vonHelmut Höge 17.02.2015

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Aluminiumwerk Unna 1915

 

 

 

Heute: der Arbeiter Adolf Zöllner und die Aluminiumkrise/kriege

 

 

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Aluminiumwerker Adolf Zöllner aus Essen, geboren 1920, auf seiner Ruhestandsfeier 1982 (Photo aus: „Leben und Werk eines Ruhrkumpels“, München 2014, siehe auch „Ruhrkumpel besuchen Bergarbeiter im Donbass“, IG Bergbau 1956 und „Ruhrkumpel besuchen die Kalibergarbeiter in Bischofferode“, Berlin 1994, Näheres dazu siehe: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2014/04/03/arbeiten/)

 

aluhuette-verstaatlichung

Eines der ersten Plakate, die die sowjetische Militäradministration in den Bitterfelder Werken aufhängte: „Alle Aluminium- und Kupferhütten verstaatlichen!“ Als in der Wende Teile des Kombinats-Archivs auf dem Müll landeten, nahm einer der dortigen Aluminiumwerker, Sven Heymann, das Plakat zusammen mit einigen Brigade-Tagebüchern an sich. Später schenkte er das Plakat dem Ehepaar Zöllner, das er während eines Urlaubs im Thüringer Wald kennengelernt hatte. Die Zöllners wiederum schenkten es ihrem Sohn Jürgen, der es in seinem Arbeitszimmer an die Wand pinnte.

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1984 berichtete der „Spiegel“ über eine Aluminiumhütte im Ruhrgebiet, wo es bis heute viele aluminiumverarbeitende Werke gibt (so besuchte z.B. die Junge Union Ruhrgebiet gerade das Essener Werk der „Trimet Aluminium SE“, die 2001 noch zwei Werke im Osten erwarb, 2007 nahm Trimet ferner die von den Vorbesitzern bereits stillgelegte Aluminiumhütte in Hamburg-Altenwerder wieder in Betrieb, und 2013 übernahm sie zwei Produktionswerke in Frankreich mit insgesamt 500 Mitarbeitern; der expandierende Alu-Konzern wurde bereits mehrmals mit dem Siegel „Ökoprofit“ ausgezeichnet.):

Zuerst, vor sechs Jahren, gingen Pflanzen ein. Mitten im Mai ließen im Essener Norden, in der Nähe einer Aluminiumhütte der Leichtmetall-Gesellschaft, Obstbäume die Blätter fallen, und die jungen Triebe von Fichten und Tannen verfärbten sich bräunlich.

Dann starben den Imkern die Bienen weg, und in den Schrebergärten lagen plötzlich tote Singvögel auf Rasen und Rabatten. Einem Lokalreporter kam es vor, als habe eine „unfaßbare anonyme Macht“ kilometerweit „Gift und Hölle“ übers Land geschleudert. Alte Bergleute blickten hinüber zur Alu-Hütte und raunten von Schlagenden Wettern, die nun auch über Tage ihr Opfer forderten.

Hatte die Leichtmetall-Gesellschaft tatsächlich, wie die Heimatzeitung argwöhnte, „geballte Ladungen“ von Fluor und anderen Giften gut gezielt „durch die Lücken der Meßzeiten“ geballert?

Niemand in der von Arbeitslosigkeit geplagten, auf Imagepflege und Industrieansiedlung bedachten Stadt wollte oder konnte damals, 1977, diese Frage beantworten, obgleich der Chefarzt vom Bethesda-Krankenhaus prophezeite: „Eines Tages werden unsere Kinder von uns Rechenschaft fordern.“

Seit gut drei Jahren kommt es im Essener Norden häufiger mal vor, daß Eltern von Kleinkindern nachts von „gräßlichen Lauten“ geweckt werden, von „Zischen und Pfeifen, Keuchen und Ächzen, wie wir es noch die gehört haben“. Die Kinder strampeln, wie Mütter berichten, im Bettchen „wie ums Leben“, „japsen und bellen und brechen wie verrückt“.

Manche Eltern denken, „das Kind stirbt uns unter den Händen weg“ – bis sich der Erstickungsanfall schließlich legt, oft erst unter dem Sauerstoffzelt im Essener Klinikum, nach Intubation einer Plastikröhre bis hinab in die Lunge. „Das sind Nächte“, sagt ein Vater, „die vergißt man nie.“

Mittlerweile ist die medizinische Bezeichnung des akuten Kehlkopfkatarrhs, Pseudo-Croup, auch Pseudo-Krupp geschrieben, in Essen-Borbeck so bekannt wie der Name von Karl-Heinz Rummenigge oder Pierre Littbarski: Daß „Inhalation von Reizstoffen“ und „schlechte Luftverhältnisse“ die lebensbedrohenden Atemnot-Anfälle fördern können, wie es in der Fachliteratur heißt, hat sich gleichfalls herumgesprochen in dem Stadtteil, über dem sich zeitweise nahezu jede zweite Nacht eine Inversionsschicht bildet, unter der die sonst zum Himmel emporstinkenden Gase sich sammeln und anreichern.“

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Die halbe Großfamilie Zöllner mit Großvater väterlicherseits vorm Weihnachtsbaum mit Lametta 1974, Adolf Zöllner photographierte.

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Kurz nach Neujahr 2015 kamen wir an der Theke der „Rumbalotte“ auf Weihnachten zu sprechen, wobei wir uns auf das dazugehörige Aluminium konzentrierten – unter besonderer Berücksichtigung der Lamettaproduktion im Sozialismus:

Eva begann mit einer typischen Westler-Bemerkung: „Früher haben wir bei uns zu Hause immer nur das teuerste Lametta verwendet: das schwere. Nach dem Fest, nach Neujahr, wurde es zusammen mit den Kugeln und der gläsernen Baumspitze eingepackt und kam wieder auf den Dachboden.”

Ein bisher schweigsam gebliebener Gast am Ende der Theke gab sich daraufhin als Ostler zu erkennen: „Bei uns gab’s das Bleilametta, so hieß das, nur im Intershop. Wer keine Devisen hatte, kaufte Aluminium-Lametta. Dessen EVP – Einzelhandelsverkaufspreis – lag zuletzt bei 18 Pfennig pro Tüte, es hing aber wie Sauerkraut im Baum. Mein geiziger Vater hat bis zuletzt, er ging 84 in Rente, immer in seinem Betrieb – das WF: Werk für Fernsehelektronik – die Schnipsel aus den Lochern in den Büros eingesammelt und als Silvesterkonfetti mit nach Hause genommen. Als Toilettenpapier benutzten wir – sogar noch bis zur Wende – das Durchschlagspapier aus dem WF, das er sauber geviertelt hatte. Bleilametta hatten wir ganz früher auch mal: Von seiner Schwester, unserer Tante Trudi, die im Westen wohnte. Das wurde einzeln aufgehängt und auch wieder so verpackt, das kam nie mit Ostlametta in Berührung. Später brachte uns Tante Trudi Alufolie auf Papprollen mit, das gab’s bei uns auch nicht. Ebensowenig Reißwölfe in den Büros – die hatte nur die NVA und die Stasi. Deswegen haben sich die Ostfirmen dann auch 90/91 als erstes alle einen Aktenvernichter zugelegt. Mein pfiffiger Vater ist gleich nach der Währungsunion, als man alles kaufen konnte, mit Tante Trudis letzter – nun quasi entwerteter – West-Alufolie in seinen früheren Betrieb gerannt und hat sich dort am neuen Schredder sein Lametta selber gemacht. Sah aber auch aus wie Sauerkraut! Außerdem war das Lametta – zwar teurer geworden, aber nicht mehr knapp. Aluminium war ja ein begehrter Rohstoff in der DDR gewesen, so daß wir zum Beispiel die Tannenbäume in der Schule immer nur mit Wattetupfer – als Schneeflöckchen – schmücken durften. Ich habe dennoch in den letzten DDR-Jahren bei mir zu Hause das Lametta nicht mehr aufgehoben, sondern es immer mit dem Baum zusammen nach Neujahr weggeschmissen. Soll ja angeblich ökologisch nicht gut sein. Deswegen gibt es seit einigen Jahren auch kein Bleilametta mehr im Westen. Jetzt habe ich mir zum ersten Mal schwedische Glaskugeln gekauft und eine Ganzumspannung für meinen kleinen Tischbaum. Es sollte wie Engelshaar wirken: Tut es aber nicht – es sieht scheiße aus! Übrigens bestand auch unser Hartgeld aus Aluminium, einzig die 20-Pfennig-Münzen waren aus Messing, damit man sie für Automaten verwenden konnte. Ich habe leider nie rausbekommen, wo unsere ‚Alu-Chips‘ eigentlich hergestellt wurden, nur, wo man sie nach der Währungsunion tonnenweise einschmolz – im Leichtmetallwerk Rackwitz nämlich.“

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Das Alu-Lametta kam seiner Meinung nach aus einer mit „Schonplätzen“ besetzten kleinen Abteilung des „Mansfeld-Kombinats Wilhelm Pieck“ in Sachsen-Anhalt, ein Zusammenschluß von 19 großen Werken: 1. Aluminiumfolie Merseburg, 2. Aluminiumwerk Lauta, 3 August-Bebel-Hütte Helbra, 4. Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerke, 5. Blechpackung Meissen, 6. Blech- und Packungswerke Stassfurt, 7. Eisen- und Hüttenwerke Thale, 8. Erzprojekt Leipzig, 9. Forschungsinstitut für Metalle Freiberg, 10. Industrieanlagen Dresden, 11. Kupferbergbau Niederböblingen, 12. Kupferhütte Ilsenburg, 13. Kupfer-Aluminium-Hütte Hettstedt, 14. Leichtmetallwerk Nachterstedt, 15. Leichtmetallwerk Rackwitz, 16. Schachtbau Nordhausen, 17. Schweißtechnik Finsterwalde, 18. Walzwerk Hettstedt, 19. Werk für Anlagen- und Gerätebau Eisleben / Hettstedt.

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Die Aluminiumhütte Hettstedt.

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Der Betriebsratsvorsitzende des Mansfeld Kombinats erzählte mir kurz nach der Wende, dass sie sich als Vertreter der 13.000 Mitarbeiter noch vor den ersten Massenentlassungen – von der Treuhand “Großflugtage” genannt – eine Alternative zu den von oben nach unten durchgestellten und dann dort zusammen mit den Betriebsräten exekutierten Entlassungsquoten ausdachten: “Wir entlassen alle Bereichsleiter und die sollen sich mit ihrer jeweiligen Produktion und den dort Arbeitenden selbständig machen.” Der Betriebsrat fand dafür Unterstützung bei einem der von der Treuhand eingestellten Westgeschäftsführer der nunmehrigen Mansfeld AG. Als sie zusammen die Landesregierung zwecks finanzieller Förderung angingen, stießen sie auf den entschiedenen Widerstand des damaligen FDP-Wirtschaftsministers: “Das ist Marktwirtschaft von oben – und kann so nicht funktionieren!” Die “Mansfeld-Idee” konnte sich jedoch trotzdem durchsetzen – und das Aluminium-Werk in Hettstedt mit über 200 Mitarbeitern wurde ebenso ausgegründet wie die Kombinats-Schusterei mit 2 Mitarbeitern. Als diese Betriebe nach einem halben Jahr noch immer existierten, veröffentlichte der Wirtschaftsminister unter seinem Namen ein Buch mit dem Titel “Das Mansfelder Modell”. Der Betriebsratsvorsitzende meinte dazu nur: “Der Erfolg hat eben viele Väter.”

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Das Aluminiumwerk in Hettstedt – kurz: Aluhett – geriet in den Neunzigerjahren in die Hände von dubiosen Geschäftsleuten. Der Spiegel berichtete 1995:

Sein Job lief mau, die Kollegen mochten ihn nicht besonders. Mit einer eigenen Firma war er, ein paar Jahre zuvor, gescheitert. Alfred Wiesemann war kein Shooting-Star der Marktwirtschaft.

Das änderte sich, wie über Nacht, mit der deutschen Einheit. Denn Wiesemann, der bei einer Firma beschäftigt war, die Kabelkanäle aus Aluminium verkauft, kann gut reden. Ein einziger Vortrag in Eisleben, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, über die Vermarktung von Aluminium reichte aus. Die Treuhand-Verwalter trugen ihm im Herbst 1990 „die Geschäftsführung des Leichtmetallbereiches der Walzwerk Hettstedt AG“ an.

So steht es im Bericht des Zwangsvollstreckers, viereinhalb Jahre später. Aber da war Wiesemann im ostdeutschen Hettstedt längst gescheitert, die Landeskasse von Sachsen-Anhalt um 200 Millionen Mark leichter, und ein paar hundert Arbeitsplätze blieben auch auf der Strecke.“

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2001 berichtet der Spiegel erneut über die Firma Aluhett:

Über 200 Millionen Mark kostete den Steuerzahler das Aluminiumwerk Aluhett. Das ist inzwischen in Konkurs. Aber wo ist das Geld?

Die Aluhett-Affäre birgt politischen Sprengstoff für die Landesregierung von Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD). Vergangenen Sommer sollten die Ermittlungen gar als geheim zu haltende Verschlusssache eingestuft werden, doch der Plan sickerte durch und scheiterte.

Die Angst vor Enthüllungen ist begründet. Vor Jahren hatte die Regierung alle Warnungen vor Valentin F. in den Wind geschlagen – obwohl der Jungunternehmer bereits Mitte der Neunziger mit spektakulären Millionenpleiten für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Im März 1996 verkaufte Sachsen-Anhalt das Aluhett-Werk an die Cre/h.e.t.t.-invest, offiziell zu 75 Prozent in den Händen des russischen Aluproduzenten Stupino und zu 25 Prozent im Besitz der Berliner Immobiliengesellschaft Cre Real Estate GmbH.

Im weit verzweigten Firmengeflecht, zu dem auch die Cre gehörte, hatte Valentin F. entscheidenden Einfluss. Und der Anteil der Russen entpuppte sich bald als Seifenblase. Statt bei 75 Prozent lag er allenfalls bei 25 Prozent. Den Rest kontrollierte eine Firma namens Triacom, ebenfalls Teil des Netzwerkes von F..

Obwohl der Kaufpreis nie gezahlt wurde, pumpte die öffentliche Hand unbekümmert Millionen in das Aluhett-Werk. Die konkrete Verwendung der Gelder ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen. Insbesondere der Verbleib von 24,5 Millionen Mark Landesmitteln, die kurz nach der Übernahme freigegeben wurden, scheint teilweise ungeklärt.

Fs Firma, die seit kurzem United Metals Holding heißt, wurde 1997 unter dem Namen Salinar von F.s Frau Simone Sutter gegründet. Im Portefeuille der United Metals finden sich zwei 100-Prozent-Beteiligungen: die Mansfelder Aluminiumwerk GmbH sowie die Mansfelder Metallwerk GmbH. Mit 216 Angestellten betreiben die Firmen derzeit die ehemalige Aluhett. Konzerne wie Alcan lassen dort produzieren.“

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(Alcan ist eine Tochtergesellschaft der Rio Tinto Group. Rio Tinto widerum ist eine 1873 gegründete multinationale Bergbaugesellschaft. Sie ist mit einem Vorsteuergewinn von ca. 10,3 Mrd. US-Dollar (2008) bei einem Umsatz von 41,83 Mrd. USD neben Anglo American und BHP Billiton eines der drei größten Abbauunternehmen der Welt sowie seit der Übernahme von Alcan der weltweit führende Aluminiumproduzent.)

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2006 meldete „rp-online.de“:

Der frühere Chef des Aluhett-Werkes in Hettstedt (Sachsen-Anhalt) muss wegen Betruges für drei Jahre hinter Gitter. Das Landgericht Halle verurteilte einen weiteren Ex-Manager von Aluhett zu zwei Jahren auf Bewährung. Der dritte Angeklagte wurde frei gesprochen.

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2010 schrieb die Mitteldeutsche Zeitung:

Das zur bayrischen Richard Anton KG gehörende Aluwerk in Hettstedt (73 Beschäftigte) hat die Wirtschafts- und Finanzkrise offenbar weitgehend unbeschadet

überstanden. „Wir blicken wieder optimistisch in die Zukunft“, sagt Florian Mader (32), der zusammen mit seinem Vater Richard Mader (68) die Geschäfte in Hettstedt

in der Hand hält. So peilt der Produzent von Aluminiumstangen und -bolzen in diesem Jahr einen Umsatz von 15 Millionen Euro an.

Vor der Übernahme durch die Maders 2004 hat Aluhett drei Insolvenzen hingelegt. Außerdem wurde einem Pächter, der 2002 und 2003 an dem Standort produzierte,

die Betriebserlaubnis für die Gießerei wegen zu hoher Werte bei giftigen Dioxinen und Furanen entzogen. Manager des Aluminiumwerks Aluhett (Hettstedt) hatten sich zudem 20 Millionen Euro erschlichen.“

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Adolf Zöllner schenkt sich anständig Sahne ein. Auf dem Photo links neben ihm seine Frau, Marga, neben ihr „Onkel Detlef“ und seine Nichte Anja, rechts von Adolf Zöllner „Onkel Detlefs“ Frau Ellie Sanders. Man feiert Adolf Zöllners 55. Geburtstag (zu „Onkel Detlef“ siehe: „So war das im Ruhrgebiet“ Bochum 1975)

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2014 meldete das „zentrum-der-gesundheit.de“:

Alzheimer ist in vielen Regionen der Welt auf dem Vormarsch. Umweltfaktoren gehören zu den Auslösern von Alzheimer. Ein sehr wichtiger Aspekt ist hier die Aluminiumbelastung unseres Trinkwassers. Besonders dramatisch ist die Wirkung von Aluminium auf die Gesundheit des Gehirns, wenn das Trinkwasser gleichzeitig sauer und arm an Mineralstoffen ist.“

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Marga Zöllner, die oft für den Hobbyphotographen Adolf posieren mußte. Das Ehepaar fuhr im Urlaub fast immer in den Schwarzwald, einige Male auch nach Thüringen, wo sie in ihrem Hotel den o.e. Aluminiumwerker aus Bitterfeld kennen lernten.

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Der Spiegel schrieb 1990 über die Industrieregion Bitterfeld-Wolfen, nachdem Jane Fonda im Auftrag von CNN weinend von dem dortigen mit hochgiftigen Chemieabfällen gefüllten „Silbersee“ berichtet hatte:

Film- und Farbenfabriken, Pestizidbetriebe und Aluminiumhütten, dazu bald ein Dutzend Kohlekraftwerke und gleich vor der Haustür ein sechs Kilometer langes Tagebauloch, aus dem, nachdem die Kohle abgeräumt wurde, heute mit enormer Staubentwicklung Bernstein gewonnen wird – die Gegend erstickt in Asche, Gift und Müll.

Schon Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die ersten Bergleute in den Tagebau eingerückt. Ganze Dörfer sind seither ausradiert worden, Bäche und Flüsse verloren ihr natürliches Bett. 1893 siedelte sich der erste Chemiebetrieb an eine Chlorproduktion. Farben- und Filmfabriken der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation (Agfa) folgten. Die Investoren kamen, weil es, so heute der Generaldirektor des CKB, Adolf Eser, 53, in der einstmals schmucken Auenlandschaft die Grundstoffe für die Synthese gab: „Salz, Wasser und Kohle.“ .

Mittlerweile erstreckt sich vom Vorort Holzweißig im Süden bis zur Nachbarstadt Wolfen im Norden ein Meer von Industrieanlagen und Kohlegruben. Wie wellenumspülte Inseln sind die Wohngebiete darin eingeschlossen: Häuser zumeist, von denen der Putz abbröckelt, oder Wohnsilos mit verblichenen Fassadenplatten. Rund 60 000 Menschen leben im Großraum Bitterfeld-Wolfen, oftmals nur einen Steinwurf von den Kraftwerken und Chloranlagen entfernt…

Im dunklen Nadelstreifen sitzt Eser in seinem recht weitläufigen Amtszimmer: 3500 Mark brutto pro Monat verdiente bislang der Generaldirektor, der Chef eines Chemie-Imperiums mit Außenfilialen von Bernburg bis Karl-Marx-Stadt ist. „Wir haben“, sagt der CKB-Chef nachdenklich, „keinen Garten Eden aus Bitterfeld gemacht.“ Doch er kenne Zeiten, „wo es schlimmer war“.

Auf einem Gemälde, das hinter seinem Rücken hängt, sind, schön bunt, die rostigen Türme dargestellt, in denen auf CKB -Gelände die Salpetersäure hergestellt wird. Die Anlage, Jahrgang 1917, arbeitet immer noch.

Auch die beiden Aluminiumschmelzwerke im CKB sind nicht mehr taufrisch. Das eine ist Anfang Dezember dichtgemacht worden – unter anderem wegen Einsturzgefahr. In dem anderen Betrieb wird gerade eine Absauganlage eingebaut, die, so ein CKB-Mitarbeiter, die Arbeitsbedingungen dort auch kaum bessern werde. In der Halle herrscht drückende Hitze, grauer Staub hüllt alles in Düsternis. Dicht an dicht sind in langen Reihen flache Stahlkessel installiert, jeder gerade so groß wie ein Grab. Eine silbrige Flüssigkeit, Aluminium, köchelt darin, angeheizt von einem Kohlefeuer, dessen Flammen immer mal aufflackern.

Die Arbeiter, die mit Brechstangen an den Kesseln hantieren, atmen giftige Fluorgase ein. Das Zeug kann sich in ihren Knochen einlagern und bis zur Lähmung führen – eine Berufskrankheit namens Fluorose, die in Bitterfeld durchaus üblich ist. Aber nicht nur die „Alubude“, wie das Werk unter den Arbeitern heißt, macht krank.“

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Das Bundesarchiv schreibt zu diesem Photo: ADN-ZB Schaar 10.10.73 Bez. Halle: Alu-Werker von Bitterfeld mit Planvorsprung. Einen Planvorsprung von rund 200 t Hüttenaluminium haben die Alu-Werker des Chemiekombinates Bitterfeld mit Abschluß des dritten Quartals erreicht. Sie sind damit bereits am Ziel ihres Gegenplanes und wollen bis zum Jahresende weitere Tonnen ihres in vielen Industriezweigen dringend benötigten Materials zusätzlich erzeugen. Unser Foto zeigt den Schmelzer Rolf Possienke bei der Arbeit. Ein wesentlicher Teil der körperlich schweren Arbeit wurde in den letzten Jahren beseitigt – gleichzeitig wurde dadurch die Arbeitsproduktivität erheblich erhöht.

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Das Bundesarchiv erklärte zu diesem Photo: Für Bezieher des ADN-Reportagedienstes! Zum Beitrag: Arbeit, Standpunkt, Familie müssen stimmen-Die „Mamais“ fühlen sich ihrer Tradition verpflichtet – ADN-ZB-Lehmann-7.6.1984-bb – Arbeitsbereich der Komplexbrigade „Nikolai Mamai“ im Aluminiumwerk des Chemiekombinates Bitterfeld. Mit Hilfe von Radkrustenbrechern wird die harte Kruste der Elektrolysebäder, in denen bei fast 1000 Grad Celsius aus Tonerde Aluminium geschmolzen wird, durchstoßen.

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Die Geheimdienstaufklärungs-Zeitschrift „Horch und Guck’“ berichtete 2004 über die Arbeitsbedingungen der Bausoldaten in Bitterfeld, u.a. heißt es in dem Artikel:

Als die Leitungskader der Aluminiumwerke im VEB Chemiekombinat Bitterfeld (CKB) im März 1988 feststellten, dass „50-70% der neu zugeführten Arbeitskräfte nach kurzer Zeit wieder weglaufen, weil die Arbeitsbedingungen unzumutbar sind und bis an die Grenze der menschlichen Psyche gehen“2 griff man im CKB auf eine Möglichkeit zurück, die sich schon seit zwei Jahrzehnten bei Strafgefangenen im selben Kombinat bewährt hatte: Zwangsarbeit.
Seit ihrer Aufstellung 1964 waren Bausoldaten zur Arbeit verpflichtet. Dabei waren sie anfänglich hauptsächlich zu Straßen- und Wegebauarbeiten, Beseitigung von militärischen Übungsschäden sowie zu Bauleistun­gen an Armeegebäuden eingesetzt. Auch wenn sie hier vor allem körperliche Arbeit verrichten mussten, ohne die entsprechenden technischen Geräte dafür verwenden zu dürfen, so war dabei für die Bausoldaten nicht die Bedingungen ihrer Arbeit, sondern vielmehr das Objekt ihrer Arbeit problematisch, da auch die Mithilfe beim Bau militärischer Einrichtungen ihrer pazifistischen Einstellung widersprach.“

Anders in der chemischen Industrie – dort waren die zwangsverpflichteten Bausoldaten oft gesundheitlich gefährdet: „Die Bedingungen in den Aluminiumwerken des Bitterfelder Chemiekombinats stellen hierbei wahrscheinlich einen traurigen Höhepunkt dar. Bereits ab 1986 waren Bausoldaten in der Werkstatt der beiden Werke tätig, doch erst ab Juni 1988 wurden sie auch in die Produktion geschickt. Trotz außerordentlicher Gehälter für die Zivilbeschäftigten in den verschiedenen Chemieanlagen, wollten sich immer weniger zur Arbeit in den besonders belasteten Bereichen werben lassen. Deshalb versuchte man ab 1968 den Arbeitskräftemangel durch arbeitsverpflichtete Strafgefangene aufzufangen, die vor allem in den hochgradig gesundheitsgefährdeten Chlorelektrolysen tätig waren. Eigentlich wollte man ähnlich auch mit den Aluminiumwerken verfahren, doch aus sicherheitstechnischen Gründen war dies nicht möglich.

Insgesamt wurden also 220 Armeeangehörige in der Aluminiumproduktion eingesetzt, von denen 140 Bausoldaten waren (darunter „ca. 50 Übersiedlungsersuchende“, wie das MfS konstatierte). Dass auch die Aluminiumwerke hochgradig belastet war, zeigt der gleiche Bericht des MfS: „Die arbeitshygienische Situation in diesen Produktionsbereichen ist durch Überschreitungen der MAK-Werte teilweise bis zum 5-fachen des zulässigen Höchstwertes bei Fluor/Fluorkohlenwasserstoffen, Kohlenmonoxid, Staub, Lärm und Teilkörpervibrationen gekennzeichnet. Alle bisherigen technischen und organisatorischen Maßnahmen führten nicht zu Arbeitsbedingungen, die Gesundheitsschädigungen ausschließen. Die hohe Anzahl der anerkannten Berufserkrankungen, der schlechte Gesundheitszustand sowie der hohe Krankenstand unter der Belegschaft sind Ausdruck der gesundheitsschädigenden Belastung der Werktätigen.“

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„Und sehn wir uns nicht in dieser Welt, dann sehn wir uns in Bitterfeld.“

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In einer Bitterfelder Chronik, herausgegeben von den Bezirksregierungen Arnsberg und Köln, heißt es:

1988 wurde das Aluminiumwerk I stillgelegt. 1990 Zum Jahresbeginn rückt eine Publikation im deutschen Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL die Bitterfelder Region in die Nähe von Seveso und Tschernobyl; Reportagen gehen in alle Welt und tausende Besucher beteiligen sich am ‚Katastrophen-Tourismus‘. Millionenbeträge für Umweltsanierung fließen in die Region. Am 1. Juni gründet sich die Chemie AG Bitterfeld/Wolfen.“ – Und nun ist so gut wie alles tiptop dort.

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Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete 2005:

Ein bisschen wie man sich die Hölle so vorstellt, sieht es hier aus. Und es riecht auch so. In großen Behältern wabert glühendes Metall, Feuer weht aus großen, sperrigen Eisengestellen, wo in den Kokillen das flüssige Aluminium in die Form gebracht wird. Zwischendurch transportiert ein Gabelstapler Paletten mit den silbrig glänzenden Teilen. Hier versehen Detlef Kunze und Sven Ruhner ihren Tagesjob – zwei von insgesamt 62 Mitarbeitern der HAL Aluminiumguss Bitterfeld. Hergestellt werden in der Werkhalle im Chemiepark (ehedem Georg Fischer) vor allem Teile für die Automobilindustrie.

Ein bisschen wie man sich die Hölle so vorstellt, sieht es hier aus. Und es riecht auch so. In großen Behältern wabert glühendes Metall, Feuer weht aus großen, sperrigen Eisengestellen, wo in den Kokillen das flüssige Aluminium in die Form gebracht wird. Zwischendurch transportiert ein Gabelstapler Paletten mit den silbrig glänzenden Teilen.

Hier versehen Detlef Kunze und Sven Ruhner ihren Tagesjob – zwei von insgesamt 62 Mitarbeitern der HAL Aluminiumguss Bitterfeld. Hergestellt werden in der Werkhalle im Chemiepark (ehedem Georg Fischer) vor allem Teile für die Automobilindustrie. Bei 800 Grad werden sie gegossen. Nach fünf bis acht Minuten sind sie fertig, dann werden sie aus der Form geklopft. Da sind sie immer noch stattliche 350 Grad heiß.

Es ist schwere Arbeit, die die Männer hier machen. Dennoch sind sie froh, sagen sie, sie noch zu haben. Denn vor noch gar nicht so langer Zeit sah es nicht so rosig aus. Mitte 2003 teilte der Georg Fischer Konzern mit, sich von seiner Gießerei in Bitterfeld trennen zu wollen. Im vergangenen Jahr hat die Leipziger Firma HAL Aluminiumguss das Unternehmen in Bitterfeld gekauft und damit 62 von 106 Arbeitsplätzen gerettet. „Das war ein Glücksfall für uns“, sagt Kunze…“

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2009 heißt es auf „cp-news.de“:

80 Mitarbeiter am Standort sichern Qualität durch hochwertigen Aluminium-Kokillenguss   In diesem Jahr feiert die HAL Aluminiumguss Bitterfeld GmbH ihr fünfjähriges Bestehen am Standort. Mit 55 Mitarbeitern hat das Unternehmen im Jahr 2004 die Produktion aufgenommen, heute arbeiten über 80 Mitarbeiter in Bitterfeld.

Die HAL Aluminiumguss Bitterfeld GmbH ist Teil der HAL Unternehmensgruppe, die deutschlandweit an drei Standorten vertreten ist und einen Jahresumsatz von 48 Millionen Euro verzeichnen kann.“

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Adolf Zöllners Sohn Jürgen heiratet Jutta Pietkowski..

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Wladimir Kaminer berichtete unterdes in der taz über die sibirischen Aluminiumkriege:

Vor 20 Jahren war der Schriftsteller Limonow in Russland sehr populär. Er war einer der ersten Russen seiner Generation, die Amerika in den Augen der Intellektuellen entlarvt hatten.

Der junge Limonow war Anfang der Siebzigerjahre aus der Sowjetunion, dem “Reich des Bösen”, ausgewandert und landete zusammen mit seiner schönen Frau auf Umwegen in New York. Dort wohnte der junge Dichter mehrere Jahre in einem Wohnheim, nackend kochte er seine Kohlsuppe auf dem Balkon, stritt sich mit Puertorikanern und anderen Minderheiten und schuftete mal als Möbelträger und mal als Tellerwäscher bei McDonald’s, um sich über Wasser zu halten. Irgendwann verließ ihn seine schöne Frau, seine einzigen Freunde waren ein paar Penner und Psychopathen, die genau wie er von der Stadt New York verschluckt worden waren.

In diesem amerikanischen Alptraum schrieb Limonow seinen ersten Roman: “Fuck off, Amerika” – eine bittere Abrechnung mit dem Land der Träume. Der Held des Romans läuft durch die nächtlichen Straßen und schreit vor Einsamkeit und Frust: “Nimm mich, Amerika! Was soll ich noch tun, damit du mich endlich bemerkst? Ich bin es doch, Limonow!” In jener Nacht wird er von einem großen schwarzen Mann in einem Sandkasten vergewaltigt.

In Amerika fand Limonow keinen Verleger für sein Manuskript. In Russland wurde es zu einem großen Erfolg. Besonders bei den russischen Jugendlichen kam Limonow gut an. Obwohl sie nie in Amerika gewesen waren, konnten sie sich mit dem Helden identifizieren. In kürzester Zeit wurde Limonow berühmt, sein Buch verkaufte sich gut. Dann kehrte er nach Russland zurück. Als neues Enfant terrible der russischen Literatur erntete er allgemeinen Respekt – und wusste nichts damit anzufangen.

Am besten gefiel Limonow die Rolle des einsamen Helden, des nach Anerkennung schreienden, ausgestoßenen Engels mit dämonischem Blick. Es gelang ihm aber immer weniger, diese Rolle auszufüllen. Die Zeiten der Kohlsuppen auf dem Balkon waren vorbei. Limonow wurde immer dicker. Frustriert ging er wieder auf Reisen und besuchte seinen ehemaligen Unterschlupf in New York. Von dort war er früher fast jede Nacht durch die gefährlichsten Abschnitte des Central Park gelaufen und hatte vor nichts Angst gehabt, weil er nichts zu verlieren hatte. Nur ein scharfes Messer steckte in seiner Hosentasche. Er wurde dort jedoch niemals angegriffen.

Nun, 29 Jahre später, unternahm er noch einmal einen Nachtspaziergang durch den Central Park. Er wollte es sich beweisen. An der Stelle des Messers befand sich nun eine Brieftasche. In Sekundenschnelle wurde Limonow von irgendwelchen dunklen Nachtgestalten zusammengeschlagen und ausgeraubt. Er kehrte daraufhin wieder nach Russland zurück und suchte sich dort neue Aufgaben.

Er ging in die Politik, gründete die National-Bolschewistische Partei und heiratete mehrmals. Mit seinen Anhängern, romantisch eingestellten jungen Männern, reiste er überall hin, wo es Krieg gab – nach Serbien, Mittelasien und in den Kaukasus. Gleichzeitig schrieb er weiter Texte und sogar Gedichte, obwohl er seinen Anhängern immer wieder zu verstehen gab, die Literatur interessiere ihn nur noch als Möglichkeit, um die Partei zu finanzieren.

Als Politiker zeigte sich der Schriftsteller Limonow ultraradikal. “Die Jungen und Rücksichtslosen erobern die Welt, unser Hass ist unsere beste Waffe im Kampf gegen die verlogene kapitalistische Gesellschaft!”, skandierte er auf Kundgebungen und Parteiversammlungen, die aber schlecht besucht waren. Die Erniedrigten und Beleidigten Russlands – die Bauern, Rentner und Bergarbeiter – trauten Limonow nicht. Bei den letzten Regionalwahlen bekam er 0,0015 Prozent der Stimmen. Er heiratete zum fünften Mal – seine neue Frau war dreißig Jahre jünger als er, der mittlerweile auf die sechzig zuging. Er wollte für immer der junge Eduard aus dem Buch “Fuck off, Amerika” bleiben und ein heldenhaftes Leben führen, konnte aber seinem eigenen Werk immer weniger gerecht werden. Seine Odyssee endete jetzt erst einmal ziemlich dramatisch – im Knast.

Er wollte sein neues – das 27. – Buch über den Geschäftsmann Anatoli Bikow schreiben, den ehemaligen Generaldirektor des größten Aluminiumkombinats von Sibirien. In ihm sah Limonow die Zukunft Russlands. Der Schriftsteller fuhr nach Krasnojarsk, um über seinen Helden zu recherchieren. In dem wildkapitalistischen Giftnebel des russischen Geschäftslebens war Bikow zweifelsohne für viele ein heller Stern – eine echte sibirische Legende. Er fing spät an. Die spontane wirtschaftliche

Privatisierung in Russland Anfang der Neunzigerjahre war schnell in einen Krieg ausgeartet: Auf der einen Seite waren es die ehemaligen Betriebsdirektoren, die ihre eigenen Fabriken privatisieren wollten und sich dafür selbst Kredite bewilligten, sowie auch die regionalen Parteibonzen und Polizeichefs, die alle Businessmen werden wollten. Auf der anderen Seite kamen die Kriminellen – “Blauhäute” in Russland genannt wegen ihrer Ganzkörper-Tätowierungen. Die beiden Parteien verknäulten sich ineinander. Im sibirischen Krasnojarsk brach 1991/92 der erste Aluminiumkrieg aus – es ging um hunderte von Millionen Dollar, denn Aluminium war ein Exportartikel der Extraklasse.

Anatoli Bikow blieb damals zunächst noch außen vor. Er arbeitete als Sportlehrer in einer Schule seiner Heimatstadt Nasarowo, die eigentlich nur ein Kohlenschacht war – in der Nähe von Krasnojarsk. Dort kümmerte er sich um die Jugendlichen und organisierte einen Boxklub, damit sie nicht beschäftigungslos auf der Straße herumhingen. Viele seiner Freunde fuhren regelmäßig nach Krasnojarsk, um dort Geschäfte zu machen, er aber blieb Sportlehrer.

Einmal beklagten sich ein paar Kumpel bei ihm über all die Probleme, die ihnen in der großen Stadt zu schaffen machten – die Blauhäute wollten partout Schutzgelder aus ihnen rauspressen. Bikow versprach zu helfen. Er fuhr mit seinen Boxjungs nach Krasnojarsk, traf sich mit den Kriminellen und klärte sie darüber auf, dass sie keine Chance gegen seine durchtrainierte Truppe hätten. Danach mieden diese Bikows Freunde nach Möglichkeit. Wenig später erzählte schon jeder zweite Geschäftsmann in der Stadt stolz, er arbeite mit Bikow zusammen.

Bikow zog nach Krasnojarsk. Die Miliz und die Kriminellen mussten ihn notgedrungen in ihre Gesellschaft integrieren. Sie wählten ihn sogar zu ihrem Schiedsrichter. Doch mit dieser Rolle gab sich der ehemalige Sportlehrer bald nicht mehr zufrieden, nachdem er begriffen hatte, dass die Direktoren und Milizchefs genau wie die Blauhäute sich nur um ihre Gewinne sorgten. “Warum müssen es immer nur solche Leute sein, die in unserer Region das Sagen haben?”, dachte sich Bikow. Er baute seine Boxerschule in Krasnojarsk weiter aus und stieg selbst ins Aluminiumgeschäft ein.

Es begann ein zweiter Aluminiumkrieg: Diesmal schienen die sibirischen Kriminellen die Verlierer zu sein, einer nach dem anderen wurde ermordet: Den “Schnurrbart” erwischte es vor seinem Haus, der “Schrille” wurde mit seinem Mercedes in die Luft gesprengt, der “Gestreifte” wurde im Bett erstochen. Innerhalb von einigen Monaten waren zwei Dutzend kriminelle Autoritäten weg vom Fenster. Nur einige ganz große, wie Pascha Lichtmusik, überlebten.

In der Stadt war man fest der Meinung, dies alles wäre allein Bikows Verdienst. Doch er selbst sagte dazu nichts. Aber schon bald hatte er genügend Aktien des Aluminiumkombinats in seinem Besitz, um Vorsitzender des Aufsichtsrates zu werden. Gleich anschließend verscheuchte er auch noch die amerikanischen Investoren, alles ehemalige Russen, die das Kombinat kaufen wollten. So wurde er zum Alleinherrscher von Krasnojarsk und zum Robin Hood Sibiriens.

Als Erstes baute Bikow in Krasnojarsk eine orthodoxe Kirche sowie eine Moschee und eine Synagoge, dann eröffnete er ein neues Waisenhaus, eine Schule für begabte Kinder, mehrere Sportvereine und fing an, den Arbeitern im Aluminiumkombinat anständige Löhne zu zahlen. Als Bikow dann noch in die Politik ging und seine Kandidatur für das russische Abgeordnetenhaus anmeldete, wunderte sich keiner mehr, dass er gleich auf Anhieb 75 Prozent der Stimmen bekam. Damit war er aber auch den politischen Machtinhabern in Sibirien nicht mehr geheuer. Als gemunkelt wurde, dass Bikow angeblich die letzte Blauhaut in der Stadt – Pascha Lichtmusik – umzulegen beabsichtige, stellten sie ihm eine Falle. Obwohl es keinerlei Beweise gab, wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Bikow flüchtete nach Ungarn, dort wurde er verhaftet und nach Moskau ausgeliefert. Man steckte ihn in Untersuchungshaft.

Bis dahin hatte der Schriftsteller Limonow seine Geschichte in Sibirien genau recherchiert. Als das Buch gerade fertig war, wurde er verhaftet: wegen Aufrufs zum bewaffneten Widerstand. Außerdem sollte er in Sibirien versucht haben, Luft-Boden-Raketen von der chinesischen Volksarmee zu erwerben.

Wenig später saß er schon mit dem Geschäftsmann Bikow zusammen im selben Knast. Die beiden etwa gleichaltrigen Männer sahen sich regelmäßig bei ihren Spaziergängen im Hof und redeten miteinander, wie Moskauer Journalisten herausfanden. Pascha Lichtmusik lebte derweil draußen weiter munter vor sich hin und genoss das Zeugenschutzprogramm.

Am 8. Juli begann am Bezirksgericht Saratow der Prozess gegen Limonow und fünf Aktivisten seiner Partei. Und in Sibirien brach derweil der dritte Aluminiumkrieg aus. Auch der ist inzwischen ausgefochten. Wobei es wieder etliche Tote gab. 1200 Mitarbeiter der Oligarchen starben in den drei sibirischen “Aluminiumkriegen” – bis der weltgrößte Alukonzern stand.

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P.S.: Eduard Limonows Buch “Jagd auf Bikow” ist im Moskauer Verlag Limbuspress erschienen und kostet 57 Rubel.

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Das Hochzeitspaar vor der Kirche mit beider Mütter und Tanten.

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Adolf Zöllner hält eine Rede auf das Hochzeitspaar (im Bild nicht sichtbar), sein Sohn erklärt derweil seiner Angetrauten einige Anspielungen in der Rede des Vaters, Ellie Sanders kuckt skeptisch: „Worauf will er bloß hinaus?!“

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2006 schrieb die FAZ:

Oleg Wladimirowitsch Deripaska hat den russischen Aluminiumkrieg der späten neunziger Jahre, als die Besitzrechte an den staatlichen Aluminiumwerken und den Bauxitvorkommen in zweifelhaften Privatisierungen neu geregelt wurden, oft aber regelrecht „ausgeschossen“ wurden, heil überstanden. Mehr noch: Als der Krieg an der Jahrtausendwende zu Ende ging, kontrollierte Deripaska, damals gerade erst 32 Jahre alt, die russische Aluminiumindustrie. Das spricht nicht nur für unglaubliches Geschick, sondern auch dafür, daß ein solcher Mann über ein hohes Maß an Härte verfügen mußte. Aber in Rußland wurde gegen Deripaska niemals Anklage wegen krimineller Machenschaften in diesem Kampf aller gegen alle erhoben, an dem Unterweltseilschaften, korrupte Behördenchefs oder „Geschäftsleute“, die Auftragsmörder anheuerten, um lästige Konkurrenten auszuschalten, beteiligt waren. Lediglich das amerikanische State Department glaubte bis zum vergangenen Jahr, daß Deripaskas Rolle im Aluminiumkrieg die Verweigerung einer Einreisegenehmigung rechtfertige. Aber auch das ist vorbei. Und nun schickt sich Deripaska an, gemeinsam mit einem der härtesten Konkurrenten und Widersacher vergangener Jahre, mit Wiktor Wekselberg, zu dessen Firmenimperium auch russische Aluminiumwerke gehören, den amerikanischen Weltmarktführer der Aluminiumhersteller, die amerikanische Alcoa, zu übertrumpfen. Im Oktober wird die Verkündung der Fusion von Deripaskas Rusal und Wekselbergs SUAL erwartet. Deripaska wird dann sozusagen Weltchampion, denn ihm wird die Mehrheit an der neuen Aluminiumgesellschaft gehören.

An der Wiege wurde ihm ein solcher Aufstieg wohl nicht gesungen. Deripaska wurde 1968 in Derschinsk bei Nischnij Nowgorod geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen bei den Großeltern im Süden Rußlands auf dem Lande auf. Viele in seiner Lage wären wohl dort geblieben. Aber Deripaska wollte mehr, als in der Region Krasnodar Bauer zu sein. Er studierte in Moskau theoretische Physik. Dann handelte er mit allen möglichen Waren, und wie es heißt, ermöglichte ihm der Verdienst aus diesen Geschäften die Akkumulation von Privatisierungszertifikaten, die man im Zuge der „Massenprivatisierung“ in der ersten Hälfte der neunziger Jahre billig erwerben konnte. Das wiederum war der Grundstein, der den Einstieg bei der sibirischen Aluminiumhütte Sajansk ermöglichte. Persönliche Beziehungen, ohne die damals nichts lief, dürften hinzugekommen sein. Mit 26 Jahren war Deripaska der Chef des Unternehmens, und das war der Beginn seiner Karriere als Aluminiumunternehmer. Russische Unternehmerkollegen wissen ein Lied davon zu singen, daß mit Deripaska nicht zu spaßen ist, wenn es um feindliche Übernahmen geht. Strom, der für die Aluminiumindustrie geradezu in Unmaßen benötigt wird, bekommen Deripaskas Werke in Rußland billig. Wer etwa Strom teuer importieren müsse, brauche als Aluminiumunternehmer gar nicht erst zu versuchen, in der Weltspitze mithalten zu wollen, meint Deripaska. Demnächst will er in Sibirien mit Zufinanzierung aus dem staatlichen Investitionsfonds ein riesiges Wasserkraftwerk bauen. Der zweite Trumpf in Deripaskas Hand im Wettbewerb mit Konkurrenten sind die Rechte zur Ausbeutung großer Bauxitvorkommen.

Deripaska gilt als Oligarch und ist mit Oligarchen wie Roman Abramowitsch befreundet. Aber der Mann aus Südrußland verkörpert eine neue Generation von Oligarchen, die sich längst nicht mehr damit zufriedengibt, in heimischen Gewässern Hai zu sein. Er gehört zu einer Gruppe, die wie unlängst der Stahlmagnat Aleksej Mordaschow durch den Versuch einer Übernahme des Stahlkonzerns Arcelor, die Integration in die Weltwirtschaft durch Beteiligungen und Erwerbungen im Ausland anstreben. Russische Unternehmen investierten allein im ersten Quartal des laufenden Jahres rund 5 Milliarden Dollar im Ausland, etwa 1,8 Milliarden Dollar mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, und im letzten Quartal des vergangenen Jahres

überstiegen die Auslandsinvestitionen der Russen erstmals den Wert der ausländischen Investitionen in Rußland. Das ergibt ein vollkommen anderes Bild als die wilde Kapitalflucht vergangener Jahre, die vor allem das Ziel der Thesaurierung von Kapital zweifelhafter Herkunft im Ausland hatte. Aber wie das Scheitern Mordaschows in Sachen Arcelor zeigte, haben russische Unternehmen im Ausland mit dem schlechten Image als „unberechenbare, halbkriminelle Raubkapitalisten“ zu kämpfen, das in den neunziger Jahren entstanden war und dessen sich Konkurrenten noch immer gern bedienen, um russische Mitbewerber auszuschalten.

Deripaska scheint da wesentlich erfolgreicher zu sein, denn ihm gelang es im Ausland zuzukaufen, etwa in Guinea, Nigeria, Guyana oder Australien und China. Das Schicksal des russischen Ölmagnaten Michail Chodorkowskij verschreckte viele Oligarchen. Sie waren gewarnt, daß politische Ambitionen unter Präsident Putin nicht geduldet würden. Deripaska, mit der Stieftochter Jelzins verheiratet, sorgte vor: Mit Abramowitsch zählt Deripaska zu den ausgesprochen kremltreuen Großindustriellen. Wäre es anders, wäre die Bildung einer so enormen Wirtschaftsmacht in privater Hand, die durch die geplante Fusion mit Wekselbergs SUAL zustande kommt, von Putin wohl kaum zugelassen worden. Denn schließlich stehen die Zeichen in Rußland unter Putin eher auf Bildung von Großkonzernen, bei denen der Staat mitredet, oder gar auf nur halbwegs verschleierte Re-Nationalisierung. Kein Wunder, daß sich Deripaska, der als einer der reichsten Russen gilt, im Gegenzug für die Duldung im Kreml nicht lumpen läßt und dem Vaterland hilft. Dem Vernehmen nach wird er in Sotschi einen neuen Flughafen auf eigene Kosten bauen und so die Bewerbung der Stadt am Schwarzen Meer als Austragungsort für Olympische Spiele unterstützen.“

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Adolf Zöllner mit seiner Frau auf Urlaub im Schwarzwald, wo im nächsten Ort gerade ein Umzug stattfand – unter dem seltsamen Motto „Es ist 10 vor 3 vorbei“.

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Zu den drei postsowjetischen Aluminiumkriegen sei noch erwähnt, dass u.a. auch das Lenin-Mausoleum, in dessen Laboratorium 100 Wissenschaftler beschäftigt waren, davon profitierte:

Das Mausoleums-Laboratorium ging aus einer Initiative des Ausschusses für die Verewigung des Andenkens an Lenin hervor, der sich erstmalig am 5. März 1924 unter dem Vorsitz des KGB-Chefs Felix Dserschinski zusammensetzte. Nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion wurde es samt Leiche ins sibirische Tjumen ausgelagert und nach dem Krieg zügig zu einem „Weltzentrum der Einbalsamierung“ ausgebaut. Das heißt: Im Anschluß an die Konservierung der Leiche Stalins präparierten die Mitarbeiter des Laboratoriums auch die Kommunistenführer Georgi Dimitroff (Bulgarien), Tschoibalsan (Mongolei), Ho Chi Minh (Vietnam), Agostinho Neto (Angola), Lindon Forbes Burnham (Guyana) und Kim Il Sung (Nord-Korea) nach Art der ägyptischen Pharaonen: für die Ewigkeit.

Nachdem ihnen 1991 achtzig Prozent ihres Jahresbudgets gekürzt wurden, empfahl der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow dem Laboratorium, sich mit einem „Ritual Service“ halbwegs selbständig zu machen, also auch Einbalsamierungsaufträge von eher antikommunistischen Neureichen und ihrem Anhang anzunehmen: „Angesichts der rasant ansteigenden Kriminalität – 25.000 Morde allein im Jahr 1996 – kam der Vorschlag wie gerufen“, schreibt einer der Wissenschaftler: Ilya Zbarski, der heute – als 85jähriger – nicht mehr beruflich im Laboratorium des Lenin-Mausoleums tätig ist.

Die optische Wiederherrichtung der Privatverbrecher kostet – je nachdem, wie übel sie zugerichtet beziehungsweise zerschossen wurden – zwischen 1.500 und 10.000 Dollar. Im Gegensatz zu Lenin, der bis heute regelmäßig Balsambäder bekommt, werden ihre Leichen jedoch nicht dauerhaft konserviert, sondern nur für die Beerdigung präpariert. Anschließend kommen sie in Luxussärge, die Ritual Service ebenfalls im Angebot hat. Die Preise dafür schwanken zwischen 5.000 Dollar für einen Holzsarg made in USA und 20.000 Dollar für eine russische Kristallglasversion.

Zur Verewigung der Gangster dient heute eine neue Grabsteintechnik. Dabei wird ihr überlebensgroßes Foto auf eine bis zu drei Meter hohe Granit- oder Malachitplatte gelegt und mit einem Spezialverfahren eingraviert. Die islamischen Banden (etwa in Jekaterinburg) bevorzugen Doppelporträts – auf beiden Seiten des Steins. Rund 65.000 Dollar zahlen sie dafür. Das Gravurverfahren geht auf den in San Francisco lebenden Russen Leonid Rader zurück. Die Regisseurin Kira Rejk drehte einen Film über seine Kunst: „Art in Stone“. In der Moskauer Literaturzeitschrift NLO (33/98) versuchte Olga Matich eine kulturhistorische Würdigung dieser russischen Verewigungskultur – vom Bolschewistenführer Lenin bis zur postsowjetischen Mafia.

Letztere rekrutiert sich vor allem aus ehemaligen Profisportlern, Bodybuildern, Soldaten und Ex- KGBlern. Statt mit Orden sind sie mit „Emblemen des schnellen Abgangs“ ausgestattet – auf ihren Grabsteinporträts: Mercedes-Schlüssel, Handys, Markenturnschuhe. Olga Matich nennt das „Fotorealismus“, Ilya Zbarski spricht von einer Verewigung ihrer Alltagssituation: „Sie tragen meist einen Adidas-Trainingsanzug, die obligatorische Arbeitskleidung der russischen Mafiosi.“

Handelte es sich um einen Anführer oder Brigadier, bleibt er es auch als Toter so lange, bis sich in der Bande ein neuer herausgemendelt hat. An seinem Geburtstag und an seinem Todestag werden große Gelage am Grab veranstaltet – mit bis zu „mehreren tausend Personen“, schreibt Zbarski, der anscheinend bei der Begräbnisfeier des Jakaterinburger „Paten“ der Zentralnije-Bande, Oleg Wargin, dabei war. Dieser ganze kostspielige Auferstehungsaufwand soll bewirken, daß der Betreffende über seinen Tod hinaus „große physische Kraft und ökonomische sowie politische Macht ausstrahlt“ – für seine Gegner ebenso wie für seine Bande beziehungsweise Partei oder seinen Konzern.

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Das Ehepaar Zöllner mit Urlaubsbekanntschaft in Thüringen, links außen der o.e. Aluminiumwerker, Sven Heymann, der inzwischen ins  Mansfeldische gezogen war (Näheres dazu siehe: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/10/22/das_bergbau_und_aufbereitungskombinat_kriwoi_rog/)

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Hier ist der Aluminiumwerker noch einmal – mit Marga links und seiner kleinen Familie rechts.

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Damit die Russen die Amerikaner im mittlerweile international gewordenen Aluminiumkrieg nicht übertrumpfen, machte sich der amerikanische Aluminiumkonzern Alcoa 2007 anheischig, den kanadischen Wettbewerber Alcan zu übernehmen und sich damit seine Position als Weltmarktführer zurückholen. Die FAZ meldete 2007:

Alcoa startete am Montag ein feindliches Übernahmeangebot und will 26,9 Milliarden Dollar für Alcan bezahlen. Sollte das Vorhaben gelingen, würde Alcoa zusammen mit Alcan an der erst im März entstandenen United Company Rusal vorbeiziehen, die über eine Dreierfusion zum weltgrößten Aluminiumhersteller geworden ist.

Die Aluminiumbranche hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Zusammenschlüssen gesehen. So hat Alcan eine ganze Reihe von Akquisitionen hinter sich gebracht und ist mit unfreundlichen Übernahmen vertraut: Im Jahr 2003 kaufte Alcan in einer feindlichen Transaktion den französischen Wettbewerber Pechiney. Diese Übernahme wird bis heute in Frankreich als schwerer Schlag für die einheimische Wirtschaft empfunden. Im Jahr 2000 hatte Alcan bereits die Schweizer Alusuisse übernommen.

Im vergangenen Herbst kam es zu einer spektakulären Dreierfusion in der Branche: Die beiden russischen Aluminiumkonzerne Rusal und Sual kündigten den Zusammenschluss mit dem Aluminiumgeschäft des Schweizer Glencore-Konzerns zur United Company Rusal an. Die Transaktion, die im März abgeschlossen wurde, ließ den gemessen an der Produktionsmenge größten Aluminiumkonzern der Welt entstehen. Das wegen der niedrigen Energie- und Arbeitskosten in Russland besonders ertragsstarke Unternehmen kommt nach eigenen Angaben auf eine Jahresproduktion von knapp 4 Millionen Tonnen Hüttenaluminium und beschäftigt weltweit 100.000 Mitarbeiter.

Alcoa käme zusammen mit Alcan auf insgesamt 188.000 Mitarbeiter. Die jährliche Produktionskapazität für Aluminium würde nach Angaben von Alcoa bei 7,8 Millionen Tonnen liegen. Alcoa hat im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 30,4 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von 2,2 Milliarden Dollar erzielt. Alcan kam auf einen Umsatz von 23,6 Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 1,8 Milliarden Dollar.

Bei allem feindlichen Charakter der Übernahme gab sich Alcoa große Mühe, politischem Widerstand in Kanada zuvorzukommen. So versprach Alcoa dem Standort neue Investitionen. Das kombinierte Unternehmen solle einen Doppelsitz in New York und Montreal, den bisherigen Standorten der Hauptverwaltungen, haben. Alcoa war selbst in jüngster Zeit im Zentrum von Übernahmespekulationen. So gab es zuletzt im Februar Gerüchte, wonach die Bergbaukonzerne BHP Billiton und Rio Tinto an Alcoa interessiert seien.

Gegenwärtig werden in der ganzen Welt knapp 35 Millionen Tonnen Aluminium produziert. In der Branche geht man davon aus, dass die Nachfrage bis 2013 mindestens auf 42 Millionen Tonnen wachsen wird. Noch sind Westeuropa, Japan und die Vereinigten Staaten die Marktregionen mit dem höchsten Aluminiumverbrauch. Aber in jüngerer Zeit holt China auf. Wegen des hohen und teuren Stromkostenanteils in den Hütten verliert die Produktion in Westeuropa an Bedeutung.“

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Das Ehepaar Zöllner vor dem fast neuen Haus von Jürgen und Jutta in Wuppertal.

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Auf Wikipedia heißt es über den russischen Aluminiumkonzern „United Company Rusal“:

UC RUSAL (russisch РУСАЛ, Abkürzung für Русский алюминий, dt. Russisches Aluminium) ist ein russisches Unternehmen. Seit der Fusion mit der Siberian-Urals Aluminium Company (SUAL) im Jahre 2007 ist RUSAL der weltweit größte Hersteller von Aluminium.[1] Das Unternehmen deckt 75 % der russischen Inlandsnachfrage nach Aluminium ab. Die primäre Aluminiumproduktion belief sich 2008 auf 4,4 Millionen Tonnen bei einer Beschäftigtenzahl von etwa 75.000 in 19 Staaten.

RUSAL ist im Jahr 2000 durch die Fusion der Aluminiumsparten von Sibirsky Aluminium und Sibneft entstanden. Das Unternehmen ist danach durch weltweite Zukäufe weiter gewachsen.

Im März 2007 übernahm RUSAL die frühere SUAL und die Aluminiumsparte von Glencore. Seit diesem Zeitpunkt hielten die bisherigen RUSAL-Eigentümer 66 %, die ehemaligen SUAL-Eigentümer 22 % und Glencore 12 % der Anteile an dem wesentlich erweiterten Unternehmen. Durch die Konsolidierung der Aluminiumsparten mehrerer Unternehmen errang RUSAL die Position des weltgrößten Aluminiumproduzenten.

Im Zuge von weiteren Änderungen in der Eigentümerstruktur des Konzerns im April 2008 übernahm der russische Unternehmer Oleg Deripaska über seine Holding Basic Element 56,7 Prozent der Aktien von RUSAL. Weitere Anteile erwarben Wiktor Wekselberg mit 18,9 %, Michail Prochorow mit 14,0 % und das in der Schweiz registrierte Unternehmen Glencore mit 10,3 %.

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(Die Konzernführung setzt sich zusammen aus: Oleg Deripaska – Chief Executive Officer; Vladislav Soloviev, First Deputy CEO Member of the Board, Alexey Arnautov Director, Aluminium Division West, Alexey Barantsev Head of Engineering and Construction Business)

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2007 ergänzte die FAZ:

Der Aluminiumkrieg ist schon einige Jahre zu Ende. Die Urteile gegen Bykow, der sich niemals schuldig bekannte, sind inzwischen getilgt, aber die Aluminiumindustrie wurde unterdessen anderweitig verteilt. Bykow ist nun bei der Regionalwahl Kandidat für das Gebietsparlament. Auf seinen Wahlveranstaltungen zog er gegen Willkür und Bestechlichkeit der Bürokraten zu Felde und geißelte den kolonialen Raubbau der großen Finanz- und Wirtschaftsgruppen am Krasnojarsker Land. Diese Gruppen spielen in einer anderen Liga als einst er und seine Konkurrenten: Das Aluminiumwerk gehört zu Oleg Deripaskas Holdinggesellschaft Basowy Element, deren Aluminiumsparte Rusal seit Herbst vergangenen Jahres der größte Aluminiumkonzern der Welt ist. Im Nordwesten geben das Nickelunternehmen Norilsk Nikel der beiden Industriepotentaten Wladimir Potanin und Michail Prochorow von Interros den Ton an. Früher gehörte auch Michail Chodorkowskijs Ölkonzern Yukos zu den großen Spielern im Krasnojarsker Land. Vor der Vereinigung des autonomen Bezirks Tajmyr und des autonomen Jewenkengebietes mit Krasnojarsk hielten sich die Großen wie Norilsk Nikel oder Yukos dort ihre eigenen Gouverneure und übten so auch die politische Kontrolle aus. Yukos hat inzwischen politisch und wirtschaftlich ausgespielt.“

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Marga allein vor der Kulisse ihres Schwarzwälder Lieblingsortes.

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Ein Porträt Oleg Deripaskas veröffentlichte „netstudien.de“:

Der 1968 geborene Oleg Deripaska gilt als einer der jüngsten Oligarchen Rußlands und baute sich sein Imperium mit skrupellosen Methoden in einer Branche auf, die die gewalttätigsten und kriminellsten Auseinandersetzungen der 90er Jahre erlebte: die Aluminiumindustrie. Dabei erwies sich Deripaska zwar als einer der aggressivsten Player, aber durchaus auch mit einem feinen Gespür für den Zeitlauf.

Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, brach Deripaska sein Studium ab und suchte sein Heil an der Börse. Als Broker spezialisierte es sich an der russischen Warenbörse auf den Handel mit Aluminium und auf Aluminiumaktien. Die Anteile an den Staatsbetrieben wurden zu dieser Zeit mit Hilfe der Voucher-Privatisierung unters Volk gestreut. Der Großteil der Voucher landete jedoch einige Zeit später in die Händen von Finanziers, finanzkräftigen Unternehmern und Spekulanten wie Deripaska.

Er kaufte gezielt Vouchers aus dem Aluminiumbereich auf und war schon 1994 mit nur 26 Jahren im Aufsichtsrat von Sajansk Aluminium vertreten. Aus dieser Firma entwickelte sich durch zahlreiche Aufkäufe 1996 der Siberian Aluminium (SIBAL) Konzern.

Die Aluminium-Industrie stand in den 90er Jahren ganz im Zeichen regelrechter Kämpfe um die Herrschaft. Das Klima war geprägt von Gewalt und Betrug auf höchstem Niveau. Mafia-Clans kämpften um ihre Pfründe und die Zahl der ermordeten Manager wird auf ca. 100 geschätzt. In der Regel wurde Aluminium aus den Werken zu Spottpreisen an Offshorefirmen verkauft, die dann steuergünstig zu Weltmarktpreisen weiterverkauften. Auf diese Weise wurden Milliarden $ am Fiskus und an den Aluminiumproduzenten vorbeigeschleust.

Lew Tschernoi war schon vor der Perestroika-Zeit ein sehr erfolgreicher Schwarzmarkthändler, der dann seine Firmen legalisierte und seine enormen Finanzmittel zum Aufkauf von Vouchers nutzte. Er beteiligte sich überwiegend im Metallbereich.

In der ersten Hälfte der 90er Jahre galten die Brüder Lev und Michail Tschernoi mit ihrem TransWorld-Handelskonzern (in Partnerschaft mit den Reuben-Brüdern) als die mächtigsten Männer in der Aluminiumindustrie. Ihr Firmengeflecht setzte 1997 auf dem Höhepunkt ca. 6 Mrd $ um und produzierte 50% des russischen Aluminiums und 20% des russischen Stahls.

Mitte der 90er Jahre setzte sich Michail Tschernoi dann nach Israel ab. Zahlreiche Verfahren in Rußland, in den USA, Deutschland, Schweiz, England und später auch Israel wurden gegen ihn in Gang gesetzt. Die Verdächtigungen reichten von Geldwäsche (7 Mrd $), Erpressung, Kontakten zu Mafiosi, Rauschgiftverkehr über Betrug bis hin zu einer Beteiligung an Dutzenden von Todesfällen während des sog. „Aluminiumkrieges.“ In zahlreichen Ländern galt er als Persona non grata. Keines der Verfahren führte letztlich zu einer Verurteilung Tschernois, da gerade die russischen Behörden blockten und die Verfahren behinderten.

Tschernoi lenkt mittlerweile seine internationalen Geschäft von seiner Zentrale in Tel Aviv, steht aber unter Beobachtung der israelischen Behörden.

Dieser zwielichtige Herr Tschernoi protegierte den aufstrebenden Oleg Deripaska und übertrug ihm die Verwaltung seiner Gesellschaften, behielt aber Anteile. Ein weiterer Oligarch, der aus dem Umfeld von Tschernoi stammt ist der Kupferticoon Iskander Machmudow.

Deripaska zeigte seinem Protege dann, dass seine Lehrjahre vorbei waren. 1997 erlangte er die Kontrolle über den Sajansk Aluminiumkonzern durch die dubiose Ausgabe neuer Aktien, die den bisherigen Haupteigentümer, die Londoner Trans-World Group von Tschernoi, ausbootete. Später wurde der ins Exil geflüchtete Tschernoi ausbezahlt.

Finanziert wurden viele seiner Deals von seinem Studienfreund Andrej Melnitschenko, der mit seiner MDM-Bank nach der Rubelkrise in die Top-Liga der russischen Oligarchen aufstieg.

Erst im Jahre 2000 gelang dann die Konsolidierung der Industrie, als Deripaska mit seinem mächtigsten Konkurrenten Roman Abramowitsch eine Fusion zum allmächtigen Russian Aluminium (RUSAL)-Konzern einging. Beide kontrollierten je 50% und Deripaska wurde Konzernchef.

Sein Partner Abramowitsch versilberte 2003 zahlreiche seiner Beteiligungen und verkaufte Deripaska einen 25% Anteil an RUSAL für 2 Mrd $, so dass Deripaska nun einen 75%-Anteil hält. Später konnte Deripaska seinen Anteil auf 100% aufstocken.

Im Mai 2007 hat es Deripaska endlich geschafft: Seine Gruppe steigt durch die Fusion mit dem russischen Aluminiumkonkurrenten Sual (V. Wechselberg) und Teilen des schweizerischen Glencore-Konzerns zum weltgrößten Aluminiumkonzern auf. Hauptaktionäre sind nun Deripaska (66%), Wechselberg (23%) und Glencore.

Deripaska will mit dem Aluminiumkonzern an die Börse gehen. Störend sind dabei nur die zahlreichen Klagen ehemaliger Geschäftspartner gegen Deripaska. Um den Börsengang nicht zu verzögern einigte er sich in vielen Fällen außergerichtlich.

  • 2005 verklagten ihn seine ehemaligen Partner bei Trans-World, die Reuben-Brüder aus London und erhielten ca. 100 Mio $ in einem Vergleich.

  • 2005: Einigung mit den Brüdern Michail und Juri Schiwilo, den früheren Mehrheitseignern der Aluminiumhütte von Novokusnezk: Entschädigung in Höhe von ca. 65 Mio $.

  • Anatoli Bykow, ein früherer Aktionär der Hütte Krasnojarsk, erhielt 105 MIo $.

  • Avaz Nazarow und frühere Aktionäre von Tadaz (Tajikistan Aluminium Plant) sollen auch bis zu 100 Mio $ erhalten haben.

  • Der schwierigste Fall ist noch nicht gelöst. Seine einstigen Proteges, die Tschernoi-Brüder klagen vor Gericht. Deripaska soll den 20% Anteil der Tschernois an Rusal bis heute nicht adäquat bezahlt haben. Die Tschernoi wollen stolze 6 Milliarden $ für ihren 20% Anteil + vergangene Dividenden haben. Im November 2007 nahm die israelische Polizei mehrere Männer fest, die illegale Abhörmaßnahmen durchführten und ein Schmierkampagne gegen Tschernoi und israelische Politiker planten. Sie konnten einer Firma von Dertpaska zugeordnet werden. Die amerikanischen Behörden haben Deripaska mittlerweile das Visum entzogen und er darf die USA nicht betreten.“

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Marga Zöllner auf ihrem Lieblingsberg bei Todtnauberg.

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Anläßlich des Börsengangs von Rusal in Hongkong schrieb die „Moskauer Deutsche Zeitung (mdz-moskau.eu) 2010:

Ende Januar ging der weltgrößte Aluminiumkonzern United Company (UC) Rusal als erstes russisches Unternehmen seit Ausbruch der Finanzkrise an die Börse. Vorher informierte der Industrieriese potenzielle Anleger über die Schattenseiten seiner Geschäfte: Gerichtsverhandlungen, ein riesiger Schuldenberg und Zweigstellen in Steueroasen. Der Börsenstart war nicht eben verheißungsvoll. Rusal-Aktien verloren umgehend an Wert.

Oleg Deripaska, 42 Jahre alt, ist ein Meister der Überraschungen. Und dennoch mag man kaum glauben, dass Deripaskas Unternehmen, der Aluminiumproduzent UC Rusal, als erster russischer Konzern seit Beginn der internationalen Wirtschaftskrise den Gang auf die internationale Börse wagt. Rusal halbierte bis zum Sommer 2009 innerhalb von sechs Monaten seinen Umsatz. Dem Eigentümer ging es kaum besser. Deripaska war vor eineinhalb Jahren noch der reichste Russe, inzwischen hat er die Renovierung seines Hauses auf Eis gelegt — Sparen ist angesagt.

In dieser Situation also geht Rusal an die Börse, genauer gesagt an die Hong Kong Stock Exchange. Industrietycoon Deripaska bringt 10,81 Prozent Firmenanteile auf den Markt und rechnet mit einem Erlös von bis zu 1,8 Milliarden Euro. Er wird fast 48 Prozent Aktien behalten — und weiterhin Chef bleiben.

Ein ambitionierter Plan. Dabei birgt ein Aktienkauf einige Risiken, über die Rusal seine potenziellen Anleger in dem Emissionsprospekt informiert. „Rusal kann wegen der Schuldenlast von 11,8 Milliarden Euro pleite gehen“, warnt Oleg Petropawlowskij, Analyst beim Investmentberater „Broker Credit Service“. Doch durch den Börsengang könne das Unternehmen seinen Schuldenberg wenigstens teilweise abtragen. Außerdem benötige die Firma Unterstützung für ihre größten Projekte. Dabei geht es um den Bau von zwei Aluminiumwerken in den Regionen Irkutsk und Krasnojarsk. „Auch der Preis für Aluminium macht aus dem Aktienkauf ein Abenteuer für Anleger“, sagt Petropawlowskij. Hinzu komme, dass Rusal wegen Steuerhinterziehung angeklagt werden könnte. Der Prospekt zum Börsengang zeigt: Der Branchenführer nutzt Steueroasen, um den Fiskus zu umgehen. „Sollte der Metallriese in Ungnade fallen, ist eine neue Yukos-Geschichte nicht auszuschließen“, sagt Oleg Petropawlowskij.

Die Chancen für einen erfolgreichen Börsengang sind dennoch gut. Ein Einstieg bei Rusal, das zwölf Prozent der weltweiten Nachfrage nach Aluminium abdeckt, ist verlockend. Das russische Unternehmen glänzt mit einem unschlagbaren Selbstkostenpreis für seine Produkte. Pro Tonne Aluminium veranschlagt Rusal etwa 840 Euro. Beim US-amerikanischen Konkurrenten Alcoa sind es 1 260 Euro und beim chinesischen Chalco gar 1 340 Euro. Die Russen können so billig produzieren, weil sie den Strom preiswerter kriegen. Eine weitere gute Nachricht für Rusal: Seit Beginn des Jahres ist der Aluminiumpreis wieder um fünf Prozent gestiegen. 2010 will der Metallriese einen Gewinn von 210 Millionen Euro erzielen.

Rusal haben die guten Beziehungen zur russischen Regierung über die Krise geholfen — und sie helfen weiterhin. Die Geldinstitute stehen voll auf der Seite des Aluminiumproduzenten. Die staatliche Vnechekonombank VEB überwies zu Beginn der Krise 3,15 Milliarden Euro an Rusal. Die Sberbank will die Rückzahlung an die VEB sichern. Für die Anleger ist klar, dass die Machthaber das Unternehmen nicht untergehen lassen werden. Hong Kong dürfte ein guter Ort für Oleg Derispaskas Abenteuer sein. Der Rohstoffhunger Chinas sollte in den kommenden Jahren ungebrochen bleiben.“

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2010 meldete „ariva.de/forum“:

Der weltgrösste Aluminiumkonzern Rusal hat bei seinem Börsengang 17,4 Milliarden Hongkong-Dollar, umgerechnet 2,33 Milliarden Franken, eingenommen. Ab 27. Januar wird der russische Konzern, der von Oerlikon- und Sulzer-Grossaktionär Viktor Vekselberg präsidiert wird, erstmals in Hongkong und Paris gehandelt. Durchschnittlich risikobereite Privatanleger sollten einen Bogen um diesen Titel machen.“

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2011 unkte „Russland Aktuell“ (.aktuell.ru):

NorNickel-Streit: Deripaska verliert weitere Verfahren…Der Aluminiumkonzern des russischen Oligarchen Deripaska hat zwei Verfahren um den Stopp der Aktienrückkaufaktion bei NorNickel verloren. Nach Holland und der Karibik könnte nun auch eine Klage in der Schweiz kippen.

In Holland wollte Oleg Deripaskas RusAl sich das Recht einklagen, Mitarbeiter des Rohstoffhändlers Trafigura zu befragen, der einen achtprozentigen Aktienanteil an NorNickel besitzt. Deripaska ist der Ansicht, sein Erzkonkurrent Wladimir Potanin (Interross) habe für Trafigura unlauter Geld aus dem NorNickel-Konzern abgezogen.

Das holländische Gericht untersagt diese Befragungen jetzt, die RusAl offensichtlich benutzen wollte, um im nächsten Schritt gerichtlich gegen Potanin vorzugehen.

Die Begründung der Richter lautet: „Selbst wenn das, was RusAl Trafigura vorwirft, wahr sein sollte, hat Trafigura weder das russische noch das holländische Gesetz verletzt; deshalb hat RusAl kein Recht, Zeugen von Trafigura zu befragen.“

Dieses Urteil war letzten Freitag ergangen. Am selben Tag musste Deripaska eine weitere Schlappe hinnehmen: Ein Gericht des Karibik-Kleinstaates St. Nevis wies eine Klage von RusAl gegen zwei Tochterunternehmen von NorNickel als „zum Scheitern verurteilt“ und „Rechtsmissbrauch“ zurück.

Dabei geht es ebenfalls um die Buy-Back-Aktion von NorNickel-Aktien, die RusAl mit allen Mitteln verhindern wollte, dies aber im Endeffekt nicht konnte.

Deripaska wirft den NorNickel-Töchtern Absprache mit Potanins Interross vor, um RusAl zu schaden. Das Geschäft mit Trafigura sei nur zum Schein geschlossen worden. Alle zusammen hätten die Absicht gehabt, RusAl zum Aktienverkauf zu zwingen.

Deripaskas in der Schweiz anhängige Klage wegen Geldwäsche gegen den Hyposwiss-Verwaltungsrat Hans Bodmer steht ebenfalls kurz vor dem Scheitern. Die schweizerische Bundesanwaltschaft hatte die Klage abgewiesen, eine Entscheidung des Bundesgerichts steht noch aus.

RusAl wirft Bodmer vor, über eine Milliarde Dollar aus NorNickel abgezogen und auf Potanins Konto überwiesen zu haben. Potanin hat bei NorNickel einen Aktienanteil von 30 Prozent, Deripaskas RusAl besitzt 25 Prozent. Sie streiten sich seit Jahren erbittert um die Anteile bei NorNickel.

Deripaska sitzt dabei immer mehr auf einem absteigenden Ast, denn er ist bis über beide Ohren verschuldet. Letzte Meldung von dieser Front: Bei der französischen Großbank BNP Paribas ist er in Zahlungsverzug geraten. Es geht um einen 2007 aufgenommenen Kredit über 87 Millionen Dollar.“

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Adolf Zöllner auf Kur in Bad Salzuflen – hier besuchte ihn kurz seine in der Nähe lebende jüngere Schwester Hermine mit ihren zwei Kindern aus erster Ehe. (Siehe dazu: http://www.stadt-bad-salzuflen.de/startseite.html)

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2011 berichtete „sputniknews.com“:

Das ukrainische Aluminiumwerk Saporoschje (ZALK) ist wieder entstaatlicht worden. Das Höchste Wirtschaftsgericht der Ukraine entschied, den Beschluss eines Gerichts erster Instanz außer Kraft zu setzen, den russischen Milliardär Oleg Deripaska zu enteignen und die Aktienkontrollmehrheit von ZALK wieder zu verstaatlichen. Das meldete die ukrainische Nachrichtenagentur Unian am Donnerstag unter Berufung auf den Vermögensfonds der Ukraine.

Das ökonomische Berufungsgericht von Kiew hatte im vergangenen Mai einem Antrag der Generalstaatsanwaltschaft entsprochen, das Kontrollpaket des ZALK-Konzerns – des einzigen Aluminiumproduzenten in der Ukraine – zu verstaatlichen. Dabei wurden mehrere Gründe genannt, so die mangelhafte Erfüllung der übernommenen Investitionsverpflichtungen durch den Eigner.

RusAl (Der russische Aluminiumkonzern) hat immer darauf bestanden, gewissenhafter Käufer des Mehrheitsanteils an ZALK gewesen zu sein. Der jüngste Gerichtsbeschluss bestätigt unsere Position‘, hieß es beim Pressedienst des von Deripaska kontrollierten RusAl-Konzerns.“

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Das Ehepaar Zöllner mit neuem Auto vor „ihrer“ Pension Herzogenhorn, heute ein schwarzwälder „Leistungszentrum“ (Näheres dazu siehe: http://www.herzogenhorn.info/).

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Hier machte der Aluminiumwerker Sven Heymann zuletzt gerne Urlaub. Heute steht das Ferienheim leer:

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2011 schickte das „Magazin Mitbestimmung“ der Hans-Böckler-Stiftung des DGB (boeckler.de) eine Redakteurin in eines der sibirischen Werke des Rusal-Konzerns:

Der größte Aluminiumkonzern der Welt, er gehört zwei Oligarchen, ist hoch wettbewerbsfähig und hat eine düstere Umweltbilanz: Die russische Hüttengewerkschaft öffnete fünf Arbeitnehmer-Aufsichtsräten der IG Metall die Türen zum gigantischen Aluminiumwerk in Sibirien.

Dichter Dunst hängt über Krasnojarsk: Die Plattenbauten am anderen Ufer des Jenissej-Flusses verschwinden in einem Nebel aus Schadstoffen. Vom Stadtzentrum sind es nur wenige Kilometer zum Aluminiumwerk. Das ist gigantisch. Hinter dem Werkstor bauen sich dichte Reihen hellblau getünchter Hüttengebäude auf, man bräuchte eineinhalb Stunden, um das ganze Werksgelände zu durchqueren. Es herrscht Sommerhitze in Sibirien, 35 Grad plus. Routiniert streifen sich die vier Betriebsratsvorsitzenden aus deutschen Werken der Aluminiumindustrie und Hannelore Elze, die IG-Metall-Zweigbüro-Leiterin, die schwere Arbeitsmontur über: blauer Baumwollanzug, Arbeitsschuhe, Helm, Brille. Eine Werksbesichtigung ist wie eine Brandschutzübung: Alle dicht zusammen, keiner darf aus der Reihe tanzen –, und nachdem sich Eugene Kuryanov, der Produktionsleiter der Aluschmelze, mit einem Blick vergewissert hat, dass die Brillen sitzen und der Mundschutz auch, nickt er, und los geht’s. Sie sind voll freudiger Erwartung: die erste deutsche Gewerkschaftsdelegation, die die Krasnojarsky Aluminievy Savod, KRAS, besuchen darf. „Dieses Werk ist berühmt in der Aluminiumindustrie, weil es lange Zeit das größte war“, sagt Peter Camin, Betriebsratsvorsitzender im Hydro-Walzwerk in Hamburg, das zu dem norwegischen Konzern Norsk Hydro gehört.

Die Manager in unserem Betrieb waren baff, dass wir in das Werk des Rusal-Konzerns überhaupt reinkommen“, verrät Betriebsratschef Bernd Feuerpeil, dessen Koblenzer Aleris-Standort zwei US-Finanzinvestoren gehört. Mit dabei auch die BR-Vorsitzenden Ernst Schumacher aus dem Norsk-Hydro Walzwerk in Grevenbroich und Ingo Schmidtke vom Novelis-Walzwerk in Lüdenscheid, das seit zwei Jahren einen indischen Eigentümer hat.

Die Aluminiumindustrie ist global. Und wird von einer Handvoll Konzernen regiert. Was dazu führt, dass die zur IG Metall gehörenden Aufsichtsräte ständig darüber reden, welches Werk Alcoa gerade kauft oder was für eine Strategie Rusal fährt. „Jeder Konzern“, sagt Camin, „muss präpariert sein, wer von seinen Konkurrenten den nächsten Schritt tut.“ Die Arbeitnehmer-Aufsichtsräte aus Elzes eingeschworener Alubranchen-Truppe waren bereits in den Schmelzen in Brasilien. Sie wissen: Die BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China – sind heute die Wachstumsmärkte, mächtige Konkurrenten, aber auch mögliche Partner.

SCHWITZENDE HÜTTEN In der Elektrolyse – den Hallen, wo der Schmelzvorgang in Öfen abläuft – ist es düster und brütend heiß. Arbeiter in Schutzanzügen stochern in einem weißen Pulver, dem Aluminiumoxid, herum. Es dampft, es zischt aus den Elektrolysezellen: Die bald 50 Jahre alten Hütten schwitzen die Emissionen regelrecht aus. Staub hat die Fenster blind gemacht, die Gebäude auf dem Industriegelände verfärbt. Die Schmelzöfen sind noch von 1964, als das Werk zu Sowjetzeiten gegründet wurde; seitdem wird fast ausschließlich im Söderberg-Verfahren gearbeitet, erläutert Werksleiter Jewgeni Nikitin. Das ist das älteste Verfahren der großtechnischen Aluminiumherstellung. Camin und Elze schauen sich an: „In Norwegen wurden wegen der Umweltbelastung gerade die letzten drei Söderberg-Hütten dichtgemacht“, sagt Camin. In Deutschland wird auf diese Weise schon lange kein Aluminium mehr hergestellt. Krasnojarsk liegt auf Platz acht unter den Top Ten der oft brutal belasteten Städte Russlands, jährlich werden 150 000 Tonnen Schadstoffe in die Luft emittiert. „Das Aluminiumwerk stößt 290-mal mehr krebserregendes Benzopyren aus als zulässig. Die Belastung durch das besonders gefährliche Fluor, das bei der Aluminiumproduktion anfällt, ist massiv“, sagt Roman Pukalow von der Grünen Patrouille, einer Umweltorganisation, in einem Interview, das die IG-Metall-Betriebsräte nach der Reise herummailen. Das Einzige, was das Unternehmen Rusal getan habe, sagt Pukalow, sei ein Umsiedlungsprogramm, „weil die Menschen rund um das Werk permanent einer lebensgefährlichen Belastung ausgesetzt sind.“

Nicht zufällig definiert es Produktionsleiter Kuryanov als „unsere Hauptaufgabe“, dass „die Belastungen aus dem Arbeitsprozess verschwinden“. Nicht zufällig ist die erste Frage der Krasnojarsker Hüttengewerkschafter an die deutschen IG-Metall-Kollegen: „Sind die Hüttenbetriebe in Deutschland auch mitten in der Stadt?“ Beiläufig erwähnt eine russische Gewerkschafterin, dass die elektromagnetischen Felder an den Öfen gesundheitsschädlich sind. Sonst spricht keiner in Krasnojarsk in den drei Besuchstagen von Schadstoffen, nicht vom Fluor, nicht von den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, die durch den Einsatz von Teerpech entstehen und nachweislich Krebs verursachen. „Bei uns kann man die Menschen kostenlos vergiften“, sagt Umweltaktivist Pukalow sarkastisch, denn „die industriellen Dreckschleudern sind für ihre Besitzer Goldgruben“. Für Russland ist die Modernisierung seiner Industrie ein Dauerthema. Hannelore Elze fragt den Produktionsleiter von KRAS, woher das Werk die moderneren Anoden kauft. „Aus China“, antwortet der, und die IG-Metall-Aufsichtsrätin denkt laut darüber nach, ob KRAS aus Deutschland umweltfreundlichere Technologie beziehen könnte.

DER OLIGARCH Peter Camin schaut interessiert auf den Schriftzug an einer der Aluminiumhütten und lässt sich die drei Worte übersetzen: „Hier beginnt Rusal.“ Hier im Werk in Krasnojarsk liegen die Anfänge des derzeit größten Aluminiumkonzerns der Welt „Ruskyi Aluminyi“. Und hier in der Krasnojarsker Region kämpften in den 90er Jahren rivalisierende Gruppen um die Kontrolle über die russische Aluminiumindustrie – es war die Zeit der Aluminiumkriege und der mafiaähnlichen Strukturen. Der junge Boris Deripaska knüpfte familiäre Verbindungen zum Jelzin-Clan und stieg zum milliardenschweren Oligarchen auf. Die Gewinne waren anfangs gigantisch, doch in der jüngsten Wirtschaftskrise drohte das Imperium des Boris Deripaska zusammenzustürzen. Zu stark fiel der Aluminiumpreis, zu hoch waren die Schulden. Deripaska musste seine Auslandsbeteiligungen an Hochtief und Magna verkaufen, sein 25-Prozent-Anteil an der Strabag SE war verpfändet worden. Letztlich rettete der russische Staat Rusal, indem er die Haftung für die Schulden übernahm. Immerhin war der Aluminiumgigant auch auf Geheiß Putins 2007 geschmiedet worden, wobei zwei Oligarchen den Rohstoffhändler Glencore mit ins Boot nahmen.

STAUDAMM DER SUPERLATIVE   Strom ist der wichtigste Rohstoff bei der Aluminiumproduktion und sein Preis der entscheidende Wettbewerbsfaktor. Unter den Alukonzernen bezieht Rusal mit den billigsten Strom – wie ein weltweiter Preisvergleich von Analysten belegt. Auf 30 Prozent der Kosten veranschlagt Sergej Svirov, der regionale Gewerkschaftschef der Hüttengewerkschaft, die Ausgaben für Strom im Krasnojarsker Werk – Tendenz steigend. Aber immer noch ein Riesen-Wettbewerbsvorteil; bei uns machen die Stromkosten 60 bis 70 Prozent aus. Die Löhne fallen dagegen kaum ins Gewicht.

Die Energie für die Krasnojarsker Schmelzen kommt vom Jenissej – aus einem Wasserkraftwerk der Superlative: Der Staudamm von Divinogorsk liegt ein paar Kilometer nördlich der Stadt und ist derzeit der größte Stromproduzent Russlands mit einer Kapazität von sechs Millionen Kilowatt, was vier Atommeilern entspricht, wie Peter Camin gleich ausrechnet. Das Wasserkraftwerk hat seit 1967 augenscheinlich schon etwas Rost angesetzt. Und seitdem das Klima massiv verändert. Früher war der Fluss 166 Tage im Jahr zugefroren, heute ist er immer eisfrei. Am gegenüberliegenden Ufer erblicken die Besucher aus Deutschland ein fantastisch anmutendes Schiffshebewerk: 1500-Tonnen-Schiffe werden wie Spielzeuge in einen Trog geladen und auf Schienen die 102 Meter hohe Staustufe hochgezogen.

Mega-Dimensionen auch in der Gießerei. Dort sind die Aluminiumbarren gestapelt, als wären es Bauklötze. Jeder wiegt 30 Tonnen und misst 12 mal 2,5 Meter. Überwiegend sortenreines Aluminium, das man großflächig walzen kann, für Folienmaterial etwa. Die Betriebsräte nicken anerkennend. Fast eine Million Tonnen pro Jahr werden von den russischen Hüttenarbeitern in Hitze und Schadstoffqualm produziert für Monatslöhne zwischen 650 und 950 Dollar. Man exportiert in das nicht weit entfernte China genauso wie nach Deutschland. Mit der Transsibirischen Eisenbahn werden die Barren auf dem Landweg nach St. Petersburg gebracht, von dort über die Ostsee bis nach Rotterdam verschifft, von wo sie den Rhein hoch oder in Lkws nach Hamburg transportiert werden – in die Walzwerke jener Betriebs- und Aufsichtsräte, die hier um die gigantischen Blöcke herumstehen.

Vor zwei Tagen haben die den umgekehrten Weg entlang der Produktionskette zurückgelegt, sind sieben Stunden Richtung Osten geflogen und haben dabei sechs Zeitzonen durchquert. Alle sind neugierig, wie Sibirien sich anfühlt. Im Flugzeugfenster sieht man die Waldgebiete der Taiga mit mächtigen Flüssen und Fabriken der Hüttenindustrie. Die Region ist reich an Erzen und Edelmetallen. Erst in der Stalin-Zeit war Krasnojarsk zur Großstadt expandiert, als Zentrum der Schwerindustrie, der Militärforschung, der Atomindustrie – und wurde Heimat vieler russischer Zwangsarbeiter. Angesichts dieser düsteren Geschichte strahlen die Menschen einen überraschenden Optimismus aus. Sie lieben ihre Stadt mit dem alten Jugendstilbahnhof und der modernen Philharmonie.

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Krasnojarsk

Krasnoyarsk Aluminium Smelter

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Im rechten Flügel des schneeweißen Rathauses hat der Gewerkschaftsdachverband FNPR seinen Sitz. Im Foyer mahnt Putin auf einem Plakat mit erhobenem Finger die russischen Arbeitgeber: „Betrug gegenüber Ihren Arbeitern ist unanständig“. In den Räumen der Hüttenarbeiter warten schon zwei junge Journalisten von der Gewerkschaftszeitung. Sie fragen: „Was lernen Sie voneinander?“, und Ernst Schumacher sagt: „Dass die Gewerkschaften hier schon in den Berufsschulen Kontakt zu Azubis aufnehmen, das nehmen wir als Idee mit.“ Alle sind neugierig, was die deutschen Gewerkschaften von dem – aus russischer Sicht befremdlichen – Atomausstieg halten. Am Ende stellt die rehäugige Journalistin eine Frage von historischer Wucht: „Was bedeutet es für Gewerkschaften, dass sie aus der Heimat von Karl Marx kommen?“, fragt sie, und allen verschlägt es die Sprache. Um den „runden Tisch“ sitzen derbe, tatkräftige Gewerkschaftsfrauen aus den Hüttenbetrieben. Bestimmt sind einige Kranführerinnen, in Russland ein reiner Frauenberuf. Die Gewerkschaftsfrauen wollen wissen, ob in Deutschland auch die Rentner im Betrieb weiterarbeiten wie in Russlands Hüttenindustrie, wo das frühere Renteneintrittsalter 50 Jahre ist und 45 für Frauen. Aber alle schuften noch rund zehn Jahre länger, weil die Rente nicht reicht. Die Gewerkschafterinnen fragen, warum in Deutschland Frauen genauso lange arbeiten müssen wie die Männer – und der erstaunt-missbilligende Unterton ist unverkennbar. Die Deutschen nennen ein gesetzliches Rentenalter von 67 Jahren, was in Russland absurd erscheinen muss, wo die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer nach wie vor bei nur 60 Jahren liegt – Mann stirbt dort 15 Jahre früher als in Deutschland.

Irina Ledeneva sitzt unter ihren sehr aktiven Gewerkschaftsfrauen. Die stellvertretende Vorsitzende der russischen Hütten- und Bergbaugewerkschaft (GMPR) hat den Zugang zum Aluminiumwerk in Krasnojarsk möglich gemacht, und sie dirigiert durch das Besuchsprogramm. Vorbildlich pünktlich und stets elegant gekleidet, ist Ledeneva mit der eisernen Disziplin einer Frau ausgestattet, die sich durchzusetzen gelernt hat. Auch gegenüber dem Arbeitgeber. „Rusal, das ist ein Imperium“, sagt Irina, „alles, was das Werk in Krasnojarsk betrifft, wird in Moskau entschieden.“ Nicht weit vom Roten Platz hat Ledeneva im Gewerkschaftshaus der GMPR, einem schönen Gründerzeitgebäude, vor ein paar Wochen den Personalmanager von Rusal überzeugt, dass die Deutschen das ältere Werk in Krasnojarsk besichtigen wollen und nicht ein technisch moderneres. „Nichts ist wolkenlos in den Verhandlungen mit dem Arbeitgeber“, seufzt Ledeneva. Dass der in Honkong notierte Konzern ein harter Brocken ist, kann auch Victor Kachulkin, Vorsitzender des Gewerkschaftskomitees von KRAS, bestätigen: „Der Arbeitgeber ist sehr stark, unsere Beziehungen sind wie ein Schachspiel. Aber euer Aufenthalt hier ist für uns wie eine Königin im Schach“, strahlt er. Denn wo sonst die Manager unter sich sind, dürfen sich heute die Mitglieder des Gewerkschaftskomitees präsentieren – im Business-Center der Aluschmelze. Die Personalchefin im cremefarbenen Cocktailkleid sagt, die Gewerkschaft interessiere sich vor allem für Kulturmaßnahmen, was Irina Ledeneva später strikt zurückweisen wird. Hat doch die Hüttengewerkschaft mit 78 Prozent Organisationsgrad unter den 4150 Beschäftigten des Aluminiumwerks eine starke Basis. Lohn, Arbeitsschutz, Ausbildung und Sozialleistungen sind Bestandteil ihrer Kollektivverträge. Über eine paritätisch besetzte Schlichtungsstelle moderieren sie individuelle Arbeitskonflikte und leisten Rechtsbeistand. Vieles, was die Mitglieder des Gewerkschaftskomittes von KRAS über ihre betriebliche Arbeit erzählen, kommt den Deutschen bekannt vor, zumal beide Seiten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben: Überalterung, Fachkräftemangel, Mitgliedergewinnung.

LEBENDE LEGENDE  Dass die russische Hüttengewerkschaft eine ganz normale Arbeitnehmerorganisation im Staatskapitalismus geworden ist, belegen nicht zuletzt die Mitgliederzahlen. 2006 hatte diese einflussreiche Gewerkschaft 1,2 Millionen Mitglieder, heute sind es noch 800 000. In der Krise hat die GMPR 30 000 Mitglieder pro Monat verloren, verrät Alexander Kulagin, der als Übersetzer und Berater nicht von der Seite Irinas weicht. Der 70-jährige Kulagin, der seit nunmehr 35 Jahren die russische Hüttengewerkschaft im In- und Ausland vertritt und perfekt deutsch spricht, ist in internationalen Gewerkschafterkreisen eine lebende Legende. Er war letztes Jahr auf einem Organizing-Seminar der IG Metall in Hattingen zusammen mit Galina Kudryaskova, die im KRAS-Gewerkschaftskomitee die Jugendarbeit macht.

Mitgliederaktivierung ist ein vitales gemeinsames Interesse zwischen Deutschen und Russen. Betriebsratsvorsitzender Bernd Feuerpeil hat in diesem Jahr die Mitgliederwerbung „zur Chefsache gemacht“. Er schaut auf sein Blackberry und strahlt: „Wir haben drei Angestellte dazubekommen.“ Auch Ernst Schumacher mailt gerade Glückwünsche zurück an seine Stellvertreterin, weil sie einen weiteren Mitarbeiter im Walzwerk in Grevenbroich für die IG Metall gewonnen hat, „über persönliche Ansprache, übers Herz“. Kollege Feuerpeil hält das Blackberry hoch und sagt: „Ohne das müsste ich heimreisen“, und moderiert weiter den heimischen Konflikt um ein neues Schichtsystem. Auch Ingo Schmidtke gibt online von Moskau aus seinen Betriebsratskollegen Rückendeckung in einer Auseinandersetzung mit dem indischen Eigentümer.

Aber im selben Moment kann man ja heutzutage über den Roten Platz laufen und die Kremlmauer umrunden. Im Rückblick sind sich alle einig, wie mühelos man sich menschlich und kulturell verständigen konnte mit Galina, Victor und Sergej, den Gewerkschaftern aus Sibirien, und mit Irina und Alexander aus Moskau. Rusal ist kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte der globalen Aluminiumindustrie. Das kann nur von Nutzen sein, wenn demnächst irgendwo die russischen Investoren vor der Tür stehen.“

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Zur Abwechslung mal wieder ein Urlaub im Thüringer Wald, links Marga Zöllner mit dem Aluminiumwerker aus Bitterfeld, der dort mit einigen Kollegen aus seiner Brigade auf Weiterbildung war. Das Haus, vor dem sie hier posieren, gehört ihrem in Rente gegangenen Brigadier Karl Maurer (außen rechts).

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2011 besuchte auch die taz ein Aluminiumwerk – allerdings beim russischen Konkurrenten, dem US-Konzern Alcoa. Das besuchte Alcoa-Werk befindet sich auf Island, wo Umweltschützer den geplanten Bau lange Zeit zu verhindern versucht hatten:

REYDASFJÖRDUR Der Geruch von verbranntem Metall hängt schwer in der Luft der Produktionshalle. Über mehrere hundert Meter lang reihen sich hunderte Becken aneinander, in denen vollautomatisch Aluminium abgeschieden wird. Eine chemische Reaktion, es zischt und dampft. Absperrungen und Warnlichter signalisieren: Bis hierhin und nicht weiter!

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Isländisches Aluminiumwerk

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„Die Anlage ist auf dem neuesten Stand der Technik. Wir produzieren hier sehr sauber, die einzige Verschmutzung ist CO2, alles andere wird recycelt“, sagt Gudmundur Bjarnason, PR-Manager der derzeit größten Aluminiumschmelze Islands. Sie gehört Alcoa, dem weltweit drittgrößten Aluminiumproduzenten. Um gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Maschinen anzukommen, muss er fast schreien: „Hier auf Island haben wir saubere Energie, das ist doch besser als in China. Dort kommt der Strom aus veralteten Kohlekraftwerken.“ Mit blauem Overall, Schutzbrille und Arbeitshelm unterscheidet er sich kaum von den wenigen Arbeitern, die vereinzelt die Walzstraßen im Herzstück der Anlage überwachen.

Der hochautomatisierte Produktionsprozess ist kaum noch auf menschliche Arbeitskraft angewiesen. Die Luft ist heiß und stickig. Das Aluminium wird je nach Qualität getrennt, in Barren gepresst oder auf Spulen gewickelt. „Die Aluminiumbarren kühlen hier ab und werden automatisch auf Frachtschiffe verladen“, sagt der Manager. Der Weltmarkt benötige in Zukunft extrem viel Aluminium, insbesondere die Autoindustrie, fügt Bjarnason hinzu. Er zeigt sich überzeugt von den Vorteilen, die die Aluminiumindustrie für Island und das Werk für die strukturschwachen Ostfjorde bringt. Als ehemaliger Bürgermeister des malerisch gelegenen Reydarfjördur kennt er die Probleme und Ängste der Menschen.

Sein Nachfolger im Amt, Páll Björgvin Gudmundsson, hat sein Büro im Gebäude der Ortsverwaltung im Zentrum des kleinen ehemaligen Fischerortes. Es sind nur wenige Meter bis zum Strand, am Pier liegt gerade ein Hochseefrachter vertäut, der die Aluminiumschmelze mit Rohstoff beliefert. Gleich zu dritt erscheint die Stadtführung zum vereinbarten Gesprächstermin.

„Bevor Alcoa 2007 das Werk eröffnete, lag die Gemeinde wirtschaftlich danieder. Bei den Menschen herrschte Depression und Perspektivlosigkeit“, sagt Ingibjörg Ólafsdóttir, Mitarbeiterin des Bürgermeisters. „Doch jetzt geht es wirtschaftlich bergauf“, schwärmt Bürgermeister Gudmundsson. Vierhundert Arbeitsplätze im Werk sollen entstanden sein, 300 darüber hinaus. Über Alcoa haben die Lokalpolitiker nur Gutes zu berichten. Der Konzern sponsert Warnwesten für die Schulkinder im Ort. Und vermutlich einiges mehr.

Gudmundssons Team klingt gerade so, als scheine ein Existieren des Ortes ohne die Fürsorge Alcoas nicht mehr möglich zu sein. Das Stadtbild Reydarfjördurs spricht eine andere Sprache: Bei all der Euphorie über den vermeintlichen Aufschwung wollen die neuen, aber nur zur Hälfte bewohnten Apartmentkomplexe nicht recht ins Bild passen. Wie stumme Zeugen wachen die sechsstöckigen Fremdkörper aus Beton über den sonst so hübschen Ort. Viele Arbeiter überlegen es sich schnell wieder anders, wollen hier nicht bleiben. Denn 12-Stunden-Schichten und ein dank der Schwerindustrie signifikanter Männerüberschuss führen zu massiven sozialen Problemen und hoher Arbeitsplatzfluktuation bei Alcoa, berichtet Thorstein Bergsson von der Grünen Partei Islands.

Nicht jeder also ist so begeistert von der Ansiedlung des Aluminiumwerks wie Reydarfjördurs Bürgermeister Gudmundsson. „Ich verliere meine Lebensgrundlage“, klagt Örn Thorleifsson. Der Bauer und Seehundjäger kommt mit schlammverspritzten Gummistiefeln aus der Tür seines Stalles. Sein Gehöft Húsey liegt auf einem kleinen Hügel im fruchtbaren Flachland der Küste. „Ich bekomme die Auswirkungen hier am eigenen Leibe zu spüren.“ Hinter Thorleifssons Haus mündet der vom Kárahnjúkardamm gestaute Fluss ins Meer. Während er in Richtung seines einfachen Bauernhauses trottet, weist er auf die nahe Küste: „Das Meer raubt mir täglich mehr von meinem Weideland. Seitdem der Fluss im Hochland gestaut wird, führt er keinen Sand mehr mit sich, der der Erosion durch das Meer entgegenwirken kann.“

Am Haus angekommen tauscht er seine Arbeitskleidung gegen Bequemes, setzt sich in seinen Sessel. „Unsere Robbenpopulation schrumpft merklich.“ Thorleifsson macht dafür den Mineralienmangel der für die Aluminiumproduktion aufgestauten Flüsse verantwortlich, der sich nun in der Nahrungskette an seiner Küste bemerkbar macht. Die Robben sind in nahrungsreichere Gebiete abgewandert.

Das Thema Aluminiumproduktion treibt Thorleifsson, wie vielen Isländern, die Zornesröte ins Gesicht: „Islands Natur und Energiereserven werden verramscht, um den Reichtum einiger Großkonzerne zu mehren“, sagt er bitter. Er hatte lange gegen das Megaprojekt am Kárahnjúkar-Damm gekämpft.

Fünf Kilometer landeinwärts tobt ein Sturm. Mächtige Wellen branden gegen das graue Bollwerk aus Stein und Beton, und die Gischt des aufgewühlten Stausees spritzt vier oder fünf Meter hoch. Die Ausmaße des Damms sind schier beeindruckend. Von der Dammkrone aus gleitet der Blick schwindelerregend in die Tiefe. Einer uneinnehmbaren Festung gleich türmt sich die Staumauer 193 Meter hoch auf. Höher als der Dreischluchtendamm in China.

Eines der größten Wildnisgebiete Europas wurde hier in einen künstlichen See verwandelt. Grasende Rentiere und nistende Kurzschnabelgänse sind den vom Gletschersand getrübten Wassermassen auf 57 Quadratkilometern gewichen. Der Staub der öden Uferflächen treibt vom Sturm aufgewirbelt durch die Luft. Durch eine 40 Kilometer lange Röhre stürzt das Wasser über 600 Meter Gefälle zum Kraftwerk hinunter. Hier wird der Strom erzeugt. Allerdings nicht, um isländische Haushalte mit Energie zu versorgen, sondern einzig und allein, um die Aluminiumschmelze in Reydarfjördur zu betreiben.

Der Kárahnjúkardamm ist das wohl umstrittenste Bauwerk der isländischen Geschichte. Vielen Isländern ist er zum Symbol des Raubbaus an ihrer fragilen subarktischen Natur geworden. Geht es nach den ehrgeizigen Plänen von Staat und Schwerindustrie, so ist dies nur der Anfang. Eine neue Aluminiumschmelze des Alcoa-Konkurrenten Century Aluminium ist schon im Bau, eine weitere von Alcoa in der Planung. Bauxit, das Ausgangsprodukt für Aluminium, kommt auf Island gar nicht vor. Es wird eigens importiert, meist aus Australien und Brasilien, und legt eine Seereise um den halben Erdball zurück. Möglichst bald schon möchte Island zu den Top Ten der weltweiten Aluminiumproduzenten gehören. Ein Ende der Expansion der äußerst energieintensiven Aluminiumbranche ist nicht in Sicht.

An der Universität Reykjavík fällt Andri Snær Magnason im Gedränge kaum auf. Der 37-jährige Schriftsteller und studierte Physiker ist jedoch Träger des wichtigsten isländischen Literaturpreises. Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als er unter tosendem Beifall das Podium betritt. Die isländische Natur spielt in seinen Werken eine herausragende Rolle. Ruhig ist sein Gedichtvortrag. Bis er zum eigentlichen Thema seines Vortrags kommt – denn Magnason hat einen echten Bestseller geschrieben: „Draumalandid“ (Traumland), eine Abrechnung mit der Energiepolitik der Regierung und dem Bau des Kárahnjúkardamms. Die Leute sind deswegen zur Lesung gekommen.

„Die Energieproduktion eines entwickelten Landes in vier Jahren zu verdoppeln, ist verrückt“, sagt Magnason mit einer Stimme, in der Wut und Empörung mitschwingt. „Das Ganze dann nochmals zu verdoppeln, wie in Island geplant, ist schlichtweg Wahnsinn.“

Magnason ist so eine Art Michael Moore Islands. Einen Film zum Thema hat er auch in die Kinos gebracht. Er genießt Kultstatus. Denn Isländer sind naturverbunden. Die Launen der Natur – Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, tobende Schneestürme – sind fester Bestandteil des Alltags, Naturgottheiten und Elfen bilden die Alltagsmythen. Und mit seiner herben Kritik an Islands Umgang mit der Natur ist Magnason nicht allein unter Literaten. Schon vor 40 Jahren sprach Halldor Laxness, der isländische Literaturnobelpreisträger, vom „Krieg gegen das Land“ in Bezug auf den Raubbau an der Natur.

Ein paar Straßen weiter, inmitten der Innenstadt von Reykjavík, hat Sigmundur Einarsson, Geologe am Icelandic Institute of Natural History, sein Büro. Seine Berufung ist schon beim Hereinkommen nicht zu übersehen. In der Ecke ein versteinerter Baumstamm, an den Wänden geologische Karten und Regale mit Fachbüchern. Auch er wirkt wie jemand, den so schnell nichts aus der Bahn wirft: wacher Blick und fester Händedruck.

„Ich warne seit Jahren vor den Auswirkungen der immer exzessiveren Ausbeutung unserer Energieressourcen“, sagt er und öffnet eine Schublade, zieht eine Karte Islands hervor und breitet sie auf seinem Schreibtisch aus. „Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Energie wird in Island stark überschätzt.“ Mit roten Kreisen markiert er all die Gebiete, die für die Energiegewinnung genutzt werden. „Die Geothermiequellen werden bereits bis zur Belastungsgrenze ausgebeutet. Weitere Staudamm-Megaprojekte kann sich Island schon finanziell nicht leisten, von der ökologischen Vertretbarkeit ganz zu schweigen“, sagt er erregt und pocht wiederholt mit dem Stift auf die Karte. Ob Geothermie oder Wasserkraft – die für weitere Aluminiumschmelzen erforderliche Energie kann seiner Meinung nach nicht nachhaltig bereitgestellt werden.

Islands Gesellschaft ist verunsichert. Von der Bankenkrise bis ins Mark erschüttert graben sich die Differenzen zwischen Befürwortern und Gegnern der industriellen Großprojekte immer tiefer ins Fundament der Gesellschaft. Dabei steht viel auf dem Spiel: eine der schönsten aber auch fragilsten Naturlandschaften Europas.“

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Einen Überblick über die isländische Aluminiumindustrie gibt das isländische Nachrichtenportal „eldey.de“:

Zu den energieintensiven Industrien gehören vor allem Unternehmen der Siliziummetall- und der Aluminiumproduktion. Unternehmen dieser Art sind in Island aufgrund der günstigen Produktion bei geringen Strompreisen sesshaft geworden, obwohl der zur Aluminiumherstellung nötige Rohstoff Bauxit von Australien und Brasilien nach Island gebracht werden muss. Dieser logistische Aufwand zeigt, wie attraktiv die günstige Energie Islands für diese Branche ist.

Einige gescheiterte Projekte zu Beginn der 1990er Jahre sind auf Exportsteigerungen von Metallen aus der zerfallenden Sowjetunion zurückzuführen, die die Weltmarktpreise für solche Produkte stark sinken ließen. Nachdem Island aber in der Mitte der 1990er Jahre seine Inflation bei einem gesunden Wirtschaftswachstum im Griff hatte, zeigten sich wieder Interessenten am Standort Island:

  • Ende 1995 erweiterte die Allusuisse-Lonza ihre bereits bestehende Aluminiumhütte ÍSAL von 100.000 auf 162.000 Tonnen Jahreskapazität.

  • 1997 erfolgte die Gründung der Aluminiumhütte Norðurál als Tochtergesellschaft der amerikanischen Columbia Ventures Corporation. Sie erreicht eine jährliche Produktionsmenge von 60.000 Tonnen Aluminium.

  • Ende der 90er Jahre wurde die bereits bestehende Ferro-Siliziumhütte der Icelandic Alloys Ltd. erweitert. Dadurch wurde die bisherige Jahreskapazität von 70.000 Tonnen um 40.000 Tonnen gesteigert.

Gegenüber der Siliziumhütte hat die Aluminiumindustrie mit siebenmal höherem Export eine wesentlich bedeutendere Position in der isländischen Wirtschaft. Sie erzielt mittlerweile rund zwölf Prozent aller isländischen Exporterlöse. Der Energieverbrauch ist durch die Ansiedlung dieser Unternehmen in den 90er Jahren stark gestiegen. Die Industrieanlagen benötigen heute rund 64 Prozent des gesamten Stromverbrauchs Islands.“

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Das Ehepaar Zöllner zu Besuch bei „Onkel Detlef“ in Bochum, wo er als Prokurist bei einer Möbelfirma angestellt war.

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Auch eine Schulklasse besuchte ein Aluminiumwerk – in Westfalen:

Arnsberg/Ense. Die Arbeits- und Ausbildungsplätze bei F.W. Brökelmann Aluminiumwerk GmbH + Co. KG in Ense erkundete jetzt der Arbeitskreis Schule/Wirtschaft Arnsberg. Der Unternehmensverband Westfalen-Mitte e. V. hatte Pädagogen aller Schulformen aus Arnsberg eingeladen, um diesen Hilfe bei der Berufswahlvorbereitung ihrer Schüler zu geben. Nach einer Begrüßung durch Personalleiter Franz Jost und Ausbildungsleiterin Elke Wagner stellten zwei Auszubildende die Geschichte des 1910 gegründeten Unternehmens, die Geschäftsbereiche Bau, Industrie und Automotive, Produktionsabläufe sowie die Ausbildungsberufe vor.

Auch gute Hauptschüler haben Chance auf qualifizierte Ausbildung

Auf unsere Ausbildungsquote von über zehn Prozent sind wir sehr stolz“, sagte Ausbildungsleiterin Wagner, bevor sie den Pädagogen die Anforderungen ihres Hauses an Ausbildungsplatzbewerber vorstellte. „Auch gute Hauptschüler/innen haben bei uns eine Chance, eine qualifizierte Ausbildung zu beginnen“. In mehreren Gruppen konnten die Pädagogen bei der anschließenden Betriebsführung live erleben, wie aus 18 Legierungen die unterschiedlichsten Aluminiumprofile hergestellt wurden.

In sieben Arbeitskreisen Schule/Wirtschaft steht die moderne Arbeitswelt unserer Region mit ihren vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Pädagogen aller Schulformen, die sich in den Arbeitskreisen engagieren, finden hier die Möglichkeit, sich den betrieblichen Alltag in unseren heimischen Unternehmen im Rahmen von Betriebserkundungen selbst anzusehen und sich mit Personalverantwortlichen und Ausbildern über die beruflichen Perspektiven ihrer Schülerinnen und Schüler auszutauschen. Die Veranstaltungen dienen der Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler. Über ihre Lehrer sollen sie über das Ausbildungsangebot der Region informiert werden.“

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Zufällig fand am Stadtrand von Bochum gerade eine Polizeiübung statt.

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Und der Mann, der hier die Seiltreppe hochklettert, hat seine komplette Wohnungseinrichtung bei „Onkel Detlef“ gekauft. Bei genauerem Hinsehen erkennt man auf dem Balkon links im Hintergrund ein Ehepaar, der Mann winkt – und der Seilkletterer winkt ihnen zurück – es sind seine ehemaligen Nachbarn Karin und Horst Mattfeld.

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Etliche Journalisten fuhren zu einem ungarischen Aluminiumwerk – „Die Welt“ berichtete:

„In Ungarn ist der Chef der Betreiberfirma des Aluminiumwerks, das die Giftschlammflut auslöste, festgenommen worden. Zoltan Bakonyi, Sohn eines der Inhaber der Firma MAL, sei zu einer Befragung in Gewahrsam genommen, teilte die nationale Polizeibehörde in Budapest mit.

In der Befragung gehe es „um den Tod mehrerer Menschen und schwere Umweltverschmutzung“, teilte die Polizei weiter mit. Ministerpräsident Viktor Orban sagte, die für die Katastrophe verantwortliche Firma müsse unter staatliche Kontrolle gestellt werden. Es handle sich nicht um eine Naturkatastrophe, sondern um eine von Menschen verursachte Katastrophe, daher dürften nicht die Steuerzahler für die Kosten aufkommen müssen, fügte er hinzu.

Umweltstaatssekretär Zoltan Illes erklärte, die Ursache für das Unglück sei weiter unklar. Sollte sich jedoch herausstellen, dass das Aluminiumwerk das Auffangbecken mit zu viel Giftschlamm überlastet habe, drohe MAL eine Geldbuße in Höhe von 73 Millionen Euro für die entstandenen Umweltschäden. Die Firma hatte bislang den Vorwurf bestritten, zu viel Schlamm in das Auffangbecken hineingelassen zu haben.

An der Aluminiumfabrik wurde am Montag weiter an einem Schutzwall um das geborstene Becken gebaut. Die Arbeiten seien die ganze Nacht hindurch fortgesetzt worden und sollten bis zum Abend beendet sein, erklärte der Chef des Katastrophenschutzes, Tibor Dobson. Der Damm werde 1500 Meter lang, 30 Meter breit und an seiner höchsten Stelle vier Meter hoch sein. Im Laufe des Tages sollten die rund 800 Bewohner des evakuierten Dorfes Kolontar darüber informiert werden, wann sie in ihre Häuser zurückkehren könnten. Das Dorf war am Samstag geräumt worden, weil das Auffangbecken erneut zu bersten drohte.“

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Und wieder mal ein schöner Urlaub im Schwarzwald. Adolf Zöllner lacht.

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2012 meldete „diepresse.com“:

In London begann ein Gerichtsverfahren zwischen dem russischen Multimillardär Olek Deripaska und seinem ehemaligen Ziehvater Michail Tschernoi.

Dass Oleg Deripaska sich in seiner spektakulären Oligarchenkarriere oftmals zu verteidigen verstand, demonstriert er nicht zuletzt mit seiner Körperhaltung. Bewusst oder unwillkürlich ballte der damals reichste Russe und bis heute Anteilseigner der Strabag bei einem Mittagessen mit Journalisten 2008 die Faust, als er von der „Presse“ gefragt wurde, ob der in London drohende Milliardenprozess gegen ihn seine globalen Expansionspläne behindern könne. „In keiner Weise“, meinte er schroff und stellte klar, dass die Frage damit erledigt sei.

Vier Jahre später hat der Hauptaktionär und Chef des weltgrößten Aluminiumproduzenten Rusal nicht nur die krisenbedingte Rettung seines Konzernimperiums durch den Staat und die Verlegung des Rusal-Börsenganges von London nach Hongkong hinter sich. Vier Jahre später begann am gestrigen Montag in London auch endgültig der Prozess gegen den 44-Jährigen und damit ein weiteres Stück Aufarbeitung der wilden 1990er-Jahre, in denen die großen Vermögenswerte in Russland auf mehr oder weniger undurchsichtige Weise ihre Besitzer wechselten und sich die bis heute aktive Riege von Oligarchen herausgebildet hat.

Angestrengt wird der Prozess von niemand Geringerem als Michail Tschernoi, einem der größten Bosse in der russischen Metallindustrie der 1990er-Jahre. Der heute 60-jährige israelische Staatsbürger, der 2009 von Interpol wegen des Verdachts der Geldwäsche zur Fahndung ausgeschrieben worden ist, verlangt von Deripaska drei Milliarden Dollar Kompensation für jenen 20-Prozent-Anteil an Rusal, den er 2001 an Deripaska abgetreten habe. Deripaska hingegen behauptet, dass Tschernoi 2001 kein Geschäftspartner von ihm war.

Was 2001 wirklich passiert ist, werden also Londoner Juristen klären. Was vor 2001 der Fall gewesen war, ist indes weitgehend bekannt. Deripaska, gelernter Physiker und anschließend verwegener Broker, war Mitte der 1990er-Jahre auch den dominanten Figuren in der Metallindustrie aufgefallen. Michail Tschernoi und sein Bruder Lev erkannten sein Talent und verleibten sich mit ihm gemeinsam lukrative Teile von Russlands Aluminiumbranche ein. Allem Anschein nach aber haben sie ihren Schützling unterschätzt. Deripaska, der später in die Familie des Ex-Präsidenten Boris Jelzin einheiratete, drängte einen um den anderen aus dem Geschäft. Am Ende auch seine Ziehväter, die sich sukzessive aus Russland zurückzogen. Tschernoi selbst war später bis zu einem Aufenthaltsverbot in Bulgarien aktiv, wo er die bulgarische MobilTel an die Gruppe um den österreichischen Ostinvestor Martin Schlaff veräußerte, der sie 2005 mit einem Gewinn von über 800 Mio. Euro an die Telekom Austria weiterverkaufte.

Kontakt mit Mafiagruppen?

Deripaska, 2008 auch kurzzeitig Aktionär von Magna, sieht sich aber nicht nur Anschuldigungen seitens Tschernois gegenüber. Auch andere Player der Branche werfen ihm gewaltsame Firmenübernahmen in den 1990er-Jahren und Verbindungen mit ausgewiesen mafiösen Gruppen vor.

Letzteres hat Deripaska – in Bezug auf die 1990er-Jahre – jedoch bereits selbst zugegeben, dies aber mit der Notwendigkeit erklärt, für sich selbst und die eigenen Mitarbeiter Sicherheit zu gewährleisten.

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Marga stützt sich beim Photographiertwerden seltsamerweise gerne an Leitplanken ab.

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Ebenfalls 2012 berichtete „N24“:

Der größte Aluminiumproduzent der Welt, der russische Konzern Rusal, drosselt wegen eines drastischen Gewinneinbruchs seine Produktion. Bis zum Jahresende will der Konzern nach eigenen Angaben die Produktion um bis zu 150.000 Tonnen senken.

Von Januar bis Juni habe Rusal einen Nettogewinn von 37 Millionen Dollar (29,6 Millionen Euro) gemacht, nach 779 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum sei dies ein Rückgang um 95,25 Prozent, teilte das an der Börse in Hongkong notierte Unternehmen mit. Der Umsatz sei um 9,66 Prozent auf 5,71 Milliarden Dollar zurückgegangen.

Die anhaltenden finanziellen Probleme in der Eurozone und das hinter den Erwartungen zurückgebliebene Wachstum in den Schwellenländern hätten zu einer weiteren Schwächung der weltweiten wirtschaftlichen Erholung geführt, erklärte Firmenchef Oleg Deripaska. Vor allem im zweiten Quartal 2012 habe sich dadurch der Druck auf die Aluminiumindustrie erhöht.

Mittelfristig werde die Lage vermutlich schwach bleiben, er erwarte aber eine steigende Nachfrage vor allem aus Nordamerika und Asien, erklärte der Rusal-Chef. Vergangene Woche war der Aluminiumpreis an der Londoner Metallbörse auf den tiefsten Stand seit Oktober 2009 gefallen. Zwischen Januar und Juni 2012 produzierte Rusal nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Tonnen Aluminium.

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Ähnlich sah es die „Wirtschaftswoche (wiwo.de) im Frühjahr 2014:

Moskau. Die abgeschwächte Weltkonjunktur hat beim russischen Aluminium-Giganten UC Rusal zu einem Ergebniseinbruch geführt. Der weltweite Branchenprimus und Alcoa-Konkurrent meldete am Montag für das erste Quartal einen um 84 Prozent auf umgerechnet 74 Millionen Dollar geschrumpften Gewinn. Das Unternehmen bekam insbesondere die gefallenen Aluminiumpreise infolge einer Nachfrageabkühlung zu spüren.

Das schlechtere Ergebnis dürfte den Machtkampf zwischen dem Hauptaktionär Oleg Deripaska und seinem Rivalen, dem Milliardär Viktor Wekselberg, um die Beteiligungs-Politik neu entfachen. Deripaska lehnt Forderungen ab, den 25-Prozent-Anteil am weltgrößten Nickel- und Palladium-Produzenten Norilsk Nickel zu verkaufen.

Die unsicheren Aussichten der Weltwirtschaft dürften die Metallmärkte aus Sicht von Rusal auf absehbare Zeit belasten. Analysten gehen zudem davon aus, dass die Gewinne durch den im Vergleich zum Dollar starken Rubel und den hohen Ölpreis weiter unter Druck geraten werden.

Als Folge der gestiegenen Nachfrage in den USA hatte Alcoa die Märkte im April mit einem Quartalsgewinn überrascht, nachdem die Amerikaner im ersten Vierteljahr 2011 rote Zahlen geschrieben hatten. An der Hongkonger Börse fiel der Kurs der Rusal-Aktie nach Bekanntgabe der Zahlen um 2,6 Prozent.

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Im Sommer 2014 hieß es jedoch im „wirtschaftsblatt.at“ und auf „wiwo.de“:

Erstmals seit fünf Quartalen wies der weltgrösste Aluminiumkonzern Rusal von Oleg Deripaska im zweiten Vierteljahr diesen Jahres wieder einen Gewinn aus – dank gestiegener Aluminiumpreise.

Melbourne. Höhere Aluminiumpreise und Kostensenkungen haben dem weltgrößten Aluminium-Hersteller Rusal zu schwarzen Zahlen verholfen. Erstmals seit fünf Quartalen wies der russische Produzent im zweiten Vierteljahr diesen Jahres wieder einen Gewinn aus. Netto blieben 129 Millionen Dollar, wie Rusal am Mittwoch bekanntgab. Ein Jahr zuvor war noch ein Verlust von 203 Millionen Dollar angefallen. Der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) kletterte um 26 Prozent auf 220 Millionen Dollar.

In der ersten Jahreshälfte 2014 habe sich das Blatt gewendet, erläuterte Firmenchef Oleg Deripaska. Der Aluminiumpreis habe seit seinem Vier-Einhalb-Jahrestief im Februar um 24 Prozent angezogen. Zudem sei der weltweite Bedarf um sechs Prozent gestiegen, sagte Deripaska. Das werde hauptsächlich durch China getrieben. Zuletzt bauten sich die Aluminium-Lagerbestände ab, während die Nachfrage dank der anziehenden Weltwirtschaft steigt. Auch Konkurrent Alcoa war im zweiten Quartal in die Gewinnzone zurückgekehrt.

Rusal hat im Vorjahr 3,2 Milliarden Dollar Verlust eingefahren nach 528 Millionen Dollar Verlust im Jahr zuvor.“

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deutschebank

Das Hauptquartier der Deutschen Bank. Adolf Zöllner knipste es auf einem Hubschrauberrundflug über Frankfurt, den er neben einer teuren Uhr als „Treueprämie“ von seinem letzten Arbeitgeber überreicht bekam – jedoch erst etliche Jahre später einlöste, die Uhr hatte er dagegen sofort in seinen Karton mit Dokumenten und Erinnerungen abgelegt, der seinen Platz in der Schrankwand im Wohnzimmer hatte.

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Ebenfalls 2014 meldete die Frankfurter Rundschau (fr-online.de):

Die ehemaligen Chefs von Deutscher Bank und Siemens, Josef Ackermann und Peter Löscher, heuern in Russland an. Sie sollen den reichsten Mann Russlands noch reicher machen.

Das neue Jahr beginnt gut für Peter Löscher: Von seinem ehemaligen Arbeitgeber erhält der Ex-Siemens-Vorstandsvorsitzende eine Abfindung von bis zu 30 Millionen Euro. Und einen neuen Job hat er auch schon: Löscher wird Chef der Renova Management AG des russischen Oligarchen Viktor Vekselberg. Dort kommt auch ein alter Bekannter Löschers mit an Bord: Josef Ackermann, ehemals Deutsche-Bank-Chef und Siemens-Aufsichtsrat. Offensichtlich setzt Vekselberg bei der Postenbesetzung auf große Namen: Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat schon für ihn gearbeitet.

Renova teilte am Dienstag mit, dass Löscher ab März CEO der Schweizer Beteiligungsgesellschaft wird. Ackermann zieht in den Verwaltungsrat ein. Beide waren auf der Suche nach neuen Posten. Löscher musste im vergangenen Sommer nach enttäuschenden Geschäftszahlen von der Siemens-Spitze abtreten. Gegen seine Absetzung soll sich damals Siemens-Aufsichtsrat Ackermann gestellt haben. Er musste daraufhin im September seinen Hut nehmen. Zwei Wochen zuvor war Ackermann als Chef des Versicherers Zurich Insurance zurückgetreten. Hintergrund war der Selbstmord des Zurich-Finanzvorstands Pierre Wauthier.

Nun treten beide in den Dienst des berüchtigten Oligarchen Vekselberg, mit einem Vermögen von 15 Milliarden Dollar der reichste Mann Russlands. Von den Bahamas aus lenkt Vekselbergs Renova Group Stromversorger, Öl- und Gasförderer, russische Flughäfen und Baufirmen – auch einen Hotelkomplex für die Winterspiele in Sotschi hat er bauen lassen. Zum Imperium gehört der weltgrößte Aluminiumkonzern Rusal.

Vekselberg und Löscher kennen sich aus Siemens-Zeiten, beide saßen im Rat der Stiftung für die Entwicklung der Innovationsstadt Skolkowo. Das ist ein Vorzeige-Projekt von Russlands Präsident Wladimir Putin: 20 Kilometer westlich von Moskau soll das „Innovationszentrum Skolkowo“ als russisches „Silicon Valley“ entstehen. Teil von „Innograd“ soll eine Management-Schule und eine Universität sein. 30.000 Menschen sollen hier künftig leben und arbeiten.

Zum Projekt-Koordinator ernannte der Kreml Vekselberg, Baubeginn war 2011, die Fertigstellung ist für 2017 geplant. Die Kosten wurden zu Beginn auf rund fünf Milliarden Euro veranschlagt. Das Geld soll zum Teil vom Staat, vor allem aber von Investoren kommen. Der deutsche Elektro-Konzern Siemens war einer der ersten Förderer des Projekts und plante, 40 Millionen Euro zu investieren.

Der gelernte Mathematiker Vekselberg handelte bereits zu Sowjetzeiten mit Computern und Kupferschrott. Die Renova Group gründete er 1991, in den wilden Neunzigern sammelte er bei Privatisierungen sein Vermögen ein. 1997 stieg er mit anderen Oligarchen bei der Ölgesellschaft TNK ein, holte die britische BP mit ins Boot und formte den drittgrößten russischen Ölkonzern.

Doch in den Folgejahren zerstritten sich die Anteilseigner, 2008 flüchtete TNK-Chef Bob Dudley sogar aus Russland aus Angst vor Repressionen. 2009 wurde Gerhard Schröder als unabhängiger Aufsichtsrat geholt, um zu schlichten. Doch 2011 warf Schröder das Handtuch. TNK-BP wurde schließlich vom Kreml-nahen Konzern Rosneft übernommen.

In der Schweiz kennt man Vekselberg. Seine Holding, deren Chef Löscher wird, hat dort Beteiligungen am Textilmaschinenhersteller Oerlikon, am Pumpenfabrikant Sulzer und am Stahlunternehmen S&B. Eine Milliarde soll der Russe inzwischen in der Schweiz investiert haben. Und dabei ging es oft undurchsichtig zu: Auf Grund verletzter Meldepflichten bei der Übernahme von Sulzer und Oerlikon geriet Renova ins Visier der Finanzbehörden. Vekselberg konnte sich jedoch gegen eine Zahlung von zehn Millionen Franken freikaufen. Auch die russische Regierung intervenierte zu Gunsten Vekselbergs – des „Lieblings-Oligarchen des Kreml“, wie einige ihn nennen.“

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Marie-Luise, die Enkeltochter der Zöllners.

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Zuvor hatte „mmnews.de“ über die EU-Aluminiumindustrie gemeldet:

EEG, CO2-Steuer und Klima-Auflagen führen zu einem Exodus der Industrie in Europa. Doch das Politbüro in Brüssel hat schon eine Lösung: Zumindest die stromintensive Aluminium-Industrie soll jetzt gerettet werden: Europas Aluminiumhersteller erhalten Staatshilfe.

Die Europäische Kommission will der in Bedrängnis geratenen Aluminiumindustrie zu Hilfe kommen. Sie stützt sich dabei auf eine jetzt in ihrem Auftrag veröffentlichte Studie. Darin rechnet das unabhängige Brüsseler „Centre for European Policy Studies“ (Ceps) vor, dass EU-Auflagen zu Klimaschutz und Strommarkt die energieintensive Herstellung von Primäraluminium um bis zu 228 Euro je Tonne verteuern könnten.

Die Studie gibt dem europäischen Aluminiumverband EAA Auftrieb, der unter Hinweis auf Wettbewerbsnachteile ein Hilfsprogramm für die Branche mit 255000 Beschäftigten fordert. Als Vorbild gilt der „Stahl-Aktionsplan“, den EU-Industriekommissar Antonio Tajani im Juni vorgelegt hat. Die mehrere Szenarien umfassende Ceps-Studie legt dar, dass ein Großteil der Mehrkosten von den EU-Klimazielen herrühre.“

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Noch mal die Enkeltochter, mit einem neuen Fahrrad – Weihnachten 1976.

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Die Welt“ schrieb zuvor über die deutsche Aluminiumindustrie:

Norwegen schließt Aluminium-Werke im Norden. Stade und Finkenwerder betroffen – HEW macht Angebot in letzter Minute – Beteiligte spielen Schwarzer Peter.

Der norwegische Energie- und Aluminiumkonzern Norsk Hydro will seine Aluminium-Werke in Stade und Hamburg wegen zu hoher Energiekosten schließen. Das teilte der Staatsbetrieb am Donnerstag in Oslo mit. Die endgültige Entscheidung soll am Montag der Aufsichtsrat des Hamburger Aluminium-Werkes treffen. Während die Aluminiumhütte in Stade mit 420 Mitarbeitern Ende 2006 den Betrieb einstellen soll, gehen in Finkenwerder bereits Ende dieses Jahres die Lichter aus. Betroffen sind dort rund 400 Mitarbeiter, die in den Bereichen Elektrolyse, Elektrodenbetrieb, Instandsetzung und Verwaltung arbeiten. Die Gießerei mit 126 Beschäftigten soll zunächst erhalten bleiben.

Norsk Hydro, mit dem US-Konzern Alcoa Austria Metall AG (Amag) Gesellschafter des HAW, hatte bereits vor Monaten angekündigt, seine deutschen Standorte auf den Prüfstand zu stellen, wenn sie wegen der hohen Energiekosten nicht mehr konkurrenzfähig produzieren könnten. Der norwegische Konzern hat seine Hamburger Beteiligung und das Stader Werk bereits auf Null abgeschrieben. Als Grund für die Schließung wurde der zu hohe Strompreis angegeben. Ein Liefervertrag mit dem Energiekonzern Vattenfall Europe AG, der Muttergesellschaft der HEW, läuft zum 31. Dezember aus. Überraschend hat HEW-Vorstandssprecher Hans-Jürgen Cramer dem Aluminium-Werk am Donnerstag das Angebot gemacht, auf eine Strompreiserhöhung vorerst zu verzichten und den noch geltenden Stromvertrag zu gleichen Konditionen um sechs Monate zu verlängern. Damit soll der HAW Zeit zur Sanierung gegeben werden. Gleichzeitig forderte Cramer, der auch zum Vorstand von Vattenfall Europe gehört, die Anteilseigner der HAW und die Hamburger Politik dazu auf, sich gemeinsam für die Sicherung der Arbeitsplätze einzusetzen. Ein Sprecher des am HAW beteiligten Energie- und Metallkonzerns Norsk Hydro bezeichnete die Offerte als unzureichend. „Das ist kein verhandlungsfähiges Angebot, da gibt es so viele offene Punkte.“

„Die Verantwortung für die Zukunft der HAW liegt bei den Eigentümern“, sagte Cramer. Darüber hinaus müsse die Politik für geeignete Rahmenbedingungen zur Sicherung des Standortes sorgen.

Voraussetzung für das HEW-Angebot sei, daß die Gesellschafter den Bestand der HAW für mindestens zwei Jahre verbindlich zusicherten. Die HAW sind größter Stromkunde der HEW. Für eine längerfristige Stromversorgung des Werkes bot Cramer ein Tauschgeschäft mit dem HAW-Anteilseigner Norsk Hydro an. Danach würde das Unternehmen die von der Aluminiumschmelze benötigte Energiemenge von rund zwei Terra-Wattstunden in Skandinavien an den schwedischen Staatskonzern Vattenfall in Form von Strom oder Gas liefern. Die Vattenfall-Tochter HEW könne die entsprechende Menge an das HAW weitergeben. Am Abend teilte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement mit, die Bundesregierung habe „Gesprächskontakt“ mit Norsk Hydro aufgenommen.“

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(Norsk Hydro ASA ist ein internationaler Aluminiumproduzent mit Sitz in Oslo. Hydro gehört 2013 zu den größten Aluminiumproduzenten der Welt. 2002 erwarb Hydro den führenden deutschen Aluminiumproduzenten VAW von dem deutschen Versorgungsunternehmen EON. Norsk Hydro unterhält Geschäftsaktivitäten in 40 Ländern der Erde, auf allen Kontinenten. Der norwegische Staat hält 43,8 Prozent der Firmenanteile. Der Konzern beschäftigte 2013 rund 12.500 Mitarbeiter.)

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Wikipedia schreibt über die Aluminiumbranche:

Im Jahre 2009 war das bedeutendste Herstellerland von Aluminium mit einigem Abstand die Volksrepublik China (13,0 Millionen Tonnen), gefolgt von Russland (3,3 Millionen Tonnen) und Kanada (3,0 Millionen Tonnen), die zusammen einen Anteil von 52,3 Prozent an den weltweit produzierten 36,9 Millionen Tonnen besaßen. In Europa waren Norwegen, Island und Deutschland die wichtigsten Produzenten.

Wegen des hohen Stromverbrauchs bei der Herstellung von Aluminium wurden in den letzten Jahren zahlreiche Produktionsanlagen in Staaten mit preiswerter Energie aufgebaut, beispielsweise in Venezuela, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten (Erdöl, Erdgas), Brasilien (Wasserkraft), Australien und Südafrika (Kohle) sowie Island (Wasserkraft, Geothermie). Dagegen wurden in Staaten mit hohen Strompreisen, beispielsweise in Deutschland, Produktionsanlagen abgebaut.

Die größten Aluminiumverbraucher sind die USA, Japan, die Volksrepublik China, Deutschland, Italien und Frankreich. Der wichtigste Abnehmer von Aluminium ist die Autoindustrie. Wegen seines geringen Gewichtes ist Aluminium auch in der Flugzeugindustrie, in der Verpackungsindustrie, im Maschinenbau und im Hochbau unverzichtbar.

Die Produktion von Aluminium ist extrem energieintensiv. Über 40 % der Produktionskosten sind Energiekosten, wobei zumeist elektrische Energie genutzt wird. Die Aluminiumhütte von Corus in Voerde zum Beispiel, die mit 500 Mitarbeitern 120.000 Tonnen Aluminium jährlich produziert, verbraucht so viel Strom wie eine Stadt mit 250.000 Einwohnern.

Die Branche leidet daher an den hohen Strompreisen in Deutschland. Die hohen Stromkosten sind der wichtigste Grund für die Schließung der Aluminiumwerke in Stade und Hamburg im Jahre 2005. Auch das niederländischbritische Unternehmen Corus hat mit der Schließung seiner Aluminiumhüttenwerke in Deutschland gedroht, falls sich keine wettbewerbsfähigen Strompreise aushandeln ließen. Corus und die Trimet Aluminium AG haben Stromlieferverträge mit den Kraftwerkbetreibern E.ON und RWE abgeschlossen, um ihre Energiekosten zu senken und wettbewerbsfähiger zu werden.“

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Das Ehepaar Zöllner auf einer Burgruine – dem Tagesziel ihrer Wanderung am 3.9.1979.

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2014 schrieben die Autoren der Gesellschaft für Außenwirtschaft auf „gtai.de“:

Die italienische Wirtschaft ist besorgt über Russland-Sanktionen, sie gefährden die bilateralen Investitionen: „Einer der wichtigsten italienischen Wirtschaftszweige für russische Investitionen ist die Stahlindustrie: Einige namhafte italienische Unternehmen wurden von russischen Stahlkonzernen übernommen. So kaufte Severstal den italienischen Konzern Redaelli Tecna und die Gruppo Lucchini, der russische Aluminium-Riese Rusal erwarb den italienischen Aluminiumkonzern Eurallumina; die Gruppe Evraz mit Sitz in Moskau kontrolliert Palini e Bertoli – die Produktion wurde August 2013 aufgrund von „ungünstigen Marktbedingungen“ vorübergehend eingestellt. Ferner übernahm der russische Stahlkonzern Novolipetsk Verona Steel zu 100% von Duferco.

Die italienische Energiebranche ist für Russland von besonderer Bedeutung. Nach einem 2008 geschlossenen Joint-Venture mit dem italienischen Mineralölunternehmen ERG ist Lukoil seit Januar 2014 der Alleininhaber des ISAB Srl Raffineriekomplexes, einer der wichtigsten Raffinerien in Europa, in Priolo Gargallo, Sizilien.

Im Bereich der Telekommunikation hat der russische Mobilfunkbetreiber VimpelCom im Jahr 2011 Wind Italia gekauft. Die Gruppe Russky Standard investierte in die italienische Nahrungsmittelbranche und erwarb 2011 den traditionsreichen Weinhersteller Fratelli Gancia. Auch im Luxusimmobilienbereich sind russische Investoren seit einigen Jahren in Italien aktiv.

Die italienischen Großbanken Unicredit und Intesa Sanpaolo betreiben Filialen in Russland und sind über die anhaltende Krise besorgt. Unter den europäischen Banken, die durch Sanktionen gegen Russland die größten Risiken tragen, liegen die italienischen Banken an zweiter Stelle hinter Frankreich und vor Deutschland, mit einem Engagement in Russland über rund 25 Mrd. Euro.“

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Marga Zöllner in Castrop-Rauxel (vulgo: Wanne Eickel) vor dem Haus ihres Bruders Ludwig – mit Irmchen seiner ältesten Tochter. (Näheres über Ludwig siehe: http://www.wanne-eickel-knights.de/ )

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2014 machte sich „linksnet.de“ ordentlich Gedanken über die „Die Herausbildung des oligarchischen Kapitalismus in Russland“, dabei kam u.a. auch Deripaskas Aluminiumimperium zur Sprache:

Wie war es möglich, dass nach sieben Jahrzehnten an Stelle der staatssozialistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse große private Kapitaleigner traten, die heute Russlands Wirtschaftsleben bestimmen und zugleich auch als mächtige Medienmacher und einflussreiche Politiker agieren? Wer sind die Initiatoren und Träger dieses Transformationsprozesses? Wo liegen Anfänge und Voraussetzungen für diese Wandlungen? Welchen Einfluss nehmen die im Konkurrenzkampf agierenden Oligarchen auf die Staatsmacht? Der Beitrag versucht einige Antworten auf diese Fragen zu finden.[1]

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 I. Die einflussreichsten Oligarchen des russischen Kapitalismus

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Im Kerngebiet der untergegangenen Sowjetunion, in Russland, stieg vor einem Vierteljahrhundert der Kapitalismus wie ein Phönix aus der Asche auf. Und das in einem Lande, wo der Kapitalismus unterentwickelt war und im Feuer des Ersten Weltkrieges, der Oktoberrevolution 1917 und des Bürgerkrieges 1918-1920 verbrannte. Parallel zur bis dahin in ihrer zeitlichen und räumlichen Dimension einmaligen sozialistischen Industrialisierung und den damit verbundenen technologischen und sozialökonomischen Wandlungen zwischen 1917 und 1989 entstanden allmählich auf diesem Sechstel der Erde innere wie äußere Bedingungen, unter denen allerdings auch ein neuer Kapitalismus wieder aufsteigen konnte. Am Ende seiner Wiederentstehungsperiode um die Jahrtausendwende tauchten im Forbes-Magazin (Februar 2003) von den 497 Milliardären der Welt auch sieben Spitzenpersonen des russländischen Kapitalismus auf, die zugleich dessen mächtigste Finanz- und Industriegruppen repräsentierten[2].

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–          Auf Platz 101 der Weltrangliste stand der damals reichste russische Oligarch Michail Borisovič Chodorkowskij (*1963) mit einem Privatvermögen von 8 Mrd. $. Er war der Gründer der ersten Investitionsbank MENATEP (1990), Vorsitzender der Industrie-Holding ROSPROM und des zweitgrößten russischen Erdölkonzerns JUKOS (2002: Umsatz – 14,5 Mrd. $, Gewinn – 3,8 Mrd. $, Börsenwert – 32,8 Mrd. $, 100.000 Beschäftigte). Der politisch und wirtschaftlich mächtigste Oligarch Russlands wurde 2003 festgenommen, 2005 zu neun Jahren Haft verurteilt, entmachtet und enteignet. Offenbar nicht nur wegen nachgewiesener Steuerhinterziehung und krimineller Aneignung von Staatseigentum, sondern wegen seiner eigenmächtigen Expansionsgeschäfte (geplante Übernahme der Hälfte der JUKOS-Anteile durch US-Konzern EXXON-MOBIL für 25 Mrd. $, Bau einer eigenen Erdölleitung nach China).[3]
–          Erst dreißig Plätze vor dem reichsten der Rockfeller-Dynastie, David, rangierte damals auf Platz 2 der russischen Oligarchen Roman Arkad’evič Abramovič (*1966) mit 5,7 Mrd. $ Vermögen (2011: 17, 1 Mrd. $, Platz 5 in Russland). Er kam aus dem damals schon zerschlagenen größten Wirtschafts- und Finanzimperium des vierfachen Milliardärs Boris Abramovič Berezovski (1946 – 2013).[4] Grundlagen der Macht von Abramovič in den Führungsetagen der Jelzin Administration (1990-1999) waren Aktienmehrheiten am sibirischen Ölkonzern SIBNEFT (2002: Börsenwert – 13,2 Mrd. $, Umsatz – 4,8 Mrd. $, 30.000 Beschäftigte) und der Holding RUSSKIJ ALJUMINIUM (75 Prozent der russischen und 7 Prozent der internationalen Aluminiumbranche). Er war Abgeordneter der Duma (1999) und Gouverneur des Autonomen Bezirkes Čukotka.

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–          Den 191. Platz in der Weltrangliste belegte 2003 Michail Maratovic Fridman (*1964) mit 4,3 Mrd. $ (2011: 16 Mrd. $ – Platz 8 in Russland). Er ist seit 1998 Vorstandsvorsitzender der Finanz- und Industriegruppe AL’FA, die mit 50 Prozent am damals viertgrößten Tjumen-Ölkonzern TNK (2002: Börsenwert – 5,9 Mrd. $, Umsatz – 6,1 Mrd. $, 81.000 Beschäftige) beteiligt war. Der Oligarch besitzt die Geschäftsbank und den Handelskonzern AL’FA, hat Anteile am Internetbetreiber GOLDEN TELECOM (42 Prozent) sowie an den Mobilfunkkonzernen VIMPEL COMMUNICATION (25 Prozent) und MEGAFON (über 50 Prozent).

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–          Auf Platz 234 stand Vladimir Olegovič Potanin (*1961) mit 1,8 Mrd. $, (2011: 14,3 Mrd. $ – Platz 9 in Russland). Er gründete 1990 die in ihrer Branche wichtigste russische Vereinigte Export-Import-Bank ONEKSIM (1995 10 Mrd. $ Umsatz), und stand seit 1998 an der der Spitze der Finanz-Industrie-Gruppe INTERROS (u.a. weltgrößter Bundmetall-Konzern NORYL’SKIJ NIKEL’- 3,3 Mrd. $ Umsatz, 151.000 Beschäftigte, 20 Prozent der Nickelweltproduktion; Sibirisch-Fernöstliche Ölgesellschaft SIDANKO – 5,2 Mrd. Umsatz, 97.000 Beschäftige; Petersburger Rüstungskonzern LOMO – 40 Mio. $, 8.000 Beschäftigte).

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–          Ihm folgten die Ölmagnaten Vladimir Bogdanov (SURGUTNEFTEGAZ, 2002: Börsenwert – 15,5 Mrd. $, Umsatz – 6,4 Mrd. $, 98.000 Beschäftigte) und Vagit Jusofič Alekperov (*1950) mit 1,3 Mrd. $. Letzterer war Präsident des größten russischen Erdölkonzerns LUKOJL (2002: Börsenwert – 16,8 Mrd. $, Umsatz – 15,5 Mrd. $, 150.000 Beschäftigte) und Vorsitzender der Bank IMPERIAL (2011: 10,9 Mrd. $, Platz 10 in Russland).

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–          Auf Platz 7 in Russland (im Weltrang die Nummer 413) kam der damals jüngste Oligarch – Oleg Vladimirovič Deripaska (Jg. 1968) mit 1,5 Mrd. $ (2011: 19 Mrd. $ – Platz 4 in Russland). Der studierte Physiker arbeitete 1990 in der Wertpapierabteilung der Staatsbank, 1992 in verschiedenen Unternehmen der Metallurgie. 1998 wurde er Präsident der Vereinigten Gesellschaft AO SIBIR’SKIJ ALJUMINUM und 2002 Chef des Metall- und Maschinenbau-Konzerns BASOVY ELEMENT.

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Neben Chodorkowskij und Berezovskij verloren drei weitere Nomenklatura-Oligarchen aus der Gründerzeit des russländischen Kapitalismus vollständig ihren Einfluss: Vladimir Viktorovič Vinogradov (1955-2008)[5] gehörte zu den Verlieren der Wirtschaftskrise 1998 – die von ihm 1988 gegründete INKOMBANK bankrottierte nach zehn Jahren. Ebenso von der Wirtschaftskrise betroffen war der Besitzer der MOST-BANK und Präsident der Medienholding MEDIA-MOST Aleksander Aleksandrovič Gussinskij (*1952)[6]. Er weigerte sich, die in seinem Medienkonzern auf 473 Mio. $ aufgelaufenen Schulden an GAZPROM zurückzuzahlen. Erst nach seiner kurzfristig Verhaftung verkaufte er zur Schuldentilgung seine Media-Most-Aktien an den staatlichen Gaskonzern, der ihm dafür 300 Mio. $ auszahlte. Der Oligarch flüchtete nach Spanien, dann nach Griechenland. Schließlich fand er als ehemaliger Vorsitzender der Vereinigung Jüdischer Gemeinden Russlands in Israel dauerhaftes Exil. Er wurde u.a. Mehrheitseigner des russischsprachigen Fernsehkanals RTVi, der in Russland und Deutschland empfangen werden kann. Aleksander Pvalovič Smolenskijs (*1954) Industrie- und Finanzgruppe SBS-AGRO (12 Kreditinstitute, Dienstleistungen, Exportfirmen für Edelmetalle und Edelsteine, Investitionen für Landwirtschaft, Gold- und Platinförderung, Aktienanteile an Massenmedien) wurde ebenfalls in der Wirtschaftskrise erheblich geschwächt. Sein Erbe trat 2003 sein im Ausland lebender Sohn Nikolai (*1980) an.[7]

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Erst in den Forbes-Listen im letzten Jahrzehnt werden russische Oligarchen angeführt, die die kapitalistische Entwicklung seit der Putin-Medvedev-Administration wesentlich mitgestalten: Der Wissenschaftler und Generaldirektor der Investment-Holding RENOVA, Viktor Wechselberg (*1957) mit einem Vermögen (2003) von 2,5 Mrd. $ (2011: 13 Mrd. $, 10. Platz in Russland). Er erwarb 45 Prozent der Anteile an Fridmans Tjumener Ölkonzern TNK und kontrolliert ein Fünftel der Aluminiumbranche (2000 Holding Sibirisch-Uralisches Aluminium SUAL). Er ist für den Aufbau des wissenschaftlichen Innovationszentrums in Skolkovo zuständig. Der Arbeiter, Ingenieur, Manager und Professor Vladimir Sergejevič Lissin (*1956)[8] erreichte bis 2011 ein Vermögen von 28,2 Mrd. $. und gilt heute als reichster Oligarch Russland. Ihm folgten Michail Dimitrovič Prochorov (*1965)[9] mit 18,5 Mrd. $ (2011), Potanins Partner aus der sog. Komsomolwirtschaft, und der Spezialist für internationales Recht, Komsomolfunktionär und Manager Ališer Burchanovič Ušmanov (*1953).[10]

Soviel schlaglichtartig zu den Spitzenvertretern des russischen Kapitalismus. Wie aber entstand der russische Kapitalismus, welche gesellschaftlichen Gruppen und maßgeblichen Einzelpersonen brachten die ökonomische Transformation in Gang und voran?

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II. Kapitalistische „Komsomolwirtschaft“ und die „Roten Direktoren“

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Die Moskauer Soziologin Olga Kryštanovskaja ermittelte (Stand 1994), dass während der Perestroika (1985-1991) der Kern der neuen wirtschaftlichen Elite vor allem aus folgenden sozialen und politischen Gruppen kam: 23 Prozent waren Direktoren größerer Betriebe und Angestellte in Ministerien (Promyšleniki), 17 Prozent Komsomolfunktionäre, 15 Prozent Beschäftigte von Forschungseinrichtungen, 8 Prozent Angehörige aus wichtigen Ministerien sowie der obersten Schicht der Kultur- und Wissenschaftsintelligenz.[11]

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Ausgangsbedingungen der kapitalistischen Transformation
Der russische Kapitalismus entstand aus dem krisengeschüttelten sowjetischen Staatssozialismus. Er formierte sich von 1987 bis zu seiner ersten Krise 1998. Zu diesem Zeitpunkt dominierte der privatkapitalistischen Sektor (129.000 Betriebe und 30.773 Aktiengesellschaften bei noch 87.569 Staatsbetrieben) mit einem Anteil von 73 Prozent am Bruttoinlandprodukt. Im privatkapitalistischen Sektor und im rein staatlichen Sektor waren jeweils etwa 39 der Gesamtbeschäftigten tätig, die übrigen in gemischten Sektoren.[12] Die Systemveränderungen entwickelten sich primär aus dem schon länger wirtschaftlich stagnierenden sowjetischen Staatssozialismus, der sich seit 1985 zu demokratisieren begann. Es gab offenbar mehrere Entwicklungspfade, die Krise des sowjetischen Staatssozialismus zu überwinden, die Planwirtschaft mit ihren hohen Zentralisierungsgrad in eine effektive Markwirtschaft eines denkbaren sozialistischen Typs umzuwandeln. Dazu war nicht in erster Linie eine massenhafte und schnelle Privatisierung erforderlich. Damals existierten Alternativen zur kapitalistischen Transformation, wie sie Jugoslawien und einige RGW-Länder (DDR, Ungarn, Polen, CSSR) seit den 60er Jahren versuchten, oder wie sie die KP China seit Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts erfolgreich durchsetzte. Die Variante einer reformkommunistischen Krisenlösung bestand in einer Systemerneuerung, in der Umwandlung der staatssozialistischen Kommandowirtschaft in eine ökonomisch effiziente und sozial gerechte Markwirtschaft. In der multiethnischen Sowjetunion war dieses Projekt bisher nur ansatzweise und kurzfristig mit der NÖP (1921-1929) erprobt worden, wenn man von einigen späteren Experimenten in dieser Richtung absieht.[13]

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Die reale Transformation des sowjetischen Staatssozialismus seit einem reichlichen Vierteljahrhundert erfolgte unter massivem Einfluss der noch immer ökonomisch und politisch überlegenen, weltweiten kapitalistischen Gesellschaftsformation in den USA und in Westeuropa. Angesichts der damaligen internationalen Systemauseinandersetzung war das Reformprojekt im größten Flächenland der Welt, der multiethnischen Sowjetunion, schwierig und riskant. Voraussetzung des Gelingens war eine einheitlich handelnde politische Machtelite, die die Systemerneuerung schrittweise, mit Experimenten, bei gleichzeitig stufenweiser Demokratisierung und immer im Einklang mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen, sozialen und nationalen Gruppen organisiert hätte, um so den ökonomischen, politischen und geistigen Sogwirkungen wie Einmischungen der kapitalistischen Großmächte standzuhalten. Waren diese doch darauf aus, die sowjetische atomare Supermacht weltpolitisch zurückzudrängen und auszuschalten. Der westeuropäisch-transatlantischen Gemeinschaft gelang es seit 1988/1989, die Herauslösung der in eine tiefe Krise geratenen und zum Teil hochverschuldeten sowie politisch zunehmend destabilisierten sozialistischen osteuropäischen Länder mittels kapitalistischer Transformation aus der sowjetischen Einflusssphäre zu fördern. Ähnlich wie in Jugoslawien unterstützte sie gezielt dabei aufkommende nationalistische und separatistische Kräfte in der UdSSR sowie die Zerlegung der Supermacht in ein Dutzend Nationalstaaten. Das war allerdings erst möglich geworden, als die prowestliche und prokapitalistische Fraktion der kommunistischen Nomenklatura, die sog. Radikalreformer um Präsidenten Boris Jelzin in der dominierenden sowjetischen Unionsrepublik, der Russischen Föderation, 1990 an die Macht gelangten. Sie waren es, die verfassungswidrig und undemokratisch die UdSSR auflösten und den seit 1985 begonnenen reformkommunistischen Entwicklungspfad abbrachen und so im sowjetischen Hauptnachfolgestaat den Weg freimachten für eine kapitalistische Transformation nach dem Vorbild der neoliberalen, marktradikalen Schulen von Harvard und Chicago.[14]

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Die Gorbačov-Führung begriff das Dilemma, in dem sich die Gesellschaft seit den 80er Jahren befand. Sie hatte kein Vertrauen mehr in die wenig effektive, zentralstaatliche Eigentumsordnung auf planwirtschaftlicher Grundlage, in das bisherige kollektive Verfügungsrecht über gesamtstaatliche Produktionsmittel und über die natürlichen Ressourcen des Landes. Sie suchte nach einer alternativen Wirtschaft und Gesellschaft und brach zunächst vorsichtig die bisherigen Wirtschafts- und Staatsstrukturen auf, begann zögerlich eine Transformation des sowjetischen Staatssozialismus in eine marktwirtschaftlich und demokratisch organisierte sozialistische Gesellschaft. Wesentlich für einen solchen Übergang ist der Aufbau einer funktionierenden Geldwirtschaft, in der das Geld die Funktion als „Rechenmaßstab, Tauschmittel und Vermögensspeicher wahrnehmen kann.“ Harte Budgetrestriktionen für die Unternehmen, „gleich ob ihre Eigentümer privat oder staatlich sind“, entstehen aber erst durch Herstellung eines funktionsfähigen Wettbewerbs auf dem Güter-, Kapital- und Arbeitsmarkt, nicht aber automatisch durch Privatisierung. Erforderlich sind zudem „stabile rechtliche und politische Rahmenbedingungen.“[15] Noch vor der 1992 gesetzlich festgelegten Privatisierung in der Jelzin-Periode organisierte die Nomenklatura bereits in der Perestroika-Periode eine „Entstaatlichung“ des Eigentums und suchte neue Eigentumsformen. In Anknüpfung an Lenins NÖP initiierte die Führung seit 1987 den Aufbau von Handelskooperativen für Ex- und Importgeschäfte unter dem Schirm des Außenhandelsministeriums und eine Erweiterung des bisherigen Banksystem (Staatsbank GOSBANK mit den spezialisierten fünf Banken (VNEŠEKOM: Außenhandel; PROMSTROJ: Industrie/Bau; AGRO: Landwirtschaft, ZBEREŠŽNY: Sparkasse; ŽILSOC: Wohlfahrt/Soziales) durch Genossenschafts-, Gemeinschafts- und Geschäftsbanken.

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„Perestroika-Komsomolwirtschaft“
Das ZK der KPdSU entschied am 25. Juli 1986, dass die Komitees der Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes mit staatlicher Unterstützung die neuen Handels- und Bankstrukturen aufbauen sollten.[16] Auf dieser Grundlage beschloss die Komsomol-Führung im März 1987, ein einheitliches gesellschaftlich-staatliches System „Wissenschaftliches Schöpfertum der Jugend“ (NTTM). In Regie von ZK-Sekretär Jegor Kuz’mič Ligačov (1920), unterstützt und kontrolliert von Partei-, Staats- und Sicherheitsorganen, organisierte Konstantin Zatulin vom ZK des KOMSOMOL bis zum Frühjahr 1990 600 NTTM-Zentren, in denen 17.000 Kooperative mit einer Million Mitgliedern mitwirkten. Er gründete 1989 die „Assoziation junger Leiter“ und arbeitete mit der Moskauer Börse zusammen. Der Vater der sog. Komsomolwirtschaft (Komsomol’skaja ékonomika) wurde unter Gorbačov Mitglied des „Rates für das Unternehmertum“ und später unter Jelzin Vorsitzender der „Internationalen Bank für Handel und Zusammenarbeit der GUS“.[17]

Bis Anfang der 90er Jahre entstanden 300 neue Banken sowie 200.000 Kooperativen, vornehmlich im Handel und Dienstleistungsbereich. Die Komsomol-Nomenklatura machte auf diesem Weg zur Marktwirtschaft eine steile politische und finanzielle Kariere. Der Ingenieur-Technologe und Komsomolfunktionär Chodorkovskij (*1963)[18] wurde 1987 Direktor des hauptstädtischen „Zentrums für wissenschaftlich-technisches Schöpfertum der Jugend“. Er baute ein Unternehmen auf, das für zivile- und Rüstungsbetriebe wissenschaftlich-technische Programme entwickelte und Marktforschung betrieb. Seine Handelskooperative diente der Devisenbeschaffung durch spekulative Finanzoperationen. 1988 „erwirtschaftete“ er ein Jahreseinkommen von 130 Mio $. Unterstützt vom Finanzministerium und der Staatsbank der UdSSR, gründete er 1989 mit dem Programmierer im sowjetischen Außenhandelsministerium Leonid Nevslin (Privatvermögen 2003: 1,1 Mrd. $) und Platon Lebedev die „Interbankvereinigung für wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ MENATEP (Mežbankovskoe Ob‘edinenie Naučno-techničeskogo Progressa). Nach deren Fusion mit der Žilsoc-Bank war sie Russlands erste Geschäftsbank mit Filialen in Moskau, Leningrad, Vladimir und Perm. Sie wurde 1990 Klient und Aktionär der in Genf niedergelassenen Privatbank Riggs Valmet.
Zu den größten Profiteuren der „Perestroika-Komsomolwirtschaft“ gehören neben Chodorkovskij vor allem Vladimir Potanin (*1961)[19], Michael Prochorov (1965), Vladimir Vinogradov (*1955)[20], Michail Fridman (1964)[21]. Sie wurden in den 1990er Jahren zu den einflussreichsten Vertretern des neuen russischen Oligarchen-Kapitalismus. Dazu zählen auch Vladimir Gusinskij (*1952)[22] und Aleksander Smolenskij (1954)[23].

Minister und Direktoren
Einen weiteren Schritt marktwirtschaftlicher Transformation seit 1989 bildete die Umwandlung der Branchenministerien in eigenständige Wirtschaftseinheiten, die seit 1990 die Rechtsform von Aktiengesellschaften RAO (Rossijskoe Akcionernoe Obščestvo) erhielten. An ihrer Spitze standen ehemalige Minister oder Direktoren sowjetischer Staatsbetriebe. So wurden die Betriebe der Förderung, des Transports (140.000 km Pipeline-Netz) und der Verarbeitung von Erdgas im Staatskonzern RAO GASPROM vereint. Der damalige Erdgas- und Erdölminister Viktor Černomyrdin (1938) baute die Konzernverwaltung aus dem Personal seines Ministeriums auf und übernahm das Direktorat. Aus diesem Branchenministerium wurde auch der Mineralölverbund ROSNEFTGAS (47 regionale Förderunternehmen) gebildet, aus dem u.a. 1991 der größte vertikal integrierte Mineralölkonzern RAO LUKOIL mit sieben Förderbetrieben (in Westsibirien, im Ural, in der Wolgaregion und in Kaliningrad) und 8 regionalen Vertriebsfirmen sowie zwei Raffinerien entstand. Dessen Leitung übernahm der Stellvertretende Öl- und Gasminister Vagit Alekperow (*1950).[24] Die aus den Energetik-Ministerien der UdSSR und der RSFSR gebildete RAO Einheitliches Energiesystem EÉS (Edinaja Énergičeskaja Sistema) leitete der bisherige Erste Stellvertretende Energetik-Minister der RSFSR, A. F. D’jakov. Nicht nur Komsomolfunktionäre, Minister und „Rote Direktoren“, sondern auch Geheimdienstoffiziere oder Techniker und Wissenschaftler wie Boris Berezovski (*1946), Viktor Wechselberg (1957)[25] und Alexander Abramov[26] wurden unter den veränderten Bedingungen der 1990er Jahre Teil der Klasse der Oligarchen-Kapitalisten.

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Der Moskauer Politologe Vladimir Pastuchov verglich die kommunistische Nomenklatura mit einer Raupe, die während der Perestroika als Puppe überwinterte und sich schließlich in Gestalt eines Schmetterlings als neue Bourgeoise entpuppte.[27]

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III. Der Übergang vom Staatssozialismus zum Oligarchenkapitalismus

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Warum scheiterte der reformkommunistische Erneuerungsversuch? Die sowjetischen Führungskräfte waren in zwei Lager gespalten. Die so genannten Radikalreformer erarbeiteten unter Regie von Grigorii Javlinskij mit Unterstützung von IWF-Teams und dem Harvard-Professor Jeffrey Sachs ein Programm zur Einführung einer „freien“ (deregulierten) Marktwirtschaft durch Privatisierung, Preisfreigabe, Aufhebung der Importbeschränkungen und der Kapital- und Devisenkontrolle. Der Oberste Sowjet Russlands unter Vorsitz von Boris Jelzin nahm das Programm bereits am 11. September 1990 an. Der sowjetische Ministerpräsident Ryškov verfocht einen allmählichen Übergang zur regulierten Marktwirtschaft. Gorbatschwo entschied, beide Konzepte zusammenzufügen und legte einen neugefassten „Präsidentenplan“vor, den der Oberste Sowjet der UdSSR am 19. Oktober mit 393 gegen 46 Stimmen annahm. Als Jelzin, der Führer der Radikalreformer, in Direktwahlen am 12. Juni 1991 Präsident der RSFSR wurde und durch einen verfassungswidrigen Staatsstreich die UdSSR im Dezember 1991 auflöste, war für den größten und einflussreichsten sowjetischen Nachfolgestaat, Russland, die kapitalistische Transformation fast unwiderruflich entschieden.[28]

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Der große Privatisierungsschub

Im Zuge der Voucher- und Insider-Privatisierung 1992-1994 wurde die Hälfte der insgesamt etwa 200.000 sowjetischen Betriebe (Industrie, Gewerbe, Handel, Verkehr u.ä., ohne Landwirtschaft) mit einem „Marktwert“ von 12 Milliarden $ mit 143 Mio. Anteilsscheinen (entsprach dem damalige Börsenwert des deutschen Siemenskonzerns) hauptsächlich Besitzeigentum der gewendeten kommunistischen Nomenklatura. Der staatliche Konzern GASPROM wurde für 22,8 Mio. $ teilprivatisiert und ging in die Hände der bisherigen Direktoren. Ebenso die Autowerke SIL und VOLGA (16 bzw. 27 Mio. $.). Inzwischen verfügten die Spitzen der Komsomolzen-Nomenklatura über Bank- und Industriegruppen und besaßen maßgeblichen Einfluss auf die und in der Staatsmacht Russlands, den sie zum Auf- und Ausbau ihrer neuen Wirtschaftsimperien nutzten. Potanin ließ als erster Unternehmer seine 1991 gründete Holding INTERROS schon 1994 bei der Regierung als Finanz-Industrie-Gruppe registrieren. Auf seine Initiative hin finanzierte der damals einflussreichste Oligarch Berezovskij, der im Sicherheitsrat von Präsidenten Jelzin die wichtigste Figur wurde, 1996 zusammen mit Potanin und weiteren sechs Bankchefs die Wiederwahl Jelzins. Daraus erklärt sich deren Aufstieg in den staatlichen Machtapparat. Als Mitglied des Rates für Industriepolitik vertrat Potanin Russland beim IWF und der G-7. Als Erster Stellvertreter von Ministerpräsidenten Černomyrdin seit 1996 beeinflusste er maßgeblich die Entscheidungen des Kabinetts zugunsten seines entstehenden Imperiums. Als Berater des Privatisierungsministers Anatoli Čubais schuf er das „Kredite für Aktien-Programm“ (Aktien-Kredit-Swaps): Die Regierung verpfändete Anteile an Staatskonzernen gegen Kredite. Die neuen Oligarchen-Banken, die die Auktionen organisierten, bekamen auch die Zuschläge und erwarben die größten Filetstücke. Potanin selbst erwarb u.a. für nur 171 Mio. $ Mindestgebot seiner INKOM-Bank 51 Prozent Aktienanteile am weltgrößten Metallkonzern (Platin- und Palladium, 20 Prozent der Weltnickelproduktion), für 130 Mio. $ 51 Prozent der Anteile an der viertgrößten Ölgesellschaft SIDANKO. Auf einer weiteren Auktion kaufte er für 1,8 Mrd. $ (1 Mrd. $ davon trug der Börsenspekulant Soros) 25 Prozent der Anteile des Telekom-Konzern SV’AZIVEST. Auch die ersteigerten Anteile am Petersburger Rüstungskonzern LOMO (55 Prozent), am Autokonzern SIL (26 Prozent), am Metallkombinat Novolipeck (15 Prozent), am Flugzeugmotorenwerk Perm (33 Prozent) und an der Nordwestlichen Flussschiffahrt-Gesellschaft (25 Prozent) vergrößerten seine Industrieholding INTERROS. Zum Imperium des Oligarchen gehörte des Weiteren ein Finanzblock (ONEXIMBANK, MFK Renaissance und zwei Versicherungsgesellschaften) sowie die Holding PROMEDIA (1998) mit Aktienanteilen an einer Reihe von Printmedien (u.a. Ékspert – 25 Prozent, Izvestia und Pravda – 50,1 Prozent und Komsomol‘skaja Gazeta – 20 Prozent). Jelzin zeichnete 1999 den frischgebackenen Milliardär mit dem Ehrenzeichen „Mäzen des Jahres“ aus.

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Erst unter diesen Rahmenbedingungen konnte auch der bis dahin zum Millionär aufgestiegene Chodorkovskij das Wirtschaftsimperium ROSPROM (Rossiskaja promyšlennost‘) aufbauen (30 Unternehmen der Öl-, Chemie, Konsumgüter- und Lebensmittelindustrie). In seinen staatlichen Funktionen seit 1993 (Stellvertretender Minister für Brennstoffe und Energie, Mitglied des Rates für Industriepolitik und des Konsultationsrates für Bankentätigkeit bei der Regierung) nahm er Einfluss auf die Privatisierung. Er erwarb bis 1997 selbst zahlreiche Großbetriebe des Transports, der chemischen, der Lebensmittel-, Textil-, Bau-, Holzverarbeitungs- und Mineralölindustrie. Er sicherte sich zudem über die Bank MENATEP für nur 309 Mio. $ 78 Prozent der Anteile am zweitgrößten staatlichen Erdölkonzerns JUKOS sowie weitere Aktienpakete an der Östliche Ölgesellschaft VNK (54 Prozent), der Murmansker Schifffahrtsgesellschaft (24 Prozent) und an der karelischen Holzverarbeitung „Pitkjrant“ (51 Prozent), aber auch im Medienbereich (Russkij izdatel’skij dom – 79 Prozent, Independent Media – 10 Prozent). So entstand das leistungsstarke Finanz- und Wirtschaftsimperium ROSPROM-MENATEP-JUGOS (175.000 Mitarbeiter in 50 Regionen Russlands).

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Seine Stiftung „Offenes Russland“ (2001) finanziert Fortbildungskurse (200 Mio. $) und eigene Hochschulen für Geisteswissenschaften und Journalisten. Chodorkovskij spendete auch der Bibliothek des US-Kongresses und für die Carnegie-Stiftung 1,5 Mio. $. Die vom Wallstreet Journal und der Financial Times herausgegebene russische Zeitung Vedomosti kürte den Ex-Komsomolzen 2002 zum König der Oligarchen Russlands, zum Unternehmer des Jahres. Sein Hauptunternehmen JUKOS (Börsenwert 2003: 32,8 Mrd. $) brachte 2002 3,8 Mrd. $ Jahresgewinn, zahlte 746 Mio. $ Einkommenssteuern und investierte 2,4 Mrd. $. 58 Prozent  des Gesamtkapitals gehört der Yukos Universal LTD, (Tochter eines Gibraltar-Ablegers der MENATEP-Bank), ein Kapital, welches sich Chodorkovskij (59,5 Prozent) mit den anderen Manhttp://www.wanne-eickel-knights.de/agern (40,5 Prozent) teilt[29]. Auch die anderen Spitzenfunktionäre der sog. Komsomolwirtschaft wie Abramovič, Fridmann, Vinogradov, Smolenskij, Gussinski, aber auch ein Teil der „Roten Direktoren“[30] und der Nomenklatura aus Staatsverwaltung, Wissenschaft, Militär und Geheimdienst beteiligten sich in der Gründerzeit des neuen russländischen Kapitalismus am profitablen Zerlegen der Reichtümer des Landes und des in sechs Jahrzehnten geschaffenen staatssozialistischen Eigentums. Dieses Jahrzehnt war zugleich auch ein „Krieg der Oligarchen“ um Aneignung und Sicherung ihres Eigentums, Kapitals und Profits.

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Veränderte Eigentumsverhältnisse
Die Eigentumsformen veränderten sich zwischen 1990 und 1997 grundlegend: Der Anteil der Beschäftigten in der Staatswirtschaft ging von 86 auf 45 Prozent zurück, der in Privatbetrieben stieg von 12,5 auf 38,7 Prozent. Ein reichliches Drittel der Beschäftigten befand sich in einem gemischten Sektor. Der Übergang von der staatssozialistischen Planwirtschaft zur kapitalistischen „freien“ Marktwirtschaft führte zu einer ökonomischen und sozialen Katastrophe. Das Bruttoinlandprodukt ging von 1990 bis 1997 um 45 Prozent zurück, die Ölförderung und die Metallurgie auf 40 Prozent, die Erzeugung von Milch- und Backwaren auf 65 Prozent. Der Anteil des Landes an der Weltwirtschaftsleistung verringerte sich zwischen 1989 und 1998 von 2,46 Prozent auf 0,36 Prozent. Die sowjetische Supermacht sank zu einer mittleren und abhängigen russländischen Wirtschaftsmacht herab.[31] Wie der ehemalige Kartellamtschef Kartte feststellte, war das letztlich das Ergebnis einer völlig verfehlten Strategie des Systemwechsels anstatt einer Systemerneuerung. Dieser Systemwechsel führte das Land nicht aus der Krise heraus, sondern vertiefte und vergrößerte sie: „Das war regelrecht bösartig, fast schon eine Vernichtungsstrategie, die unweigerlich ins Desaster führen musste. Wir hatten in Deutschland nach dem Krieg 13 Jahre lang keine konvertible Währung und Kapitalmarktbeschränkungen noch und nöcher.“[32]
Der in sieben Jahrzehnten unter ungewöhnlichen Opfern und Leistungen durch Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und Angestellte akkumulierte gesellschaftliche Reichtum und die Humanreserven in Gestalt zentralistisch verwalteten Staatseigentums auf planwirtschaftlicher Grundlage wurde durch eine beträchtlichen Teil der gewendeten kommunistischen Nomenklatura mit aktiver Unterstützung des internationalen Kapitals zum Großteil in privatkapitalistisches Eigentum überführt. Der Grad der Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung und der sozialen Unterschiede, die dadurch entstanden, ist einmalig in der Geschichte des Riesenlandes: Das Verhältnis zwischen den Einkünften der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung und der reichsten zehn Prozent beträgt gegenwärtig 1:46 (in den USA 1:17 in Frankreich 1:10). [33]

Was seitdem entstand, war durchaus kein gewaltsamer Export des weltweit existierenden Kapitalismus, der schon nach 1917 in Russland (Sowjetunion, später auch in China und Osteuropa) überwunden worden war. Ein Teil der kommunistischen Nomenklatura der Sowjetunion zeugte den russischen Kapitalismus, half ihm bei der Geburt und stand ihm Pate. Die marginale Oberschicht, die Oligarchen und Nomenklatura-Kapitalisten, sind Nutznießer dieser in der Geschichte Russlands fast einmaligen Umverteilung auf Kosten des Gemeinwohls. In diesem „schwarzen Jahrzehnt“ 1988-1998 entstandenen tiefe soziale Klüfte. Sie öffneten das Riesenland nahezu bedingungslos dem internationalen Kapital, stutzten es auf ein peripheres Entwicklungs- oder Schwellenland zurück. Von 1989 (100 Prozent) bis 1998 fielen das Bruttoinlandprodukt (BIP) auf 48,7 Prozent und die Bruttoanlageninvestitionen auf 24 Prozent, die Reallöhne auf 41,5 Prozent. [34] Einen solchen Rückgang des BIP erlebte das Land im 20. Jahrhundert nicht einmal während der beiden Weltkriege (1914-1917 – 25 Prozent, 1941-1945 – 21 Prozent).[35] Diese beispiellosen Vorgänge „vermitteln“ – so Alexander Solschenizyn – „den Eindruck, als sei eine gigantische Pumpe eingeschaltet worden, die aus Russland alle natürlichen Reichtümer, sein Kapital, sein geistiges Potential absaugt.“ [36] In seiner kenntnisreichen Studie kam der Wissenschaftler Roland Götz der Wahrheit über diese Vorgänge im „schwarzen Jahrzehnt“ sehr nahe: Die neuen Oligarchen erfüllten „geradezu eine weltpolitische Funktion, die sehr im Interesse der westlichen Staatengemeinschaft lag (sic!). Sie demolierten, angeleitet von westlichen Beratern und in Kooperation mit den zu Miteigentümern mutierten Parteifunktionären, die ökonomische Basis der ehemaligen Staatswirtschaft und machten damit die marktwirtschaftlich-kapitalistische Entwicklung Russlands unumkehrbar.“ [37]

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Anmerkungen:

[1]   Vgl. V. B. Pastuchov: Ot nomenklatura k buržuazii. „Novye russkie“, in: Polis Nr. 2, Moskva 1993, S. 48ff. ; Sergej Sinel‘nikov: Finanz-Industrie-Gruppen als Element der russischen Strukturpolitik, in: Bundesinstitut für wissenschaftliche und internationale Studien (im folgenden BIOst), Aktuelle Analysen Nr. 74/1995, Köln 1995, S.1-5; Roland Götz: Russlands (un)heimliche Herrscher, in: BIOst, Aktuelle Analysen Nr. 42/1997, S. 1-6; Ogonjok Nr. 43, Moskau 1997; Vostok, 1, 1997, S. 8f.; Roland Götz: Großfusion in der russischen Erdölbranche, in: BIOst, Aktuelle Analysen Nr. 9/1998, S. 1-6; Hans-Henning Schröder: Jelzin und die „Oligarchen“. Über die Rolle von Kapitalgruppen in der russischen Politik (1993-1998), in: Berichte BIOst Nr. 40/1998, S. 1-40; ders.: Jelzin und die Oligarchen. Materialien zum Bericht BIOst 40/1998, in: ebenda, Sonderveröffentlichung Oktober 1998, S. 1-47; O. Blinova: Imperii trech: Smolenskij, Fridman, Malkin, Moskva 1998; dies.: Imperii dvuch: Ljužkov, Gussinskij, Moskva 1998; A. Amirov/V. Pribylovskij (Hrsg.): Rossiskie biznesmeny i menendžery, Moskva (Panorama) 1998; A. Muchin: Imperii cetyrech: Alekperov, Berezovskij, Potanin, Chodorkowski, Moskva 1998; ders.: Oligarchii Rossii, Moskva 1999; ders.: Biznes-Elite i gussudarstvennaja vlast’: Kto vladeet Rossiej na rubeže vekov, Moskva 2001; Lutz Maier: Russlands Wirtschaft auf kapitalistischem Weg, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung (im folgenden Z), Nr. 43, September 2000, S. 22-38; Eugen Faude: Kapitalistische Transformation in Russland. Stand und Perspektiven, in: ebenda, S. 39-53; Hansgeorg Conert: Voraussetzungen und Ursachen der Finanzkrise Russlands 1998, in: ebenda, S. 54-61; Jan Priewe: Privatisierung und Transformation – Lehren aus Russland, in: Osteuropa-Wirtschaft, Nr. 1/2000. S. 67ff.; V. A. Lisickin/L. A. Šelepin: Rossija pod vlast’ju plutokratii, Moskva 2003; Willi Gerns: Die Herren Russlands – Genese und Macht der Oligarchen, in: Marxistische Blätter, Heft 3, Essen 2003, Roland Götz: Russland und seine Unternehmer. Der Fall Chodorkowskij, in: Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Aktuell Nr. 45/2003, Berlin 2003, S. 1-8; Pavel Chlepnikov: Krestnyj otec Kremlja Boris Berezovskij ili Istoriaja razgrablenija Rossija, Moskva 2004; Karl-Heinz Gräfe: Wiedergeburt des Kapitalismus in Russland, in: UTOPIEkreativ, Nr. 161/2004, Berlin 2004, S. 257-267; A. Muchin: Juri Lužkov i sistema moskovskich oligarchov, Moskva 2005; Ol’ga Kryštanovskaja: Anatomija élity, Moskva 2005; Gert Meyer: Russland als Energie- und Rohstoffmacht, in: Z 67, September 2006, S. 52-59; Stephan Heidbrink: Europa: Energiestrategie – mit oder gegen Russland, in: Z 71, September 2007, S. 5-66; Felix Jastner: Hoffnungsträger Chodorkowski? In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 6/2014, S. 83-91.
[2]   Vgl. Rangliste Magazin Forbes; Hans-Henning Schröder: Jelzin und die „Oligarchen”; Michail Sergejev: Die den Staat dominierenden Business-Gruppen bremsen die Modernisierung des Landes, www.strana.ru.31.03.2003; Willi Gerns: Die Herren Russlands, S. 18 ff.; Roland Götz: Russland und seine Unternehmer, S. 1-8.
[3]   Vgl. Stephan Heidbrink: Europa: Energiestrategie, S. 61ff.
[4]   Vgl. Pavel Chlepnikov: Krestnyj otec Kremlja Boris Berezovskij,
[5]   Vgl. https://ru.wikipedia.org/wiki/vinogradov_Vladimir_viktorovič, 09. 03. 2012.
[6]   Vgl. https://de.wikipedia.0rg/org/wiki/Wladimir_Alexandrowitsch_Gussinski, 08. 03. 2012.
[7]   Vgl. https://ru.wiki.Smolenskij_Aleksander Pavlovič, 08. 03. 2012.
[8]   Vgl. http://de.wikipedia.org./wiki/Vladimir_Sergejewitsch_Lissin, 10. 10. 2011.
[9]   Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki Michail_ Dmitrijewitsch Prochorow, 14. 09. 2011.
[10] Vgl. https://de.wikipedia.org/windex.php?title–AlischerBuchaniwits…, 03. 11. 2011
[11] Vgl. Izvestija vom 18. 5. 1994.
[12] Vgl. Panorama privatisacii Nr. 11, Moskva 1997, S. 53; DIW Wochenbericht 18/1998; Jan Priewe: Privatisierung und Transformation, a.a.O.
[13] Vgl. L. Kosals: Rossijskij put’ k kapitalizmu: meždu kitaem I vostočnoj evropoj, in: mirovaja ėkonomika i meždunarodnye otnošenija, Moskva 2000, 10/2000, S. 14-20 und 11/2000, S. 31-40.
[14] Vgl. M. Boycko/A. Shleifer/R. W. Vyshny: Privatizing Russia, Cambrigde 1995.
[15] Jan Priewe: Privatisierung und Transformation, a.a.O., S. 47.
[16] Zur sog. Komsomolwirtschaft vgl. Firma pri gorkome, Moskva 1990; XX. s-ezd Vsesojusnogo leninskogo kommunističeskogo sojuza molodezi 15-18 aprelja 1987 g. Stenografičeskij otčet, Bd. I, Moskva 1990; Dokumenty i materialy II plenuma CK VLKSM, Moskva 1987; Dokumenty CK VLKSM 1988, Moskva 1990.
[17] Dokumenty I materialy XXI s-ezda VLKSM 11-16 aprelja 1990, Moskva 1990, S. 40f.
[18] Nach dem Ingenieurstudium am Chemotechnologischen Mendeleev-Institut (1986) arbeitete Chodorkovskij dort als stellvertretender Komsomolsekretär (1986/1987) und nahm 1988 ein weiteres Studium am Moskauer Plechanov-Institut für Volkswirtschaft auf.
[19] Nach Abschluss des Studiums am Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen war Potanin seit 1983 im sowjetischen Handelsministerium und in der RGW-Bank tätig. Mit einem staatlichen Startkapital von 10 000 $ gründete er die Außenhandelsfirma INTERROS und verdiente im Metallhandel seine ersten Millionen. Sie bildeten die Grundlage für die 1992 mit Prochorov, seinem Komsomolpartner aus dem Außenhandelsministerium, gegründete Investmentgesellschaft Company for Finance & Investments MFK, die mit der der US-Bank Renaissance des Exilrussen Boris Aleksevic Jordan (*1966) kooperierte und zur MFK Renaissance fusionierte. 1993 bildete er aus dem Kapital von 30 Außenhandelsgesellschaften die Export-Import-Bank ONEXIM-BANK, die zur größten Privatbank Russlands aufstieg.
[20] Als 1. Sekretär des Komsomol im Rüstungskonzern Atommaš organisierte Vinogradov Kooperativen und gründete mit einem Startkapital von 140 Mio. $ aus der Komsomolkasse die internationale Geschäftsbank INKOM (1993: 2 Mrd. $ Kapital, 2.000 Mitarbeiter, 22 Filialen in Russland sowie Niederlassungen in den USA, der Schweiz, Deutschland und auf Zypern).
[21] Während seines Studiums am Moskauer Institut für Stahl- und Metalllegierungen gründete Fridman mehrere Handelskooperative für Computerhandel, Zigaretten und Parfüme, Kurierdienste usw. Er kooperierte mit dem Schweizer Unternehmen ADP Trading und schuf mit den erwirtschafteten Devisen und staatlicher Unterstützung zusammen mit dem Reformökonomen Peter Aven (* 1955) die AL’FA-BANK.
[22] Nach Abschluss seines Studiums am Geologisch-technologischen Institut in Dzambul arbeitete Gussinskij in Druckereien und Handelsunternehmen. 1981 wurde er vom KGB wegen Diebstahl von Volkseigentum und privater Unternehmertätigkeit für zwei Jahre inhaftiert. 1983 wurde der Ingenieur am Sportkomplex Olympijskij eingesetzt und leitete 1984-1987 eine Spezialbauverwaltung in Moskau. 1987 gründet er die damals größte Baugenossenschaft Moksva-3 (Weiterverarbeitung von sekundären Rohstoffen für die Bauwirtschaft). Diese profitable Unternehmertätigkeit ermöglichte es ihm schon 1989, die Kooperativbank STOLYCNY zu gründen, die 1991 die Rechtsform einer Aktiengesellschaft erhielt.
[23] Nach abgebrochenem Studium am Moskauer Institut für Petrochemie studierte Smolenskij am Lunčarskij-Institut für Theaterkunst, gründete 1986-1987 die Genossenschaften „Metall“ und „Inféks“ (Rechtsberatung, Bürobedarf Bauindustrie). Die Gewinn aus diesen Unternehmen ermöglichte ihm die Gründung der Industrie-und Finanzgruppe MOST, aus der bis Ende der 90er Jahren eine einflussreicher Konzern wurde (Finanzdienstleistungen, Pharmazeutik, Handel, Banken) mit dem eindeutigen Schwerpunkt im Medienbereich (MEDIA-MOST-Verlagshaus Segodnja, NTV, NTV-Plus, Radio Écho Moskv).
[24] Der 1950 in einer Nomenklatura-Familie in Baku geborene Alekperov schloss 1974 sein Ingenieurstudium auf dem Gebiet der Technologie der Erdöl- und Erdgaserkundung ab. Nach fast zwei Jahrzehnten als Stellvertretender Generaldirektor der Erdölkombinate KASPROMEFT’, SURGUTNEFT’ und BASNEFT’’ übernahm die die staatliche Produktionsvereinigung KOGALYMNEFTGA.
[25] Der Mathematiker Wechselberg gehört zu den fähigsten Wissenschaftlern. Er gründete 1988 die Forschungsfirma KomVek, die eng mit dem Aluminiumkonzern Irkutsk zusammenarbeitete. Durch Import westlicher Computer erwarb er sich seine erste Dollarmillion. 1991 gründete mit dem Exilrussen aus den USA, Leonid V. Blavatnik, die Investmentfirma RENOVA.
[26] Der Wissenschaftler im Hochtechnologiebereich (Hochtemperaturforschung) gründete 1992 die Metallhandelsfirma EVROASMETALL. Im Privatisierungsprozess schuf er aus zahlreichen Betrieben des Bergbaus und der Metallurgie den größten vertikal integrierten Stahlkonzern samt Kohle und Erzfirmen (EURASHOLDING). Privatvermögen: 2003 – 760 Mio. $, 2012 – 5,4 Mrd. $.
[27] Vgl. V.B. Pastuchov: Ot nomenklatura k burzuazii, a.a.O., S. 49.
[28] Vgl. Michael Gorbatschow: Erinnerungen, München 1995, S. 543ff, S. 1093ff.
[29] Vgl. Nina Baskatov: Patrioten und Oligarchen, in: Le Monde diplomatique, Dezember 2003, S. 12f.
[30] Im Zuge der Privatisierung wurde der Stellvertretende Minister für Erdöl und Erdgas Alekeperov 1991 zum Präsidenten der neuen russischen Aktiengesellschaft LUKOJL ernannt. Seitdem verwaltete er persönlich den Anteil der Russischen Föderation (26, 6 Prozent), des Managments NIKOJL (10,5 Prozent) und den Rentenfonds LUKOJL-GARANT (7,3 Prozent). Ausländische Personen erwarben ein Drittel des Aktienanteils (u.a. Atlantic Richfield Co.-ARCO) Der Konzern hat zwei Raffinerien, acht regionale Vertriebsfirmen und eine Kette von Supermarkttankstellen. Alekperov baute auch seinen Einfluss im Medienbereich aus (59,4 Prozent der Izvestija, 30 Prozent NTV, Produktionsfirma für Fernsehprogramme TSN).
[31] Vgl. Eugen Faude: Kapitalistische Transformation in Russland, a.a.O., S. 39f.
[32] Der Spiegel vom 14. 9. 1998.
[33] Vgl. Karin Clement: LohnarbeiterInnen als interne Peripherie, in: Ost-West-Gegen-Information Nr.3, Graz 2003, S.40.
[34] gl. Jan Priewe: Privatisierung und Transformation, a.a.O., S. 67.
[35] Vgl. Izvestija vom 11. 12. 1996.
[36] Zitiert nach Süddeutsche Zeitung vom 30.11./01.12.1996.
[37] Roland Götz: Russland und seine Unternehmer, a.a.O., S. 22.

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Marga in einem Schwarzwaldfeld voller Frühlingsblumen.

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2015 meldete Die Welt:

 Ihre Rubel-Vermögen schmelzen, die Aktienkurse ihrer Firmen brechen ein. Die reichsten Russen haben 2014 rund 62 Milliarden Dollar verloren.

 Die neue Nummer eins unter den russischen Milliardären ist Wiktor Wekselberg. Der 57-Jährige hatte 2012 zusammen mit vier milliardenschweren Partnern die Hälfte am Öl-Jointventure TNK-BP an den staatlichen Ölriesen Rosneft für 28 Milliarden Dollar verkauft.

Oleg Deripaska, dem 48 Prozent an dem in Hongkong notierten weltgrößten Aluminiumkonzern Rusal gehören, ist der einzige unter den Milliardären, der sein Vermögen in diesem Jahr vergrößern konnte.

Der 46-Jährige wurde um 855 Millionen Dollar reicher, da der einbrechende Rubel-Kurs Rohstoffunternehmen half, deren Kosten in Rubel entstehen, die ihre Einnahmen aber in Devisen erzielen. Der Kurs von Rusal ist dieses Jahr um 101 Prozent geklettert.

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Die beiden Enkeltöchter des Ehepaars Zöllner spielen ein Weihnachtslied. Im Hintergrund ihr mit Lametta geschmückte Tannenbaum.

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Die Umweltschützer (regenwald.org) sehen das Produkt Aluminium so:

Ob Joghurt-Deckel, Getränke-Dose oder gar im Deo – Aluminium spielt in unserem Alltag eine größere Rolle, als wir meinen. Doch um Aluminium zu produzieren, wird immer wieder Regenwald vernichtet, denn 90 Prozent des Ausgangsstoffes Bauxit lagern im Tropengürtel.

Das Ausgangsmaterial von Aluminium ist Bauxit. Dieses Erz wird meist großflächig im Tagebau gewonnen. Von den heute bekannten Bauxitreserven lagern etwa 90 Prozent im Tropengürtel. In den Hauptabbauländern – Guinea, Jamaika, Indian, Australien und Brasilien – wird für den Abbau auch Regenwald zerstört. Oft ist damit die Lebensgrundlage indigener Völker bedroht – wie im Fall der Niyamgiri-Berge in Orissa (Indien).

Brasiliens wichtigste Bauxitmine Porto Trombetas – sie liefert 70 Prozent der brasilianischen Gesamtproduktion – liegt beispielsweise mitten in unberührtem Amazonas Regenwald. Die Einleitungen in den nahe gelegenen See Lago Batata verschlammten diesen vor 20 Jahren so stark, dass das Ökosystem des Sees abstarb. Noch heute werden hier jährlich 100 Hektar Wald für die seit 1979 existierende Mine gerodet.  

Die Weiterverarbeitung des Bauxits zu Aluminium ist ebenso umweltschädlich. Als Abfall bleibt dabei der giftige Rotschlamm zurück. Pro Tonne hergestellten Aluminiums entstehen zwischen einer und sechs Tonnen des gefährlichen Abfallprodukts. Da es kaum Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung für Rotschlamm gibt, wird die toxische Substanz in großen Seen deponiert oder einfach in Flüsse geleitet. Für die betroffenen Ökosysteme hat das meist tödliche Folgen.

Die bei der folgenden Verhüttung entstehenden Gase (v.a. Fluoride) schädigen die Flora, Fauna und Anwohner der Fabriken. Sie führen zu Atemwegserkrankungen, Knochenschäden (Fluorose), Hautproblemen und vielen weiteren Gefahren für die Gesundheit.

Für die Aluminiumverhüttung sind große Energiemengen notwendig. Die Hersteller versuchen daher diesen Produktionsschritt in Länder mit geringen Stromkosten zu verlegen. Die notwendige Energie wird vor allem durch Wasser- oder Kohlekraftwerke gewonnen. Die Wasserkraftwerke führen meist zu weiterer großflächiger Zerstörung von Regenwald und Lebensräumen. Zusätzlich tragen sie durch das entstehende Methan zum Klimawandel bei. Das Gas wird bei der Zersetzung von Pflanzenresten unter Wasser gebildet. Dadurch ist beispielsweise der Strom aus dem brasilianischen Kraftwerk Balbina klimaschädlicher als der aus einem vergleichbaren Kohlekraftwerk. Weitere Klimagase wie fluorierte Kohlenwasserstoffe (6000 – 9000 mal klimaschädlicher als CO2) werden bei der Verhüttung frei.

Aluminium ist mit 8 Prozent das dritthäufigste Element in der Erdkruste. Erstmals gefunden wurde es im Jahr 1808. Die wirtschaftliche Produktion wurde erst im Jahr 1886 mit der Erfindung Elektrolyse-Verfahren möglich.

Von wirtschaftlicher Bedeutung für die Herstellung ist nur das Ausgangsmaterial Bauxit. Darin liegt Aluminium mit einem Anteil von bis zu 60 Prozent vor. Das geförderte Erz wird in Druckbehältern bei 150 bis 200°C mit Natronlauge erhitzt (Bayer-Verfahren). Dabei geht Aluminium in Form von Aluminat hervor. Die eisenreichen Rückstände (Rotschlamm) werden abgefiltert. Dieser basische Rotschlamm muss als Abfallprodukt deponiert werden. Das Aluminiumoxid wird geschmolzen und im Elektrolyse-Verfahren unter Einsatz von großen Mengen elektrischer Energie zu metallischem Aluminium reduziert. Die Herstellung von einer Million Tonnen Aluminiumoxid verbraucht dabei so viel Energie wie eine halbe Million Haushalte in einem Jahr.

Der Rotschlamm besteht aus feinen Partikeln (Eisenverbindungen sorgen für die rote Farbe) und der bei der Produktion eingesetzen Natronlauge. Dazu kommen je nach Ursprung des verwendeten Bauxits noch eine Vielzahl an Schwermetallen.  

Wird der Schlamm schlecht deponiert oder wie in einigen Ländern gar einfach in nahe gelegene Flüsse geleitet, sind es vor allem die Schwermetalle und ätzende Natronlauge, die die gravierendsten Folgen haben. Die feinen Partikel verschlammen Flüsse und Seen in der Umgebung. Die dadurch verstopften Poren und Hohlräume führen zum schnellen Tod von Tieren und Pflanzen. Schlecht abgedichtete Deponien belasten das Grundwasser mit Schwermetallen. Sie werden so zu einer langfristigen Gefahr für die Gesundheit der in der Umgebung lebenden Menschen.  

Zu einem schweren Umglück mit Rotschlamm kam es im Oktober 2010 in Ungarn. Der Damm einer Deponie brach und bis zu eine Million Kubikmeter Schlamm überschwemmten die Umgebung. Dabei wurden mehrere Dörfer von der Schlammwelle überflutet, zehn Personen starben, 150 wurden verletzt und viele Häuser zerstört. Der Schlamm floss weiter über einen Nebenfluss in die Donau und rief dabei gravierende Schäden an Flora und Fauna der betroffenen Gewässer hervor.

Der Belo Monte Staudamm im Norden Brasiliens ist ein gigantisches Kraftwerksprojekt am Fluss Xingu. Dafür entsteht durch das aufgestaute Wasser ein See mit Fläche von 600 Quadratkilometer – etwa die Größe des Bodensees. Wegen des Kraftwerks droht 20.000 bis 40.000 Menschen die Vertreibung. Die Lebensgrundlage von 18 verschiedenen ethnischen Gruppen, die am und vom Fluss leben, könnte zerstört werden. Vor allem die in der Region lebenden unkontaktierten Indigenen sind bedroht. Denn mit dem Bau geht eine massive Zuwanderung einher, wodurch Krankheiten eingeschleppt werden. Sie können für die Betroffenen den schnellen Tod bedeuten, da sie keine Antikörper gegen die Viren besitzen.

Mit einer Leistung von 11 Gigawatt soll es das drittgrößte Kraftwerk der Welt sein. Die Energie ist zum überwiegenden Teil für die energieintensive Exportindustrie Brasiliens bestimmt. Insbesondere die Hersteller von Aluminium im Norden des Landes werden den „günstigen“ und „klimafreundlichen“ Strom aus dem Wasserkraftwerk nutzen. Die Aluminium-Folie um Ihr Pausenbrot hat also Auswirkungen bis tief hinein in den Regenwald des Amazonas. Deshalb sollte das Brot möglichst in einer Brotbox transportiert werden, die man viele Male wiederverwenden kann.  

Neben der offensichtlichen Folie ist Aluminium auch noch in vielen weiteren Produkten des Alltags versteckt. Der Rohstoff findet sich in Verpackungen von Kaugummis, Schokoriegeln, Kaffee, Tetra-Packs, Yoghurt-Deckeln, Zahnpasta- und Senf-Tuben, Deodorant- und Getränkedosen und sogar den Deckeln von Glasflaschen.  

Deshalb ist es wichtig wo möglich auf Verpackungen solcher Art zu verzichten – wenn nicht so zumindest die Abfälle zu recyclen, denn Aluminium ist vollständig recycelbar. Für die Produktion von sogenanntem Sekundäraluminium ist nur fünf Prozent der Energie der Neuproduktion nötig.

Jedoch ist es schwierig das Aluminium in Verbundverpackungen (Kaffeeverpackung oder Tetra-Packs) im Recyclingprozess wiederzugewinnen. Diese Abfälle werden heute entweder bei der Zementherstellung benutzt oder verbrannt.

In Haushalten findet sich der Rohstoff wegen der guten Wärmeleitfähigkeit Kochgeräten und beim Hausbau ( z.B. in Fenstern). Das Material wird darüber hinaus wegen seines geringen Gewichts in großen Mengen in Flugzeugen, Eisenbahnwaggons, Autos und Hochspannungsleitungen verwendet. In der Elektronikindustrie kommt es als Substitut für Kupfer immer häufiger zum Einsatz. Auch der stark steigende Ausbau der Solarenergieerzeugung führt durch die aus Aluminium hergestellten Befestigungssysteme zu einem steigenden Verbrauch.

Wegen seiner geringen Dichte – es gibt nur drei leichtere Metalle – spielt Aluminium heute eine große, wachsende Rolle in der Industrie. So steigt der Verbrauch des Metalls auch in den Industriestaaten weiterhin an. Bezogen auf den Pro-Kopf-Verbrauch nimmt Deutschland hier mit 31,6 kg pro Person und Jahr den Spitzenplatz ein, gefolgt von den USA (30 kg/p a) und Japan (26,4 kg/p a).

Dabei entfällt weltweit mit 29 Prozent der größte Teil der Verwendung von Aluminium auf den Verkehrssektor, gefolgt vom Bausektor (22 Prozent), Verpackungen (15 Prozent), Stromproduktion (12 Prozent), sowie dem Maschinenbau und langlebigen Konsumgütern (jeweils 9 Prozent). In Deutschland liegt der Wert für den Verkehrssektor wegen der hier produzierenden Automobilindustrie bei 44 Prozent des Gesamtverbrauchs, gefolgt von 16 Prozent im Bausektor sowie 9 Prozent für Verpackungen.

Die Hauptförderländer von Bauxit sind Australien (30 Prozent der Gesamtproduktion 2011), China (20,9 Prozent), Brasilien (14 Prozent), Guinea (8 Prozent), Indien (9 Prozent) und Jamaika (5 Prozent). Weitere unbedeutendere Vorkommen finden sich in den USA und Europa. Guinea ist das Land in dem derzeit mit 7,4 Mrd Tonnen die größten Reserven vermutet werden (US Geological Survey 2012). Die großen Aluminiumkonzerne sind überwiegend Unternehmen der Industrienationen. Sie kontrollieren gemeinsam fast 50 Prozent der weltweiten Produktion, angeführt von RUSAL (Russland), gefolgt von Alcoa (USA), Rio Tinto Alcan (Kanada), Chalco (China) und Norsk Hydro (Norwegen).

Das „sauberste“ ist das erst gar nicht verbrauchte Aluminium. Jede vermiedene Verpackung mindert die Schäden für die Umwelt. Wenn der Verbrauch unumgänglich ist, sollte es über die entsprechenden Entsorgungssysteme recycelt werden.  

Es gibt auch weniger schädliche Verfahren der Aluminiumherstellung, wie es beispielsweise in einem Aluminiumwerk in der Nähe von Hamburg angewandt wird. Hier wird mittels moderner Anlagen versucht, den Energieverbrauch so weit wie möglich zu verringern. Der im Werk anfallende Rotschlamm wird von der Natronlauge gereinigt, die für den erneuten Prozess recycelt wird. Anschließend wird der Schlamm in einer abgedichteten Deponie gelagert. So wird versucht die Umweltauswirkungen der Produktion so weit wie möglich zu verringern.

Dadurch ungelöst sind selbstverständlich Probleme wie die Landschaftszerstörung beim Abbau des Bauxits und der klimaschädliche Transport nach Deutschland.

Meist entstehen durch die Projekte zunächst große Schuldenberge für deren Zinszahlung jahrelang Geld in die reichen Länder fließt. Nicht nur werden die Anfangsinvestitionen für die Minen zum großen Teil vom Staat übernommen, um ausländischen Firmen anzuwerben – die benötigten Wasserkraftwerke werden ebenfalls vom Staat bezahlt. In Brasilien handelten die vertretenen Aluminiumhersteller gemeinsam Verträge mit dem staatlichen Stromkonzern aus. So beziehen sie den Strom zu Preisen unter den Bereitstellungskosten. Weitere Vergünstigungen wie Steuerbefreiungen, zollfreie Einfuhr von Betriebsmitteln und Einkommenssteuerbefreiung ausländischer Angestellter sollen Konzerne den Regierungen zufolge anlocken.

Für die Bevölkerung dagegen entstehen durch die Projekte nur sehr wenige Arbeitsplätze, aber oft große soziale und ökologische Probleme. Das Beispiel des Turucuí-Staudamms zeigt, dass die Bevölkerung kaum profitiert. Trotz des Werks sind z.B. einige Gemeinden in der Umgebung des Kraftwerks immer noch nicht an das Stromnetz angeschlossen. Das abgebaute Bauxit bzw. hergestellte Aluminium ist hauptsächlich für den Export bestimmt.“

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Auf „tagesschau.de“ hieß es 2014:

Welche Branchen müssen mit Abstrichen bei den Ökostromrabatten rechnen? Die Aluminium-Industrie nicht, sie ist für alle Parteien tabu. Die Unterstützung der hiesigen Alu-Herstellung ist immens, ökonomisch wie ökologisch aber sehr fragwürdig.

Aluminium – das ist angeblich der Werkstoff der Zukunft. Stabil, leicht und in großen Mengen verfügbar. Der Bedarf steigt – weltweit um vier Prozent im Jahr. Den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch hat mit fast 40 Kilogramm pro Einwohner Deutschland. Hier geht das meiste Aluminium in die Automobilproduktion.

Durchschnittlich 150 Kilogramm stecken in jedem Pkw, ein Audi A8 bringt es sogar auf 600 Kilogramm. Aber auch für Flugzeuge, Kaffeekapseln und Zahnpasta wird das „Gold des 21. Jahrhunderts“ gebraucht.

Allerdings: Die Herstellung von Aluminium ist extrem aufwändig und umweltschädlich. Das beginnt mit dem Abbau des Rohstoffs Bauxit und gipfelt im immensen Stromverbrauch.

Die Essener Alu-Hütte der Firma Trimet verbraucht so viel Strom wie die gesamte Stadt Essen – einschließlich aller anderen Industrie- und Gewerbebetriebe. Für die Herstellung von einer Tonne Primäraluminium werden im Schnitt rund 15 Megawatt-Stunden Strom benötigt – so viel, wie ein Zwei-Personen-Haushalt in fünf Jahren verbraucht.

In Deutschland werden gerade einmal rund 500.000 Tonnen Aluminium (Primär- und Sekundär-Alu) pro Jahr hergestellt. Damit ist Deutschland ein Zwerg unter den Alu-Herstellern, denn weltweit werden jährlich etwa 50 Millionen Tonnen hergestellt. In den vier deutschen Aluminium-Hütten sind lediglich 2000 Arbeitnehmer beschäftigt.

Doch der Aufwand, der für die Alu-Produktion getrieben wird, ist enorm – finanziell und politisch. So erhält der größte deutsche Aluminium-Hersteller Trimet für die 4,2 Milliarden Kilowattstunden Strom, die er in diesem Jahr verbraucht, nach Recherchen des WDR Strompreis-Vergünstigungen in Höhe von rund 450 Millionen Euro.“

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Das „photovoltaikforum.com“ wendet die „Energiewende“ um und um:

Ein Leser schrieb: „Die Energiewende treibt Aluhütte in die Insolvenz! Aluminium woanders herzustellen, wo es keine Umweltstandards gibt, ist ja auch keine Lösung. Dann sollte Aluminium nur dort hergestellt werden, wo die Energie aus Erneuerbaren kommt, so in Norwegen oder Island …Aber das meiste Aluminium wird in China, Russland, Kanada, Australien, USA, Indien, Brasilien größtenteils mit Strom aus Kohle- und Atom-Kraftwerken erzeugt. Wie die Luft in China und in Indien ist, brauche ich gerade nicht zu sagen. Leider bringt der Kapitalismus die schlampigsten Firmen in Vorteil: die scheren sich einen Dreck um die Umwelt und erhalten so die Kostenvorteile.“

Ein anderer Leser antwortete ihm daraufhin: „Dieser Typ, omg! Schon mal überlegt warum es diese Aluhütten gibt? Sicher nicht, um mit Alu aus Island zu konkurieren.
Wenn die Aluhütten weg sind dauert es sicher nicht mehr lange bis die Automobilproduktion weg ist und dann geht’s schlagartig weiter. Dass man jetzt auch schon Alu schlecht rechnet, setzt dem noch die Krone auf.“

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Konkret auf Lametta bezogen meldet der Spiegel:

Umweltverbände sehen im beliebtesten Christbaumschmuck der Deutschen ein Öko-Risiko: Das traditionelle Bleilametta, für dessen Produktion in der Bundesrepublik alljährlich rund 400 Tonnen des giftigen Schwermetalls verwendet werden, gefährdet bei Kompostierung der Christbäume die Böden. Den Ratschlag, Bleilametta wiederzuverwenden oder aber in den Sondermüll zu geben, mißachteten viele Bürger aus Bequemlichkeit. Die Kompostierbarkeit von Plastikfolienlametta wird vom Umweltbundesamt skeptisch beurteilt, Lametta aus Aluminium wiederum von Ökologen verworfen, weil die Produktion ungeheuer energieaufwendig ist. Berlins Umweltberatungsstelle rät: „Kauft kein Lametta.“ Umweltschützer empfehlen statt dessen Nüsse, Obst und Strohsterne als ‚ästhetisch befriedigende Alternative‘.“

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Tamara, die Frau von Margas jüngerem Bruder Ludwig mit ihrem jüngsten Kind in einem Freizeitpark am Rande des Ruhrgebiets.

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Der Grundstoff für die Aluminiumherstellung ist Bauxit. Auf Wikipedia heißt es dazu:

Bauxit ist ein Aluminiumerz, das vorwiegend aus den Aluminiummineralen Gibbsit (Hydrargillit) γ-Al(OH)3, Böhmit γ-AlO(OH), Diaspor α-AlO(OH), ferner den Eisenoxiden Hämatit Fe2O3 und Goethit FeO(OH), dem Tonmineral Kaolinit und geringen Anteilen des Titanoxids Anatas TiO2 besteht.

Aus etwa 95 % des abgebauten Bauxits wird Aluminium produziert.Die bedeutendsten Förderländer sind Australien, China, Brasilien, Guinea, Jamaika und Indien. Kamerun hat mit neu entdeckten großen Vorkommen von 500–700 Mio. t die Möglichkeit aufzuschließen. Weitere Vorkommen befinden sich unter anderem in Russland, Venezuela und Surinam. In Europa finden sich die wichtigsten Abbaustätten in Griechenland, Ungarn und Frankreich, wo – in Les Beaux-de-Provence – das Erz erstmalig entdeckt wurde, daher auch sein Name. Im Jahre 2007 betrug die Weltförderung rund 190 Millionen Tonnen. Die aus heutiger Sicht wirtschaftlich abbauwürdigen gesicherten Bauxitvorkommen dürften den Bedarf auch bei steigender Produktion langfristig decken. Bei einer Erschöpfung der Bauxitvorräte stehen andere Aluminiumrohstoffe in sehr großen Mengen zur Verfügung. Bauxit wird überwiegend im Tagebau gefördert. Ein Teil jedoch auch im Untertagebau [siehe dazu das Photo unten] Dabei werden im Idealfall die durch den Abbau freigesetzten humushaltigen Erdschichten im Sinne einer nachhaltigen, umweltgerechten Entwicklung zunächst zwischengelagert und später zur Rekultivierung verwendet.“

Umweltschädlich, weil äußerst energieaufwendig, ist vor allem die Umwandlung von Bauxit in Aluminium, das zudem gerne für Wegwerfprodukte genutzt wird (für Joghurtbecherdeckel und Getränkedosen z.B.). In Amazonien protestieren derzeit Tausende gegen einen gigantischen Staudamm, der Energie für neue Aluminiumwerke liefern soll: über eine Million Bäume und 20.000 Menschen sollen diesem Industrieprojekt geopfert werden, d.h. die Urwaldbäume werden gefällt und die Menschen will man umsiedeln. Diese Umsiedlungen sehen jedoch meistens so aus – vor allem in Brasilien und Indien, dass sie in städtische Slums vertrieben werden. Die SZ berichtete am 6.März 2015: „Die Weltbank, als Sonderorganisation der Vereinten Nationen, hat Fehler bei der Förderung von Großprojekten [insbesondere bei Staudammbauten] eingeräumt, bei denen Millionen Menschen zwangsweise umgesiedelt wurden. Sie wurden teilweise mit Gewalt vertrieben. Die Regierungen hätten dafür eigentlich keine finanzielle Hilfe erhalten dürfen.“

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Acht Jahre alter Bergarbeiter.

 

 

 

 

 

 

 

 

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2015/02/17/zur-dialektik-von-individuum-und-umwelt/

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