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vonHelmut Höge 20.03.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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61. Die Frau des Produktionsleiters, „Der Lange“ genannt, kümmerte sich als Rentnerin vor allem um ihren Garten. Nachdem sie damit einen Sonderpreis im Rahmen des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ (früher hieß das: „Schöner unsere Dörfer und Städte“) gewonnen hatte, rückte der OB und der ORB bei ihr an (im Vordergrund die Regisseurin und gelernte Gärtnerin Dorothee Wenner):

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62. Der Brigadier der LKW-Fahrer, Walter, den man zuletzt noch in die Schweinemast versetzen wollte (was er mit einem Gutachten abwehren konnte, in dem ihm bescheinigt wurde, dass die Keime der Schweine seine Speisepilzzucht zu Hause vernichten würden) zog sich nach der seiner Frühverrentung auf seine Datsche zurück:

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63. Der Brigadier der Hauptmast, Willi, interessierte sich auch weiterhin für Rinder. Bereits mehrmals beteiligte er sich an einer vom Deutschen Bauernverband organisierten Reise, die zu den nomadisch lebenden Rinderzüchtern in die Mongolei ging, die sich gerade mit Hilfe der westdeutschen Entwicklungshilfe  in Genossenschaften organisieren, nachdem man ihre mit Hilfe der Sowjets einst entstandenen Kolchosen zerschlagen hatte. Das Bild zeigt seine Reisegruppe in der Wüste Gobi zusammen mit ihrem Reiseführer, ihrem Dolmetscher und einigen Einheimischen (Willi ist der sechste von links):

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64. Den immer noch arbeitslosen Aushilfspfleger Jens, aus unserer Brigade, konnten wir überreden, an einer Ausstellung über den „Faktor: Arbeit“ – in den Räumen des Kreuzberger Kunstvereins NGBK – quasi aktiv teil zu nehmen:

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65. Sabine Vogel schrieb anläßlich des nunmehr zwanzigjährigen Verschwindens der DDR einen Artikel in der Berliner Zeitung über die LPG „Florian Geyer“ und insbesondere über die Fahlhorster Rinder-Vormast:

Wir waren ein Haufen freischaffender Künstler und Journalisten in Westberlin. Eine Woche bevor die Geschichte entgegen der Prognosen von uns verehrter Philosophen wieder weiter ging, also vor dem Mauerfall, hatten wir im Kreuzberger Eiszeit Kino eine Reihe lichtbildgestützter Vorträge zum Themenkreis „Frauen vor Ort“ veranstaltet. Der WestBerliner Kultursenat (CDU) hatte das Projekt mit 7000 Mark gefördert. „Besser machen“ lautete der Obertitel. Das Motto entstammte einem Zitat von Bismarck, weshalb wir uns für die Dauer des Projekts Bismarc Media nannten. Das Künstlerhaus Bethanien gab uns ein Atelier, das wir Büro nannten. Jeden Montag hielten wir dort eine Sitzung ab, um uns Sachen auszudenken, die man besser machen könnte. Es gab einen Kreis von Mitgliedern, die sich entschuldigten, wenn sie nicht kamen, und einen von solchen, die sich nicht entschuldigten. Als die Mauer dann gefallen war, kam erst mal keiner mehr. Jeder brütete für sich über „Was tun?“ nach.

Als sich die „Wahnsinn“-Umnachtung langsam lichtete, machte sich der Autor Helmut Höge ins nun offene Land auf und suchte nach neuen Betätigungsfeldern. In der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Florian Geyer bei Saarmund wurde er fündig. Nach kurzem Gespräch wurde vereinbart: Der LPG-Vorsitzende Kärgel holt beim Rat des Kreises Arbeitsgenehmigungen für Westberliner ein und wir verpflichteten uns im Gegenzug dazu, bei der Messeleitung einen Stand auf der Grünen Woche zu organisieren. Zuerst erklärte sich Frau Noack vom Rat des Kreises für nicht zuständig und Diplomlandwirt Frohnmeyer von der Grünen Woche musste noch mit seinem Vorgesetzten Rücksprache halten, der lieber mit der DDR-Regierung selbst verhandelt hätte, aber dann war alles klar. Nach Vorlage einer Art veterinärmedizinischer Unbedenklichkeitserklärung des Bezirksamtes Kreuzberg erhielten wir einen befristeten Arbeitsvertrag als Viehpfleger. Der Betrieb verpflichtete sich darin, „…solche Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den Werktätigen die Arbeitsfreude erhöhen und zur Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten beitragen“. Außerdem erhielten wir einen Stundenlohn von vier Ostmark plus eine Mark Leistungszulage.

Der 1. Dezember 1989, an dem der Zwangsumtausch für Westler fiel, war unser erster Arbeitstag in Fahlhorst. Unsere neunköpfige Brigade versorgte etwa 200 Rinder, 80 Kälber und 100 Schweine, wir Westler wurden bei der Rindervormast eingesetzt. Grüne Gummistiefel und blaue Dienstkleidung wurden gestellt. Höge hatte schon mal einen Elefanten vom Bremer in den Ostberliner Zoo begleitet und fühlte sich sofort heimisch im Stall. Ich hatte Angst vor Kühen. Die Arbeit war dann nicht weiter schwer. Beim Ausmisten wurde einem warm, die Viecher verhielten sich zumeist dankbar und gutmütig. Manche husteten und lagen am nächsten Morgen tot auf dem Boden. Zur Frühstückspause ging die Sonne auf, Scharen von Graugänsen landeten auf den Nuthe-Wiesen. Zweimal die Woche kam ein Laster und kippte im Schuppen eine Ladung Schrippen und Brote ab. Die schaufelten wir in einen Schredder und mischten es unter Heu und Silage. Die Kälber fraßen das Planwirtschafts-Überschussfutter nur, wenn man es ihnen auf der Hand servierte. Im Aufenthaltsraum dampfte der Kaffee und der Zigarettenqualm, manchmal brachte Brigadeleiter Ewald – eigentlich dafür zuständig, Alkohol am Arbeitsplatz mit einem Verweis zu ahnden – Fruchtsaftlikör vom VEB Anker Rostock mit.

Wir tauschten Tageszeitungen aus, Märkische Volkszeitung gegen taz, Spiegel gegen Sputnik. Der ehemalige Frauenruheraum wurde zum Medienstützpunkt. Auf begehrtesten war die zweite hand, aber auch die St.Pauli Nachrichten oder das Musikmagazin Metal Hammer wurden mit Interesse studiert. Am allerbesten kam das Branchenbuch, die Gelben Seiten, bei den Ostlern an. Wir waren begeistert von der Neuen Deutschen Bauernzeitung.

Nach einigen gefühlsduseligen Anwandlungen ob der bäurischen Grausamkeit hängte Höge gestanzte Metallschilder in den Ställen auf mit Aufschriften wie „Alle Rinder stehen still, wenn Dein starker Arm es will“ und „An alle Rinde, die ihr hier eintretet, lasst jede Hoffnung fahren“. Ich brachte den Kassettenrekorder samt Verlängerungskabel mit und berieselte die Kühe mit Mozart. Unsere Genossen dachten, wir hätten sie nicht mehr alle.

Das Sozialleben in unserem bisherigen Umfeld hatte sich stark eingeschränkt, zum einen, weil wir nach der Tagesschau einschliefen, zum anderen, weil wir stanken. Unsere Rekrutierung von weiteren Gastarbeitern war nicht besonders erfolgreich – in der Kreuzberger Kulturszene wurde von Samisdat gemunkelt. Erst als der Stand auf der Grünen Woche Wirklichkeit zu werden begann, war die Solidarität von Bismarc Media wieder geschlossen. Architekt PeWe vom Moritzplatz designte einen funktional-konstruktiven Messestand und baute ihn auch gleich mit auf, die Künstler Kapielski und Wachtmeister entwarfen eine Aktie (limitiert), mit der man für 25 DM einen Quadratmeter LPG-Grund-und-Boden symbolisch erwerben konnte. Im Prinzip eine Form des Sponsoring. Mit den erhofften 60 000 DM an Einnahmen mit dieser situationistischen Kunstaktion sollte der Weg der LPG in die freie Selbstvermarktung geebnet werden. Am Ende bekamen die Vorsitzenden aber kalte Füße, und so blieb es bei bloßer Agitation und Propaganda für das Auslaufmodell, das unsere Genossen nach bestem Wissen und Gewissen vertraten. Der Stand der LPG war passenderweise in Halle 15, 2 bei den Ökos auf dem „Markt der Meinungen“. Auf einem Flugblatt der LPG-Leitung stand, dass die LPG die Ernährung des Volkes sichert. Die Bauernzeitung konnten wir nicht verteilen – von der gab es schon zu wenig für alle, die sie abonnieren wollten, dafür stand ein Vertreter der DBZ jeden Tag am Messestand.

Kurz nach dem erfolgreich gemeisterten Westauftritt gab es die ersten lokalen Demonstrationen. Bei der LPG-Pflanzenproduktion in Saarmund wurde gestreikt gegen den aufgeblähten Verwaltungsapparat. Aufgewiegelt vom Neuen Forum protestierten in Fahlhorst rund 20 Bürger gegen die Umweltbelastungen durch die Schweinemastanlage. Kärgel trat aus der Partei aus. Zuerst wollte der Ratssprecher die „zentral administrierte Betreibung der Anlage aus rein ökonomischen Gründen“ abschaffen, dann knickte er ein. Schließlich standen mehrere Hundert Arbeitsplätze auf dem Spiel und das war nur der Anfang. Noch subventionierte die zentral administrierte Molkerei den Liter Milch, der im HO-Laden 65 Pfennig kostete, mit 1 Mark 72, und das preiswerte Brot ernährte auch die privat gehaltenen Hühner und Schweine.

Bei uns war immer was los. Alle wollten sich beim „Glücksrad“ bewerben. Auf der lokalen LPG-Jahreshauptversammlung erhielt unser Kollektiv im Februar die Auszeichnung als beste Brigade. Ewald ließ zwei Flaschen KiWi, „Kirschwhisky“, springen, die wurden vorbildlich kollektiv vernichtet. Irgendwie entdeckten dann die echten Medien das Thema des Hinterlands und seit der Grüne Woche wussten sie, wo es am einfachsten zu finden war. Wenn man ein paar elegische Bilder aus dem Bauernstaat brauchte, kam die nahe bei Babelsberg gelegene LPG Florian Geyer gerade recht. Eine Weile kamen Michael, der Traktorfahrer, Renate, die Kollektivmutter und Petra, die junge Milchwirtschafterin, ständig ins Fernsehen. Hatte Bismarc Media seinen Auftrag erfüllt, irgendetwas „besser gemacht“? Immerhin wurde die LPG zum Straßenfest nach Neukölln eingeladen, wo sie an ihrem Stand ein paar Schweine am Grill verkaufte. Das war’s dann schon mit der selbstverwalteten Marktwirtschaft. Im März wählten alle die CDU. Egon, der morgens immer als erster da war und abends als letzter ging, wurde als erster aus der Brigade entlassen. Der ersten Westjob bekam er in einem Hotel in Steglitz – als Putzkraft. Das Trinkgeld auf den Betten ließ er immer liegen, weil er dachte, man wolle seine Ehrlichkeit testen. Auch für uns war es Zeit, wieder ein paar Westmark zu verdienen. Die leichter auf Öko umzudeklarierende „Pflanze“ wurde in eine GmbH umgewandelt, die Tierproduktion stillgelegt.

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Foto: „Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sichern die Ernährung des Volkes“.

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