten. Die Ärzte sind ebenso entsetzt wie ratlos. Die einberufene Untersuchungskommission kann nur übernatürliche Ursachen ausmachen und versammelt sich schließlich an einem Sonntagmorgen vor der Station. Gespannt warten sie, was um elf Uhr passieren wird. Da kommt die Urlaubsvertretung der Putzfrau, zieht den Stecker des Beatmungsgerätes raus und schließt den Staubsauger an. Am 29. März schickte Jenny mir ein Foto mit dem Titel „Civilians Fight Back“: Ein GI kniet schießend auf einer Treppenstufe, während ein fünfjähriger Iraker ihm vorm Hauseingang stehend auf den Helm pinkelt. Am 12. Juli bekam ich einen Sportwitz: Die städtischen Armen spielen Basketball; die kleinen Angestellten Bowling; die Arbeiter begeistern sich für Football; die Meister für Baseball; das mittlere Management spielt Tennis und die Führungskräfte Golf. Fazit: Je höher jemand in der Firmenhierarchie aufsteigt, desto kleiner werden seine Bälle. Am 7. Februar 2004 bekam ich zwölf Witze über die Blödheit von George W. Bush zugeschickt. Eine Woche später noch einen: „Bush and Powell Plan World War III“. Sie sitzen währenddessen an einer Bar. Herein kommt ein Gast, er flüstert dem Barkeeper leise zu: „Die sehen ja aus wie Bush und Powell.“ – „Sie sind es“, bestätigt der Barkeeper. Der Mann geht auf die beiden zu und fragt: „Was macht ihr denn da?“ Bush sagt: „Wir planen gerade den dritten Weltkrieg.“ – „Wie wird er ausgehen?“ Bush antwortet: „Also, wir werden zehn Millionen Iraker töten und einen Fahrradreparateur.“ Erstaunt fragt der Mann: „Warum wollt ihr ausgerechnet einen Fahrradreparateur töten?“ Darauf wendet sich Bush Powell zu und sagt: „Siehst du, ich hab dir ja gesagt, kein Mensch wird sich um die zehn Millionen Iraker Gedanken machen!“ Am 29. Mai schickte sie mir einige „Funny Questions“: Warum wird Zitronensaft mit künstlichem Aromastoff angereichert, aber Geschirrspülmittel mit echten Zitronen? Warum heißt die Tageszeit mit dem zähfließendsten Verkehr ausgerechnet Rush-Hour? Warum wird bei der Todesspritze die Nadel sterilisiert? Wenn Fliegen so sicher ist, warum heißen dann Flughäfen terminal (Endstation)? Zuletzt bekam ich am 20. Juli einen Blondinenwitz von ihr zugeschickt: Wie kriegt man eine Blondine dazu, am Sonntag zu lachen? Indem man ihr am Mittwoch einen Witz erzählt!

    Das Komische an diesen ganzen Lieferungen ist die Fixierung auf schwarzen amerikanischen Humor: Einerseits die Regierung lächerlich machende Witze und andererseits hodige Zoten. Ich finde diese Currymischung sehr indisch, gleichzeitig erstaunt sie mich aber auch, denn die sittenstrenge Mutter riss ihre Tochter einst quasi aus meinen Armen und steckte Jenny in ein englisches Internat, woraufhin ich schlagartig die Lust verlor, noch weiter für die Munros zu arbeiten. Ungeachtet ihrer Pointenschwäche sind mir Jennys regelmäßige Scherzsendungen aber lieb und wert, denn sie erinnern mich jedes Mal an unsere ersten und letzten schüchternen Küsse hinter den Vogel- und Flughundevolieren ihrer Eltern. Und das sollen sie vielleicht auch.

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