Funken als Schicksal

Als ich nachts mit dem 129er-Bus von der taz nach Hause fuhr, kam ich mit einem freundlichen jungen Mann ins Gespräch, der aussah wie ein angloamerikanischer Verteidiger der freien Welt: mehr als gutgenährt, leicht  angetrunken und komisch konservativ ausstaffiert, dazu noch mit Akzent Deutsch sprechend. Und er war, obwohl aus Neukölln stammend, tatsächlich so ein Intellektueller, der im „Security-Business“ tätig ist, wie er mir verriet, wobei ich ihn sofort bedauerte, weil ich dachte, er sei als Wachmann tätig – ein beschissener, unterbezahlter Job, bei dem man allen Grund hat, sich zu besaufen. Er hatte jedoch Anglistik an der Humboldt-Uni studiert, und sich dann in Nordirland sowie in Wales auf „Security“ spezialisiert. Nun arbeitete er in einem Berliner „Thinktank“ der Rand-Corporation, wo er sich Gedanken um die „Flugsicherheit“ machte. Der Konzern Rand-Corporation wurde kurz nach dem Krieg von hohen US-Militärs gegründet und ihr erster Auftrag (vom Verteidigungsministerium) bestand darin, Vorschläge über den Einsatz von Überwachungs-Satelliten zu machen – die dann ab den Sechzigerjahren auch praktisch realisiert wurden.

Hallo, dachte ich, als ich dies hörte, denn in den Sechzigerjahren arbeitete ich in der „Radio Relay Station Garlstedt“ der US Air Force. Diese  Funkstation war Glied einer langen Kette von Stationen rund um den Ostblock. Im Falle eines sowjetischen Raketenangriffs hatten wir diese  „Nachricht“ an die nächste Relay-Station weiterzugeben, sodann die Station zu zerstören, uns unsere Notrationen und Gewehre zu schnappen und bis zu unserer Einheit (in Bremerhaven) durchzuschlagen, um dort weitere Befehle abzuwarten. Da die Raketen aber nie kamen, hatten wir – zwölf Mann mit einem stets schwarzen Unteroffizier an der Spitze – ein leichtes Leben: Kino, Bar, Billard, Bibliothek, Musik, Parties…Nur dass andauernd welche nach Vietnam mußten, störte unsere Idylle etwas. Und irgendwann, ich war da schon längst auf der anderen – antiamerikanischen – Seite und in Berlin, wurden diese ganzen Funkstationen ersetzt durch Überwachungssatelliten.

Erst Jahre später wurde ich erneut damit konfrontiert: durch den Funker der Roten Armee Wladimir Kaminer, der einst im dritten Sicherheitsring um Moskau eingesetzt war – und darüber in seinem Buch „Militärmusik“ schrieb. Neulich kam er noch einmal darauf zurück, nachdem er in Kroatien auf einer Vorstellung seines soeben auf  kroatisch erschienenen Militärmusik-Buches ebenfalls einen Funker kennengelernt hatte, der zudem Pazifist war. Wladimir schrieb anschließend: „Diese Einstellung war für mich gut nachvollziehbar, ich war nämlich auch mal Funker, saß in der Armee neben irgendwelchen Raketen, und habe nie geschossen. Auch mein bester Freund, der in Magdeburg zur gleichen Zeit gedient hatte wie ich, war ein Funker, so wie unser amerikanischer Freund Alan, seinerzeit in West-Deutschland stationiert, und meine ersten deutschen Theaterkollegen, die gerne Geschichten über ihre Zeit bei der NVA erzählten – wir alle waren Funker. Für den Frieden zu sein und gefunkt zu haben – taugt das als Schicksal  einer ganzen Generation?“

Wladimir hat diese Frage offen gelassen. Und wenn ich mich zu diesen ganzen Funkern dazurechne, dann waren es ja eigentlich  mehrere Generationen – deren Schicksale jedoch ähnlich waren. Das fiel mir jetzt wieder auf, als ich Rocko Schamonis Buch „Dorfpunks“ las: Er wurde Mitte der Siebzigerjahre in dem Dorf Schmalenstedt in Schleswig-Holstein zu einem Punker und Töpfer – und hat über diese Zeit ein sehr schönes Buch geschrieben. Ich war Mitte der Sechzigerjahre in dem Dorf Garlstedt bei der US Air Force und wurde dort ein Funk- und Soul-Fan, wir halfen sogar, eine erste Diskothek dafür – in Osterholz-Scharmbeck – einzurichten. Abgesehen von diesem kleinen Unterschied verlief Schamonis Punk-Dorfleben genauso wie mein Funk-Dorfleben – bis aufs I-Tüpfelchen könnte man fast sagen. Sollte uns das nicht zu denken geben? Ich denke, nein!

Zumal es mit dem Funken nun langsam zu Ende geht. Dazu muß ich etwas ausholen:

Die Neokonservativen haben die neue Gesellschaft bereits im Blick: Ein Drittel der Weltbevölkerung wird zu den Gewinnern gehören, die anderen zwei teilen sich in Arbeitslose bzw. Unzufriedene, die mit „Tittitainment“ ruhig gestellt oder von der anderen Hälfte bewacht werden. Allenthalben werden neue Knäste gebaut oder erweitert, das Sicherheitsgeschäft boomt und selbst TV-Stars treten nur noch mit Body-Guards auf. In Berlin will man fast 1000 „Kiezpolizisten“ einstellen, nachdem man in Manila so gute Erfahrungen mit den „New Cops on the Block“ gemacht hat. Unterdes hat sich auch die Situation in den überfüllten deutschen Altknästen gewandelt: u.a. gibt es dort jetzt statt der Roten eine „Braune Hilfe“ – in Tegel z.B..

Früher hatten die Knackis, die von dort raus kamen, noch mehrere Anlaufpunkte in der Linken. Ja, den Genossen mit Abitur wurde sogar geraten, Geldstrafen nicht zu zahlen, sondern abzusitzen, um die Angst vor dem Knast zu verlieren. Der Knastaufenthalt war so etwas wie ein Diplom. Die taz hatte anfänglich noch eine volle Stelle zur Betreuung von Knastabos und sogar mal eine Justizredaktion. Außerdem schulte sie gerne entlassene Terroristen um und gab ihre Seiten für Unterstützergruppen von Gefangenen frei. Aus Tegel schrieb der inhaftierte Dagobert Kolumnen, und die Berlinredaktion stellte den Tegeler Knastzeitungsredakteur Peter Lerch als Reporter ein, er ging danach zur JW. Ansonsten drifteten die Scenen jedoch immer mehr auseinander – ähnlich wie bei der Drogenscene.

Jetzt verirren sich höchstens noch ab und zu Kulturschaffende in den Knast. Der Regisseur Kornel Miglus drehte in dem für polnische Kriminelle reservierten Knast in Spremberg einen Videofilm und in dem mit Fixerinnen und Ausländerinnen belegten Frauenknast Lichtenberg wurde ein ambitioniertes Theaterstück inszeniert. Aus dem Tegeler „Gefangenentheater aufBruch“ (sic) heraus entstand der Gefängnis-„Bericht Einschluss“ von Hans-Joachim Neubauer. Von den 1700 Männern aus fast 50 Nationen, die dort eingeschlossen sind, hat er mit einem Dutzend  jahrelang Interviews geführt. Daraus machte er eine Reihe von Erzählungen: „Ich war Geschäftsführer einer Immobilienfirma. Nach der Ermordung meines Chefs kam auch ich in den Strudel der Ermittlungen…,“ so erzählt einer, und ein anderer: „Ich bin sechseinhalb Jahre inhaftiert, aber bin unschuldig“. Ein dritter: „Ich bin schon zwei Jahre hier, wegen versuchten Mord. Ich habe in einer arabischen Firma gearbeitet, mit meinen Freunden zusammen, als Baupolier…“. Ein wegen Sittlichkeitsverbrechen Inhaftierter sagt: „Zeigen, dass ich einen mag, das konnte ich nicht. Nur meinem Hund“. Ein krimineller Autohändler erklärt: „Wir waren eine mobile KFZ-Zulassungsstelle, Tag und Nacht geöffnet“. Ein falscher Autobahnpolizist berichtet: „Die Polizei stritt mit der Rostocker Kripo darüber, wer meine Kelle und den Ausweis kriegte“. Und ein Neonazi meint: „Wir wollen eigentlich keinen Bürgerkrieg im engeren Sinne“.

Die Leiter der Justizvollzugsanstalt unterstützten den Autor, was seiner Meinung nach vom Mut dieser Institution zeugt. Ich würde dagegen behaupten, daß die (linke) Initiative jetzt von den Inhaftierten auf die Inhaftierer übergegangen ist. Einer der Inhaftierten kann dazu im Buch aus eigener Erfahrung beisteuern: „Wenn du auf Droge bist und auf Beschaffung, verschwinden diese Werte, der Stolz und die Ehre und die Ethik und dieses ganze alte Ganoventum und Gauklertum und was da alles noch drin ist. Wenn du auf Droge bist, fällt das völlig weg…dann nimmst du auf nichts mehr Rücksicht“. Ein anderer – der schon in der DDR im Knast war – meint: „Hier ist jeder auf Lockerung aus. Bei uns gab es früher mehr Zusammenhalt, sowie eine Verständigung über Klopfzeichen – So etwas gibt es hier auch nicht“ (mehr)… Es wäre ja auch paradox gewesen, wenn einzig Tegel eine Insel der Seligen geblieben wäre. Aber Klopfzeichen – das ist das Funken in Gefangenschaft. Wie der zuletzt zitierte Ostler traurig feststellte, wissen viele Knackis schon gar nicht mehr, wie das geht – das Funken.

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