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vonHelmut Höge 22.01.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Rosa-Luxemburg-Kongreß/Antifa-Treffen gegen Nato/ Volksfront-Initiative

„Die immer tiefer gehende Finanzkrise hinterläßt im Leben der Völker unheilbare Wunden.“ (KP der Türkei, Auslandsorganisation)

Der R-L-Kongreß wurde von jungen Genossen dominiert. Neben verschiedenen KP-Sprechern hatte die Junge Welt heuer auch Vertreter ihrer Jugendverbände geladen, die in der Urania über die NATO stritten. Darüber diskutierten gleichzeitig auch die Antifas im „Böcklerpark“. Während der ehemalige JW-Mitarbeiter Jürgen Elsässer im „Max & Moritz“ mit einer neuen Initiative die transatlantische Orientierung Deutschlands in eine eurasische wenden wollte.

Auf dem R-L-Kongreß ging es um den „Internationalismus“ angesichts der Weltwirtschaftskrise, die ausgehend vom Ghaza-Krieg ein Weltkrieg zu werden droht. Eine Sprecherin des US- „Action Centers“ meinte: „Der Ghaza-Streifen ist das Warschauer Ghetto heute!“ Der Senegalesische KP-Chef Ahmat Dansokho bezeichnete den Widerstand gegen den „US-Imperialismus“, in Athen z.B., als noch zu schwach: „Wir müssen uns stärker verbünden.“ Leider wäre das Netz der Globalisierungsgegner zu heterogen, dazu kämen die (stalinistischen) Fehlentwicklungen im Ostblock, die den Antikommunismus stärkten. „Wir müssen die Welt mit neuen Augen sehen!“

Dies war auch die Meinung des Gründers der Antideutschen Jürgen Elsässer, der nun für eine nationalbolschewistische Politik wirbt – und zusammen mit einem EX-Bundeswehr- und einem EX-NVA-Offizier eine „Volksfront“-Ini gründete, die Linke und Rechte, bis hin zu Teilen der bewaffneten Organe, des Verfassungsschutzes, antisemitischen Verschwörungstheoretikern vom Schlage der La-Rouche-Sekte und deutschen Unternehmern mobilisieren will, um „die Nöte der normalen Leute aufzugreifen“. Zwar gehe es dabei letztlich um „Klasse gegen Klasse“, aber erst einmal müsse der „Nationalstaat“ gegen den „Yankee-Imperialismus“ und die „EU“ verteidigt werden. „Die moderne deutsche Autoindustrie z.B. hat es nicht verdient, durch US-Heuschrecken ruiniert zu werden,“ so Elsässer, der den deutschen Arbeitern zu Betriebsbesetzungen zusammen mit den ebenfalls gefährdeten Unternehmern rät. Als „antideutsch“ begreift er nun vor allem die Deutsche Bank. Seine „Volksfront-Ini“ will „raus dem linken Ghetto“, das „ökologisch völlig versaut“ sei und zudem in der Sprache der „Political Correctness“ („eine ‚Neusprech‘-Erfindung von US-‚Thinktanks'“) erstarrt. Um zu einem „richtigen Wir“ zu werden, mündet seine Ini demnächst in einen „auf keinen Fall marxistischen Kongreß“ – und dann in eine „Volksfront-Bewegung“. Diese soll keine Konkurrenz zu den Parteien, schon gar nicht der „Linken“ sein, sondern als ihr „Katalysator“ fungieren. Man werde dazu auch Kontakte zu Agrargenossenschaften und Raiffeisenverbänden aufnehmen, die NPD solle jedoch draußen bleiben. Diese und die „Junge Freiheit“ hatten bereits unaufgefordert für Elsässers Veranstaltung im „Max & Moritz“ geworben. Und so saß denn auch ein gutes Dutzend Rechte, teilweise mit Bodyguards, im Publikum. Gegen Ende der Veranstaltung stürmte ein Gruppe Antifas in den Saal und hauten dem justitiell geprüften Holocaustleugner Gerd Walther aus Zossen sowie einem Unbekannten, der dazwischen gegangen war, Flaschen über den Kopf, so dass sie blutüberströmt zusammenbrachen. Von weiteren Attacken konnte sie der Moderator des Abends, der Taxifahrer Stephan, mit gezielten Stuhlwürfen abhalten. Er verkauft ansonsten die Zeitschrift „Intifada“.

„Sie werden an diesen Tag noch lange zurückdenken!“ (J. Elsässer)

Drei Tage nach Vorstellung seiner „Volksfront-Initiative“ in der altehrwürdigen Kreuzberger Politkneipe „Max & Moritz“, benannt nach zwei uralten Karpfen im nahen Engelbecken, kündigte die Linkspartei-Tageszeitung Neues Deutschland, benannt nach der einst von August Kotzebue in Moskau gegründeten Exilzeitung, den Autorenvertrag mit Jürgen Elsässer. Nicht, weil ihr die Moskauer Komintern-Politik der Bildung von Volksfronten inzwischen suspekt ist. Sondern weil sie Elsässers „rechte Terminologie“ nicht im Blatt haben und nicht Plattform für seine „Politikpläne“ sein will.

Für mich klangen die Reden im „Max & Moritz“ (halbwegs kluge ökonomische Analysen verbunden mit an Antisemitismus grenzende Verschwörungstheorien), die in eine kurze, aber heftige Saalschlacht gipfelten (meiner ersten im neuen Jahr), wie reiner „Nationalbolschewismus“ – die russische Natbol-Partei von Eduard Limonow wurde im Übrigen kürzlich verboten. Einer der hiesigen Initiatoren, der Exbundeswehroffizier Jochen Schulz, sagte, er sei Mitglied der Linkspartei. Und sein Kollege, der Ex-NVA-Offizier Peter Feist, verwendete gern Formeln der LaRouche-Sekte. Dann saßen noch der Naziaktivist Sascha Kari mit Bodyguard und der Nationalanarchist Peter Töpfer im Publikum sowie der Geschäftsführer des ehemaligen DKP-Verlags Pahl-Rugenstein, der sich konstruktiv zu Wort meldete.

Und in der Tat waren das dann auch ganz neue Töne, wenigstens in Kreuzberg – im Osten sind solche ausländerfeindlichen „Volks“-Begriffe wie „Heuschrecken“ gang und gäbe, auch in der einstigen PDS, so dass ich nach Elsässers Elogen auf Oskar Lafontaine schon dachte, seine Volksfront-Ini wäre ein U-Boot der Partei, um die Spießermassen im Osten nicht abzustoßen, aber dennoch Die Linke davon zu erleichtern.

In einem Leserbrief in Form einer „Gegendarstellung zu meinem taz-Artikel vom 12. Januar schrieb Elsässer: Er werbe nicht für eine nationalbolschewistische Politik, sondern „für die Wiederaufnahme einer Volksfrontpolitik, die Kommunisten, Sozialdemokraten und Bürgerliche in den 30er-Jahren in verschiedenen Ländern ,gegen Faschismus und Krieg‘ betrieben haben.“ Ich füge hinzu: Bereits 1848 hatten Marx und Engels sich dafür ausgesprochen, dass das Proletariat seine Ausbeuter dabei unterstütze, die bürgerlichen Rechte und Freiheiten durchzusetzen. 1944 gründete sich im KZ-Buchenwald ein „Volksfrontkomitee“, vorher war in Chile bereits die „Frente Popular“ entstanden. Und nun sprach Elsässer davon, dass die Arbeiter ihre Betriebe zusammen mit den Unternehmern besetzen sollten – um mögliche US-Heuschrecken abzuwehren. Inzwischen sei die gesamte USA eine einzige „Heuschrecke“ (mit höchstens noch Kriegsproduktion). Auf dem Rosa-Luxemburg-Kongress äußerte eine US-Rednerin: „Der Gazastreifen ist das Warschauer Ghetto von heute!“ Und im „Max & Moritz“ meinte einer der drei Redner: „Was die Israelis da jetzt machen, ist ein Völkermord“. Das klingt nicht nur für Antideutsche antisemitisch.

Dazu passt, dass Elsässer seine Aufsätze in der Verschwörer-Zeitschrift Hintergrund veröffentlicht und seine Bücher im Verschwörungsverlag „Kai Homilius“, der in der Rechtspostille Jungen Freiheit warb und einen ihrer Mitarbeiter zu seinen Autoren zählt. Hier also wieder eine Verbindung zwischen Nationalismus und Bolschewismus. Man kann dieses Lavieren zwischen postfaschistischer und poststalinistischer Partei aber auch „Volksfront“ nennen.

Ich kenne Elsässer nur über gemeinsames Rauchen auf der Junge-Welt-Terrasse. Neu war für mich, zu hören, dass er es zuletzt mit seiner Pro-Milosevic-Ini zu einem wahren Helden unter den Großserben gebracht hat und dass er früher mal Maoist war. Dieser Werdegang ähnelt dem von Milosevic selbst. Einige Zuhörer meinten, er würde dem von Bernd Rabehl und Horst Mahler ähneln. Dafür spricht, dass Elsässer die linke Scene zum Teil für sektiererisch hält und meint: „Aus diesem Laden muss man aussteigen, wenn man was werden will!“

Er will also noch was werden: ein Held auch in Deutschland wahrscheinlich. Aber warum sollen ausgerechnet „die normalen Leute“ (seine „Zielgruppe“) dafür ihre „Nöte“ ins Feld führen?

Über einen Lesebühnenstreit

Kurz nach der Wende gaben einige junge Ostberliner fünf Nummern der einst vom Organisator der so genannten „Roten Kapelle, Harro Schulze-Boysen, redigierten Zeitschrift „Gegner“ neu heraus. Dieser hatte sie 1931 von Franz Jung quasi übernommen – aber schon bald wurde die Zeitschrift verboten. In einer der neuen „Gegner“ veröffentlichte der Lesebühnenbegründer Dr.Seltsam einen Text über das „Braunbuch“ der DDR: Warum es so wichtig für westdeutsche Linke war und wie er damit anfing, ehemalige Rechte in seiner Heimatstadt Lübeck zu denunzieren. Seinen Artikel veröffentlichte später die Junge Welt noch einmal. Im jetzigen „Gegner“ des Basisdruck-Verlags sollte er dagegen seine Rechts-Vorwürfe gegenüber Wladimir Kaminer und Bert Papenfuß, die zuvor in der Jungen Welt und in der Jungle World aufgetaucht waren, noch einmal präzisieren – was jedoch nicht geschah.

Den beiden Kaffee-Burger-Performern war darin vorgeworfen worden, solch dubios-verworrene russische Nationalbolschewisten wie den Punksänger Letow, die Punkdichterin Wituchnowskaja und den NBP-Parteigründer Limonow zu unterstützen. Schon der alte „Gegner“ hatte 1930 in Harro Schulze-Boysen einen Sympathisanten des Nationalbolschewisnus gehabt, er nannte sich jedoch „Querdenker“ – und meinte damit den Aufbau einer neuen Front – quer zu KPD und NSDAP. Während sich Bert Papenfuß jetzt in eigener Sache im „telegraph“ und Wladimir Kaminer im nächsten „Gegner“-Heft in Form einer weiteren Limonow-Rezension rechtfertigen, wobei sie sich beide von der Politik der drei russischen Natbol-Repräsentanten distanzieren, haben einige Freunde von ihnen, u.a. Peter Berz, Victor Choulman, Batjargal und ich, die Gelegenheit wahr genommen, sich intensiver mit dem strittigen „Gegenstand“ zu beschäftigen – im darauffolgenden Gegner-Heft. Gleichzeitig lud die Redaktion den russischen Soziologen Tarassow zu einer Diskussion über den Natbol ein. Tarassow gilt in Moskau als Experte für linke Gruppen und ihre komplizierten ideologischen Ver- bzw. Entflechtungen.

In einer weiteren Diskussion, im Zusammenhang eines geopolitischen Vortrags von Friedrich Kittler über „Krieg und Nomaden“ in der Humboldt-Universität, wurde daran erinnert, dass es schon einmal einen ähnlichen Vorwurfs-Fall gegeben habe: Damals, vor etwa 10 Jahren, warf der Poptheopretiker Dietrich Diederichsen dem Foucaultübersetzer Walter Seitter vor, mit seinen geopolitischen Äußerungen nach Rechts abgedriftet zu sein. Seitter rechtfertigte sich in einem Interview, wobei seine neuerlichen Äußerungen jedoch derart verzerrt wiedergegeben wurden, dass die Universität ihm fristlos kündigen wollte. Nur eine körperliche Behinderung schützte zuletzt seinen Arbeitsplatz – im veteranenfreundlichen Österreich. Seitdem hat er jedoch nicht nachgegeben – und immer wieder selbst höchst seltsame bzw. strittige Thesen verbreitet. Zuletzt unternahm er gar – zusammen mit Dietrich Diederichsen – eine ganze Diskussions-Tournee zum Thema. Das Phänomen hat sich indes zu einem stetigen Rechtsruck in den industrialisierten Ländern ausgewachsen, wie der österreichische Kulturwissenschaftler Erik Hoerl meint, der neulich schon fast einen rechten Putsch in der BRD befürchtete, als die Kampfpresse des Kapitals anfing, für Protestdemos gegen die rotgrünen Wahlbetrüger aufzurufen.

Und in der Tat sind dabei auch eine Menge Intellektuelle und Künstler von munteren Maoisten zu miesen Meinungsmachern mutiert . Dennoch oder deswegen wird uns die eurasische versus amerikanische Geopolitik hier noch eine Weile beschäftigen. So hat Dr.Seltsams Antifa-Ausfall vom August alles in allem und trotz anfänglicher Arschlochhaftigkeit einen halbwegs anständigen Effekt inzwischen erreicht: Wir bemühen uns um Sachlichkeit. Am Anfang jeder Wissenschaft steht die Hysterie, wie bereits Jacques Lacan bemerkte.

Dieser Streit liegt schon einige Jahre zurück, wie ebenso der folgende Text dazu:

Der Natbol – ein Gespenst der Transformationszeit?

In der Trilogie des völkischen Schwachsinns „Die Deutsche Passion“ – von Edwin Erich Dwinger – gibt es einen Band über eine Rehaklinik, die der Autor für politisch verwirrte und kriegstraumatisierte Frontoffiziere nach dem Ersten Weltkrieg auf einem Gutshof in Ostpreußen einrichtete – der Titel lautet: „Wir rufen Deutschland“. Der Autor selbst hatte als Fähnrich nach kurzer Fronterfahrung und Verwundung, nach russischer Kriegsgefangenschaft und antibolschewistischen Kampf in Sibirien dringend eine eigene Klärungs- und Talking-Cure nötig. Der Slawist Karl Schlögel übertitelte deswegen seine Würdigung des Werkes von Dwinger in der FAZ mit der kühnen Behauptung: „Sibirien ist eine deutsche Seelenlandschaft“. Zuvor hatte sich vor allem Klaus Theweleit mit diesem nationalsozialistischen Bestseller-Autor auseinandergesetzt – in seinem Buch „Männerphantasien“, das eine letzte antiautoritäre Pathogenese des soldatischen Deutschen wurde.

Auf dem ostpreußischen Reha-Gut von Dwinger sind die Patienten-Protagonisten zum großen Teil noch unentschieden – zwischen links und rechts, aber doch schon verbalradikal, obwohl der Autor auch dort bereits den einzigen echten Kommunisten als besonders verbohrt und feige darstellt. Zehn Jahre später – 1928 – entstand in Schleswig-Holstein erneut ein solcher „Think-Tank“ für Linke und Rechte – diesmal nicht mehr nur als ein Kitsch- und Kolportageroman, sondern real und als Teil einer sozialen Bewegung: in der Redaktion der Tageszeitung „Landvolk“, die der Dithmarschener Bauer Claus Heim mit seinem eigenen Geld gegründet hatte, um die von ihm sowie von Wilhelm Hamkens angeführte Landvolkbewegung als Zentralorgan zu befeuern.

Als Redakteure und Autoren gewann er u.a. den später kommunistischen Bauernagitator und Spanienkämpfer Bruno von Salomon sowie dessen Bruder Ernst von Salomon, der zu den Rathenau-Mördern gehörte und in antikommunistischen Freikorps gekämpft hatte. Während die Kopfarbeiter in der Mehrzahl aus der seit dem Kapp-Putsch berüchtigten „Brigade Ehrhardt“ kamen, waren die Handarbeiter der Zeitung Kommunisten. Da man ihnen aus Geldmangel keine Überstunden vergüten konnte, durften sie gelegentlich auch eigene Artikel im „Landvolk“ veröffentlichen. Auch die Chefredakteure rangen in ihrer politökonomischen Aufstandsanalysen mehr und mehr mit dem Marxismus. Als Heims „Adjudant“ fungierte jedoch gleichzeitig der antisemitische Haudegen Herbert Volck, der wie folgt für die schleswig-holsteinische Bewegung gewonnen wurde: „Kommen Sie, organisieren Sie uns!“ bat ihn ein Bauer in Berlin, „setzen Sie ihre Parole ‚Blut und Boden‘ in die Tat um“. Volck gab ihm gegenüber zu bedenken, „ihr müßt euer Blut dazu geben“, nur für „bessere Preise von Schweinen, Korn und Butter kämpfe ich nicht“. Die Ursache für die wachsende Not der Bauern sah er darin, daß „plötzlich auf den jüdischen Vieh- und Getreidenhöfen die Preise herunterspekuliert“ wurden. Und als wahre Kämpfer anerkannte er dann nur ganz wenige: „Claus Heim, der Schlesien- und Ruhrkämpfer Polizeihauptmann a.D. Nickels und ich,…keine Organisation, aber selbst bereit, in die Gefängnisse zu gehen, wollen wir dem Volke ein Naturgesetz nachweisen – das Gesetz des Opfers“.

Tatsächlich mußten die Aktivisten später alle unterschiedlich lange im Gefängnis sitzen. Die Landvolkbewegung radikalisierte sich schnell, zugleich spaltete sich ein eher legalistischer Flügel um Wilhelm Hamkens ab – und die schleswig-holsteinische NSDAP ging ebenfalls auf Distanz zur Landvolkbewegung. Die plötzlich auf Legalismus eingeschworene Partei setzte sogar eine Belohnung von 10.000 Reichsmark für die Ergreifung der militanten Rädelsführer aus. Gleichzeitig rückte jedoch der Chefredakteur ihrer einzigen Tageszeitung, Bodo Uhse, dem Kreis um Claus Heim immer näher, weil die NSDAP-Funktionäre ihm verlogen und hohl vorkamen – im Gegensatz zu den kämpfenden Bauern. Es kam bald zu Bombenattentaten – Landrats- und Finanzämter wurden in die Luft gesprengt, und Polizei und Beamte daran gehindert, Vieh zu pfänden. Ein Landvolk-Lied machte die Runde: „Herr Landrat, keine Bange, Sie leben nicht mehr lange…/Heute nacht um Zwei, da besuchen wir Sie,/ Mit dem Wecker, dem Sprengstoff und der Taschenbatterie!“ Bei den Bombenattentaten wurde jedoch nie jemand verletzt. Einmal sprachen die Bauern ein ganzes Stadtboykott – gegen Neumünster – aus, nachdem auf einer Demonstration ihr Fahnenträger, der Diplomlandwirt Walther Muthmann, von Polizisten schwer verletzt worden war. Er mußte kaum wiederhergestellt nach Schweden emigrieren, kehrte später jedoch wieder nach Deutschland zurück, wo ihn für einige Wochen die Gestapo inhaftierte.

In Neumünster war 1928/29 der dann als Romanautor erfolgreiche Hans Fallada, den 1945 die Rote Armee als Bürgermeister in Mecklenburg einsetzte, Annoncenaquisiteur auf Bewährung bei einer kleinen Regionalzeitung gewesen. Als ihr Gerichtsreporter saß er dann auch im Landvolk-Prozeß. Sein 1931 darüber erschienener Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ ist allerdings mehr ein Buch über das Elend des Lokaljournalismus, als über die Not der Bauern. Von dieser handelte dann sein Roman aus dem Jahr 1938 „Wolf unter Wölfen“, in dem es um drei ehemalige Offiziere des Ersten Weltkriegs geht, die auf einem Gutshof bei Küstrin untergekommen sind – ebenfalls, um sich zivilistisch zu rehabilitieren. Fallada selbst arbeitete lange Zeit als Gutshilfsinspektor und Kartoffellbegutachter. Mit den Landvolkaktivisten teilte er dagegen mehrfache Knasterfahrungen.

Während der „Bauerngeneral“ Claus Heim bei seinem Prozeß und auch danach jede Aussage verweigerte, begannen seine Mitangeklagten schon in U-Haft mit ihren Aufzeichnungen. Herbert Volck nennt seine dramatischen Erinnerungen „Landvolk und Bomben“, Ernst von Salomons Erfahrungsbericht heißt „Die Stadt“. Erwähnt seien ferner die Aufsätze der Kampfjournalisten Friedrich Wilhelm Heinz und Bodo Uhse. Heinz arbeitete später im Range eines Majors mit antibolschewistischen Partisanen in der Ukraine zusammen und machte dann eine kurze Karriere in Adenauers „Amt Blank“. Uhse brachte es zu einem anerkannten Schriftsteller in der DDR und war dort kurzzeitig Präsident der Akademie der Künste. Seiner früheren Frau Beate Uhse gelang derweil in Dithmarschen der Durchbruch – mit einem Sexartikel-Versandhaus.

Nach dem Krieg kamen vor allem Richard Scheringer und Ernst von Salomon noch einmal auf die Landvolkbewegung zu sprechen – Salomon in seinem berühmten Buch „Der Fragebogen“ und der DKP-Funktionär Scheringer mit seiner Biographie „Das große Los – unter Soldaten, Bauern und Rebellen“.

Noch später – nämlich nach der Wiedervereinigung – fühlte die FAZ sich im Sommer an Hans Falladas Neumünsterroman erinnert und übertitelte einen langen Kampfartikel gegen das unerwünschte Fortbestehen vieler LPGen in den fünf neuen Ländern mit: „Bauern, Bonzen und Betrüger“, ihm folgte der noch schärfere Spiegel-Aufmacher „Belogen und betrogen“. Vorausgegangen waren diesen West-Schmähschriften eine Reihe von Ost-Straßenblockaden und Demonstrationen – u.a. auf dem Alexanderplatz – von LPG-Bauern, die gegen den Boykott ihrer Waren – durch westdeutsche Lebensmittelkonzerne und von Westlern privatisierte Schlachthöfe sowie Molkereien – protestierten. Für die FAZ waren sie bloß gepresstes Fußvolk der „Roten Bonzen“, die sich noch immer an der Spitze der LPGen hielten, inzwischen jedoch Geschäftsführer von GmbHs, Genossenschaften oder sogar Aktiengesellschaften geworden waren. Diese Protestbewegung kanalisierte sich relativ schnell in Gremien- und Verbandspolitiken, wobei es meist nur noch juristisch darum ging, ob das Vermögen bei den LPG-Umwandlungen zu Ungunsten der Beschäftigten allzu niedrig angesetzt worden war, wie die FAZ und andere Anti-LPG-Kämpfer behaupteten, oder zu hoch, wie die LPG-Vorsitzenden und ihre Verbandssprecher nachzuweisen versuchten.

Wie so oft in sozialen Bewegungen verschwinden die wirklich betroffenen Kämpfer anschließend aus der Geschichte, während die intellektuellen Unterstützer sich in die nächsten Aufstände reindrängeln. Bei den Frankfurter Linken und ihrer putschistischen Übernahme der hessischen Grünen habe ich das Anfang der Achtzigerjahre am Rande noch selbst miterlebt, ebenso in den Neunzigerjahren dann, als süddeutsche Maoisten die ostdeutsche Betriebsräteinitiative zu dominieren versuchten.

Im Gegensatz zur Arbeiterbewegung, in der die Gewerkschaften nur allzu gerne die „Rädelsführer“ aufsaugen, gelingt es im bäuerlichen Widerstand immer nur ganz wenigen, sich anschließend als Berufsrevolutionär oder deutscher Professor durchzuschlagen. Allgemein bekannt wurde inzwischen der Bauer Onno Poppinga – aus Ostfriesland. Er gründete die immer noch wichtige linke Zeitung „Bauernstimme“ mit und ist heute Professor in Kassel. Eine seiner ersten Publikationen in den Siebzigerjahren war ein Vorwort zu einer französischen Studie und hieß im Untertitel „Power to the Bauer“, außerdem verfaßte er Biographien widerständischer Bauern in Ostfriesland sowie ein Buch über „Bauern und Politik“, in dem er auch kurz auf die schleswig-holsteinische Landvolkbewegung einging, denn die bange Frage nach ihrer Zerschlagung 1933 lautete – nicht zuletzt für die Gestapo: „Wird Florian Geyers Fahne noch einmal über das Hakenkreuz siegen?“ Für Poppinga bestand da keine Gefahr, denn die Landvolkbewegung „hatte keine antikapitalistische und sozialistische Perspektive: Sie wurde getragen von Großbauern, die ihre privilegierte soziale Stellung bedroht sahen. Das wird nirgends deutlicher als daran, daß nur sehr wenige Landarbeiter daran teilnahmen. Vor allem die klassenbewußten Landarbeiter der Marsch lehnten die Teilnahme an einer Bewegung, in der die Großbauern den Ton angaben, ab; es finden sich Hinweise, daß Landarbeiter von ihren Bauern nur durch ‚mittelbaren Zwang‘ zur Teilnahme an den Demonstrationen veranlaßt werden konnten“. (So wie später die Bauern ihrerseits von den Kommunisten an der Macht zwangskollektiviert wurden?)

Poppingas Einschätzung trifft sich mit der von DDR-Historikern, für die die „Einheitlichkeit“ der Landvolkbewegung ebenfalls „nur in ihrer großbäuerlichen Klassenbasis, also in ihrem Konservativismus“ bestand. Ganz anders beurteilten das zur selben Zeit, Mitte der Siebzigerjahre, die eher anarchistisch-autonomistisch inspirierten Autoren der Westberliner Zeitschrift „Schwarze Protokolle“, die Poppinga denn auch vorwarfen, daß er einem „klassischen Bewertungsschema verfallen“ sei. Sie entdeckten dagegen rückblickend in der Landvolkbewegung und in den Geschichten über Claus Heim und seinen Nachbarn Bur Hennings, eine „Qualität“, die weit über das hinausgging, „was wir an ‚linken‘ Aktionen auch nur zu träumen wagen“. Zu einer ähnlichen Einschätzung war seinerzeit auch schon Ernst Jünger gelangt, der die sich ausbreitende Landvolkbewegung enthusiastisch unterstützte.

Für Onno Poppinga ist dagegen das Wesentliche am Bauerntum nicht, wie beispielsweise bei Michail Bakunin, die spontane Fähigkeit zum Widerstand, zum Bruch – auch und gerade heute noch – sondern im Gegenteil: die „Dauerhaftigkeit der sozialen und betrieblichen Organisation“, wobei jeder „politische Eingriff“ nur schädlich sein kann. Bei einem Rückzug des Staates – wie im Falle der Rechtsnachfolgeorganisationen der LPGen – bemerkt er denn auch, daß dabei wieder „immer deutlicher bäuerliche Strukturen sichtbar werden“. Bei seinem anhaltenden Engagement geht es ihm um eine Stärkung des bäuerlichen Eigensinns.

Genau dieser führte aber schon damals dazu, daß die Aktivisten der Landvolkbewegung sich weder von links noch von rechts vereinnahmen ließen, sondern nach der Zerschlagung ihrer Selbsthilfe-Organisationen da weiter machten, wo sie angefangen hatten – auf kleiner Flamme, weswegen sie dann auch nicht mehr in der ganzen Literatur danach auftauchen.

Erst einige Vorort-Recherchen ergaben: Der Bauernsprecher und Jurist Hamkens, der es über die NSDAP bis zum Landrat in Schleswig-Holstein gebracht hatte, sprach sich nach dem Krieg überraschenderweise für einen Wiederanschluß Schleswig-Holstein an Dänemark aus. Er starb erst Ende der Siebzigerjahre, war aber angeblich lange vorher schon altersdebil geworden. Nachdem Claus Heim und andere politische Gefangene auf Initiative von NSDAP und KPD amnestiert worden waren, wurde dem „Bauerngeneral“ sowohl von der KPD als auch der NSDAP eine Parteikarriere angeboten. Er lehnte ab, der Nazi-Partei gelang es dann jedoch auch ohne ihn, die Bauern hinter sich und ihren „Reichsnährstand“ zu bringen, nachdem die Landvolkbewegung zerschlagen war. Im Endeffekt verloren sie dadurch gänzlich ihre Selbständigkeit, indem sie durch Festsetzung der Preise und Quotierung der Anbauflächen sowie mit dem Pfändungsverbot auf Erbhöfen gleichsam zu ideologisch veredelten Staatsbauern wurden (was die EU-Agrarpolitik dann nach dem Krieg quasi fortsetzte). Claus Heim zog sich derweil still auf seinen Hof zurück. Neben der Landwirtschaft gab er zusammen mit seinem Nachbarn Bur Hennings noch einmal in der Woche ein kleines, fast privates Kampfblatt heraus: „Die Dusendüwelswarf“. In den Fünfzigerjahren zog er sich auf sein Altenteil zurück und kümmerte sich fortan nur noch um seine Obstwiesen und die Hühner. Der jetzige Leiter des Heimatmuseums Lunden Henning Peters kann sich noch erinnern, dass Claus Heim die Landvolk-Heimschule regelmäßig mit Eiern belieferte.

Seine Enkelin, die heute in Berlin lebende Faschismusforscherin Susanne Heim, erinnert sich, dass die Bauern 1963 an der Westküste, „als sie wieder mal wegen einer Rationalisierungskrise demonstrierten“, ihren Opa noch einmal als „Gallionsfigur“ hervorholten. Sie schrieb später ihre Diplomarbeit über ihn, und kürzlich besuchte sie eine Finka in Paraguay, die ihr Großvater einst als Auswanderer bewirtschaftet hatte, bevor er in den Zwanzigerjahren wieder nach Dithmarschen zurückkehrte, um sich der Landvolkbewegung zu widmen. Claus Heim starb im Januar 1968. Und jetzt ist es der alte Leiter des Lundener Heimatmuseums, der meint, „es wird Zeit, mal wieder an ihn zu erinnern“.

Auch an dessen intellektuelle Weggefährten – vor allem der tendenziell nationalbolschewistischen – wird neuerdings wieder gerne erinnert: So gibt es z.B. einige neue Biographien über Ernst von Salomon (u.a. aus der sächsischen Akademie der Wissenschaft), sowie über H.O. Paetel, F.W. Heinz, Bodo Uhse, Hans Fallada und Richard Scheringer. Ernst von Salomon und Richard Scheringer „überlebten“ die Nazizeit in dem sie sich auf ihre bayrischen Höfe zurückzogen.

Der Landwirt Scheringer wurde anschließend Bauernsprecher und Abgeordneter der DKP in Bayern, während seine Kinder in der DDR Landwirtschaft lernten bzw. studierten. Einer ist noch heute Vorsitzender einer – inzwischen jedoch umgewandelten – LPG. Von den alten Nationalbolschewisten wurde nach dem Krieg eine ganze Reihe in der DDR heimisch, allen voran Ernst Niekisch. Während die Bauern von den Kommunisten ansonsten höchstens als „Bündnispartner“ des Proletariats akzeptiert wurden – bis hin zu Deleuze/Guattaris Schwärmerei für die Nomaden – und ihre „Kriegsmaschine“.

Die sich schnell radikalisierende Landvolkbewegung 1928/29 zog nicht nur linke und rechte Intellektuelle an, sie trug diesen Widerspruch auch in der Praxis aus. Erst als sie von der SPD zerschlagen war, konnte die NSDAP ihre Früchte ernten. Hierbei kam noch einmal das Oszillieren von Scheringer – zwischen Soldaten und Rebellen – zum Ausdruck: Man könnte auch von einem Widerspruch (in der heute so genannten Wunschpolitik) – zwischen Staatsstreich und Volksaufstand – sprechen. Während der linke volksaufständische Partisan idealtypischerweise eine soziale Bewegung von unten mit aufbaut, „plant“ der rechte putschistische Soldat einen Staatsstreich, um hernach von oben „aufzuräumen“. Scheringer hat sich selbst am so genannten Küstriner Putsch beteiligt, den dann Fallada in seinem Buch „Wolf unter Wölfen“ behandelte. Anschließend war Scheringer auch noch am Ulmer Reichswehr-Komplott beteiligt. Im Knast wechselte er spektakulär die Seiten – und wurde Parteisoldat der KPD. Später war er – während der Nazizeit und in der BRD – immer wieder wegen linker Aktivitäten in Staatshaft.

In der Phase des Noch-Ungetrennten bekamen die Nationalbolschewisten ihre Begriffe und ihren – heute schrecklichen – Jargon u.a. von der Jugendbewegung und von Ernst Jünger, wobei sie sowieso dazu neigten, den Klassenbegriff durch die „Generation“ zu ersetzen. Etwas, das uns auch heute wieder verblödet, da man laufend neue Generationen kreiert: die Generation Golf, die Generation P, die Generation Berlin, die Generation Trabant etc.

Auf den Berliner Lesebühnen und in der Zeitschrift der Prenzlauer Berg Bohème „Gegner“ kam es neulich zu einer kurzen aber heftigen Debatte über den derzeitigen russischen „Nationalbolschewismus“, der sich anscheinend als Retrowelle geriert.

„Das Epochenjahr 1917 war auch das Geburtsjahr des deutschen Nationalbolschewismus,“ schrieb Otto Ernst Schüddekopf in seiner Studie über den selben. „Damals verschob sich das revolutionäre Zentrum nach Osten und die Deutschen erlebten mitten im Krieg nach langem wieder ‚die Macht und Größe einer Idee'“ Das Wort „Nationalbolschewismus“ entstand jedoch verhältnismäßig spät: „es wurde von Karl Radek im Herbst 1919 nach dem Heidelberger Parteitag der KPD geprägt. Damals schrieb er zunächst eine Broschüre gegen den Hamburger National-Bolschewismus“.

Nach einigen Bürgerkriegssiegen der Rechten und der Besetzung des Ruhrgebiets 1923 durch französische und belgische Truppen, vor allem aber nach der Hinrichtung eines deutschen Saboteurs namens Schlageter durch die Franzosen ging eine Art Ruck durchs Land – bis hin nach Rußland: „und welch ein Wandel der kommunistischen Internationale“, schrieb Oskar Maria Graf hernach: „in aller Eile war aus Moskau der weltbekannte bolschewistische Emissär Karl Radek in die unruhigen Besatzungsgebiete gereist, wo er in den Massenversammlungen der Arbeiter und der renitenten Bürgerschaft überpatriotische, aufreizende Reden hielt, die jedes nationale Herz erhitzen konnten“. Gegenüber Wieland Herzfeld spottete Oskar Maria Graf damals: „Na, was sagts du jetzt? Ich wundre mich nicht, wenn die Kommunisten jetzt ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ auf ihren Versammlungen singen, statt der ‚Internationale’…“ Herzfeld entgegnete ihm trocken: „Ach, das ist doch die beste Taktik. Damit fangen wir den Völkischen die besten Leute weg“. Wenig später kam es hier und da sogar schon zu gemeinsamen Kampfaktionen zwischen NSDAP und KPD. Und in der letzteren mehrten sich Redner, die das „jüdische Finanzkapital“ für die Wurzel allen Übels hielten.

Die Zeitschrift „Gegner“ galt einmal fast als eine Art Zentralorgan der deutschen Nationalbolschewisten. Ihr letzter Herausgeber: Harro Schulze-Boysen – er hatte das Blatt von Franz Jung übernommen, und wurde dann als Widerstandskämpfer und Kopf der so genannten „Roten Kapelle“ hingerichtet – verstand sich jedoch weniger als Nationalbolschewist denn als „Querdenker“. Ein heute völlig inflationiertes Wort, das die Intention seiner „Gegner-Kreise“, die es bald in vielen Städten gab, umreißen sollte: nämlich die Revolution quer zur KPD- und NSDAP-Front zu entfachen. Robert Jungk beeindruckte damals vor allem die „sittliche Vernunft“, die Harro Schulze-Boysen in den „Gegner“-Diskussionen verbreitete. Im übrigen war er den wahren Nationalbolschewisten zu internationalistisch, während umgekehrt der Freikorpskämpfer Ernst von Salomon, obwohl in der Landvolkbewegung immer mehr nach links driftend, lange Zeit zu soldatisch-nationalistisch dachte. Als die KPD sich den Nationalbolschewismus immer mehr annäherte, sprach Trotzki – von seinem dänischen Exil aus – ein Machtwort und versuchte die deutsche Linke zurückzupfeifen.

Beim heutigen – diesmal russischen – Nationalbolschewismus sprach neulich der Kabarettist Dr. Seltsam ein Machtwort, um den Russen Wladimir Kaminer auszubremsen, der nicht nur die Schriften des Gründers der Nationalbolschewistischen Partei Rußlands, Limonow, rezensierte, sondern zusammen mit Bert Papenfuß auch noch ein Konzert des russischen Punksängers und NBP-Aktivisten Letow im Kaffee Burger veranstaltete. Nach einer anklägerischen öffentlichen Veranstaltung, auf der sich die beiden rechtfertigen sollten, bekam jedoch umgekehrt Dr.Seltsam einen Rüffel von der Berliner Lesebühnen-Vereinigung (Hello Submarine): Das ginge zu weit. Um seinen Faschismusvorwurf zu untermauern, erschien daraufhin ein kompetentes Dossier über großrussische Geopolitik und Nationalbolschewismus in der Jungle World. Dr. Seltsam wollte sich zugleich im „Gegner“ noch einmal erklären, daraus wurde aber nichts: „wie so oft beim Doktor!“ so ein Lesebühnenautor.

Um dennoch Näheres über das nationalbolschewistische Phänomen in Rußland und – wenn man der Jungle World folgt – hier in der Emigrantenszene zu erfahren, lud der Basisdruckverlag Anfang Dezember zu einer Diskussion mit dem Moskauer Soziologen Alexander Tarassow.

Tarassow, der 1975 wegen Gründung einer „Neokommunistischen Partei der Sowjetunion“ für ein Jahr psychiatrisiert wurde, ist seit Mitte der Achtzigerjahre Buchautor und gilt mittlerweile als Spezialist für linke Gruppen und soziale Bewegungen. Wobei es ihm insbesondere die Gruppe „Skepsis“ in Moskau, die Rußländische Kommunistische Arbeiterpartei in Leningrad, einige freie Gewerkschafter in Irkutsk und die „Empörten von Wladiwostok“ angetan haben. Nebenbei ist Tarassow noch Berater des dem Berliner Basidruck ähnlichen Moskauer Verlags „Gailea“, in dem zuerst ein Buch des mexikanischen Subcommandanten Marcos erschien und nun eines vom amerikanischen Yippieführer Abbie Hoffman – über die Möglichkeiten, ohne Geld in der Stadt zu überleben.

Insgesamt hält Tarassow die derzeitigen linken Strukturen und Organisationen in Rußland für ein Übergangsphänomen. Speziell zur NBP von Limonow, der immer noch im Knast sitzt, obwohl er den Prozeß in Saratow gewonnen hat, meinte Tarassow: „Die NBP hat die Nische der fehlenden radikal linken Partei in Rußland besetzt“. Seitdem der Dumaberater und Geopolitiker Alexander Dugin aus der NBP ausgetreten ist und seine eigene Eurasische Partei gegründet hat, gäbe es jedoch eine Wiederannäherung des Aktivisten Letow an die NBP, der bisher noch jedesmal imstande war, seine anarchistische Basis zu mobilisieren – z.B. im Kampf gegen Sondereinheiten der Miliz bei großen Veranstaltungen: „Er spielt überhaupt eine wichtige Rolle als politischer Organisator des Punk“. Auch der Kulturwissenschaftler Peter Berz, der gerade am Kittlerlehrstuhl der Humboldt-Universität ein Seminar über Geopolitik-Eurasien-Nationalbolschewismus anbot, hielt sich neulich bei seinen Reisen durch den Kaukasus und nach Wolgograd vornehmlich an lokale Punkgruppen. Das aber nur nebenbei.

Tarassow schätzt, daß die meisten sich kommunistisch nennenden Parteien, einschließlich der NBP und der sich immer weiter fraktionierenden trotzkistischen Gruppen, über kurz oder lang nur noch „politische Sekten“ sein werden, denen gegenüber jetzt die protestantischen Sekten, wie z.B. die Mennoniten, an Einfluß unter den Jugendlichen gewinnen: „Dabei spielt das ausländische Geld und die Organisationsstruktur eine große Rolle. Die Politsekten haben dagegen keinen Zugang mehr zu den Problemen im Land“. Die allgemeine Desillusionierung und Enttäuschung komme jedoch unter dem Strich erst einmal den Rechten zugute, zu der die populistisch-nationalistisch gewordene KP der Alten ebenso zähle wie die neue „Putin-Jugend ‚Gemeinsam Unterwegs'“, die eigentlich „noch primitiver als die Hitlerjugend“ sei. Nicht wenige linke Gruppierungen würden heute via Internet Vernetzung und global-strategische Partner suchen, wobei jedoch entscheidend bleibe, „was für eine Arbeit sie in den Betrieben leisten, denn auch die postsowjetische Gesellschaft ist nach wie vor betriebsorientiert“. Trotz immer weiterer Spaltungen und Fraktionierungen sowie Sektierertum würde man sich dennoch gelegentlich bei Aktionen gegenseitig unterstützen. Das sei fast ein eigenes linkes Gesprächsgenre geworden: Wer sich bei Wem zu welchen Bedingungen ein Megaphon oder Lautsprecher ausgeliehen habe – also die Reproduktionswerkzeuge. „Einige Trotzkisten agitieren besonders erfolgreich an und in den Gymnasien – aber sie haben sich damit von ihrer Doktrin verabschiedet und sind eigentlich keine Trotzkisten mehr“.

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kommentare

  • Lange habe ich nach einem Exemplar von Ernst von Salomons Buch „Die Stadt“ gesucht, dann fand ich eins bei ZVAB:

    Salomon, Ernst von,
    Die Stadt.

    Bln., Ernst Rowohlt, 1932.
    OKart. (Rücken fleckig und mit Fehlstelle am oberen Kapital). 395 SS., 2 Bll.

    Erste Ausgabe. –

    Der semidokumentarische Roman über die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein wurde von Salomon als sein bestes Buch eingeschätzt. Nach seiner Haftentlassung wegen der Teilnahme an der Ermordung Walter Rathenaus war Ernst von Salomon in das nördlichste Bundesland gegangen und beteiligte sich hier publizistisch an den teils terroristischen Kämpfen gegen die Weimarer Republik. – Mohler 180.3.11. Wilpert-G.² 2. – Schnitt etwas fleckig, erste drei Blätter mit kleinem Fleck im Außensteg, sonst schön erhalten. – Sehr selten.

    284 Euro 50 sollte dieses Exemplar kosten.

  • Von dieser angeblichen Diskussionstour unter meiner Beteiligung hat Helmut Höge schon einmal erzählt. Es hat sie trotzdem nie gegeben.

  • Auch wenn alte Texte zitiert werden, sollte man dann wenigstens auf alte Fehler hinweisen. Zum Beispiel:

    Bodo Uhse, Schriftsteller
    Am 12. März 1904 in Rastatt/Baden geboren, gestorben am 2. Juli 1963.
    Von 1954 bis 1963 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin (Ost), von 1956 bis 1960 Sekretär der Sektion Literatur und Sprachpflege der Akademie der Künste, Berlin (Ost).

    Also: kein Akademiepräsident. Außerdem verheiratet mit Alma Uhse, nicht, wie immer wieder falsch behauptet, mit Beate Uhse.

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