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vonHelmut Höge 16.03.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Der Hausmeister in der von der bayrischen Härtl-Firma „Priamos“ verwalteten Berliner „Oberbaum-City“, Michael Müller, der dortselbst erster und letzter Betriebsratsvorsitzender des Glühlampenwerks „Narva“ war, zog es vor, zu schweigen, d.h. sich nicht an die ganze Privatisierungs- und Abwicklungsgeschichte seines Werkes zu erinnern – auf einem Podium der Ausstellung über dieses Viertel, die noch bis Ende April in der nahen Zwingli-Kirche zu sehen ist.

Dazu hieß es vorab in der offline-taz:

Das zu Friedrichshain gehörende Karree zwischen Oberbaumbrücke und Osthafen, Stralauer Allee und Markgrafendamm sowie der S-Bahn-Trasse und dem Endbahnhof der U 1 an der Warschauer Brücke hat viele Namen: Quartier am Osthafen, Rudolf-Viertel, BGW-Kiez, Narva-City, Oberbaum-City. Und nun auch noch „Upper East Side“. Dabei ist es ein ganz normaler Ost-Block: mit vielen geschlossenen Läden und noch mehr leeren Büroflächen.

Als das Glühlampenwerk 1992 von der Treuhand gewissermaßen versenkt wurde und 5.000 Narva-Beschäftigte ihren Arbeitsplatz „im Licht“ verloren, zogen viele, die rund um den Rudolfplatz wohnten, weg. Auf einem Großteil der Betriebsstätten wächst heute Gras.

Schon als dort noch Osram produzierte, hatten sich einige Arbeiter aus diesem Kiez still verabschiedet – in die Sowjetunion, wo sie unter Mitnahme von Produktionsmitteln in einem nach Osram-Vorlagen errichteten sozialistischen Werk arbeiteten: im Moskauer Elektrosawod. Hier – im Osram-Stammbetrieb an der Warschauer Brücke – wurden dafür ab 1942 russische Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Und wegen dieser „Kriegsproduktion“ verstaatlichte die Rote Armee dann das Glühlampenwerk 1946. Außerdem befahl sie umgekehrt zahlreiche Osram-Mitarbeiter zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion. Diese bekamen dort allerdings üppigere Essensrationen als die Sowjetbürger selbst. Im „Traditionskabinett“ des VEB Berliner Glühlampenwerk Narva ehrte man unterdessen die vor den Nazis in die UdSSR geflüchteten Osram-Genossen.

Dieser ganzen verwickelten Geschichte ist zurzeit eine Ausstellung in der desakralisierten Zwinglikirche gleich hinter Narva gewidmet. Diese Kirche war das erste elektrisch illuminierte Gotteshaus in Berlin – was wiederum eine der ersten Werbemaßnahmen von Osram war. Im Jahr der Ermordung Rosa Luxemburgs („Lux“ = Licht) errichtete der Konzern außerdem an der Hochbahn seinen „Lichtturm“, wo die Glühbirnen auf ihre Lebensdauer geprüft wurden: Keine durfte länger als 1.000 Stunden brennen! Nur einer einzigen gelang es, den Prüfern zu entkommen – und schier unsterblich zu werden (sie brennt noch heute: in der Feuerwehrwache von Livermore/Kalifornien).

Zu DDR-Zeiten gab es ebenfalls eine Lampenprüfstelle – im „Narva-Lichtturm“. Das Werk stellte daneben aber auch – ressourcenschonend – „Langlebensdauerglühlampen“ her. Die „normalen“ dienten eher der Devisenbeschaffung: Sie waren unter anderem für Osram bestimmt – und wurden auch unter dessen Label verkauft. Da war die DDR jedoch schon fast am Ende.

Die Anfänge waren heroischer: Da räumten die heimgekehrten Arbeiter erst mal den Schutt weg. Gerade um Osram herum hatten kurz zuvor schwere Kämpfe stattgefunden. Den Glühlampenwerkern ließ Generalmajor Alexander Kotikow extra Suppenrationen zukommen („Befehl 234“). Als es an Tellern fehlte, besorgte er angeblich sofort welche aus dem „sowjetischen GULag“. Sie sind jedenfalls heute noch als „Kotikow-Teller“ in guter Erinnerung – und in der Zwinglikirche ausgestellt. Dort hängt auch ein Ölporträt einer der ersten Narva-Brigadierinnen. In dem Frauenbetrieb wurden ganze Spielfilme gedreht, die nun neben Diskussionen jeden Sonntag ab 18 Uhr im Gemeindesaal der Kirche gezeigt werden.

Heute arbeitet als Einziger nur noch der erste und letzte Betriebsratsvorsitzende Michael Müller auf dem Narva-Gelände – als Hausmeister. In den „Lichtturm“ zog stolz das deutsche New-Economy-Vorzeigeunternehmen Pixelpark. Nachdem diese Blase geplatzt war, übernahm die BASF den (inzwischen verschandelten) Turm.

Kurator der vom Bezirksmuseum und dem Verein „KulturRaum Zwinglikirche“ ausgerichteten Ausstellung über die „Upper East Side“ ist der WDR-Regisseur und Medienprofessor Martin Wiebel. Er bekam nach der Wende sein verstaatlichtes Haus im Rudolfviertel wieder, das vor 100 Jahren – wie die ganze „Oberbaum-City“ – von seinem Urgroßvater Maximilian Koch hochgezogen worden war. Koch war Besitzer einer Ziegelei in Schöneiche, der Bruder Architekt. So kam eins zum anderen. Sein Urenkel Wiebel veranstaltet jetzt jeden Sonntag Führungen durch „Max Kochs Revier“, wo von Osram-Narv allerdings nur noch die Kneipe Zur Glühlampe und Michael Müller zeugen. Dieser wird dann auch im Gemeindesaal Rede und Antwort stehen: am 2. März.

Der jetzige Hausmeister Michael Müller kam, wie gesagt nicht zur Veranstaltung. Dafür lernte ich Marenke kennen, den Hausmeister des DGB. Der ehemalige Tagesspiegelredakteur gibt nebenbei noch die Lokal- und Wirtschaftszeitung „Kiez und Kneipe“ heraus, die sich langsam aber sicher über ganz Kreuzberg ausdehnen soll.  In ihr wird nicht zuletzt das letzte BI-Geschehen des „Problembezirks“ kommentiert. Ein Beispiel aus der Ausgabe Februar 2008:

Dämliche
Bürgerspielchen
Lassen wir einfach mal
die Frage beiseite, ob
der Flughafen Tem-
pelhof geschlossen oder
offen gehalten werden
soll. Aber was soll man
von solch einem Senat
halten? Der ist stolz
darauf, das plebiszitä-
re Element in der Lan-
desverfassung zu einer
Hochblüte          gebracht
zu haben. Nirgendwo
in Deutschland kön-
nen die Bürger soviel
mitentscheiden. Doch
wenn es massiv gegen
die eigenen Interessen
geht, dann kündigt
man schon mal an,
das sich abzeichnenede
Volksbegehren einfach
zu ignorieren? Und im
Bezirksamt praktizie-
ren sie die Bürgerbetei-
ligung mit dämlichen
O n l i n e – Sp i e l c h e n .
Über die Zukunft des
Tempelhofer             Feldes
wird garantiert nicht
die BVV F`Hein-X-
Berg entscheiden. Auch
wenn auf Platz acht
des Online-Wunsch-
zettels steht: Museums-
Geisterbahn. Das passt
ja wohl zu diesem put-
zigen Akt der Bürger-
verarschung.
Peter S. Kaspar

In der „Jungle World“ findet sich ein Artikel von Boris Kanzleiter über US-Gewerkschaften und darin wieder über die Organisierung von Hausmeistern (Janitors“):

Ein besonders markantes Beispiel für die Entwicklung stellt die Angestelltengewerkschaft SEIU dar. Sie gehört zu den am schnellsten wachsenden Gewerkschaften in den USA und zählt heute 1,3 Millionen Mitglieder. Bereits 1985 hatte sie die Kampagne Justice for Janitors gestartet, mit der sie bessere Bezahlung und Arbeitsverhältnisse für die Beschäftigten der großen Reinigungsfirmen forderte.

990 hatten die Janitors in Los Angeles einen militanten Streik durchgeführt, der zu einem Erfolg wurde. Und auch in den ersten drei Aprilwochen streikten wieder 8 000 Janitors in Los Angeles und blockierten mit dem Ruf »Mucho trabajo, poco dinero« – »Viel Arbeit, wenig Geld!« – die Eingangsbereiche der Wolkenkratzer, die sie ansonsten säubern müssen. Die Mehrheit der Streikenden waren eingewanderte Latinos, viele von ihnen ohne Papiere. Während in Bloomington über die Abschiebung der Holiday-Inn-Geschädigten verhandelt wurde, konnten sie eine Lohnerhöhung durchsetzen.

Die aggressive Strategie der SEIU hat sich in den letzten Jahren ausgezahlt. Für ihre Mitglieder durch mehr Lohn und für die Gewerkschaft durch den Anwachs der Mitgliederzahlen. Besonders John Sweeney hat gewonnen. Er war bis 1995 SEIU-Vorsitzender und Initiator von Kampagnen wie Justice for Janitors. Dann wurde er wegen der Erfolge zum AFL-CIO-Chef gewählt.

Seitdem versucht er mit seinen Kollegen die Politik des gesamten Verbandes zu ändern. Priorität hat die Mitgliederwerbung. Schwerpunkt sind dabei »ethnische Minderheiten«, Jugendliche und Frauen, alles Gruppen, die bisher in der Gewerkschaft nur unterdurchschnittlich organisiert waren. Letztes Jahr konnte AFL-CIO so zum ersten Mal seit Beginn der fünfziger Jahre ein leichtes Wachstum verzeichnen.

Die neue Orientierung bedeutet allerdings nicht unbedingt eine Demokratisierung der autoritären Strukturen der Gewerkschaften. Sobald die neuen Mitglieder ihre Rechte vertreten wollen und nach Posten und Macht greifen, werden sie von den weißen Männern in den Vorstandsetagen meist zurückgesetzt. Dennoch hat die neue Orientierung des AFL-CIO Beschlüsse wie den vom Februar möglich gemacht.

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