vonHelmut Höge 31.08.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

(Hannah Arendt 1958)

Im Anschluß an den Berliner Kongreß „Solidarische Ökonomie“ verfasste Werner Ruhoff eine Kritik an Genossenschaften, hier einige Auszüge daraus:

„Solidarische Ökonomie“ im Kapitalismus – Genossenschaften ein Ansatz?

Das Thema Genossenschaft war als Querschnittsthema in vielen Bereichen enthalten: z.B. Gesundheit/Heilung, Sozialbetriebe, Wir-eGs statt Ich-AGs, Vergenossenschaftlichung privatisierter Bereiche (z.B. kommunale Wasserversorgung u.v.a.), Selbstverwaltung statt staatlicher Bürokratie;

Wie solidarisch sind Genossenschaften?

Dazu ein Rückblick: Genossenschaften wurden von Einigen als ein Lösungsansatz angesehen, die juristisch-ökonomische Trennung von Lohnarbeit und Kapital durch eine demokratisch verfasste Gruppeneigentumsform aufzuheben bzw. abzumildern, sprich Gleichheit (wie weit ?) und Solidarität innerhalb eines Betriebes herzustellen.

Hier greift m.E. der Einwand, dass bisher alle traditionellen Genossenschaften und auch die in den siebziger/achtziger Jahren gegründeten Alternativunternehmen sehr starken Anpassungszwängen von Seiten des Marktes unterlegen waren, was dazu führte, dass sie aufgeben mussten oder die inneren Strukturen sehr schnell den äußeren Bedingungen angepasst wurden.

Im Übrigen sind Genossenschaften nicht per se Unternehmensformen, die unbedingt demokratischer als Aktiengesellschaften sind. (Ein Mensch – eine Stimme ist formal wohl demokratischer aber nicht automatisch in der Praxis). Durch hierarchische und informelle Unternehmenssteuerung und Führungspersonalentscheidungen und durch Überforderung der Genossenschaftsmitglieder wird die Demokratie zu einer rein formalen Angelegenheit. Das deutsche Genossenschaftsgesetz (Ursprung 1867 in Preußen) schreibt zudem hierarchische Strukturen wie in der Aktiengesellschaft vor.

In Deutschland gibt es weit über 10 Millionen Genossenschaftsmitglieder: in Volks- und Raiffeisenbanken, in landwirtschaftliche n Genossenschaften und Milchverarbeitungsbetrieben, Winzergenossenschaften, u.a. Solche Genossenschaften verfügen über eine lange Tradition mittelstandsunternehmerischer Interessenwahrnehmung. In diesen Genossenschaften sind die Mitglieder in der Regel nicht selbst die ProduzentInnen/ Werktätigen. Generell handelt es sich hier ausschließlich um NutzerInnen- Genossenschaften , in denen die Beschäftigten „fremde Lohnangestellte“ sind und bleiben, mithin die Trennung von Arbeit und Produktionseigentum im Wesentlichen vorhanden bleibt, was nicht ausschließt, dass Beschäftigte einer Genossenschaft auch Mitglied der G. sein können.

Solche Genossenschaften dienen dem Zweck, den einzelnen Mitgliedern Zugang zum Markt zu verschaffen, billiger einzukaufen oder ihnen sonstige Vorteile zu verschaffen, die aber häufig kaum noch als Vorteile im Konkurrenzsystem des Marktes zu erkennen sind. Die Ideologie dieser Genossenschaften klebt an der Marktwirtschaft. Ihre Traditionsväter im deutschsprachigen Raum (Raiffeisen, Schulze-Delitzsch) waren im 19. Jahrhundert in klarer Abgrenzung von der ArbeiterInnenbewegung Konservativ- Liberale. Die Identität besteht hier als KundIn und Mitglied – nicht aber als ProduzentIn und Mitglied. Die Nazis schalteten die Genossenschaften auf die Naziherrschaft um nach dem Motto: „Einer für alle, alle für Einen“. Auch in den Genossenschaften hatte das Prinzip von „Führer und Gefolgschaft“ zu gelten. Der Satz wird heute übrigens noch von manch einem Genossenschaftsfunktionär der alten Riege gern zitiert. Damit einher ging die Zerschlagung widerständiger Genossenschaften und ein stark einsetzender Zentralisierungsprozess.

Ebenso die meisten Genossenschaften der ArbeiterInnenbewegung: sie waren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die Weimarer Zeit erfolgreich( insbes. Konsumgenossenschaften und Wohnungsbaugenossenschaften) . Vor allen Dingen in Österreich hatte die arbeiterInnenbewegte Genossenschaftsökonomie einen großen Anteil am wirtschaftlichen Kuchen. Der Streit zwischen „Lohnarbeit und Kapital“ erreichte auch diese Genossenschaften, was die Gewerkschaften von der Gemeinwirtschaft (Gewerkschaftsunternehmen) und den Genossenschaften politisch distanzierte. Misswirtschaft, und Korruption führten zu Verlusten, Zentralismus, und Selbstbedienungsmentalität der FunktionärInnen schließlich zur Aufgabe der gewerkschaftseigenen Unternehmen.

Hinzu kommt, dass das genossenschaftliche Demokratieprinzip und die Identität der Mitglieder ab einer bestimmten Größenordnung verloren geht. Dadurch bekommen die Leitungsgremien der Genossenschaft ein Übergewicht. Der solidarische Zusammenhang der Geno-Mitglieder geht in der Anonymität unter. Die Geno ähnelt dann eher einer AG ohne einflussreiche Großaktionäre.

Die ostdeutschen Produktivgenossenschaften LPG u. PGH waren dagegen ProduzentInnengenos senschaften als Identität von ProduzentInnen und EigentümerInnen des genossenschaftlichen Unternehmens, die aber stark unter dem parteistaatlichen Kuratel standen. In der SED wurden solche Genossenschaften im Vergleich zu den Staatsbetrieben der Industrie auch nicht als vollwertiges sozialistisches Eigentum angesehen. Viele solcher Betriebe in der Landwirtschaft überlebten die Wende und arbeiten nun unter den Bedingungen der Marktwirtschaft. Hier sind Beschäftigte und Betriebseigentü- merInnen identisch, Lohnarbeit und Kapital sozusagen in einer Gesamtperson vereint. Im Verständnis der Genossenschaftsfans sind die Genossenschaften, die den dort Tätigen selbst gehören, die Schlüsselbetriebe der „solidarischen Ökonomie“.

Mit der grün-alternativen Bewegung wurde das genossenschaftliche Denken (nicht so sehr als Orientierung an der rechtlichen Unternehmensform, sondern an basisdemokratisch- inhaltlichen Kriterien) im Sinne der emanzipatorischen Selbstverwaltung der Betriebe wieder aufgegriffen – ProduzentInnen gleich EigentümerInnen, die ihre Entscheidungen basisdemokratisch treffen. In diesen Bereich fallen nicht nur Unternehmen in der Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft sondern auch Unternehmen, die aus zweckdienlichen, pragmatischen Gründen andere Unternehmensformen haben. Am konsequentesten sind die Lebensgemeinschaftskommunen, die ähnlich wie Kibbuzim Leben und Arbeiten miteinander verbinden und die basisdemokratisch organisiert sind – (z.B. Lebensgemeinschftskommune Niederkaufungen) .

Genossenschaften sind keine gemeinnützigen Unternehmen, wiewohl es gemeinnützige Genossenschaften geben kann. In der Regel dienen sie einem Gruppeninteresse, dem der Mitglieder/InhaberInnen der Genossenschaft. Sie können als solche auch marktwirtschaftlich-gesellschaftlic he Funktionen erfüllen, wie z. B. Wohnungsbaugenossenschaften, die mit preiswerten Mieten und der Verhinderung von Bodenspekulationen dafür sorgen, dass der Mietpegel einigermaßen erträglich bleibt. Auch Konsumgenossenschaften können Einfluss auf das Preisniveau der alltäglichen Güter nehmen – das war ursprünglich auch der Gedanke im Interesse der schlecht bezahlten ArbeiterInnenschaft . Aber die Zentralisierung der Genossenschaften in diesem Sektor hat auch dazu geführt, auf die landwirtschaftlichen ProduzentInnen am Markt einen Druck auszuüben, der in der Landwirtschaft sozial und ökologisch negative Konsequenzen hatte bzw. noch hat.

Eine sich andeutende Sonderform sind sog. Stadtteilgenossenschaften, eine neue Form, in der verschiedene Bereiche selbstorganisierter Gruppen im Stadtteil miteinander zur gegenseitigen Hilfe kooperieren und sich unterstützen sollen – Dabei kann es eine Mischung der Identität von KundIn-NutzerIn/ Mitglied und eine von ProduzentIn/ Mitglied geben. Mit der Verbindung dieser Schnittstelle könnten die rein kapitalistische Marktlogik- Konkurrenz und Vorteil- die kapitalistische Marktstruktur von Oligopolen und die kapitalistische Bereicherungsgier – Spekulation, ein Stück weit „außen vor“ gehalten werden.

In diesem Kontext gibt es Ansätze, den Begriff der Arbeit neu zu definieren. Eine mögliche Neudefinition wäre die des us-amerikanischen Wissenschaftlers Frithjof Bergmann: Arbeit für den Markt, Arbeit für die freiwillige Gemeinschaft (Genossenschaftssubsistenz) und das, was du wirklich, wirklich gerne tun möchtest. Die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM) sieht sich als Gemeinschaft, die dieses Prinzip bereits verwirklicht. In einer Stadtteilgenossenschaft könnte solch eine Arbeitsteilung horizontal und kooperativ ausprobiert werden.

Das Problem für solche Genossenschaften besteht darin, mit kommunaler/staatlicher Hilfe an Ressourcen zu kommen, aber auch den Anforderungen des Genossenschaftsgesetzes, sofern es sich um die Rechtsform einer Genossenschaft handelt, der Banken und der Marktsituation gerecht zu werden. Interessant in diesem Kontext ist noch, dass die große venezuelanische Kooperative Cecosesola unabhängig vom Staat ein eigenes Gesundheitssystem aufbaut. Seit 10 Jahren gibt es ärztliche Sprechstunden und nun baut die Kooperative ein eigenes Krankenhaus. Diese Kooperative in Venezuela hat mehr als 3000 Mitglieder und mehr als 15000 KundInnen/NutzerInn en. Die Kooperative betreibt fünf große Wochenmärkte, ein Beerdingungsunternehmen, eine eigene Kreditversorgung. Und viele kleingenossenschaftliche Unternehmen sind Mitglied der Kooperative. Das Selbstverständnis besteht aus drei Grundprinzipien:

  • keine Kapitalanhäufung (als Selbstzweck) – bedürfnisorientiert
  • keine Hierarchie – alle bestimmen gemeinsam
  • keine Privatisierung – die Mitglieder kontrollieren ihre Ressourcen

Mit einer so großen regionalen Genossenschaft auf basisdemokratischer Grundlage verändern sich vermutlich auch teilweise die Marktbedingungen zu Gunsten anderer Kriterien als billige Preise und hohe Profite. Die tatsächlichen Probleme der Genossenschaft habe ich aber leider, auch in Anbetracht mangelnder Zeit, nicht mitbekommen.

Problem, dem alle MarktteilnehmerInnen unter den hiesigen Bedingungen ausgesetzt sind: Der Markt als anonymer Mechanismus des Warenverkehrs drückt unter den Bedingungen einer von Kapitalverhältnissen beherrschten Wirtschaft unerbittlich jene Zwänge auf, deren erster Schlachtruf „billig“ lautet. Da kleine Genossenschaften häufig zu den finanziell schwächeren MarktteilnehmerInnen zählen, besteht die Gefahr einer großen „Selbstausbeutung“ . Unter Umständen hat das auch zur Folge, dass sich Genossenschaften gegenseitig Konkurrenz machen müssen. Nicht ausgeschlossen sind die Genossenschaften unter solchen Bedingungen vom Zwang, einen Profit zu erwirtschaften, um weiteres Kapital für die Konkurrenzschlacht auf dem Markt anzuhäufen. Die Erfahrung zeigt auch, dass demokratische Ansprüche aufgegeben werden, wenn der Lernprozess hinter dem Tempo der Reaktionsanforderungen zurückbleibt und MitarbeiterInnen die Kraft nicht aufbringen, neben ihrer aufreibenden Arbeit und der alltäglichen Daseinsvorsorge sich auch noch an unternehmerischen Entscheidungen zu beteiligen.

Nun wird damit allerdings die Frage aufgeworfen, ob die „solidarische Ökonomie“ der Genossenschaften nicht zum Lückenbüßer der neoliberalen Spar- Privatisierungs- und Deregulierungspolitik wird.

  • Genossenschaften übernehmen Aufgaben, derer sich der Staat entledigt hat.Ist das negativ oder positiv?
  • Genossenschaften können sich den Marktverhältnissen nicht entziehen – unterliegen somit der scharfen Konkurrenz und dem Profitgesetz
  • Genossenschaften laufen dann Gefahr, Hilfskonstruktionen zur kollektiven Selbstausbeutung zu sein: niedrige Löhne, keine Tarifverträge – und mit wem sollten sie Tarifverträge abschließen? Mit sich selbst?
  • Genossenschaften sind auf staatliche Hilfe/Unterstützung angewiesen: Steuerpolitik, Mittelvergabe, Zugang zu Ressourcen, ordnungspolitische Regelungen;

Hier nun setzen die KritikerInnen des Geldes und der Warenwirtschaft an. Eine genossenschaftliche Waren-/Marktökonomie zwinge letztendlich alle Versuche eines anderen Wirtschaftens in das Prokrustesbett der Konkurrenz und der Kapitalvermehrung zurück, allein um immer wieder neue Investitionen zu tätigen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die KritikerInnen der Waren-/Marktökonomie sehen in der Regel keine Möglichkeiten, die Kapitalverhältnisse so zu domestizieren, dass die Wirtschaft im Dienste des Menschen steht und nicht umgekehrt, wie es jetzt der Fall ist.

Sie gehen davon aus, dass weder der Markt noch das Geldverhältnis zwischen den Menschen so umgestaltet werden können, dass sie nicht mehr als Zwang und alleiniges Kriterium jeder ökonomischen Handlungs-Motivation gelten, wovon Andere aber wiederum ausgehen. Die grundsätzliche Kritik an der Marktwirtschaft (als einer Wirtschaft, in der Waren produziert werden, deren Verteilung durch den Markt geregelt wird) bezieht sich auch darauf, dass der Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve automatisch diejenigen vom Konsum und vom gesellschaftlichen Miteinander ausschließt, die den Preis nicht zahlen können. Diese Sachzwanglogik ist jenseits jeder Moral, aber als eine dem Menschen eingeübte Entfremdung die unhinterfragbare Handlungsmaxime der freien Marktwirtschaft. Eine Eindämmung dieser Logik gelinge in der Marktwirtschaft kaum, da das aus Waren und Geld gebildete Kapital unaufhörlich einen aggressiven Wachstumsdrang hervorbringt, der ebenfalls als Sachzwang auf die Bühne tritt. Der historische Versuch der sozialen Marktwirtschaft nach dem II. Weltkrieg sei seit den achtziger Jahren nicht einer bösen Verschwörung neoliberaler Weltverschlechterer zum Opfer gefallen. Die neoliberale Politik sei vielmehr Ausdruck der Krisenentwicklung des sich selbstverwertenden Wertes (Kapital) unter den Bedingungen großer Rationalisierungsschübe, die auf ständige Marktwachstumshemmnisse stießen. Diesen Widerspruch könne die Marktwirtschaft nicht lösen. Durch eine Abmilderung der Wirkungsweise, die zudem auf globale Hemmnisse stoße, ziehe sich der krisenhafte Verlauf der Entwicklung höchstens verflacht in die Länge. Das marktwirtschaftlich System insgesamt bleibe aber reformuntauglich. Die Wende komme nur, wenn der Bereich, der sich von der Warenproduktion und vom Geld abkoppelt, wächst.

Einen wachsenden Bereich sehen die KritikerInnen in der modernen Computerwelt, wo der Austausch von Informationen als warenförmige Verknappung zum Anachronismus wird und wo, wie das Beispiel der Software Linux zeigt, Menschen auch bereit sind, etwas herzustellen, ohne dafür Geld oder andere Gegenleistungen zu verlangen. Vielmehr ermögliche es der Reichtum an Wissen, Fertigkeiten und sozialen Fähigkeiten, dass mit Hilfe der modernen Technik jedeR etwas beiträgt nach seinen/ihren Fähigkeiten und jedeR etwas nimmt nach seinen/ihren Bedürfnissen. Die Produkte werden nicht mehr nach ihrem Geldwert bemessen, sondern nach der tatsächlichen Nützlichkeit, die sie für die Leute haben. Und die Menschen arbeiten, weil sie Freude haben und engagiert sind. Das Umdenken und die Wiedererlangung der Fähigkeit vieler Menschen, über direkte menschliche Kontakte und Kooperationen ohne Äquivalenzkalkül zu nehmen und zu geben (wie im Haushalt), nehme aber eine lange Zeit der Einübung und Verinnerlichung in Anspruch. Die Frage, wie mensch nicht nur umsonst verteilen, sondern auch produzieren kann, beantwortete jemand mit der Vollautomatisierung der Produktion, was Andere eher skeptisch beurteilten oder aus ökologischen Gründen für kaum machbar bzw. wünschenswert halten (z.B. Energieverbrauch; auch wenn die Energie von der Sonne kommt, müssen doch energieaufwendige Module hergestellt werden; oder Freude an der Herstellung eines Gegenstandes; ).

Außerdem drängt sich die Frage auf, wer dann die Arbeiten erledigt, die als lästig, gesundheitsschädigend, beschwerlich, dreckig empfunden werden. Und wie kommt mensch an die Maschinen und technischen Einrichtungen für die Produktion?

Es wurden Fragestellungen laut, die auf das äußerst komplexe System der heutigen Wirtschaft abzielen und Zweifel beinhalten: lassen sich geldlose Kooperationen in industriellen Großstrukturen denken? Muss nicht die Produktion mit Hilfe der Computer- und Solartechnologie wieder viel kleinteiliger werden? Wenn jedeR sein/ihr eigenes Sonnendach hat, braucht’s keinen Energiekauf mehr. Wenn jedeR mit Hilfe moderner Techniken auch eigene Gebrauchsgegenstände und Produktionsmittel herstellen könnte, brauche es kein Geld und kein Wertäquivalent mehr. Allerdings müsste auch dieser Prozess nicht auf einer privatisierten, sondern auf einer kollektiven Verständigungs- und Zusammenarbeitsebene laufen.

Hierauf gibt es keine befriedigende Antworten. Geldlose Zusammenhänge, Kooperationen, Gemeinschaften wie z.B. Umsonstläden und geldlose Projekte könnten aber dennoch Bausteine für die Zukunft sein. Im Umsonstladen haben wir z.B. weder einen Marktdruck noch einen Kapitalverwertungsz wang. Davon befreit, treten wir in einen Prozess ein, der uns keine schnell handlungsfähige Hierarchie aufbürdet und in dem wir die Chance haben zu lernen, übernommene Aufgaben in freier Absprache und ohne Zwang zuverlässig zu erledigen, in dem wir auch lernen, Dinge frei von quantitativen Werten nach qualitativen Nützlichkeiten auszusuchen. Der Sonderangebotseffekt bleibt aus, weil es keine Preise gibt. Die Frage lautet jetzt nur noch: brauche ich das wirklich und habe ich Freude daran? Unabhängig davon, ob eine „Schenk – und Nehmwirtschaft“ sich jemals durchsetzen könnte, was viele UmsonstaktivistInnen für erstrebenswert halten, könnte diese Art des Miteinanders auf viele Bereiche ausgedehnt werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verhindern, als Almoseneinrichtung für Arme zu „ver-kümmern“ . Es geht bei solchen Projekten um die Wiedererlangung zwischenmenschlicher Kompetenzen, solidarischer Zusammenhänge und um die Erschließung neuer Bausteine, mit denen geldlose Kooperationen aufgebaut werden können. Dabei bleibt erst einmal die Abhängigkeit von der traditionellen Erwerbsarbeit oder staatlicher Unterstützung bestehen. Die Abhängigkeit vom Geldkreislauf könne aber allmählich verringert werden, je mehr Menschen bereit sind, ihre Tätigkeiten in die Umsonstökonomie zu verlagern und dort auch ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

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Von Werner Ruhoff ist das Buch lieferbar:

Eine sozialistische Fantasie ist geblieben

Sozialismus zwischen Wirklichkeit und Utopie

148 Seiten, kartoniert, Euro 10.-

Der Zusammenbruch des so genannten Realsozialismus hat gezeigt, dass der Sozialismus als Verstaatlichung der Gesellschaft nicht machbar ist. Kann die basisdemokratische freie Assoziation eine neue Perspektive sein, um einen Ausweg aus der sozialen und ökologischen Krise zu finden, die in der neoliberalen Globalisierung immer deutlicher zutage tritt? Werner Ruhoff beschreibt Gehversuche und Konflikte einer neuen Gesellschaft in Form einer fiktiven Reportage, die er in der Stadt ansiedelt, in der er lebt. Dabei lässt er sich von seinen eigenen Erfahrungen beim Studium selbstverwalteter Projekte leiten.

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Vor dem Berliner Kongreß fand in Potsdam eine Veranstaltung über „Wirtschaft von unten“ statt. Dazu schrieb Werner Ruhoff:

Vom 21. Februar bis 23. Februar veranstalteten das „Europäische Bürgerforum“ und die am 14. Juli 1989 zum zweihundertsten Jahrestag der Französischen Revolution gegründete „Bürgerinitiative für Sozialismus“ in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Potsdam einen Ratschlag zum Thema „Wirtschaft von unten“. Zirka dreihundert TeilnehmerInnen aus Initiativen, selbstverwalteten Projekten und Gewerkschaften diskutierten über praktische Erfahrungen und theoretische Auswege aus der dramatisch zunehmenden Erwerbslosigkeit und Armut. In Anbetracht der Tatsache, daß der aktuelle Marktfundamentalismus den Staat – egal in welchem Land – zur Geisel der Marktlogik macht, wächst das Bedürfnis nach Selbsthilfe jenseits von Staat und Markt. Das „Europäische Bürgerforum“ wurde ebenfalls 1989, während der Umwälzungen in Osteuropa von AktivistInnen der Landkooperative „Longo mai“ (provencalischer Gruß; zu deutsch: lang möge es dauern) in der Haute Provence sowie anderen Projektinitiativen als Netzwerk von BürgerInnen aus Ost- und Westeuropa gegründet. Auch hier stand bei der Gründung die Erfahrung Pate, daß immer mehr Menschen von den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ausgegrenzt werden und die Schaffung einer grenzüberschreitenden Solidarität nur darin besteht, daß die Menschen aus Ost und West in direktem Kontakt miteinander alternative Lösungen finden können. Daß der Kongreß an der Fachhochschule Potsdam stattfinden konnte, hatte nicht nur etwas mit den günstigen Bedingungen zu tun, sondern auch mit dem Interesse der Hochschul- und sozialwissenschaftlichen Fakultätsleitung, sich in einem Umfeld mit hoher Erwerbslosigkeit an der Suche nach neuen Wegen zu beteiligen.

Was können Menschen tun, die von der profitorientierten Wirtschaft ausgegrenzt werden und denen der Staat im Zuge sog. Sparmaßnahmen Sozialleistungen aufkündigt, ohne daß eine Besserung der Lage in Sicht ist, wie uns dies die ProtagonistInnen einer marktliberalen Politik glauben machen wollen? Wie können Menschen, die das Schicksal der Erwerbslosigkeit als individuelles Versagen empfinden, ihre Kreativität und ihr Selbstwertgefühl neu entdecken und entwickeln? Wie können Menschen durch Selbstorganisation und Solidarität ihr Leben bestimmen, ohne auf die Lösung von PolitikerInnen und Chefs zu warten, die diese sowieso nicht anzubieten hätten. Oskar Negt, der leider wegen Krankheit absagen mußte, hatte für sein Eingangsreferat die Frage formuliert, ob Menschen gleichberechtigt, ohne Chefs zusammenarbeiten können. Hans See, der Sprecher der Organisation “ Business Crime Control“, konnte dafür zu dieser Frage aus der praktischen Anschauung eines gescheiterten aber nichtsdestoweniger interessanten Lernprozesses bei der Glashütte Süßmuth (nicht verwandt mit der gleichnamigen Bundestagspräsidentin) berichten. Somit wurde gleich zu Beginn klar, wie eng der Ausweg aus der Not mit der Frage nach der Emanzipation verknüpft ist. Hans See hatte den Selbsterhaltungsversuch der Belegschaft durch die Aneignung des bankrotten Betriebes Anfang der siebziger Jahre begleitet. Doch der Versuch, aus dem Selbsterhaltungswillen eine dauerhafte Selbstverwaltung aufzubauen, schlug fehl. Woran scheiterte er? Nach Hans See lägen die Hindernisse zweifellos auch am Widerstand der Chefs gegen ihre Abschaffung. Die etablierte Wirtschaft unternehme alles, die selbstverwaltete Wirtschaft durch Boykott zu bekämpfen, sie weg zu konkurrieren oder sie zu unterlaufen. Andererseits habe sich deutlich gezeigt, daß unterschiedliches Wissen und Engagement innerhalb der Belegschaft die traditionellen Rollen mit den entsprechenden Kompetenzen und Hierarchien im selbstverwalteten Unternehmen reproduziere. Während die einen immer mehr in eine Erwartungshaltung an „ihre“ gewählte Geschäftsleitung zurückfielen, verselbständigten sich in der Kompetenzhierarchie die KompetenzträgerInnen zur neuen Macht. Über das Wissen etablierte sich eine neue Macht. Die IG Chemie stand dem Experiment von vornherein skeptisch gegenüber. Sie konnte sich mit ihrem traditionellen Rollenverständnis von Gewerkschaft und Betriebsrat in einem selbstverwalteten Betrieb nicht so recht einordnen. Bald stellte sich aber heraus, daß Betriebsrat und Gewerkschaft ihre Rolle durch die Wiederbelebung alter Verhaltensmuster von „oben“ und „unten“ nicht sonderlich einbüßten. Das Ende der Geschichte war die Aufgabe der Selbstverwaltung durch die Belegschaft. Inzwischen ist der Betrieb vom Markt verschwunden. Aus dem Experiment ergäben sich wichtige Erfahrungen und Schlußfolgerungen:

Die ProduzentInnen haben nie gelernt was ein Betrieb ist. Die Frage des Eigentums selbst enthalte den aktuellen Gedanken des Selbstbestimmen-Wollens, der Autonomie. Aber diese Autonomie könne in der Zusammenarbeit schnell zum Absolutismus derjenigen führen, die über ihr Wissen Macht konstituierten. Deshalb plädierte Hans See für die Demokratisierung der Wirtschaft im Sinne eines permanenten Dynamisierungsprozesses, für einen Austausch aller Beteiligten mit der Möglichkeit, die Chefs durch die Belegschaften abzuwählen. Dabei muß die Veränderung des Bewußtseins durch Bildung und Praxis mit entwickelt werden.

Ist die Genossenschaft die Unternehmensform, die den größten Spielraum an Demokratisierungsmöglichkeiten bietet? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den Ratschlag. Doris Meißner hat an einem Projekt des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD über Genossenschaften und selbstverwaltete Betriebe mitgewirkt. Sie versuchte die Frage zu beantworten, ob die steigende Arbeitslosigkeit durch die Gründung von Produktivgenossenschaften aufgefangen werden kann. Seit den siebziger Jahren gebe es in Europa eine Gründungsrenaissance von Genossenschaften. In Deutschland wird die Genossenschaft von der kodifizierten Rechtsform abgeleitet, während diese Definition in anderen Ländern nicht von der Rechtsform sondern von der Art des Wirtschaftens abgeleitet werde. So seien in Frankreich wie Italien die Genossenschaften in verschiedenen Rechtsformen möglich. Hier seien die Prinzipien im GesellschafterInnen-Vertrag ausschlaggebend. In Deutschland sei die Gesetzeskonstruktion hinderlich, neue Arbeitsplätze ohne hemmungsloses Profitstreben und mit dem Anspruch von umfassender Partizipation zu schaffen. Der Grund, warum kleine selbstverwaltete Betriebe, Betriebe ohne Hierarchien und vorrangigem Profitziel, in Deutschland oft eine andere Rechtsform als die der Genossenschaft wählten, liege u.a. an der relativ hohen, gesetztlich vorgeschriebenen Anzahl von sieben Gründungsmitgliedern sowie dem gesetzlichen Zwang, einen Vorstand und einen Aufsichtsrat zu konstituieren. Hier sei eine Änderung notwendig, da in der jetzigen Krise der wachsende Bedarf an solchen Betrieben auf eklatante Hindernisse stoße. Außerdem würden in Deutschland vorrangig sog. Ergänzungsgenossenschaften gefördert. Das sind Genossenschaften, deren GesellschafterInnen bzw. Mitglieder mehrheitlich nicht im eigenen Unternehmen arbeiten (Volks- und Raiffeisenbanken, Raiffeisenhandel, Winzer,- Molkerei- und Fleischverarbeitungsgenossenschaften, Wohnungsbaugenossenschaften ). Genossenschaften könnten sowohl für die Demokratisierung der übrigen Wirtschaft als auch für die Politik eine vorbildliche Organisationsform liefern, nämlich den Abbau hierarchischer Verwaltungsstrukturen, die Dezentralisierung und die Regionalisierung bei weitestgehender Partizipation der BürgerInnen.

Dietrich Haensch, Politologe an der Universität Hannover, erforscht seit fünfzehn Jahren die italienischen Kooperativen. Seit Mitte der siebziger Jahre ist die Zahl der Neugründungen um den Faktor sechs gestiegen. Während in Deutschland, einschließlich der verbliebenen und umgegründeten Agrargenossenschaften in den neuen Bundesländern, die Anzahl der Genossenschaften bei ca. 10.000 stagniert oder durch Fusionen weiterhin rückläufig bleibt, beträgt ihre Anzahl in Italien mittlerweile über 160 000. In den letzten Jahren wurden immer mehr sog. Dienstleistungs-Kooperativen gegründet, also Arztpraxen, Rechtsanwaltsbüros, Software-Herstellerinnen, Reinigungskooperativen, Musikgruppen, Touristikbüros, Seniorenkooperativen usw. usf. Seit 1995 können fünf Personen eine Kooperative gründen, und es besteht die Möglichkeit einer gleichberechtigten Betriebsführung ohne Chef. Der Zweck der Genossenschaft darf nicht der der Kapitalverwertung sein, d.h. die Verzinsung der Einlagen darf 3 % nicht übersteigen. Bei der Auflösung eines genossenschaftlichen Betriebes müssen die Anteilseinlagen anderen Genossenschaften zur Verfügung gestellt werden. Jedes Mitglied der Genossenschaft hat eine Stimme auf der EigentümerInnen-Versammlung. Die beachtlich hohe Zahl der Gründungen läßt sich laut Dietrich Haensch darauf zurückführen, daß es in Italien keine staatliche Arbeitslosenunterstützung wie in Deutschland gibt. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit seit Mitte der siebziger Jahre habe einen Gründungsboom ausgelöst, der mit den Vorstellungen von einer solidarisch organisierten Wirtschaft und dem Selbstverwaltungsgedanken aus der achtundsechziger Bewegung korrespondierte. Es gab Kämpfe um die rechtlichen und finanziellen Rahmensetzungen, die dem Staat abverlangt wurden. Die Losung „Pui occupazione con la cooperazione“ , also mehr Arbeit durch Kooperation, war das Gründungsmotto vieler Kooperativen. Viele Dienstleistungskooperativen arbeiten als „soziale Kooperativen“ auf der Basis gesetzlicher Bestimmungen über die Anforderungen und Rechte „sozialer Betriebe“. Es gibt zwei Grundtypen solcher Betriebe. Einmal sind dies Betriebe, die, teilweise auf der Basis freiwilliger und unentgeltlicher Sozialarbeit, zum Zwecke der Solidarität soziale Hilfe leisten, also zielgruppenorientiert arbeiten. Der Anteil der freiwilligen MitarbeiterInnen darf allerdings nicht mehr als fünfzig Prozent betragen. Der italienische Staat begleicht die Beiträge für die Unfallversicherung. Dort, wo der öffentliche Sektor privatisiert wird, können auch Kooperativen gebildet werden, die soziale Dienste des Staates übernehmen und dafür eine dauerhafte staatliche Subvention erhalten. Der andere Typ des sozialen Betriebes dient der Einstellung sog. Problemgruppen zum Zwecke der Beschäftigung und Einkommenssicherung. Bei diesen Kooperativen sind Behinderte, psychisch Kranke, Obdachlose oder Straffällige selbst Mitglieder und MitarbeiterInnen der Genossenschaften. Behinderten-Kooperativen müssen mindestens 30 % Behinderte einstellen. Der zweite Typ von Kooperativen kann sich unternehmerisch in allen Bereichen engagieren, sofern eine entsprechende Nachfrage oder Resonanz vorhanden ist. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die soziale Schicht der Genossenschaften überwiegend aus dem sog. Mittelstand rekrutiert und sich die Genossenschaften selbst eher dem konservativen politischen Lager zuordnen, gebe es in Italien rote, schwarze, grüne und farblose Genossenschaften aus allen ideologischen Richtungen.

Das Bundesland Niedersachsen sei Vorreiter für die Einrichtung sozialer Betriebe in Deutschland. Andrea Weinert, Pressesprecherin des Niedersächsischen Sozialministeriums, erläuterte in der Arbeitsgruppe „Möglichkeiten lokaler Ökonomie“ das niedersächsische Modell, bei dem es um die Wiedereingliederung von Dauererwerbslosen in den regulären Arbeitsmarkt geht. Mindestens siebzig Prozent der Beschäftigten in sozialen Betrieben müssen Langzeit-Erwerbslose sein. Allerdings entzündeten sich hier schnell die Kontroversen. Erfüllt die ausschließliche Zwecksetzung der Reduzierung von Dauer-Erwerbslosigkeit die Kriterien eines neuen Wirtschaftszweiges mit gemeinnützigen Unternehmen? Außerdem sei die Wirkung in Anbetracht einer äußerst bescheidenen Anzahl von z.Zt. achtzig solcher Unternehmen in Niedersachsen recht fragwürdig. Problematisch auch, daß gerade Menschen, welche die geringste Chance haben, in heiß umkämpften Märkten zu bestehen, auf solche Märkte getrimmt werden. Daß der Begriff „gemeinnütziges Unternehmen“ aus finanzrechtlichen Gründen nicht benutzt werden darf, deutet ebenfalls auf diese Problematik hin, handelt es sich doch um sog. „Arbeitsförder-Betriebe“, die mit vorübergehender staatlicher Subvention vollends im kommerziellen Bereich integriert werden sollen. Nach fünf Jahren läuft die degressiv angelegte Subventionierung nämlich aus, und die Betriebe müssen sich im Markt mit allen Konsequenzen selbständig behaupten. Rudolf Quitte, Geschäftsführer einer inzwischen im Konkurs befindlichen Arbeitsförderungs-Unternehmung, die sich mit dem Recyceln von Elektrogeräten über Wasser halten wollte, schilderte die konkreten Probleme, mit denen „sein“ Betrieb konfrontiert war. So habe die Stadt Braunschweig als Heimatkommune aus Kostengründen keine festen Vereinbarungen über die Lieferung von Elektroschrott zum Zwecke einer weniger umweltschädlichen Entsorgung eingehen wollen. Und auch private Betriebe hätten aufgrund der Gesetzeslage ihren Elektroschrott lieber konventionell entsorgt. Mit einer Auslastung von nur noch zehn Prozent seiner Kapazität sei das Unternehmen schließlich in Konkurs geraten. Pikanterie am Rande: die Stadt Braunschweig ist selbst Mitgesellschafterin des in Konkurs geratenen „Arbeitsförderungs-Betriebes“.

Kritisiert wurde, daß sich die traditionelle Arbeitsförderung immer noch am sog. ersten Arbeitsmarkt orientiere, obwohl hier die Entwicklung in eine ganz andere Richtung gehe. Außerdem könne mensch soziale Ziele nicht kostenneutral verfolgen, da ihre Verwirklichung immer kostenverursachend wirke. Somit sei eine staatliche Dauerfinanzierung von Nöten, so wie in Italien, wo soziale Betriebe, die zielgruppenorientiert arbeiten, mit 40 % der Kosten dauerhaft subventioniert würden. Um den Marktdruck auf soziale Betriebe zu lindern, sei es nötig, daß solche Betriebe über basisplanerische Vernetzungen und einen stofflichen Austausch so weit wie möglich kooperieren. Außerdem gehe mensch mit dem niedersächsischen Modell immer noch vom herkömmlichen Arbeitsbegriff der „alten“ Industriegesellschaften unter dem Aspekt der „Vollbeschäftigung“ aus. Was heißt aber unter den heutigen Bedingungen „Vollbeschäftigung“? Auch ginge die Zielstellung nach einer sinnvollen und sinnstiftenden Arbeit verloren, was psychologisch gefährliche Wirkungen zeige (keine Sinnhaftigkeit, keine Dauerhaftigkeit, nicht motivierend, zunehmende Resignation). Es gebe weder ein soziales „Produkt“, noch werde soziale Kompetenz erzeugt. Außerdem enthalte das niedersächsische Programm weder die Zielrichtung der Erwerbsarbeits-Verkürzung noch die Vorschrift einer Frauen-Quote.

Die Frage, ob es für staatliche Programme und Zuwendungen nicht ohnehin zu spät sei, entwickelte sich bei der Vorstellung eines Selbsthilfeprojekts aus Köln-Mülheim. Ein Verein, der sich Sozialistische Selbsthilfe Mülheim -SSM- nennt, arbeitet seit über zwanzig Jahren mit Obdachlosen und Behinderten vollkommen ohne „Staatsknete“, wenn mensch von den persönlichen Geldtransfers wie Sozialhilfe absieht. Die Initiative organisiert Umzüge und Entrümpelungen und erwirtschaftet damit einen bescheidenen Ertrag für die 12 bis 15 Erwachsenen und Kinder, die dort ständig leben und arbeiten. Die Mitglieder leben in einer ausgedienten Schnapsfabrik, die sie besetzten und für ihre Zwecke in Wohn- Arbeits- und Gemeinschaftsräume umgebaut haben. Mittlerweile haben sie mit der Stadt einen für sie günstigen Mietvertrag abschließen können. Die Arbeit wird für alle gemeinsam im Rotationsverfahren verteilt und alle erhalten denselben spärlichen „Lohn“ aus dem, was eingenommen wird und nach Abzug der notwendigen Ausgaben übrig bleibt. Der Selbstversorgungsgrad mit Gebrauchsgegenständen für das tägliche Leben resultiert aus dem, was an Verwertbarem genutzt und repariert werden kann. Die SSM unterstützt eine Reihe weiterer Initiativen, die einem integrierten Wohn- und Arbeitskonzept möglichst ohne staatliche Subvention positiv gegenüberstehen. Allerdings heißt das nicht, daß keine Forderungen an den Staat oder die Stadt gerichtet werden. Statt finanzieller Subventionen verlangt die Initiative in erster Linie Grund und Boden mit nichtgenutzten Immobilien oder Anschubfinanzierungen für neue soziale Wohnprojekte unter dem Motto der Integration von Wohnen Arbeiten und Leben. Ein solches Projekt unterstützt die Initiative mit anderen auf einem leerstehenden Kasernengelände im Nordwesten der Stadt. Ein weiteres Projekt ist der Kulturbunker in Mülheim (ein Bunker aus dem zweiten Weltkrieg), den sich lokale Initiativen und Künstler angeeignet haben. Dieser fünfgeschossige Betonklotz soll zu einem kulturellen Begegnungszentrum ausgebaut werden, wofür die Stadt eine finanzielle Unterstützung leisten soll. In der Auseinandersetzung mit dem Staat um’s Geld gehe es immer um die Reibungspunkte mit mächtigeren Interessensgruppen und um den Grad der Autonomie selbstverwalteter Gruppen. Und dabei habe mensch die bittere Erfahrung gemacht, daß kommunale und staatliche Institutionen meistens auf der Gegenseite stehen oder nur durch langwierige und zähe Auseinandersetzungen zu Zugeständnissen zu bewegen seien. Eine ständige Abhängigkeit vom staatlichen Geld untergrabe die Integrität der Selbstverwaltung. Demgegenüber wurde der Einwand geltend gemacht, daß der Staat nicht aus der sozialen Verantwortung entlassen werden könne und die Auseinandersetzung um öffentliche Mittel auch der Ansatzpunkt sei, gemeinsame Interessen der Initiativen gegenüber dem Staat zur Geltung zu bringen. Ansonsten müßte jede Insel für sich den gleichen schmerzhaften Prozeß durchstehen.

Ob das Geld überhaupt noch eine Relevanz haben wird, stellte ein Teilnehmer in Frage. Die soziale Krise sei auch eine Krise des Geldes, und der scheinbare Geldreichtum sei nichts anderes als eine aufgeblähte Spekulationsblase, die, wenn sie platze, alle Kreditketten reißen lasse. Die auf das Geld fixierte Warenwirtschaft stranguliere sich an ihrer eigenen Verwertungslogik, und somit sei es notwendig, praktische Wege zu finden, sich vom Geld mit dem gängigen Marktsystem zu entkoppeln. Ein weiterer Vorschlag war, sich nicht auf die herrschende Pseudo-Spardiskussion der PolitikerInnen und VerbandsunternehmerInnen einzulassen, sondern die dahinter stehende Umverteilung öffentlich sichtbar zu machen. Die hohe Verschuldung der öffentlichen Haushalte, von der in erster Linie Banken und vermögende SpekulantInnen profitierten, habe den Staat und die Kommunen längst unter das Diktat ihrer Gläubiger-Banken gebracht. Zur notwendigen und dauerhaften Finanzierung gemeinnütziger Arbeit sollte überlegt werden, ob Banken und auch Sparkassen, deren Gewährträgerinnen ja die Kommunen sind und die per Ländergesetze dem Gemeinwohl mehr oder weniger verpflichtet sein sollen, auf einen Teil ihrer Zinsforderungen verzichten müssen. Die Frage der Schuldenstreichung für Länder des Trikonts erhalte auch bei zunehmender Verelendung ganzer Regionen in Europa in dieser Hemisphäre an Bedeutung.

Auf dem Abschlußplenum ging es auch um das Verhalten der Gewerkschaften gegenüber den Erwerbslosen und ihr Verhältnis zum Problem der Erwerbslosigkeit. Horst Schmitthenner, Vorstandsmitglied der IG Metall, räumte ein, daß ein Umdenken in den Gewerkschaften nur sehr langsam vor sich gehe. Lange Zeit hätten sich die Gewerkschaften kaum als Interessenvertreterinnen für Arbeitslose verstanden. Die Erwerbslosen seien aus dem traditionellen Interessenvertretungs-Begriff der Gewerkschaften herausgefallen. Allmählich sei aber ein Bewußtseinswandel spürbar, da der Druck der Arbeitslosigkeit mittlerweile so stark auf die Gewerkschaften zurückwirke, daß die Auswirkungen auf die Tarifpolitik ihre Wirkungen nicht mehr verfehlten. In seinen Thesen geht Horst Schmitthenner davon aus, daß die traditionelle Erwerbsarbeit zwar die Grundlage des Wirtschaftssystems bleibe, daß aber die klassische Arbeitsmarktpolitik in Anbetracht des Rationalisierungspotentials nicht mehr ausreiche. Zudem sei die Förderung eines billigen Dienstleistungsbereichs unsinnig, da dies den Druck auf den sog. ersten Arbeitsmarkt verstärke und die Kaufkraft für Konsumgüter weiter beeinträchtige. Außerdem werde der notwendige Strukturwandel in Richtung einer innovativen, sozial-ökologisch ausgerichteten Produktion behindert. Folglich sehe auch er die Notwendigkeit eines öffentlich geförderten Sektors, der eingeschränkt den Bedingungen des Marktes unterworfen ist. Auch die Brückenfunktion zum ersten Arbeitsmarkt siedle er in diesem Sektor nicht mehr so hoch an. Es sollte jedoch kein Arbeitssektor zweiter Klasse sein. Die Aufgaben eines solchen Sektors sieht er in der Bereitstellung nicht marktfähiger Produkte, die aber gesellschaftlich notwendig sind. Dieser Sektor sei in eine regionale Strukturpolitik mit einer institutionalisierten Zusammenarbeit der verschiedenen AkteurInnen einzubinden. Das Ganze müsse von einer Stabilisierung der Sozialstandards begleitet werden, wobei der Gefahr der Selbstausbeutung im gemeinwirtschaftlichen Sektor durch seine Einbindung in die Arbeitsmarkt- und Tarifpolitik zu begegnen sei. Die Strategie einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung müsse ebenso weiter verfolgt werden. Die unglaublich hohe Zahl der Überstunden sei abzubauen und in allen Tarifbereichen müsse die 35-Stunden-Woche möglichst schnell umgesetzt werden. Seien diese Voraussetzungen gegeben, so halte er eine Halbierung der Arbeitslosenzahlen bis zum Jahr 2000 für realisierbar. Dafür müsse aber auch die Politik ihren Schwerpunkt wieder am gesellschaftspolitischen Ziel der Vollbeschäftigung ausrichten.

Karl Birkhölzer, Sprecher der Interdisziplinären Forschungsgruppe „Lokale Ökonomie“ an der TU Berlin, betonte zum Schluß noch einmal die Notwendigkeit der Ausdehnung der Selbstverwaltungs- Bewegung. Mit Markt und Staat kämen wir nicht mehr aus. Zudem seien die Global Players staatlicherseits nur noch sehr begrenzt erreichbar. Die Ausdehnung der Selbstverwaltungsbewegung zeige sich insbesondere in den Ländern, die über keine oder spärliche sozialstaatliche Einrichtungen und Instrumente verfügen oder diese wie in Großbritannien zerstört hätten. Es gelte, mit den grundsätzlichen Irrtümern über die Arbeitslosigkeit aufzuräumen, welche durch die gängigen Schlagwörter ständig reproduziert würden. Die Arbeit gehe nicht aus, entgegen allen Behauptungen. Es gebe unendlich viel notwendige Arbeit, die getan werden müsse. In den Krisenregionen herrsche kein Mangel an Arbeit aber ein eklatanter Mangel in der Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen für die Reproduktion. Neben dem profitorientierten Privatsektor und dem öffentlichen Sektor habe sich längst ein dritter Sektor herausgebildet, sowohl in Form einer kriminellen Schattenwirtschaft mit ihren mafiotischen Strukturen als auch gemeinwirtschaftlich mit selbstverwalteten Betrieben und teilweise öffentlicher Förderung. Im öffentlichen Sektor mangele es nicht an Arbeit, aber ihre Realisierung scheitere an der Finanzierung. Er sehe zur Zeit auch keine relevante Umverteilungskraft. Der aktuelle Ausweg bestehe darin, danach zu trachten, auf lokaler Ebene Bündnisse zwischen Staat/Kommunen, BürgerInnen und den selbstverwalteten Initiativen zu suchen. Das funktioniere aber nur in Krisenregionen, wo die Bereitschaft der Kommunen mangels finanzieller Möglichkeiten am größten ist und eine aus der Not geborene Selbstverwaltungs-Wirtschaft sich ausbreite. Und es sei notwendig, eine neue Unternehmensphilosophie aufzubauen. Die Arbeit im dritten Sektor werde in dem Maße zunehmen, wie sie in den anderen Sektoren abgebaut werde. Und damit werde der dritte Sektor gerade in Krisengebieten zum eigentlichen Schlüsselsektor der Entwicklung.

Projekte und Initiativen hatten sich aus den verschiedensten Sparten zum Erfahrungsaustausch und Kennenlernen in neun Arbeitsgruppen vorgestellt. Die kargen Räumlichkeiten der Fachhochschule boten immerhin ausreichendes Terrain, auf dem sich einige der Gruppen mit Infoständen zur Information und zum Gedankenaustausch präsentierten. Es gab die Möglichkeit, sich in die Arbeit und Probleme von Medienunternehmen wie dem „Kanal 4“ oder einer Car-Sharing Kooperative, in ein alternatives Wohnprojekt, einem Tauschring, einer ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft und anderen Projekten Einblicke zu verschaffen und Anregungen mit nach Hause zu nehmen. Besondere Aufmerksamkeit zogen die Mitglieder der französischen Landkooperative „Longo mai“ auf sich, die mit ihrer „Comedia mundi“ ein abendfüllendes Musikprogramm darbot, das die ZuhörerInnen noch lange in den Abend hinein zum Tanzen animierte. Die Vielfältigkeit der Initiativen konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Ökoszene gänzlich fehlte. So blieb die Erfahrungswelt der HanfproduzentInnen, Sachverständigen für regenerative Energiespender, Windkraftgenossenschaften und ökologischen Landbau unerschlossen. Ich fände es angebracht, künftig auch ökologisch und feministisch orientierte Initiativen und Unternehmen in den Regenbogen der Möglichkeiten einzubeziehen. Im übrigen waren die Referate und Vorträge zu Lasten der konkreten Erfahrungsvermittlung übergewichtet. Dies war als Kritik von vielen TeilnehmerInnen zu hören.


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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/08/31/genossenschaftenkritik_19/

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kommentare

  • Uwe (Neukölln)

    Obwohl die obigen Kongresse bzw. Treffen schon eine Weile her sind, wirken die Texte darüber doch immer noch wie frisch. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Auch die Berliner Gruppe „Anders Arbeiten“ hat nebenbeibemerkt auf einem oder mehreren ihrer Kongresse das Workshop-Thema „Genossenschaft“ bearbeitet. Ähnliches gilt für den DGB.

    Kann es vielleicht sein, dass es darüber nicht mehr zu diskutieren gibt? D.h. das die Geschichte selbst erst wieder einen neuen (Kollektiv-) Entwurf freigeben muß, bevor da und dort darüber diskutiert und gestritten werden kann?

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