vonHelmut Höge 18.01.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Die deutschen Offiziers- bzw. Unteroffiziers-Schriftsteller Ernst Jünger und Rolf Schroers begriffen den „Partisanen“ vor allem als individuellen Widerständler – gegen die amerikanisch dominierte Nachkriegsmoderne. Neuerdings werden der Dramatiker Heiner Müller und der Künstler Joseph Beuys dazu gezählt bzw. als „Partisanen der Utopie“ bezeichnet (in einem gleichnamigen Buch). Und während der Sozialforscher Michel de Certeau den Überlebenskampf des „kleinen Mannes“ in den modernen Großstädten als fortwährenden partisanischen Akt begreift, ist für den Heiner-Müller-Schüler Thomas Martin inzwischen schon jeder „Berliner“ ein Partisan – das heißt ein Jüngerscher „Waldgänger“ im Großstadtdschungel. Daneben begreifen viele linke Intellektuelle – von Paul Parin bis Jacques Derrida – inzwischen den Datenpiraten und Hacker als Partisan neuen Typs.
Was einst der Vietkong-Guerilla ihr riesiges unterirdisches Tunnelsystem war, das ist nun im größten Alternativbetrieb Deutschlands das Virtuelle Private Netz (VPN), dessen Dachantenne übrigens gerade vom ersten Blitz im Sturm ausgeknockt wurde. Der Unterschied zwischen dem öffentlichen „Netz“ und dem VPN besteht darin, dass mit letzterem die Daten verschlüsselt übertragen werden – und dies alles im Rahmen von „Open Source“. Wenn das keine Guerillatechnik ist…
Auch das linksradikale Düsseldorfer „Handelsblatt“ scheint dieser Meinung zu sein – in einem Kommentar zum derzeitigen Wiglaf-Droste-Streit in der taz. Im taz-intranet gab es ein paar unverschlüsselt abfällige Bemerkungen über Droste sowie den Vorschlag, den blog-kommentar von Schröder/Kalender auszuknipsen – weil darin allzu Persönliches über die Hintergründe der Streits steht.

Nun gab es aber in der taz mal die Arbeitsparole „Warum denn gleich sachlich werden, wenn es auch persönlich geht?!“ Sie stammte von Heilmann, Viesel und Kramer aus ihrem Buch „Hiebe unter die Haut“. Und deswegen haben die taz-chefredakteure wohl auch bis jetzt relativ „cool“ auf den Streit reagiert. Dafür haben sich auf den schröder-erzählt-blog etliche taz-autoren zu Kommentar gemeldet, die ebenfalls von der taz-wahrheitsredaktion menschlich und textuell enttäuscht wurden im Laufe der Zeit.

Das Handelsblatt schreibt:

Indiskretion ist Ehrensache

„In den Redaktionen der klassischen Medienhäuser aber kämpfen die

Altvorderen in quantitativer Überlegenheit gegen die Internetter. Selten

aber kommt die obere Etage als Luftunterstützung zur Hilfe.

Und so wird es kommen, dass die Innovativen keine Lust mehr haben auf

das Kämpfen. Sie werden sich selbstständig machen und den Guerilla-Krieg

beginnen. Bald schon wird ein Medieninformationsdienst aufmachen, der

mit guten Autoren und großer Unabhängigkeit dem Kress-Report zu schaffen

machen wird. Ein bekannter deutscher Blogger wird bei einem großen

Qualitätsmedium als interne Splittergranate einschlagen. Sicher, viele

werden auch bleiben – als Gift in den Venen der Zeitungshäuser, bereit

jederzeit interne Streitigkeiten nach außen zu tragen, wie jene um

Wiglaf Droste bei der „Taz“.

Es ist der Beginn eines Guerillakriegs. Wie er ausgeht? Fragen Sie mich

nicht.“

http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1081

Dazu sollte man wissen, dass die früher so drögen Wirtschaftsjournalisten erst recht die der Wirtschaftzeitungen aufgrund der Globalisierung ihrer Auftraggeber (die verschiedenen Kapitalfraktionen) plötzlich – in Talkshows, Journalistenrunden, Round-Table-Gesprächen – ganz jung und internationalistisch aussehen – gegenüber den früher so munteren Feuilletonisten, die nun mehr und mehr dumpf-nationalistisch argumentieren (müssen).

In einer TV-Sendung führte ein Redakteur der Wirtschaftswoche den Spiegel-Feuilletonchef Matussek (und damit auch den FAZler Schirmacher) als fast schon faschistisch Verführte vor. Die Jungle World hat Ähnliches gerade in einem Interview mit dem Junge-Welt-Mitarbeiter Jürgen Elsässer unternommen. Und der Freitag hat sich gerade Josef Joffe (Die Zeit), Henryk Broder (Spiegel), Leon de Winter (Cicero) und Ayaan Hirsi Ali vorgenommen, die völlig aus dem Ruder gelaufen sind – von Islamofaschismus sprechen und sich mit mehr oder weniger Schaum vorm Mund für eine Atombombardierung des Iran aussprechen, was Israel tatsächlich erwägt. Den Vogel an chauvinistischer Dreistigkeit schoß unterdes Daniel Goldhagen ab, der auf Einladung der Bundeszentrale für politische Bildung im Forum des Beamtenbundes eine der ekelhaftesten und dümmsten Reden hielt, die ich je gehört habe: Er möchte anscheinend am Liebsten gleich alle Islamis – mindestens die „politischen“ – in die Steinzeit bomben, wo sie seiner Meinung nach jedoch sowieso schon sind.

Ähnlich wie Jürgen Elsässer schlidder ich auch schon manchmal gedanklich in einen aus Antiamerikanismus und Präpotenz gespeisten Neonationalismus (in bestimmten hassumnebelten Momenten), doch hüte ich mich noch davor, aus solchen zähneknirschenden Anwandlungen gleich ganze Bücher oder Textriemen zu machen und damit Interviews zu bestreiten. Ich führe das eher auf eitlen Größenwahn vermischt mit dauerpubertärer Verantwortungslosigkeit zurück – und sehe Elsässer darin Dr. Seltsam und Anzünger-Klaus ähnlich, die sich ebenfalls mitunter derart gedanklich gehen lassen.Alle drei sind auch gerne laut – zu laut. Sie vor Augen bzw. Ohren ruder ich dann schnell wieder realvernünftelnd zurück.

Die Feuilletonisten bleiben zwar theoretisch dem Weltgeist auf der Spur, aber praktisch können sie ihren Bauchladen kaum noch diversifizieren, nichts daraus outsourcen und schon gar nicht Teile der Produktion in den Ostblock verlegen, auch wenn dort immer mehr ihrer Werke inzwischen gedruckt werden, aber wegen der unheilvollen Trennung von Hand- und Kopfarbeit haben sie davon gar nichts. Ihnen geht es wie einst dem größten Westberliner Erfinder Wolfgang Bogen, der mit seiner Tonabnehmertechnik quasi weltweit führend war – und in Zehlendorf einen schicken Firmensitz nach dem anderen errichtete, aber dann kam die Digitaltechnik und Bogens Patente waren plötzlich wertlos. Der Träger der begehrten Dieselmedaille zog sich aus dem aktiven Geschäftsleben zurück und kandidierte dann für die Republikaner.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2007/01/18/virtuelle-guerillakriege/

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