Wirtschaftsweisen

Das Zentrum für Praktiker (Neukölln)

 

 

 

Langsamer werden

Unlängst leistete sich „Die Zeit“ eine Zeitschriften-Rezension auf 10 Magazinseiten mit einem Titel als Aufmacher auf der ersten Seite: „Welt, lass mich in Ruhe!“ Es geht in diesen Periodika laut der Rezensentin Julia Friedrichs um Weltflucht: „Sie haben alle dieselbe Botschaft: Sie predigen das einfache, das gebremste Leben.“ Hinzu kommt: Sie haben eine Auflage zwischen 60.000 und 220.000 – sind also auf Anhieb so erfolgreich wie die Magazine, die „Landleben“, „-liebe“ oder ähnlich heißen. Die „Landlust“ (mit einer Auflage von über einer Million) hat die Rezensentin als „Zentralorgan der Eskapisten“ ausgemacht. Der Unterschied zu diesen (schon wieder alten) besteht bei den neuen Zeitschriften darin, dass sie englische Namen haben: „Oak“ (Eiche), „Cereal“ (Getreide), „Escape“ (Flucht), „Flow“ (Fließen). Letztere kommt der „Emotion slow“ nahe, die es auf eine Ausweitung der Küchenkampfzone „Slow Food“ ins Gefühlige abgesehen hat. So wie auch „My Harmony“: das „Magazin für gute Ideen und schöne Gedanken“.

Die Ausführlichkeit ihrer Besprechung rechtfertigt die Zeitautorin damit, dass sie alle zusammen einen „Megatrend“ anzeigen, den sie selbst befördern, wobei sie mehr oder weniger mit der Konsumgüterindustrie verbunden sind, auf deren Waren sie reflektieren: Kamine, Strickwolle, Backzutaten, Zeichenbedarf, Wildkräuter und Wohlfühltips (Badezusätze z.B.). Begriffen wird dies alles als eine in die Allgemeinheit ausufernde Befindlichkeit – „eine Massenflucht in den Biedermeier“. Der Historiker Jürgen Kocka kann dies nur unterstreichen – unter Hinweis auf die „erste wirkliche Massenzeitschrift“: die 1835 gegründete „Gartenlaube“, die das „traute Heim und die Familienharmonie zelebrierte“. Dieser Eskapismus des „Bürgertums“ funktionierte nicht lange, noch viel weniger der jetzige (des Kleinbürgertums?), denn, so die Rezensentin, die „Verzweifelten kommen mit Booten übers Meer [Lampedusa], der Wasserspiegel steigt auch an der Nordseeküste [Klimaerwärmung], die Panzer formieren sich im Osten“ [Putin, Isis, „Syrien und Irak“, „Israel und Palästina“]

Vor der „Landlust“, die unermüdlich Garten, Gewächshaus, Eigenheim, Eingemachtes, Reitstall, Zierteiche und Hausboote anpreist (mit EU-Immobilienmarkt), gab es schon einmal ein „Zentralorgan der Eskapisten“: Die „Brigitte“. Wer in den Siebzigerjahren wissen wollte, was in der Landkommunen-Scene Westdeutschlands los war, der studierte in irgendeinem Wartezimmer die „Brigitte“, vor allem ihre Kleinanzeigen. Die Redakteurinnen saßen in Hamburg, aber ihr Gemüsegarten, ihre Reitpferde oder Schafe hatten sie im Zonenrandgebiet, im Wendland, wo diese von Praktikantinnen, FÖJlerinnen, Au-Pair-Mädchen oder Pferdenärrinnen betreut wurden. Die damalige „Landkommunen-Scene“ war Teil der sogenannten „Alternativbewegung“. Auch sie verstieg sich schon ins Warenhafte, wobei sie die Dinge jedoch zunächst noch selbst herstellen und (über Bioläden z.B.) vertreiben mußte: Honig, Brot, Käse etc.. Damals war der Imperialismus nicht weniger raumgreifend als der Neoliberalismus, und in Deutschland kulminierte die Überwachung der Linken durch den Staat im „Deutschen Herbst“ (1977/78). Angesichts dessen ging der Eskapismus bis zur Propagierung (auf dem Tunix-Kongreß) der Auswanderung: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall!“ Die „Moskowiter“ (DKP, SEW) reagierten darauf mit einem „Tuwas-Kongreß“, der jedoch den meisten Linken nur ein müdes Lächeln entlockte. Zumal die „Alternativbewegung“ sich ja gerade anheischig machte, die Kopfarbeit mit der Handarbeit zu vertauschen und dazu jede Menge alte Tuwörter recycelte: jäten, pflanzen, ernten, ausmisten, einmachen, spinnen, reparieren, umfunktionieren…Übrigens auch in der DDR, dort nur etwas verschwiegener.

Die Zeitautorin propagiert gegen alles „Slow“-Getue, das den agrofeministischen „Brigitte“-Lebensstil abgelöst hat, den „Slow Journalism“ des Londoner Herausgebers der Zeitschrift „Delayed Gratification“ (Belohnungsaufschub), der nur die „wirklich wichtigen Dinge“ thematisiert: die Ukrainekrise, die Marsmission, türkische Minenarbeiter… Allerdings immer „mit einer Verzögerung von drei Monaten…Das ist der komplette Rückzug aus der Gegenwart.“ Sind Mars, Ukrainer und Türken nicht recht eigentlich andauernde Gegenwart? Die Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“ fand eine Kompromißformel: „Online muß schneller und print langsamer werden.“ Von „Inhalten“ war dabei jedoch nicht mehr die Rede. Schon gar nicht, wie man geistes-gegenwärtig genug bleibt.

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Hier geht der Görlitzer Bahnhof „Bierschwemmen“-Wirt Jens Beiderbeke gerade zielstrebig zur S-Bahn, um sich am Bahnhof Friedrichstrasse auf die Schnelle mit zollfreiem Schnaps einzudecken. Schon 12 Jahre später gehörten ihm neun weitere „Bierschwemmen“ in den Westberliner Arbeiterbezirken, er selbst blieb jedoch in Zehlendorf wohnen.

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Schlafentzug

Man arbeitet daran, dass auch der Mensch mit maximal 4 Stunden Schlaf auskommt. Deswegen interessieren sich US-Forscher besonders für die amerikanische Dachs-Ammer. Dieser Vogel kann bis zu sieben Tage wach bleiben – eine saisonabhängige Fähigkeit, die es den Vögeln ermöglicht, nachts zu fliegen und tagsüber nach Nahrung zu suchen, ohne Ruhepausen einlegen zu müssen. „In den letzten fünf Jahren hat das US-Verteidigungsministerium viel Geld in die Erforschung dieser Tiere investiert. An gleich mehreren Forschungsinstituten, allen voran die Universität Madison in Wisconsin, haben Wissenschaftler die Hirnaktivität dieser Vögel während der Schlaflosigkeitsphasen untersucht, in der Hoffnung, die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragen zu können. Das Ziel ist es, Soldaten zu erschaffen, die nicht schlafen,“ schreibt Jonathan Crary in seinem Buch „Schlaflos im Spätkapitalismus“. Kurzfristig geht es darum, „Methoden zu entwickeln, mit denen ein Kämpfer siebentägige Einsätze ohne Schlafpausen bei weitgehend voller geistiger und körperlicher Leistungsfähigkeit durchsteht; langfristig wird jedoch mindestens die doppelte Zeitspanne angestrebt. Die wissenschaftliche Herausforderung besteht weniger darin, die Wachheit zu verlängern, als vielmehr das Schlafbedürfnis des Körpers zu reduzieren.“ Es ist laut Crary eine ebenso verblüffende wie unbegreifliche Tatsache, dass er sich jeder Wertschöpfung entzieht. Bei dem enormen ökonomischen Potenzial, das hier auf dem Spiel steht, ist es kein Wunder, dass derzeit allerorten eine Erosion des Schlafs stattfindet. Schon im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der Schlaf nach und nach zurückgedrängt: Ein durchschnittlicher nordamerikanischer Erwachsener schläft heute sechseinhalb Stunden pro Nacht, vor einer Generation waren es noch acht und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schier unglaubliche zehn Stunden. Schlaf ist eine allgegenwärtige, aber unsichtbare Erinnerung an eine nie ganz überwundene Vormoderne, an die bäuerliche Lebensweise, deren Niedergang vor 400 Jahren begann. Der Schlaf gemahnt uns daran, wie sehr unser Leben nach wie vor in den Rhythmus von Sonnenlicht und Dunkelheit, Tätigsein und Ruhe, von Arbeit und Erholung eingebettet ist. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die feste Position, die der Schlaf im nun überholten aristotelischen und Renaissance-Weltbild eingenommen hatte, aufgegeben. Man erkannte zunehmend die Unvereinbarkeit des Schlafs mit modernen Vorstellungen von Produktivität und Rationalität. „Heute, im 21. Jahrhundert, ist das Verhältnis zwischen Schlaf und Zukunft weitaus problematischer. Irgendwo auf der Grenze zwischen dem Sozialen und dem Natürlichen angesiedelt, sorgt der Schlaf für die zyklischen und phasenhaften Rhythmen, die zwar für das Leben unverzichtbar, aber mit dem Kapitalismus unvereinbar sind. Die erstaunliche Unverwüstlichkeit des Schlafs muss im Zusammenhang mit der Zerstörung jener Prozesse gesehen werden, die für unserer Weiterleben auf diesem Planeten notwendig sind.“

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Damit die im Grunewald gefällten Bäume nicht die Kinder traurig stimmen, die dort mit ihren Eltern am Wochenende spazieren gehen, hat man sie von arbeitslosen Künstlern bunt anmalen lassen. Wenn die Kinder Fingerfarben im Rucksack dabei haben, dürfen sie es ihnen nachtun.

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Agrar-Paradoxa

In der DDR wurde die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu einem weitaus größeren Teil aus den privaten Kleinlandwirtschaften und Schrebergärten abgedeckt als in der BRD. D.h. die industriell betriebene DDR-Landwirtschaft, die Versorgungsengpässe beheben sollte, kam – nicht zuletzt wegen des sich ständig steigernden Fleischkonsums – dem Bedarf nicht nach. Obwohl es Anlagen gab, in denen bis zu 200.000 Schweine gemästet wurden, andere mit 40.000 Rindern und einen Milchviebetrieb mit 2000 Kühen (er gehört heute einem Westler, der sie auf 2600 Kühe erweiterte!).

Für diese Großanlagen standen mitunter nicht genug Futtermittel zur Verfügung. Es mußte Getreide aus dem Westen importiert werden. Dort verhängte man zwei Mal ein Getreide-Embargo. Um unabhängig von Importen zu werden, wurde mit der Umwandlung von Abfallprodukten (um z.B. aus dem Stickstoff in Fäkalien Proteine herzustellen) experimentiert und die Neulandgewinnung (u.a. durch Flußumleitungen und Entwässerungen) forciert. Während der „Fortschritt“ (so hieß auch das Kombinat Landmaschinenbau) bei der Industrialisierung der Landwirtschaft in der DDR politisch durchgesetzt wurde, geschah Analoges in der BRD über den Markt („Wachsen oder Weichen“ genannt). Hier wie dort hatte dies eine zunehmende Arbeitsteilung in den Agrarbetrieben und eine Verdinglichung der Nutztiere zur Folge. Mit dem Unterschied, dass in der Arbeiter-und-Bauern-Republik diese Entwicklung begrüßt und propagandistisch aufbereitet wurde – bis in die Kinderbücher hinein, wohingegen die Landwirtschaft in der BRD seit eh und je mit idyllischen Bauernhöfen wirbt. Es stimmt natürlich, kaum eine umgewandelte LPG – bestehend aus schlichten Funktionsgebäuden, würde „Ferien auf dem Bauernhof“ anbieten – und die vielen kleinen privaten Landwirtschaften, deren Produkte hoch subventioniert waren, gibt es nicht mehr, da es sich heute nicht mehr lohnt.

In „Nachrichten aus dem Garten Eden“ erzählte die Schriftstellerin, wie ein Bauer in einem sachsen-anhaltinischen Dorf agitiert wurde, damit er in die LPG eintrat: „Mache diche nischt vor, sagte der Schulze. Du profetierst von der Landwertschaft bai uns. Im Gabidalismus wärste blaite! Das waßte janz jenau…Die Klanen arweiten niche wertschaftlich, is mal so.“ Der Bauer blieb stur. Als die UDSSR für Öl und Gas ab 1979 Weltmarktpreise verlangte – und auch für die Landwirtschaft der Diesel rationiert wurde, war sein Hof noch besser gestellt: „Wir ja fein raus mits unse Pfäre, die Hafer und Stroh fraßen, was man heute erneuerbare Energie heißt. Es war das erste Mal, daß der Vater triumphierte.“ Nach der Wende rettete sein kleiner „Biohof“, der zuletzt als „Agrarmuseum“ durchging, sogar noch die LPG – durch Fusion; diesmal triumphierte er jedoch nicht, denn nun galt es, sich marktwirtschaftlich zu orientieren. Ein LPG-Vorsitzender in der Priegnitz, der kürzlich nach erfolgreicher Umwandlung seiner „Kolchose“ in einen kapitalistischen Großbetrieb als dessen Geschäftsführer in Rente ging, erzählte mir: „Im landwirtschaftlichen Buchführungsverband Kiel habe ich erfahren, dass 80% der Höfe in Deutschland den Banken gehören. In Mecklenburg sind 38% der Landwirtschaftsfläche schon im Besitz von Industriellen und u.a. holländischen Agrarunternehmern. Der Boden wird als Investition gekauft. In der Landwirtschaft geht die Verbindung zum Boden verloren.“ Ebenso zum Vieh.

Am Ende sind die Bauern entweder Agrarunternehmer oder Heimarbeiter der Agrarindustrie. „So haben wir uns das nicht vorgestellt, als wir Landwirtschaft studierten,“ meint ein Ehepaar, das im Emsland Schweine züchtet. Eine süddeutsche Bäuerin, Ulrike Röhr, sieht die Entwicklung der Landwirtschaft dagegen eher rosig: „Schon Monate vor der Ernte werden die Kontrakte auf der Getreidebörse ausgehandelt. Dabei müssen wir entscheiden, wann der beste Zeitpunkt für den Verkauf der Erträge ist. Wir beobachten die Getreidebörse genau, doch wenn der Preis nach unserem Verkauf noch steigt, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das eben so. Es ist ein Geschäft, bei dem Erfahrung, Gespür, aber auch Glück eine Rolle spielen…“ Haben sie sich bei der Ertragsmenge verschätzt und mehr verkauft als sie dann tatsächlich ernten, muß das finanziell ausgeglichen werden. ‚Ein Landwirt muß heute das marktstrategische Wissen eines Börsenhändlers haben,“ sagt Ulrike Röhr.

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Es gibt sie aber noch: die Bäume in Berlin. Hier posiert Elfi Sedlacek mit ihren Verwandten, Sofie und Henriette Grolm à la Tschechow vor dem allerdings nicht mehr besonders dichten Wald in der Schönholzer Heide (Pankow).

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Zittern in Zittau

Um doch noch ein taz-Reiseprogramm für den Herbst durch das „Dreiländereck“ Deutschland, Polen, Tschechien zusammen zu bekommen, fuhr ich in sein Zentrum: Zittau. In dieser Stadt sollen die drei EU-Länder zusammenwachsen. Was sieht man? Der einstige Exerzierplatz der Zittauer Kaserne Großporitsch auf der anderen Neißeseite ist heute eine polnische 1500-Seelengemeinde namens Porajow mit einer neuen katholischen Kirche. Da, wo Tschechien beginnt, befindet sich ein vietnamesischer Souvenirmarkt. Ich erfahre: Einst schlossen sich die Zittauer mit den Bautzenern, Görlitzern, Laubanern, Löbauern und Kamenzern zum „Oberlausitzer Sechsstädtebund“ zusammen, um Adel und Raubritter abzuwehren. Stattdessen kamen jedoch 1424 die eher proletarisch-bäuerlichen Hussiten mit neuen Kampftechniken – und nahmen Zittau ein. Seitdem ging es wirtschaftlich bergab mit der damals noch reichen Stadt.

Bis heute wanderte fast die Hälfte ihrer Einwohner ab, was auch durch immer mehr Eingemeindungen, schon zu DDR-Zeiten, nicht ausgeglichen werden konnte. Ebensowenig durch aufwendige Gebäuderestaurierungen nach der Wende, durch die Umbenennung der städtischen Bühnen in die „Gerhart-Hauptmann-Theater GmbH“, mit der „Landesgartenschau“, mit dem „Sachsen-Tag“ oder der Staats-Feier anläßlich der Einstellung aller Grenzkontrollen 2007.

Diese und weitere Spektakel können nicht über das menschliche Elend hinwegtäuschen, das nach der Wende mit der Entlassung von 5389 Arbeitern beim Nutzfahrzeughersteller „VEB Robur-Werke Zittau“ verbunden war, wo danach nur noch 11 Mitarbeiter übrig blieben. Selbst der einstige Exportschlager – die gelbe Zittauer Riesenzwiebel, die zuletzt von der „Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft ‚Edelweiß'“ angebaut und vornehmlich in die Hauptstadt der DDR geliefert wurde, ist so gut wie niemandem mehr eine Nachfrage wert. Auch ich dachte bei meinem Zittaubesuch nicht daran – als ich dort im „Freizeitcenter ‚Alle Neune‘ (früher „Kegelsporthalle ‚Gut Holz'“) das Stammessen „Biergulasch mit Weinkraut und 4 böhmischen Knödeln“ für 3 Euro 20 bestellte. Beim anschließenden Kaffee kam ich mit einer Zittauerin ins Gespräch, die ein noch billigeres Seniorengericht bestellt hatte. Ich verhehlte ihr gegenüber nicht einen gewissen Mißmut über das triste Zittau, als sie mich nach meinen Eindrücken fragte.

Als Antwort erwartete ich etwas Lokalpatriotisches, sie sagte jedoch etwas Klügeres: „Ich habe am Nummernschild Ihres Autos gesehen, das Sie aus Berlin kommen…Wenn Sie so an der ehemaligen Grenze entlang und durch Zittau gondeln, dann sehen Sie mit Glück vielleicht da und dort das Sein, aber nie das Werden, dazu müßten Sie sich länger irgendwo aufhalten. Dann würden sie merken, dass sich doch ganz schön viel tut, auch Unterschiedliches und Gegenstrebiges. So gibt es z.B. bei jedem Großprojekt – egal ob Braunkohletagebau, Truppenübungsplatz, Schweinemast-, Biogasanlage oder Windkraftpark – überall Pro- und Contra-Lager – bis hin zu Bürgerinitiativen. Die einen versprechen sich davon Arbeitsplätze, Aufschwung, das es weiter geht – irgendwie, die anderen sehen darin jedoch bloß eine weitere Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Die fast unterirdischen Rangeleien all dieser Kontrahenten, die sieht man nicht – oder höchstens, wenn sie Transparente raushängen – ‚Für eine Umgehungsstraße‘ oder ‚Gegen ein Rieseneinkaufscenter‘. Und das sind nur die sozusagen politischen Bewegungen. Die wirtschaftlichen, die damit verquickt sind, die sieht man noch weniger, obwohl oder weil sie tagtäglich stattfinden – was bei einigen nicht selten bis zum Ausgebranntsein führt.“ Die Dame hatte wahrscheinlich recht: Im Oberlausitzer Kurier fand ich wenig später nicht weniger als acht Annoncen von „Therapeuten für Burn Out in Zittau“.

Zuletzt aktuell noch dies: „Nach dem weitgehend friedlich verlaufenen Gang durch die Innenstadt von Zittauer Pegida-Anhängern und ihren Gegnern vornehmlich aus der linken Szene ermittelt nun das Dezernat Staatsschutz der Kriminalpolizei. Denn sowohl die Zigida-Bewegung (Zittauer Idioten gegen die Islamisierung des Abendbrotes) als auch die Gegendemonstranten hätten ihre Aufzüge vorab bei den zuständigen Stellen anmelden müssen.“

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Das schöne Wetter trieb die Reinickendorfer Rolf Händel und seinen Bruder Jürgen mit ihren Kindern und ihrem schnellen Schlauchboot auf den Wannsee. Rolfs Frau Ursula photographierte ihre diesjährige Jungfernfahrt – allerdings mit etwas zu geringer Tiefenschärfe.

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Einwestung

Alle großen russischen bzw. sowjetischen Romane, die in der DDR erschienen (wunderbar übersetzt und mit kenntnisreichem Nachwort versehen) werden noch einmal, diesmal auf den echten Markt geworfen – von Westverlagen. Meist mit dem Zusatz „neu übersetzt“. Und sofort legt das Feuilleton los: Mit einem Rezensenten, der vorgeblich die alte DDR- und die brandneue BRD-Übersetzung gründlich gelesen hat und womöglich noch das russische oder sowjetische Original daneben, wobei er in dem Falle darauf hinweist, das dieses oder jenes Kapitel erst nach 1990 erscheinen durfte. Dieser Russlandexperte und frühere Kremlastrologe jedenfalls ist voll des Lobes über die neue Übersetzung, die sogar einen neuen Titel bekam, wobei aus sagen wir Gogols „Mantel“ ein „Trenchcoat“ wurde. Oder wenigstens – wie bei Leo Tolstois „Anna Karenina“ ein anderes Cover her mußte: ein Farbphoto von einer Hollywoodschauspielerin mit tiefem Dekolleté. Dabei werde mit amerikanischer „Soft Power“ ein Buch aus Russland, wo sie so etwas bis heute noch nicht haben (nur „Hard Power“?) gepusht, wie die Verlagsvertreter verdruckst erklären. Zur Not tut es auch ein Hinweis in der Presse über die im Westen erschienene Ausgabe eines Buches z.B. von Iwan Bunin, der vor allem das Leben in den vorrevolutionären „Adelsnestern“ beschrieb und auch in der DDR gelesen wurde: Sie sei „brillant übersetzt“. Der TV-Sender „Arte“ würdigt besonders gerne solche eingewesteten Werke aus Russland bzw. der Sowjetunion auf seiner Kulturschiene. Aber da gilt: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm. Bei Arte ist es andersrum.“

Demnächst ist bestimmt auch noch der sowjetischste aller russischen Schriftsteller, Andrej Platonow, dran, dessen letzte Romane in der DDR erst in der Wende erschienen – beim Verlag „Volk und Welt“, der nach dreimaliger Privatisierung schließlich beim Weltverlag „Random House“ landete, welcher 2013 mit dem Weltverlag „Penguin Books“ fusionierte. Die Rechte an Platonows Werken sind wahrscheinlich irgendwo zwischendrin – zwischen den Vertragsposten – verloren gegangen. Hoffentlich.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass das alles Scheinübersetzungen sind, die da von den Westverlagen als „neu“ veröffentlicht werden. Die meisten Verlage gibt es nur noch als Logo in einem Konzern, mit ein paar „freien Mitarbeitern“ bestückt, die als Lektor, Übersetzer, Hersteller und Pressesprecher fungieren. Ich weiß von einem Buch dessen Lektorat darin bestand, dass da statt „Arschloch“ „Depp“ eingesetzt wurde, und von einem anderen (russischen), in dem das Wort „Zigeuner“ durch „Roma“ ersetzt wurde.

Vorbei die Zeiten, da z.B. das Ostberliner Ehepaar Mierau ständig schlaue sowjetische Texte übersetzte und in irgendwelchen DDR-Sammelbänden unterdrachte, wobei sie diese manchmal regelrecht reinschmuggeln mußten. Sie wurden trotzdem gefunden – und gelesen.

Im Gegensatz zu Solschenizyns „Archipel GULag“ z.B., der vielleicht sorgfältig im Westen ediert und dann zigmillionenfach gedruckt wurde – aber nicht gelesen: In den Neunzigerjahren fand man die drei Bände zu hunderten im Antiquariat – alle ungeöffnet. Wahrscheinlich hatten die antikommunistischen Väter ihren studierenden Kindern reihenweise den „GULag“ zu Weihnachten geschenkt, damit sie nicht allzu sehr nach „links“ abdrifteten und die hatten ihn ungelesen ins Regal gestellt.

Fritz Mierau veröffentlichte im übrigen nach der Wende eine zehnbändige Ausgabe des russisch-sowjetischen Priesters und Universalgelehrten Pawel Florenski – in einem kleinen märkischen Verlag. Florenskis Briefe an seine Familie gaben die Anthroposophen in Dornach heraus. Beiden Editionsprojekten merkt man an, dass es sich dabei gewissermaßen um Herzensangelegenheiten handelte und nicht um einen prekären Job von Leuten, die mal „irgendwas mit Medien“ machen wollten.

„Die zwölf Stühle“ des sowjetischen Autorenduos Ilja Ilf und Jewgeni Petrow wurden in der DDR viel gelesen. Als nach der Wende im Westen eine neue „unzensierte Fassung“ veröffentlicht wurde, haben etliche Ostler sich auch diese „Fassung“ sofort gekauft – und gekuckt, was denn da ihre oder die sowjetische Zensurbehörde unterdrückt hatte. Enttäuscht mußten sie feststellen, dass die „Stellen“ völlig belanglos waren. Ähnlich ging es umgekehrt Thomas Brasch im DDR-Knast: Dorthin gelangte ein Exemplar des Buches „Cosmic“ aus dem März-Verlag – über die oberhessische Friedensbewegung aus der Sicht des damals dort lebenden Verlegers Jörg Schröder. Auf einigen Seiten gab es mit Filzstift eingeschwärzte Sätze – auf Anordnung des Gerichts. Die Knackis schafften es nur mühsam, sie frei zu legen – und waren dementsprechend enttäuscht, dass dort nichts sie Interessierendes stand.

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Auch für die Charlottenburgerin Übersetzerin Maggie Meyer-Uthoff begann schon die Bootsaison. Hier mit dem Liegeplatzwart Karel Tschock am Stölpchensee, dessen Tochter Alena es kaum glauben kann, dass ihr ansonsten so kältempfindlicher Vater sich bereits ins nasse Wasser traut.

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Im Schweinesystem

„Alain de Botton zeigt, wie wunderbar die Mühen der arbeitenden Menschen ineinander greifen, um uns zu erfreuen,“ schrieb die „Financial Times Deutschland“ über seine Stipvisiten in einigen modernen Betrieben: „Freuden und Mühen der Arbeit“ betitelt. Der Jungunternehmer und die Finanzzeitung hätten besser getan, sich zwei Büchern zu widmen, die von Malochern selbst geschrieben wurden – erhellende „Tatsachenromane“ statt Schwatzhaftes von einem verblendeten Bankierssohn.

Da wäre zum Einen das Buch „Saisonarbeit“ von Heike Geißler, eine ledige ostdeutsche Schriftstellerin, die sich aus finanzieller Not im Versandzentrum von „Amazon“ verdingte. Und zum Anderen „Möbelhaus“ von Robert Kisch, ein westdeutscher Vater und Journalist („preisgekrönte Edelfeder“), dessen Verlage mangels Werbeeinnahmen pleite gingen, und der aus Not Verkäufer in einem Provinz-Möbelkaufhaus wurde. Beide Bücher sind sehr lesenswert, obwohl die eigentliche „Edelfeder“ eigentlich Heike Geißler ist, während Robert Kisch nur ein ordinärer „Starjournalist“ war, der sich zunächst durchaus für etwas Besseres hielt, weil er als Medienmensch mehr verdiente als im Einzelhandel, der in der Welt herum kam und Promis kennen lernte. Beide Bücher beschreiben „einen blinden Fleck der Gesellschaft und dabei ihre kulturelle und moralische Verwahrlosung. Die Kalifornisierung der Arbeit, in den USA bereits deutlich sichtbar, ist die Reduzierung auf Top- und Sklavenarbeit,“ schreibt der taz-Rezensent über „Möbelhaus“. Und weiter: „Zur Antisolidarisierung der alten und neuen Berufskollegen, des Arbeitgebers und der Kunden kommt die private Antisolidarisierung. Die Frau verlässt den Möbelverkäufer.“ Und sein Scheißjob „macht ihn müde und fertig und würdelos. Der Kopf ist nicht mehr frei. Nur leer.“ Ähnliches gilt auch für Heike Geißler bei „Amazon“: Es geht dabei „um schiere Dauer, um Anwesenheit, um die Übersetzung Ihrer Zeit und Kraft in Geld.“ Aber das ist nur „nach Schweiß und faulen Argumenten stinkendes Geld.“

Für Robert Kisch kommt noch dazu, dass er in Räumen ohne Tageslicht permanent reden, überzeugen, schmeicheln, lügen und lächeln muß (er arbeitet auf Provisionsbasis, die ihm seine Chefs laufend schmälern), und dass seine Kunden bis auf wenige Ausnahmen asoziale Drecksäcke sind, die ihn wie Scheiße behandeln – ohne etwas zu kaufen. Sie wollen meist nur Preise vergleichen, anschließend bestellen sie ihren Möbelmist im Internet. Ist nicht sowieso der „Konsument“ das allerletzte?

Die beiden Bücher zusammen ergeben ein eindrucksvolles Bild vom derzeitigen Schweinesystem. Die Bundesregierung tönte gerade: „So wenig Arbeitslose wie noch nie seit der Wende“. Aber es sind gerade solche Sklavenjobs mit denen die Hartz4ler seitdem „reintegriert“ werden. Deswegen verwundert es nicht, dass sich in Ostdeutschland fast jeder dritte nach einer „Revolution“ sehnt und in Westdeutschland jeder siebte. Auch die beiden Autoren! „Im Grunde bin ich in einem Jahr vom CDU-Sympathisanten stramm nach links gewandert,“ schreibt Robert Kisch, der sich heute rückblickend sogar für „die eklige Welt“ seiner Jetset-Journalisten-Existenz „schämt“.

Ob in Deutschland eine „Revolution“ kommt, die das elende Prinzip der Erniedrigung und Verdummung ebenso hinwegfegt, wie alle, die ihren Wanst ständig in Schußhöhe tragen, ist fraglich. Als gesichert darf hingegen gelten, dass immer mehr Mittelschichtler aus ihrer scheinbar stabilen Seitenlage fallen, um sich als ausgebeutete und ständig gedemütigte „Dienstleister“ wieder zu finden. Man denke nur an die Millionen armen Supermarktkassierinnen bzw. -regalauffüller, an die ganzen Friseusinnen und Boutiquenverkäuferinnen in den riesigen Einkaufszentren, die ihre Jugend zwischen dümmlichster Popmusik und stinkenden, von Kindern hergestellten Modeklamotten verdämmern sollen. Im Stehen! Und deren fast einziges Vergnügen das Komasaufen oder wahllose Einwerfen von Designerdrogen ist – verbunden vielleicht mit einem kurzen Rammelfick am Ende des Tages, bevor sie wieder an ihrem sogenannten Arbeitsplatz antreten müssen. Einen Ausweg bietet einzig das Kinderkriegen. Aber dann geht totsicher irgendwann ihre „Beziehung“ kaputt – und sie sind als „Alleinerziehende“ wirklich im Arsch, denn damit schnappt die Falle der verfluchten Dienstleistungsgesellschaft endgültig zu: Sie können es sich nicht mehr leisten aufzumucken oder gar zu sagen „Ich hab die Schnauze voll“.

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Die Steglitzer Biologielehrerin Jutta Schmale leistete sich erst einmal eine neue Garderobe bei C&A, die gerade ihre „Nachhaltigkeits“-Kollektion präsentiert hatte, und ging dann am Wochenende in den Botanischen Garten – in ihr Lieblingsgewächshaus, wo der Reviergärtner Hans-Peter Vosswinkel dieses Photo für sie aufnahm.

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Save-ty First!

Im „Tatsachenroman Möbelhaus“ kritisiert der Möbelverkäufer auf Provisionsbasis Robert Kisch u.a. seine Kunden (die Konsumenten), wobei er auch auf das Internet zu sprechen kommt. In der taz-Rezension heißt es dazu: „Die Macht der Internetrecherche trifft als Erstes nicht den Unternehmer, sondern den geknechteten Verkäufer. Der Onlineanbieter ist auch in der Möbelbranche der Parasit, dessen Geschäft darauf beruht, dass der Kunde sich bei Kisch auf dessen Kosten beraten lässt und dann online kauft, wo es billiger ist.“ Es geht ihm dabei ums „Sparen“.

Vor der Durchsetzung des Neoliberalismus war das Sparen einfach – und begann oft schon bei der Geburt: Da bekam man von seinem Taufpaten ein Sparbuch mit fünf Mark drauf. Die Sparkassen wurden extra gegründet, um Kinder und Arme zum Sparen anzuhalten: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not!“ Die Sparkasse in Emden vergab allerdings auch schon mal Geld an unliebsame oder liederliche Mitmenschen (Nichtsparer), die sich damit ein „One-Way-Ticket“ nach Amerika kaufen mußten. Es war so etwas Ähnliches wie das Ausfliegen von Flüchtlingen, nur dass es sich dabei (noch) um Einheimische handelte.

Heute funktionieren die Sparkassen anders, wie eine Angestellte in der Filiale Potsdamer Platz mir erzählte: „Die Sparkassen hatten und haben zwar den öffentlichen Auftrag, den kleinen Mann zum Sparen zu ermuntern und sein Geld zu verwalten. Indem man aber die Sparkasse mit allen möglichen Kreditinstituten unter einer Holding zusammengepackt und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hatte, waren wir irgendwann auch dazu da, Aktien unserer eigenen Firma anzubieten. Durch diese Fusionen wurde alles immer gewinnorientierter. Girokonten waren nur noch Peanuts. Ich bekam Anschisse, wenn ich einen Kunden, der ein Girokonto eröffnen wollte, eine halbe Stunde lang beraten – und ihm dabei nicht mindestens ein Sparbuch verkauft hatte Mit den Investmentfonds, von denen es hunderte gibt, war es folgendermaßen: Wenn man einmal begriffen hatte, wie die aufgebaut sind und funktionieren, dann hat jeder von uns seine drei oder vier Favoriten im Dauerangebot gehabt, wobei man jedem Kunden das selbe erzählt hat. Man muß sich das so vorstellen, dass jeder von uns drei Platten im Kopf gehabt hat – über Giro- bzw. Sparkonten sowie über Kredite und Investmentfonds, die er täglich mehrmals abgespult hat Dann bekamen wir Computerlisten aus der Zentrale mit den Daten von hunderten von Kunden, denen man in der einen Woche telefonisch z.B. Bausparverträge verkaufen sollte. In der nächsten Woche war es ein anderes, angeblich wieder besonders auf die jeweiligen Kunden zugeschnittenes Produkt – z.B. Lebensversicherungen.“

Das Animieren zum „Sparen“ haben nun absurderweise alle anderen Branchen übernommen: In Internet gibt es zum Stichwort „Sparen“ über 100 Millionen Einträge. Und jede dritte Plakatwerbung spricht vom Sparen. Am Schlimmsten sind die Handy- und Internetanbieter, die sich jede Woche ein neues „Sparangebot“ bzw. „Supersparpaket“ ausdenken. Bei der BVG und im Zoo „spart“ man, wenn man eine Jahreskarte kauft, bei Aldi fast täglich, und bei Möbel Höffner bekommt man sogar „500 Euro geschenkt“, wenn man dort einkauft. Aber auch bei der Gasag sowie bei den Stromanbietern gibt es Spartarife, Prämien und beim „Schnitzelhuber“ Speisen mit „56% sparen“. Bei einem Subaru-Autokauf kann man sogar „3000 Euro sparen“. Ferner helfen einem Dutzende Ratgeber helfen beim „Steuern sparen“, der Onlineshop von „Media Markt“ „lädt zum Sparen ein“, die AOK sagt einem wie man „im Fitnessstudio Geld sparen“ kann, und Softwaren-Hersteller bieten gar eine „Lizenz zum Sparen“ an. Und dann das Sowohl als auch: „Sonnenklar.tv“ weiß, wie man gleichzeitig „reisen und sparen“ kann, mit der „Lidl-Diät“ spart man auf einen Schlag „Geld und Kalorien“, bei „Conrad Electronic“ kann man „shoppen & sparen“, in einem „Bad“ von REWAG darf man sich „wohlfühlen und sparen“ und im Bordell Emmerich“ kann man ficken und sparen, was ein richtiger „Flatrate-Spass“ sein soll.

Besonders irre klingen die Angebote in englischen Buchläden, wenn sie z.B. „Krieg und Frieden“ von Tolstoi verkaufen – mit dem Hinweis: „Zahle für zwei und nimm drei!“ Man bekommt also ein Exemplar umsonst. Aber was soll man mit drei „Krieg und Frieden“-Wälzern? Die Texte vergleichen – wie die Trobriander mit Margret Meads Doktorarbeit? Ein ähnliches Geschäftsgebaren hat schon meinen Kollegen in der Rindervormast der LPG „Florian Geyer“, Egon, gleich nach der Wende kirre gemacht: „Alle wollen einem alles mögliche ‚günstig‘ verkaufen, aber wo man das Geld dafür herkriegt, das sagen sie einem nicht.“ Inzwischen bieten die Geschäfte in so einem Fall Ratenzahlung an oder sogar einen Kredit, den man dann bei ihnen ausgibt. So macht das bereits ganz „Deutschland“: Indem z.B. die Griechen für das erste „Rettungspaket“ deutsche Leopard-Panzer und U-Boote kaufen mußten. Am Hinterhältigsten sind die US-Gewerkschaften: Um z.B. einen Job in einem New Yorker Betrieb zu bekommen, muß man in der Gewerkschaft sein, aber das kostet einem erst einmal 5000 Dollar. Dann hat man allerdings ein regelmäßiges Einkommen und kann als Konsument wie verrückt sparen. Demnächst wirbt auch die Stadtmarketing GmbH mit dem Zauberwort: „Wenn Sie nach Berlin und nicht nach London ziehen, sparen Sie bis zu 400.000 Euro – und zwei Tolstoi-Romane beim Kauf von einem.“

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Das waren noch die guten alten Westberliner Zeiten: als die GSW noch nicht privatisiert und pervertiert war, sondern preiswerte Wohnungen für alle in der Neuköllner Gropiusstadt errichtete, u.a. das sogenannte Spring-Projekt. Vor dem Bauschild steht hier gerade dessen spätere erste Mieterin, die Karstadtverkäuferin Annelotte Herrmann.  

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Ober, Zahlen!

Wir sind umgeben und durchdrungen von Zahlen – nicht erst seit der Digitalisierung. Alles ist mindestens maschinell vorgefertigt – mit Technik auf der Grundlage von Zahlen. Eins und eins sind zwei – logisch! Aber in der Natur gibt es keine zwei identischen Dinge, so dass sie zwei ergäben. Die Zahl abstrahiert von aller Realität in der Ersten Natur. Es gibt sie nur in der Zweiten, weswegen viele Naturvölker es auch nur mühsam lernen, wenigstens bis vier zu zählen. Dieses Abstrahieren kommt ihnen einer Verblödung gleich, denn sie sehen doch mit eigenen Augen, dass ihre Trinkschale z.B. anders ist als die des Nachbarn. Wir haben dagegen alles Tassen im Schrank, die man getrost zusammenzählen kann – eine ist wie die andere. Das gleiche gilt für Gehwegplatten, Herzschrittmacher, Feuerzeuge, Flughäfen usw..

Zu ihrer Produktion braucht es Arbeiter – und diese sind ebenfalls der Zahl unterworfen: der Stückzahl, den Zahlen auf den Anzeigen ihrer Maschine, der Lohnfortzahlung, den Zahlen auf der Stechuhr usw..Als die Schriftstellerin Heike Geißler im Leipziger Versandzentrum von Amazon anfängt, zeigt ihr ein Kollege die Arbeit: Seine „Bewegungen folgen einer strengen zeitlichen Taktung, für jede Tätigkeit scheint er die exakt gleiche Zeitmenge aufzuwenden, alles ist dem Zeitsinn untergeordnet…,“ schreibt sie. Auch die Zeit ist eine Abstraktion auf der Basis von Zahlen. Der Kopf der „Saisonarbeiterin“ bei Amazon ist schon bald selbst ein „Zählapparat“. Während die Autorin dem Feierabend entgegenarbeitet fängt sie an, „alle Zeit [zu] zählen, und auch das nochmals gezählte nochmal [zu] zählen…“ Ihr Arbeit besteht darin: „Ware wuchten und zählen, zählen.“

Ich arbeitete 1965 in einer Sackfabrik, wo ich neun zuvor gereinigte Zuckersäcke in einen zehnten packen und auf einen Haufen schmeißen mußte. Als man sie nach zwei Wochen auf einen LKW lud, ging einer auf und man entdeckte, dass in einem nur 8 oder 7 in einem anderen jedoch 10 oder 11 waren – aber in keinem 9. Ich wurde daraufhin unehrenhaft entlassen. Heike Geissler bemerkt: An der Amazon-Stechuhr bildet sich jedesmal „ein Stau“, weil die Leute zu lange auf das Display starren, um die Stechuhr ihrerseits zu kontrollieren. Aus Versehen stellte man ihr eine Palette mit Produkten an den Arbeitsplatz, „die noch nicht vermessen wurden,“ sie streitet sich darob mit dem Gabelstaplerfahrer. Auf dem Heimweg kommt sie an Fahrradständern vorbei, die von anonymen „Guerilla-Strickern“ eingekleidet wurden. Heike Geissler ärgert sich darüber: „Dieser wollene Protest, der keiner ist, will zeigen, dass die Welt eine bunte sein soll.“ Bei ihr kommt er jedoch als „dummes Symbol großer Zeitverschwendung und Besserwisserei“ an.

Wenn man dem marxistischen Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel folgt, dann würden Arbeiter, wenn sie die Macht hätten, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufheben – woraus dann auch ganz andere „Maschinen“ entstünden. Solche, die nicht reine Zahlenwerke ausstoßen, die am Ende verbucht werden. Bei der Verwandlung des Gebrauchswerts in einen Tauschwert wird der Gegenstand zur Zahl. Anders im Kombinat „Stern-Radio“: Dort waren immer wieder von oben Warnungen vor den neuesten Innovationen der Japaner, Amerikaner etc. eingegangen: Ihr müßt eure Produkte verbessern! wurde gesagt. Aber was taten die da – unten: Sie ließen immer mehr Funktionen weg, schließlich sogar die Qualitätskontrolle am Schluß. In der Wende wurde „Stern-Radio“ als einer der ersten DDR-Betriebe abgewickelt.

Der fortschritts- und zahlengläubigen Linken war es quasi in die Wiege gelegt, dass sie meinen, heute – mit den vernetzten Großrechnern – müßte die Planwirtschaft eigentlich gelingen. Marx und Engels lebten im technikberauschten England, als 1850 in London die erste Weltausstellung stattfand, zu der als „Triumph der generalstabsmäßigen seriellen Fertigung“ im Hydepark ein riesiger Kristallpalast errichtet wurde. Die meist technischen Exponate im Inneren und der Palast drumherum galten den damaligen Zeitgenossen als Beweis für den Realismus ihrer Utopie, als nahezu sicheres Glücks-Versprechen und als Sieg der Zivilisation. Bereits sieben Jahre später wurden sie mit dem Aufstand der in ihrem Dienst stehenden indischen Soldaten gegen das englische Kolonialregime eines Besseren belehrt: Das Ende des britischen Empire wurde absehbar.

Friedrich Engels schrieb 1883 in einem Brief an Eduard Bernstein: „Daß die Produktivkräfte eine Ausdehnung bekommen, bei der sie der Leitung der Bourgeoisie mit gesteigerter Geschwindigkeit entwachsen, liegt auf der Hand.“ Sie würden dann wie reife Früchte dem Proletariat in den Schoß fallen. Es sind jedoch vergiftete Früchte. Das merkt man spätestens, wenn in selbstverwalteten Betrieben Maschinen angeschafft werden. Vor allem bei der Anschaffung von Rechnern gerät man heute in einen Teufelskreis von algorithmischen und technologischen „up-date“-Zwängen.

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Spaß muß sein: Hier wird die Buchhalterin von Möbel Höffner („Let’s go to Höffi!“), Irmchen Schönblum aus Schöneberg von ihrem Lebenspartner Detlef Schwaiger, der in der selben Funktion bei Möbel Krieger tätig war, in der Solf-Sauna an der Bundesallee photographiert. Das war noch vor dem ersten Umbau der Sauna, der zweite erfolgte erst kürzlich, nachdem ein russischer Investor die Sauna auf dem höchsten Hochhaus an der Bundesallee erworben hatte. 

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Das junge Ehepaar Hans und Elvira Meininger ist – wegen ihres Kindes, wie sie sagen – ins Grüne gezogen: nach Karow-Nord. Er arbeitet als Informatiker an der TU und sie neuerdings in einer privaten Kindertagesstätte in Marzahn. Nun können sie sich endlich ein neues Schlafzimmer leisten, haben sich aber noch nicht entschieden.

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Topevent der Globaltrottel

Die „Internationale Tourismus Börse“ (ITB) wird von den Berlinern auch „Lügen-Messe“ genannt, weil sie voller haltloser Versprechen ist („preiswerte Zimmer mit Blick aufs Meer“ z.B.). Auf der „Grünen Woche“ kann man das Angebot der Länder riechen und schmecken (z.B. an den zwei Ukraineständen: Kaviar mit Wodka und am Russland-Stand: Stör mit Wodka). Auf der ITB gibt es dagegen nur Farbposter und bewegte Bilder – meist mit lachenden Touristen drauf. Dazu bestenfalls einige herausgeputzte Models in Landestracht, die einfach herumstehen und lächeln müssen – unentwegt lächeln. Diese Messe ist die reinste Okulartyrannis. Alles Lügen: Je verbrecherischer das Regime (Yemen, Iran, Sudan-Südsudan, Irak, Algerien, die Emirate, Weissrussland, Papua-Neuguinea, Turkmenistan etc.) – desto schöner ist seine Touristenwerbung. Nur Niedersachsen und meine Heimatstadt Bremen sind ehrlich: Sie preisen sich mit ihren pothässlichen Flughäfen an. Wahrscheinlich haben sie die Hoffnung auf Touristen aufgegeben, die ganze Reklame ist für ihre Mitbürger: „Up up and away“. Südostasien bewirbt sich dazu so: „Total abgefahren Thailand unter 200 Euro!“ Die USA werben mit der „New York Times“ und diese mit dem Spruch „Die Welt und was man daraus machen kann.“ „Machen sollte!“ muß es wohl heißen.

Der Tourist ist ein Konsument (von Landschaften, Abenteuer, Exotik usw.) und will wie bei jedem Konsum vor allem sparen. Deswegen haben die ihn umwerbenden Länder und Städte aber nicht ganze Hallen auf der ITB für zigtausend Euro gebucht: Der Tourist ist ein wandelnder Geldbeutel – für die Eingeborenen an seinem Urlaubsort: Wer es von denen nicht schafft, ihn in kurzer Zeit charmant aber nachhaltig auszunehmen, wie eine Weihnachtsgans, der muß ihm zur Not eins übern Schädel geben. Nicht wenige Staaten werben mit ihren letzten „Wilden“ – in Kriegsschmuck. Auch Großwild ist ein beliebtes Reklamemotiv. Gegenüber vom „Arctika – Antarctic“-Stand bestellte ich mir erst einmal an einer „Surf-Bar“ ein Erfrischungsgetränk, das von einem muskulösen Rettungsschwimmer in Badehose serviert wurde. Ich war dort wegen der „Mongolei“, die in diesem Jahr Messeschwerpunkt war und deswegen viel Platz eingeräumt bekam. Zwar warb auch sie mit zig Farbprospekten, aber bei ihr wußte ich immerhin: Die schönen Kamele in der Gobi z.B. kann man eigentlich nicht reiten, denn sie stinken bestialisch, weil sie sich nicht von Gras, sondern von einer Lauchart ernähren. Auch die mit vielen Bildern gepriesene Kulinarik der Mongolei ist äußerst gewöhnungsbedürftig, da sie fast nur aus Fleischgerichten besteht. Und der Spruch, mit dem die Mongolen für sich werben – „Nomadic by Nature“ – ist gelogen, denn ihre Politiker und die USA wollen sie partout seßhaft machen. Zudem hatten sie das Nomadisieren schon fast verlernt, als die Kolchosen 1990 aufgelöst wurden und jeder Mongole 100 Stück Vieh bekam, was in den Jahren darauf zu einem Massentiersterben führte.

Zu dem Slogan, mit dem ihre Hauptstadt Ulaanbaatar wirbt: „The city you’ll never get bored“ will ich mich gar nicht erst äußern. Auch nicht zu dem Werbespruch für die Mongolei-Rundreise mit dem Luxuszug „Zarengold“: „Ein Leben wie die Nomaden erwartet sie.“ Dieser hohe verlogene Ton ist in der Tourismusbranche Standard. In den „ITB Berlin News“ kommt vorneweg der Präsident der Mongolei zu Wort. Er meint: „The incredible networking tools put in place by the ITB over the past years continue in strength and efficiency.“ Da argwöhnt doch jeder anständige Berliner sofort: Das kann ja heiter werden! Aber eins muß ich sagen: Die Wüste Gobi ist großartig – und so gut wie ohne Spartouristen. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass sie fast leer ist für das urbanisierte Auge, dann entdeckt man im Detail laufend Wunderbares. Und erst die gut gelaunten Viehzüchterinnen: in Genossenschaften organisiert („so ähnlich wie früher, nur jetzt bestimmen wir selbst“), vom Gleichheitsgedanken beseelt ( „um die Freiheit müssen wir und keine Gedanken machen, um die Brüderlichkeit nur wenig“), und ökologisch gefestigt („Es gibt keine Armutswilderei mehr, nur noch eine von Reichen gelegentlich“).

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Der Blogger mit Möven am Tegeler See. Er lacht, wenn auch etwas gequält: Am Morgen hatte er an der Tankstelle am ZOB (vis à vis vom Messeglände) einem Italiener aus dessen Auto heraus für 100 Euro eine Lederjacke abgekauft. Es war ein Notverkauf, ein Schnäppchen quasi, wie der Mailändische Textilhändler ihm mit tränenerstickter Stimme versichert hatte – man habe ihm das ganze Geld gestohlen, so dass er nicht einmal mehr tanken könne. Die Freundin des Bloggers klärte den Blogger dann am Nachmittag auf der Seepromenade jedoch auf: Er war einem Trickdieb aufgesessen: die Jacke war aus Plastik und nicht mehr wert als höchstens 20 Euro. Aber, tröstete sie ihn, „du hast ja immer gesagt: ‚Ich aber lasse mich gerne betrügen, um mich nicht vor Betrügern schützen zu müssen‘.“ Deswegen mußte er laut lachen, woraufhin zwei Möven sofort erschrocken vom Geländer aufflogen (im Bild nicht mehr sichtbar).

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Wiedergeburt – Wie?

In einem Brief von Marx an Vera Sassulitsch heißt es 1881 – zu ihrer Frage, ob das russische Dorf mit seinem Gemeinschaftseigentum (Obschtschina) eine Überlebenschance habe: Die Reste der Dorfgemeinde finden „den Kapitalismus in einer Krise, die erst mit seiner Abschaffung, mit der Rückehr der modernen Gesellschaften zum ‚archaischen‘ Typus des Gemeineigentums finden wird, oder, wie der amerikanische Autor Lewis Henry Morgan es sagt – das neue System, zu dem die moderne Gesellschaft tendiert, ‚wird eine Wiedergeburt des archaischen Gesellschaftstypus in einer höheren Form sein‘.“

Bruno Latour denkt in die selbe Richtung, wenn er vorschlägt, wieder vor die Moderne zurück zu gehen – als Subjekt und Objekt, Natur – Kultur, Fakt und Fetisch noch ungetrennt waren, denn wir ignorieren sowieso laufend deren Trennlinien. Aber wir sollen noch weiter zurück: mit der Archaik ist eine Epoche im antiken Griechenland bezeichnet, die von 700 v.Chr. bis zur Durchsetzung des Geldes und des abstrakten (philosophischen) Denkens, um etwa 500 v.Chr. reicht. Die archaische Gesellschaft, in der Gabentausch überwiegt, war gekennzeichnet durch die Verpflichtung der Reziprokation der empfangenen Gabe, während für den darauffolgenden Warentausch das Postulat der Äquivalenz der getauschten Objekte charakteristisch wird. Archaisch ist zunächst einmal, das man keine Zahlen benutzt, weil man sie nicht braucht. Dies gilt heute noch für viele sogenannte „Naturvölker“ – „Primitive“.

Gemeinhin gilt der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes als „Begründer der progressiven Moderne“; für ihn bildete die „mathematische Ordnung“ die Grundlage für die soziale und politische Ordnung. Für René Descartes galt dann: „Das Buch der Natur ist in den Buchstaben der Geometrie geschrieben.“ Schon bald stritt man sich über „die Natur der reellen Zahlen“ – denn mit Newton und Leiniz traten „Infinitesimale“ in die Welt, die Algorithmen ermöglichten, mit denen heute alles mögliche ins Werk gesetzt wird. Die positive Infinitesimalzahl (laut Wikipedia „ein Objekt, das bezüglich der Ordnung der reellen Zahlen größer ist als null, aber kleiner als jede noch so kleine positive reelle Zahl.“) öffnete die Tore „zu einer humanen Welt,“ wie der Infinitesimalhistoriker Amir Alexander in seiner „Geschichte des unendlich Kleinen“ meint. Ein Rezensent merkte dazu an: „So kommt ein merkwürdiges Paradox zustande – das Infinitesimale, dessen Folgen heute eher als Einengung der Freiheit empfunden werden, hat für Alexander historisch überhaupt erst den Weg zu ihr geöffnet.“ Indem uns z.B. die algorithmen-gesteuerte Automatisierung/Roboterisierung nach und nach von immer mehr lästigen und stumpfsinnigen Tätigkeiten „befreit“.

Gleichzeitig erheischen Algorithmen die „Berechnung“ der „Befreiten“ selbst – bis in ihre letzten „Bausteine“, die Gene, um deren Leben quasi von innen zu „optimieren“. Die Bremer Humangenetikerin Silja Samerski gab demgegenüber zu bedenken: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft . . . über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist doch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Das beginnt mit der (griechischen) Abstraktion als Werkzeug, wie Adorno/Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schreiben, womit die Logik von der Masse der Dinge geschieden wird. Das Mannigfaltige wird quantitativ unter eine abstrakte Größe gestellt und vereinheitlicht, um es handhabbar zu machen. Das symbolisch Benannte wird formalisiert; in der Formel wird es berechenbar und damit einem Nützlichkeitsaspekt unterzogen, verfügbar und manipulierbar gemacht. Das Schema der Berechenbarkeit wird zum System der Welterklärung. Alles, was sich dem instrumentellen Denken entzieht, wird des Primitivismus verdächtigt.“ Diesen eben gilt es anzunehmen – und in eine „höhere Form“ zu bringen, d.h. ohne Äquivalenzdenken/ Berechnung.

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Aber es geht nicht immer nur witzisch zu in Berlin: Hier erklärt der Stuttgarter Diplomingenieur Adolf Deger gerade einigen Umschülern aus Eberswalde, Wittstock und Pritzwalk die Neue Ökonomische Politik (NEP), die nun auch im Osten greift. Immerhin, die Zahlen, um die es dabei letztlich ankomme, seien die selben wie im Osten geblieben. Gleich wird er ihnen zur Verdeutlichung einige Videos aus der Handelskammer seiner Heimat vorführen. Der Herr ganz rechts im Bild gehört nicht dazu: Es ist der Diplompsychologe Mike Seewald aus Paderborn, der die Fortbildungsagentur gleich nach der Wende in Prenzlauer Berg aufgezogen hat – und bis zu dem Zeitpunkt, als die Aufnahme entstand, bereits sage und schreibe 2120 Umschüler durch seine Kurse geschleust hat.

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Eine der Umschülerinnen, Beate Bosse aus Zossen, kann aus Krankheitsgründen nicht am Kursus von Deger teilnehmen. Hier demonstriert sie das quasi zusammen mit den Medikamenten, die man ihr verordnet hat – in ihrer Wohnküche. Obwohl einige der Tabletten üble Nebenwirkungen haben und sie wahrscheinlich den ganzen Kursus wiederholen muß, hat sie das Lächeln noch nicht verlernt, wie man sieht.

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Ähnliches gilt auch für den ehemaligen Russischlehrer Peter Märzwald aus Wiesengrund, der ständig über Schweißausbrüche und Übelkeit klagt – und der im übrigen, wie er meint, das Wort „NEP“ nicht mehr hören kann. Darauf könne man heutzutage keine Rücksicht mehr nehmen, hatte ihm der in Berlin als durchaus erfolgreich geltende Mike Seewald aus Paderborn spitz geantwortet.

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Weitere Paderborner

„Paderborn to be wild,“ so brachte Kurdirektor Micky Remann das Lebensgefühl in der Kreisstadt der Region Ostwestfalen-Lippe auf den Punkt, denn dieser Erzbistumssitz, dessen Untergrund laut Wikipedia „aus Mergelkalkstein der Oberkreide besteht,“ war nach Peenemünde der Ort, wo erneut ein deutsches Kalifornien versucht wurde – mit Friedensware diesmal. 1952 gründete hier der mittellose Physikstudent Heinz Nixdorf seine erste Computerfirma. 1965 stellte diese einen Tischrechner auf der Hannover Messe vor: Die nach modularen Gesichtspunkten konstruierte ‚Logatronic‘ war der erste auf Halbleitern basierende Kleincomputer. Technisch war dies laut Wikipedia „eine Revolution“. Im Revoltenjahr 1968 übernahm Nixdorf die AG Wandererwerke. Schon bald war er der viertgrößte Computerhersteller in Europa – mit 24.000 Mitarbeitern, die alle gut verdienten. Für die Lehrlinge war Sportunterricht Pflicht. Leider gab es in der Umgebung von Paderborn keine Surfgelegenheiten – und die Skateboards waren noch nicht erfunden. Nixdorf förderte andere Sportarten. Denn „ein Leben ohne Begeisterung für Wettbewerb und Wettkampf mit dem Ziel, bessere und beste Leistungen zu erreichen,“ konnte er sich, der als erster einen „RO 80“ – mit Wankelmotor – fuhr, nicht vorstellen.

1985 wünschte sich der Paderborner Computerpionier, dessen geschäftliche Verbindungen mit dem älteren Kreuzberger Computerpionier Konrad Zuse sich gerade zerschlagen hatten, „nichts sehnlicher als die Privatisierung der Post – dieser 500.000 Personen große Koloß, der da rum liegt und nichts tut.“ Er sollte sich gefälligst mit Nixdorf-Computern modernisieren! Obwohl das nicht geschah, entwickelte sich aus der Paderborner Computerfirma dennoch ein weltweit tätiger Elektronikkonzern mit knapp vier Milliarden D-Mark Umsatz: die „Nixdorf AG“. Spätestens ab da war kalifornisches Savoir Vivre angesagt – und wie: Heinz zahlte alles, sogar die Taxifahrten waren in Paderborn umsonst, man mußte nur sagen „Zu Nixdorf“. Selbst die popeligsten Hotels machten einen auf Ritz. Ganz Paderborn wurde auf diese großzügigkotzige Weise zu einem Nixdorf, ein sündiges Dorf – jedenfalls für Protestanten, die ihre Groschen lieber zusammenhalten. Man ließ dort die Puppen tanzen – und sang dazu das „Paderborn-Lied“: „In dieser Stadt bin ich geboren. Und sie lässt mich nicht mehr los. Hab mein Herz an Dich verloren. Paderborn du bist grandios.“

Der Konzerngründer starb dann auch bei einem fröhlichen Tanz – mit seiner Sekretärin – an einem Herzinfarkt. Das geschah auf der großen Nixdorfparty während der Computermesse CeBit in Hannover 1986. Gerade noch rechtzeitig vor seinem Untergang: Der Patriarch hatte bis zuletzt nicht daran geglaubt, dass Personal Computer mit universeller Software die neue Technik in der Datenverarbeitung werden könnten. „Wir bauen keine Goggomobile,“ so lautete Nixdorfs Kommentar zu der neuen Technik, nachdem er eine Zusammenarbeit mit Apple ausgeschlagen hatte. Das rächte sich schon bald, denn als nächstes erfuhr man, dass Siemens den Laden in Paderborn aufkaufte – und dann dort die Daumenschrauben anzog, d.h. den Betrieb genaugenommen langsam abwürgte bzw. -wickelte. Der kalifornische Lifestyle im Westfälisch-Lippeschen endete offiziell 1998: Da wurde die „Siemens Nixdorf Informationssysteme AG“ aufgelöst und vollständig in die Siemens AG integriert.

In Paderborn verblieben zwei Nixdorf-Stiftungen, das Heinz Nixdorf Institut, das Heinz Nixdorf Museum und, nicht zu vergessen, sein Ahorn-Sportpark, der sicher dazu beitrug, dass der SC Paderborn jetzt ein „Aufsteiger“ ist. Das hat die Stadt aber auch bitter nötig, nachdem in letzter Zeit nur noch von ihrer aufsteigenden Verbrechensrate (vornehmlich Einbrüche bzw. Diebstähle) die Rede war und ein Gericht dann auch noch ausgerechnet den Paderborner Polizeichef wegen „Geheimnisverrats“ verurteilte. „Schlimmer geht es kaum,“ schrieb die „Neue Westfälische“.

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Gelegentlich trifft es auch mal einen Westler – mitten im „Lifelong-Learning“: Hier ist es der Bäckermeister Klaus-Jürgen Kowalski aus Tempelhof, der sich mit einer Darmgrippe aus seinem Kursus zurückgezogen hat. Er läßt sich gerade wegen einer Mehlallergie zu einem Heimerzieher umschulen. Eigentlich wäre ich ja reif für den verdienten Ruhestand, meint er, aber seine Frau, Luise, wollte ihn nicht den ganzen Tag bei sich zu Hause haben, sie verspricht: „Ich werde ihm schon Feuer unter den Hintern machen, sobald es ihm wieder etwas besser geht.“

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Streichhölzer

Die Streichhölzer werden immer weniger. Sie sind schon fast Geschichte – die Zündholzfabrik in Lauenburg ist inzwischen eine Jugendherberge. Und es gibt bereits ein Geschichtsbuch – über die „Deutsche Zündholzfabriken AG“ und ihr Werk in Coswig/Sachsen-Anhalt, daneben eine allgemeine „Geschichte der Zündhölzer“ – aus der Schweiz, wo es auch ein „Zündholzmuseum“ gibt. Kürzlich ist es mir sogar passiert, dass ein Tabakwarenladen keine Streichhölzer mehr hatte – „nur noch Einwegfeuerzeuge, auch ganz billige,“ wie mir der Händler erklärte. Zwar habe ich mich schon oft an Streichhölzern verbrannt bzw.beim Anzünden ein Loch in mein Hemd oder ins Tischtuch gebrannt, mitunter auch eine ganz unbrauchbare Schachtel erworben, aber desungeachtet habe ich einen sentimentalen bezug zu diesen Hölzern. Mein Lieblingsbuch war lange Zeit und ist es in gewisser Weise noch immer: „Nils Holgerssons wunderbare Reise“ von Selma Lagerlöf. Die Wildgänse überfliegen darin mit ihm zusammen Schweden und dabei auch die Zündholzfabrik von Jönköpping am Ufer des Vättern. Eine junge bleiche Arbeiterin kuckt dort gerade aus dem Fenster. Als sie die Gänse über die Fabrik fliegen sieht, ruft sie ihnen sehnsüchtig nach: „Nehmt mich mit, nehmt mich mit!“ Jedesmal, wenn ich seitdem Wildgänse am Himmel sehe und höre, werde ich für kurze Zeit auch ganz sehnsüchtig.

Daneben gibt es auch noch einen finnischen Roman von Maiju Lassila: „Streichhölzer“ und den schönen finnisch-schwedischen Film von Aki Kaurismäke „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“. Der Film beginnt mit dem Fällen der Bäume. „Alles geht automatisch, kein Mensch ist während des ganzen Prozesses zu sehen, bis plötzlich Iris auftaucht. Ihre Aufgabe ist es, die Etiketten auf den Kartons zu kontrollieren.“ (Wikipedia) Das erinnert mich wiederum an den Schriftsteller Franz Jung, der sich 1921 an einer Schiffsentführung beteiligte, um an einem Kongreß der Bolschewiki in Leningrad teilnehmen zu können. Im Jahr darauf wurde er zum Leiter der Zündholzfabrik „Solnze“ in Tschudowo bei Nowgorod ernannt, die er erst einmal wiederaufbauen sollte.

In Indien wurde zur gleichen Zeit die englische Anarchistin und Feministin Annie Besant Präsidentin des Nationalkongresses, der unter der Führung von Gandhi für die Unabhängigkeit Indiens kämpfte. In der Nachfolge der Theosophiegründerin Madame Blavatsky hatte sie sich zuvor um die indische Philosophie und Kultur verdient gemacht. Ihr Assistent war damals nebenbeibemerkt Rudolf Steiner, der sich dann mit der deutschen Sektion unter dem Namen „Anthroposophie“ unabhängig machte, weil ihm Annie Besants Esoterik zu indisch war. Zudem war sie ihm, dem Liebling vieler Salondamen, zu proletarisch-klassenkämpferisch. Während ihrer Zeit in England hatte sie es diesbezüglich bereits zu einigem Ruhm gebracht – im „Londoner Streichholzmädchen-Streik 1888“. Es war der erste Arbeitskampf der „Neuen Gewerkschaftsbewegung“ gewesen und Annie hatte unter großer öffentlicher Anteilnahme die „match-girls“ zu Demonstrationen für ihre Forderungen bewegen können. „Damals,“ heißt es in einer Biographie über sie, „besaß die Streichholz-Industrie eine starke Lobby im Staat, denn die Elektrizität war noch nicht weit verbreitet und Streichhölzer waren nötig, um Kerzen, Öl- und Gaslampen anzuzünden. Besants Kampagne hatte erstmalig die Streichholz-Hersteller bezwungen.“ In einem Buch über „Menschenrechte“ von Oskar Dangl wird unter dem Stichwort „Kinderarbeit“ das Mädchen Risha erwähnt, das in einer indischen Streichholzfabrik die Hölzer sortiert. Im „Kapital“ schrieb Marx bereits – in einer Fußnote: „Die Einführung von Maschinerie hat in einem Department der Zündholzfabrik 230 Personen durch 32 Jungen und Mädchen von 14 bis 17 Jahren ersetzt…“

Die skandinavischen Fabrikanten waren besonders stolz auf die Qualität ihrer Zündhölzer, die sie auch exportierten, in Russland z.B. schätzte man sie sehr. Anton Tschechow schrieb ein Stück: „Das schwedische Zündholz“. Der dänische Autor Hans-Christian Andersen veröffentlichte ein Märchen mit dem Titel: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Im „Struwwelpeter“ ist es ein Mädchen namens Paulinchen, die allein zu Hause war, mit Streichhölzern spielte – und dabei „lichterloh verbrannte“. Absichtlich versuchte auch Wladimir Kaminer einmal mit Zündhölzern einen ganzen Supermarkt in Moskau anzuzünden. Zu diesem Zweck sammelte er kiloweise Zündhölzer, die er im Keller des Ladens deponierte. Als er den Haufen anzündete, passierte jedoch so gut wie nichts. In einem seiner Bücher berichtete er darüber. Der Vollständigkeit halber sei hier auch noch der Roman von Gaéton Soucy: „Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte“ sowie das Sachbuch von Max Otte: „Der Zündholzkönig: Ivar Kreuger, Finanzgenie und Wegbereiter eines Jahrhunderts von Wallstreet-Skandalen“ erwähnt.

Zu den „Einwegfeuerzeugen“ sei auf den blog-eintrag http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2010/01/19/kreuzberg_so_36_nosing_around/ verwiesen.

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Das „Dream-Team“ von Heinz-Otto Behrens (zweiter von rechts) auf dem Balkon seiner Neubauwohnung in Lankwitz. Die vier Diplomkaufleute haben vor genau einem Jahr eine Vermittlungs- und Verwaltungs-GmbH für Auslandsaufenthalte namens „ISKRA“ gegründet – und können nun stolz sagen: „Wir haben es geschafft,“ denn sie haben bereits zwei fest Mitarbeiter und drei Praktikanten eingestellt.

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Schüleraustauschmesse

…“Eine gute Idee,“ meinte die Mutter eines 14jährigen, als sie von der „Messe“ der „International School“ in Dahlem erfuhr: „Aber noch besser wäre eine Schülerumtauschmesse.“ „Das kann doch mit Glück daraus werden,“ entgegnete eine andere Mutter, die ihre zwei Jungs bereits ins Ausland geschickt hatte: „Jedesmal hoffte ich, es würde ein anderer zurückkommen – leider vergeblich.“ „Ach, ihr Rabenmütter,“ schaltete sich ein Vater ein: „Darum geht es doch gar nicht. Das Schülerauslandsjahr ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Deinstleistungssektor. Da war die Idee: Man müßte den Kindern Internationalität beibringen, sie ihren Horizont erweitern, die Welt kennenlernen lassen. Und schon griffen arbeitslose amerikanische Sozialpädagogen und Bildungsexperten zu: Sie gründeten „Vermittlungsagenturen“. Von da aus breitete sich dieses Geschäft krebsartig über den Globus aus. Für ein Jahr USA müssen die Eltern 10.000 Euro zahlen, Kanada ist noch teurer, weil die Gasteltern extra was kriegen. Und dann brauchen die da Taschengeld, Klamottengeld, Geburtstagsgeschenkegeld usw.. Meine arme Nachbarin konnte ihre Tochter nur nach Tschechien schicken, sie hat gemault, aber hinterher war sie heilfroh, denn dort konnte sie Reiten, Skifahren, alles mögliche – ohne dafür extra zu bezahlen.“ „Aber auch wenn es teuer ist und die Agenturen davon profitieren, immerhin lernen die Kinder doch im Ausland die Sprache – und Toleranz, es dient der Völkerverständigung,“ wandte eine der Mütter ein.

Ich weiß nicht, wie das Gespräch weiterging, ich mußte umsteigen, aber ich erinnerte mich, was Wladimir Kaminer mir einmal über seine Tochter erzählt hatte. Ihre Mutter hatte ihr keinen Lateinamerika-Austausch erlaubt („Erst wenn du 18 bist – dann kannst du reisen wohin du willst!“), und ihre Französisch-Lehrerin hatte ihr wegen schlechter Zensuren einen Lyon-Aufenthalt vermasselt. Als ihre Freundinnen zurückkamen, meinten sie jedoch, sie hätte nichts verpaßt: „Die Franzosen sähen selbst mit fünfzehn aus wie Zwölfjährige in Berlin. Außerdem hätten die Franzosen keine Ahnung von guter Musik, sie hören Shakira und Britney Spears und können überhaupt kein Alkohol vertragen. Eine Party für 20 Gäste wird in Lyon mit fünf Dosen Bier gefeiert, nach einer Stunde liegen alle Franzosen besoffen unterm Tisch. Kein Wunder, dass sie dermassen unterentwickelt sind, meinten die Mädchen übereinstimmend. Denn die Jugend in Lyon hätte, anders als in Berlin, zu wenig Möglichkeiten ihre Trinkfestigkeit zu trainieren. Die Jugendlichen dort hätten kaum Chancen, an Zigaretten und Alkohol heran zu kommen. Bei uns in Berlin sei der deutsche Schüler in jedem Spätverkaufsladen als wichtiger Bierkonsument hochgeschätzt. In Lyon gäbe es nicht einmal einen ‚Späti‘.“ Das Gegenteil hatte ich von einem 16jährigen Schüler erfahren, den seine Eltern für ein Jahr nach New York geschickt hatten: Seine Gasteltern ließen ihn nicht ohne Begleitung aus dem Haus. Er saß die ganze Zeit auf seinem Zimmer und kiffte.

Für Minderbemittelte und -begabte gibt es auch immer mehr lukrative Angebote: Als „farm hand“ mit Marlboro auf eine US-Ranch, als „Au Pair Girl“ zu einer Oberschichtsfamilie nach Paris, als vorbestrafter Neonazi in ein sibirisches Resozialisierungscamp, als allzu aufsässige Punkerin in ein militaristisches Wüstenlager in Nevada, wo allerdings die jederzeitige Rückkehr nach Deutschland nur auf dem Papier steht, per „work and travel“ nach Australien – von dort kommend haben allerdings gerade zwei Jugendliche während ihres Zwischenstops in Singapur eine U-Bahn vollgesprayt und wurden dafür vom Gericht zu Gefängnis und Auspeitschen verurteilt.

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Diese drei munteren Mädels, Jutta, Margrit und Sofia, haben es ebenfalls geschafft: Nach zwei  Auslandsaufenthalten in Luzern und Barcelona bzw. London haben sie gerade eine Festanstellung in einem Kreuzberger Supermarkt bekommen: Jutta als Brotsortenberaterin und Margrit und Sofia als Fleischfachverkäuferinnen – und das gleich um die Ecke ihrer Mädchen-WG: „Rewe, here we come!“ sagen sie nun. Neben dieser dynamischen Brotsortenberaterin Jutta aus Mitte („36 Brot- und 18 Brötchensorten“) gibt es aber auch noch den „old-fashioned“ Bäcker an der Ecke – mit nur 4 Brotsorten und 4 Brötchensorten, dafür aber mit leckerem Kuchen und einer im  Laden immer freundlich mithelfenden Ehefrau, wie das nächste Photo beweist. Es zeigt den Friedenauer Bäcker Kurt Ohnsorg mit seiner Frau Marie, geknipst von ihrem Stammkunden Hans-Jörg Kottmeyer:

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Konsumentengeschichten

Die Amis haben die Konsumentenkultur durchgesetzt – für nahezu alle, und schlagen damit der „Degrowth-Bewegung“ immer wieder ins Gesicht. Da hilft auch keine Nachhaltigkeit. Jeder kennt z.B. die grünen Plastiksiebe in den Pißbecken auf den Männertoiletten, die ein Fußballfeld mit Tor und Ball bilden. Den Ball gilt es beim Pinkeln mit dem Strahl ins Tor zu befördern. Gaststättenbedarfsläden bieten das „Urinal-Spiel“ unter den Bezeichnungen „Klokicker“ und „Pissgoal“ an. Es wurde Ende 1959 in Amerika erfunden, tauchte hier aber erst zur Fußballweltmeisterschaft 2006 massenhaft in den Urinalen auf. Die Einsätze kosten 5 bis 10 Euro. Ihre Anschaffung lohnt sich für die Wirte: Die männlichen Gäste pissen nicht mehr so oft daneben, sondern versuchen gewissermaßen ins Tor zu treffen. Sie waren aber auch zuvor schon zu bewußten Stehpinklern erzogen worden – durch die ständigen feministischen „Sitz!“-Ermahnungen. Erfunden wurde dieses zielorientierte Lernspiel für Männer in einem kalifornischen Forschungsinstitut, in dem – noch vor Timothy Leary in Harvard – die Teilnehmer eines Experiments mittels LSD kreative Ideen entwickeln sollten. Bei einem der Beteiligten, der später die „Maus“ für den Personalcomputer erfand, war dabei zunächst nur dieses „Pinkel-Toy“, wie er es nannte, herausgekommen – als Eishockeyspiel zunächst.

Zur Erklärung der internationalen Studentenbewegung wird gemeinhin angeführt, dass die Beteiligten die erste Generation bildeten, die über genügend Taschengeld verfügte, um sich eine eigene „Kultur“ quasi leisten zu können. Sie forderte zunächst: „Sex & Drugs & Rock n‘ Roll“, dann immer mehr. Im „Journal of Popular Culture“ fand ich die Geschichte des juvenilen Konsumguts „Skateboard“: In den Sechzigerjahren popularisierten die „Beach Boys“ das „Surfin‘ in the USA“. Bald wollten auch die Jugendlichen im Landesinneren surfen. Ein Chemiestudent in der Hochburg der amerikanischen Linken, Berkeley, der dort 1968 aus politischen Gründen relegiert wurde, erfand zu Hause ein Plastik, das weich ist, aber keinen Abrieb hat. Damit ließen sich Räder für Bretter herstellen, mit denen man auf der Straße surfen konnte. Schon bald waren die Einkaufszentren voll mit „Skateboard-Fahrern“, so dass dieses neue Spielzeug dort schnell verboten wurde. Das war die Stunde der „Skate-Park“-Gründer: Sie pachteten Ödland und stellten halbierte Röhren oder anders Abschüssiges aus Beton auf.

Als diese Parks von immer mehr Skatern – gegen Eintritt – benutzt wurden und die Abschüssigkeiten immer gewagter wurden, wobei das alberne Spielzeug sich zu einem ernsthaften Sportgerät (mit Meisterschaften) wandelte, schaltete sich der Verband amerikanischer Mütter ein, denn die Verletzungsrate ihrer skateboardenden Kinder stieg rasant. Sie forderten Sturzhelme für Skater, dazu Ellenbogen- und Knieschützer. Die bekamen sie bald in allen Preislagen. Aus dem neuen Weichplastik für die Räder war damit eine ganze Freizeitindustrie geworden, die sich sofort geographisch und sozial ausbreitete, wobei hierzulande noch eine staatliche Komponente hinzukam. Viele Kommunen legten solche Parks an, um laut Wikipedia „Möglichkeiten der Freizeitgestaltung für Jugendliche und Junggebliebene zu schaffen, ohne dass diese mit ihren Sportgeräten Teile öffentlicher und privater Grundstücke beschädigen und dabei Fußgänger gefährden.“

Daneben gibt es hier auch Allwetter-„Skatehallen“: z.B. „Children of the Revolution Skatehalle Berlin“, „Heizhaus“ (Leipzig) oder „Skate Factory“ und „Funbox Amalie“ (beide Essen). Nicht selten sind sie in stillgelegten Fabriken – und zeigen damit den Wandel von der Produktions- zur Konsumptionsgesellschaft an. Nach dem Skateboard kamen die „Inline-Skates“ in Mode: Rollschuhe, bei denen die vier Rollen hintereinander gestellt sind – Schlittschuhen ähnlich. Längst gibt es verschiedene „Klassen“ – bis hin zu „Speedskates“ und „Aggressive-Skates“. Gemeinhin wird ihre Geschichte auf die 1760 in London erfundenen Rollschuhe zurückgeführt, die zunächst für Ballsäle gedacht waren. Deren Räder waren jedoch hintereinander gestellt und somit „Inlineskates“. Erst 1850 wurde „Rollschuhe“ (Rollerskates) erfunden – ebenfalls in London. Sie lösten die Inlineskates quasi ab. Nicht so in Russland, wo man große Plätze im Winter gerne unter Wasser setzt, damit die Jugend dort Eislaufen kann. Es gibt Photos vom zentralen Platz in der sibirischen Komsomolstadt Chabarowsk, wo alle mit Inlineskates herumlaufen aus dem Jahr 1955.

Im Westen kamen die Inlineskates 1990 auf den Markt, schreibt Wikipedia, „die US-Eishockeyspieler brauchten ein Trainingsgerät für den Sommer, aus dieser Intention heraus wurden die Inlineskates neu entwickelt.“ Die Idee hatten sie von russischen Eishockeyspielern – sogenannten „Überläufern“, und es war die Firma Rollerblade in Minneapolis, die sie „umsetzte“, und zwar ganz groß, weswegen die „Inlineskates“ heute auch ‚Rollerblades‘ heißen. Die Firma gehört inzwischen zu „Nordica“ – einem italienischen Skihersteller in Treviso, zu dem auch Benetton zählt.

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Die muntere Tegelerin Dörte Mischalik schlägt sich auch irgendwie durch, obwohl sie nicht mehr die Jüngste ist, wie sie sagt, denn sie geht schwarz putzen und vermietet nebenbei noch ihren Wohnwagen, der auf dem Grundstück ihres Onkels steht, regelmäßig und für „gutes Geld“ an Fernsehteams, die ihn als Drehort u.a. für hauptstädtische Unterschichts-Problemfilme und -krimis mieten. Während einer Fußballmeisterschaft, die in Berlin ausgetrgen wurde, diente er gegen „Vorkasse“ sogar als Kulisse für eine  halbpornographische Dokufiction über mobile Eventprostituierte, wie Dörte Mischalik verschämt erzählt.

Das nächste Photo zeigt den Dreh einer „Polizeiruf 110“-Folge, in der es um einen alten Schrebergärtner geht, der von der Russenmafia erpreßt und schließlich ermordet wird: „Also ein für Berlin eher typisches Drama,“ wie der Regisseur dem Photographen erklärte (siehe Bild unten).

Auf dem oberen Photo nicht sichtbar ist Dörtes Mischlingsrüde „Fuß“, der auch schon in vielen TV- und Experimentalfilmen mitgespielt hat – ebenfalls für gutes Geld. Bis zu seinem achten Lebensjahr hatte Dörte sogar die – leider vergebliche – Hoffnung, dass seine Auftritts-Honorare derart steigen würden, dass sie ihre Putzjobs aufgeben könne. „Aber jetzt geht es auch so, muß ja, ich habe zum Glück fast nur noch Akademiker, bei denen ich putze, und die wissen meist gar nicht, was sauber ist, die wollen vor allem mit einem in der Küche quatschen und bieten mir Ostfriesentee mit Kandis und Sahne aus Heumilch an. Das macht mir nicht viel aus.“

Man sagt übrigens: „auf dem Photo“, aber „im Bild“ – seltsam.

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Das Tier im Sozialismus

„Tiere unter der SED-Diktatur“ lautete – verkürzt – eine Tagung in der TU. Da haben sie wieder eine neue Opfergruppe in der DDR entdeckt, höhnte die Junge Welt. Und hatte nicht einmal Unrecht, allerdings erforschen die Veranstalter – der interdisziplinäre „Arbeitskreis für Human-Animal-Studies ‚Chimaira'“ – ausschließlich die (Opfergruppe) Tiere, denen sie nun eben auch in dem abgeschlossenen Forschungsgebiet DDR nachgingen. Warum nicht gleich „Die Tiere im Sozialismus,“ dachte ich. Für die Fortschrittler Marx, Engels, Lenin usw. waren die Nutztiere allesamt nur Mittel – zum Sozialismus. Dementsprechend „effektiv“ mußte man mit diesem Lebensmittel umgehen. Und so war es dann auch. Auf dem Höhepunkt gab es Großviehanlagen, die 200.000 Schweine hatten, oder welche mit 40.000 Rindern und Milchviebetriebe mit 2000 Kühen (diese gehört heute übrigens einem Westler, der sie auf 2600 Kühe erweiterte!).

Der vielbeschäftigte Tierarzt einer LPG bei Potsdam mußte statt von geborenen von „produzierten“ Kälbern sprechen, und von jedem Behandlungsnachweis eine Kopie an das MfS schicken. Er vertrat nach der Wende, als er das nicht mehr tat, die These, dass die Stasi sich als oberste Tierschützer besonders viele Gedanken über das Wohl und Wehe der Tiere in der DDR gemacht hätten. Wenn auch nicht aus Tierliebe. Die Tierliebe gab es im Sozialismus quasi erst nach Feierabend, sei es in der kleinen privaten Landwirtschaft, die man ihnen als „Genossenschaftsbauern“ gelassen hatte, sei es als Aquarianer oder Hobbyornithologe im Verein. Letztere, so erfuhr ich in einem der (filmischen) Referate, hatten sich nach Vogelarten aufgeteilt, einer kümmerte sich z.B. um die Großtrappen. Er erzählte: Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft ab den Siebzigerjahren und dem vermehrten Einsatz von giftigen Chemikalien auf den Feldern sei die Großtrappenpopulation ständig zurückgegangen. Einige wurden republikflüchtig, drei flogen im Winter nach Frankreich und blieben dort. Der letzte im Großraum Leipzig starb 1994.

In allen Vorträgen, Filmen und Diskussionen ging es um „das reale Tier“ (das nur allzu oft von der Statistik verdeckt wird). Oder noch schlimmer – wie es „unser“ Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft auf einem Plakat verspricht, das man an die Wand des Tagunmgsraumes projizierte: „Den Tieren muß es am Ende der Legislaturperiode besser gehen als heute.“

Zwei Referentinnen führten aus, dass sich mit der Industrialisierung ab den Achtzigerjahren die Landwirtschaft von den jahrhundertelang nachhaltig praktizierten Wirtschaftsweisen gelöst habe. Dies geschah auch im Westen. Was dort marktwirtschaftlich („Wachsen oder Weichen“) „geregelt“ wurde und wird, geschah im Osten von oben, angefangen mit der Bodenreform und der anschließenden Kollektivierung. Letzere bewirkte bei den Tieren: chronischen Futtermangel (als Ersatz wurden u.a. Brauereiabfälle verfüttert, was jedoch mitunter bei den Rindern zur Alkoholabhängigkeit führte), schlechte Unterbringung, Seuchenausbrüche, Vernachlässigung (man bekümmerte sich lieber um sein Privatvieh). Die Folgen waren „Versorgungskrisen“ – denen man mit der Industrialisierung beikommen wollte. Dabei stand man wie bei der Bildung immer größerer Industriekombinate im Wettbewerb mit der BRD. Zudem ging es der Partei um eine „Angleichung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Stadt und Land.“ Das (einzel-)“bäuerliche Bewußtsein“ wurde dabei zuerst bekämpft, als es dann jedoch allzu akkordarbeiterlich gedieh, auf Kosten der Tiere und Äcker, versuchte man wieder gegenzusteuern. Auch wollte man die unselige Trennung der „Tier-“ und „Pflanzenproduktion“ rückgängig machen, aber dann kam die Wende. Der sozialistische Fortschritt (so hieß auch das Kombinat für Landmaschinenbau) zeigte sich in den LPGen u.a. in Form von Betonspaltenböden, Fütterungstechnik und Karusselmelkstände, was gleichzeitig eine zunehmende Arbeitsteilung hervorrief. Das dabei immer mehr „gestörte Verhältnis zum Tier ist jedoch nicht DDRspezifisch.“ Wohl aber der ständig gestiegene Fleischkonsum. Besonders war auch, dass die industrialisierte Großlandwirtschaft ideologisch propagiert wurde – bis in die Kinderbücher hinein, in der BRD wird die Landwirtschaft stattdessen seit eh und je mit idyllischen Bauernhöfen beworben.

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Früher gab es noch relativ viel Landwirtschaft in Ost- und Westberlin (eine Kolchose in Marzahn gibt es noch immer – heute natürlich öko), nach der „Blockade“ wurden die eingestallten Kühe in den Hinterhöfen und in den Schrebergärten sogar noch vermehrt, auch Pferde – für Lastentransporte. Dieses Photo entstand in Neukölln, wo es damals noch mehr Pferde als Autos gab.  Heute geht man eher in den Zoo oder in den Tierpark, wenn man große Tiere sehen will:

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Einige Jahrzehnte war auch der „Check Point Charly“ ein beliebtes Ausflugsziele für die sogenannten „Insulaner“, die sich nicht unterkriechn lassn. Da bestaunten sie dann die großen Kettenfahrzuge mit den Raubtiernamen:

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Bei den „richtigen Berliner Jungs“ waren daneben auch noch die Militärparaden der West-Alliierten eine große Sache. Und heute (im ehemaligen amerikanischen Sektor Kreuzberg):

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 Tiermedizin als Partydroge

Als sich der Mitte-Club „Kaffee B.“ 2012 neue Sessel anschaffte, fand man in der Polsterung der alten etliche Tütchen mit Ketamin-Kristallen – zum Schnupfen. Vermutlich hatten Drogendealer sie dort deponiert. Die Partydroge „Ketamin“, das in der Tiermedizin zur Narkose u.a. bei Pferden eingesetzt wird, ist verwandt mit Phencyclidin (auch „Angle Dust“ genannt) und mit dem Opioid Pethidin. Im „drogen-info-berlin“ heißt es über die Wirkung: „Charakteristisch für Ketamin ist die Erzeugung einer ‚dissoziativen Anästhesie‘. Darunter wird die Erzeugung von Schlaf und Schmerzfreiheit unter weitgehender Erhaltung der Reflextätigkeit, insbesondere der Schutzreflexe, verstanden.“ Wikipedia fügt hinzu: „Durch die dissoziative Wirkung, also das teilweise Entkoppeln mentaler Prozesse vom Bewusstsein, kann es zu außerkörperlichen Erfahrungen, dem Eindruck, es existierten mehrere Existenzebenen nebeneinander, sowie einem allgemeinen Gefühl der Unwirklichkeit oder Andersweltigkeit kommen. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit kann auch noch Tage oder Wochen nach einem dissoziativen Rausch anhalten. Es können in höheren Dosen zudem lebhafte, detaillierte, zum Teil äußerst realistische Pseudohalluzinationen auftreten, auch Synästhesien sind möglich, etwa die Visualisierung von gehörter Musik oder das Hören von Gefühlen.“

Als Partydroge fungiert daneben auch noch „Caniphedrin“, das zur Behandlung der Harninkontinenz bei Hündinnen nach der Kastration zugelassen ist. Es enthält L-Ephedrinhydrochlorid. Das Schweizer „Pharmawiki“ schreibt: „Das Alkaloid L-Ephedrin kommt zusammen mit weiteren Alkaloiden in Pflanzen der Gattung Ephedra vor. Das Kraut wird in der chinesischen Medizin seit über 5000 Jahren verwendet. Es wird als Kreislaufstimulans, schweisstreibendes Mittel, Fiebermittel und Hustenmittel empfohlen.“ In Tierexperimenten bewirkte die Reinsubstanz Ephedrin Bronchienerweiterung, Entspannung des Darms, Pupillenerweiterung, Stimulation des zentralen Nervensystems und eine Senkung des Urinvolumens. Deswegen wird es bei frischkastrierten Hündinnen angewendet, daneben aber auch zum Muskelaufbau im Bodybuilding und als Dopingmittel im Sport.

Das in der Natur vorkommende Ephedrin gehört ebenso zur Substanzklasse „Amphetamine“ wie das synthetische Methamphetaminhydrochlorid – kurz „Crystal Meth“ genannt. Ein Gramm kostet heute laut dem Chef der Berliner Drogenfahndung zwischen 70 und 80 Euro.

Im sogenannten „Techno-Bunker“ in Mitte arbeitete eine Kellnerin namens Nancy, die dort nebenbei noch Speed und Ecstasy verkaufte – und darüber auch in einem Buch „Die Tickerlady – mein Leben in der Technoszene“ berichtete. Dieses Geständnis brachte ihr eine Haftstrafe auf Bewährung ein. Einer ihrer ehemaligen „Bunker“-Kollegen war Bernd, er besaß zu Hause ein Aquarium – mit großen und kleinen Fischen. Die kleinen, obwohl in der Überzahl, hatten unter den großen gelegentlich zu leiden. Vor einiger Zeit nahm er einmal „Chrystal Meth“; einige der übrig gebliebenen Kristalle warf er zu den Fischen ins Wasser. Daraufhin verkrochen sich die großen Fische hinter Steinen und Pflanzen, während die kleinen sich zunächst unter der Wasseroberfläche sammelten. Dann schwammen sie plötzlich zu den großen und attackierten sie – so lange, bis sie tot waren.

Dieser süchtig machende Stoff hat eine stark aufputschende, enthemmende Wirkung und führt zu Nachwirkungen wie Depressionen, Panik, Wahnvorstellungen bis hin zur Schizophrenie. Weil seine Gefährlichkeit der des US-Volkskokains „Crack“ ähnelt, will der Bundesgerichtshof jetzt den Handel und Konsum mit dieser „Partydroge“ strenger bestrafen. Der Spiegel ließ dagegen einen US-Forscher, Carl Hart, der Drogenkonsum und -wirkung erforscht, zu Wort kommen: Er hält die „Risiken“ bei der Crystal Meth Einahme für „bizarr übertrieben“.

Nicht nur in den USA, auch hierzulande breitet sich diese Partydroge aus, die mitunter als „Ecstasy-Pille“ angeboten wird.

Ecstasy, MDMA (Methylen-Dioxy-N-methyl-Amphetamin) oder auch „Speed“ genannt, gehört ebenfalls zur Amphetamin-Gruppe. Die Droge hat man zunächst als Appetitzügler verschrieben. Unter dem Handelsnamen „Captagon“ wurde der rezeptfreie Wachmacher für Lastwagenfahrer fast zu einem Muß. Ein Gramm kostet heute 10 bis 20 Euro, ist aber oft bis zu 90% gestreckt. Ähnlich wie Kokain, das der Handel gerne mit dem Anthelminthikum „Levamisol“ streckt, dieses „Anthelminthikum“ wird in der Tiermedizin gegen Wurmbefall eingesetzt.

Das Amphetamin-Derivat „Meth“ wurde 1919 in Japan entwickelt und während des Zweiten Weltkrieges vor allem in der Rüstungsproduktion fast umsonst verabreicht. In den Jahren des Wiederaufbaus kam es dort zu einer regelrechten Meth-Epidemie,“ heißt es im „chemie.de/lexikon“. 1937 wurde die Droge auch von den Münchner „Temmlerwerken“ synthetisiert, zunächst an Studenten erprobt und 1938 als „Pervitin“ auf den Markt gebracht – gerade rechtzeitig vor Kriegsbeginn. „Wegen seiner aufputschenden Wirkung wurde Pervitin im Zweiten Weltkrieg millionenfach verwendet.“ Die Heimatfront nahm es für ihre „Bunkerpartys“, die Frontschweine zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit, d.h. der Angriffsfreude, sie nannten es „Panzerschokolade“, „Stuka-Tabletten“ oder „Hermann-Göring-Pillen“. Angeblich soll die Droge auch den Fußballern 1954 zum sogenannten Wunder von Bern verholfen haben. „Die Deutschen benutzen eine Wunderpille“ titelte die englische Presse bereits 1942. Als „Crystal Meth“, das heute in tschechischen Drogenküchen hergestellt wird, bewirkt es nun – vorwiegend beim sächsischen und bayrischen Amüsierpöbel – das Wunder, das man damit das ganze Wochenende durchtanzen kann – vor allem Goa, Trance, House und Techno: Musiken, die der weißen postindustriellen Jugend in abgewickelten Fabriken überlauten Maschinenlärm vermitteln, ohne dass sie dafür arbeiten müssen.

Ebenfalls zweckentfremdet wird von ihnen, aber auch von Bodybuildern und Leistungssportlern, das Narkosemittel GHB (Gamma-Hydroxy-Buttersäure), auch „G-Juice“ genannt – eingenommen. „Geringe bis mittlere Dosen können entspannend, beruhigend, euphorisierend und sexuell anregend wirken,“ heißt es im „Drogenlexikon“, ebenso können aber auch „Schläfrigkeit, Verwirrtheit und Gedächtnisstörungen auftreten. Bei höheren Dosen verstärkt sich die einschläfernde Wirkung bis zur Bewusstlosigkeit.“ Weswegen Männer GHB mitunter Frauen ins Getränk schütten, um sie dann mit mehreren zu vergewaltigen.“ So in einem Ostkreuz-Club geschehen. In der Tiermedizin wird GHB als „Basisanästhetikum verwendet, dass den Namen Somsanit trägt.

Neben GHB macht eine neue Droge, „Wizard“ von sich reden: Die Wirkung von „Wizard“ – chemisch 25I-NBO, zur Stoffgruppe der Phenethylamine zählend – ist meist ähnlich wie die von Ecstasy, „allerdings um ein Vielfaches stärker und gefährlicher – schon ein Millionstel Gramm der an der FU erfundenen Droge reicht aus,“ meldete das Wiener Magazin „oe24“, Focus ergänzte: Sie kann „Halluzinationen, Psychosen, extreme Aggressivität, Herzrasen, Krämpfe, Schwindel sowie Nerven- und Organschäden hervorrufen.“ In der Tier- wie in der Humanmedizin läßt es sich zur Narkose einsetzen.

Zuletzt sei noch das Rindermastmittel „Oradexon“ erwähnt, das zu den Corticosteroiden zählt und einem synthetisch nachgebildeten Steroidhormon gleicht. In Indien wird diese Droge von Bordellbetreibern und Zuhältern „ihren“ (oft noch minderjährigen) Prostituierten verabreicht, damit sie fett werden – wie es die Männer dort lieben. Oradexon wirkt schnell, verursacht aber auch Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Hautausschlag, sogar Diabetes – und macht extrem süchtig, wie der Leiter des Gesundheitsamtes von Faridpur, Dr. Bashirul Islam, dem Forum „actionaid“ kürzlich mitteilte.

Kurzum: Es steht nicht gut um Mensch und Tier. Dabei hat es mal so lustig – mit „High sein, Frei sein, Terror muß dabei sein“ – angefangen. Zu lustig vielleicht. Der Beat-Dichter Allan Ginsberg schrieb einmal in der New York Times, dass in der ausufernden Hippiebewegung die an den Ecken stehenden Haschischverkäufer plötzlich alle durch Heroindealer ausgetauscht wurden – und zwar von oben. Der NYT-Herausgeber hielt das für dermaßen absurd, dass er auf der selben Seite widersprach. Zehn Jahre später gab er jedoch, ebenfalls in seiner Zeitung, zu bedenken, dass Ginsberg wohl doch recht gehabt hatte.

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Was wohl aus diesen drei Dahlemer Jungs Simon, Benedikt und Leo, geworden wäre, wenn sie nicht, wie so viele ihrer Generation in Dahlem in die „Drogenfalle“ getappt wären. Anders im Proletarierviertel Neukölln, wo man sich sogar noch in den späten Siebzigerjahre generationenübergreifend brav am kollektiven Bierkonsum erfreute, wie das folgende Bild zeigt – aufgenommen in einer Kneipe in der Sonnenallee, die 1992 dicht machte:

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Wildlife-Krise

Alle kennen die Midlifekrise, aber sie ist nichts gegen die Wildlife-Krise. Diese besteht in einem umfassenden Verlust an „Lebensqualität“ bei frei lebenden Tieren und Pflanzen – infolge von Ausrottung, Bodenerosion, Wassermangel, Klimawandel, Vertreibung durch invasive Arten, Land-Grabbing usw. Hierzulande augenfällig ist der Rückzug der vielen wild lebenden Tiere und Pflanzen aus den industriell bewirtschafteten Agrarflächen in die unnatürlichen Städte. Der Umweltaktivist Peter Clausing erinnerte daran, dass es neben diesem selbständigen Revierwechsel auch eine aggressive Vertreibung gibt, die bis zu den Menschen in einer Region geht.

Der Nationalpark wurde in den USA erfunden und ist eine zutiefst koloniale Idee: „Einer der ersten, der Yellowstone-Nationalpark, erwies sich in mehrfacher Hinsicht als Prototyp: Seine Schaffung war mit der gewaltsamen Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden, er entsprach von Anbeginn dem Schema ‚Natur als Erlebnis‘ (heute kritisch als Disneyfizierung von Natur bezeichnet.“ Zudem d wurde er – ähnlich anderen Schutzgebieten – Ende des 20. Jahrhunderts zum Betätigungsfeld für Biopiraten: „Für den zu ‚Nutz und Frommen des Volkes‘ geschaffenen Yellowstone Nationalpark schlossen die US-Biotechfirma Diversa und der US National Parks Service 1997 in aller Stille ein Abkommen, in dem der Firma die geistigen Eigentumsrechte an den hitzestabilen Mikroorganismen der Geysire übertragen wurden. Nachdem dieser Fall von Biopiraterie öffentlich bekannt geworden war, wurde der Bioprospektionsvertrag im März 1999 durch ein US-Gericht annulliert.“ Clausing belegt, „dass die verbreitete Annahme, mit der Einrichtung von Naturschutzgebieten würde ‚unberührte, menschenleere Natur vor dem Eindringen des Menschen geschützt, ein Trugschluss ist. In aller Regel lebten dort Menschen, die klar definierbaren westlichen Interessen weichen mussten. Während der Kolonialzeit, waren es Wildschutzgebiete, die eingerichtet wurden, um den Massenabschlachtungen von Nashörnern, Elefanten und anderen ‚Trophäenträgern‘ Refugien entgegenzusetzen. In heutiger Zeit werden Menschen aus den designierten Biosphärenreservaten und Nationalparks gewaltsam entfernt, weil es die Zwänge des ‚freien Marktes erfordern. Schutzgebiete im Süden werden als Ausgleichsflächen für die globale profit- und wachstumsbedingte Naturzerstörung benötigt. Zugleich unterliegt der moderne Naturschutz vielfach dem grundsätzlichen Dogma des Neoliberalismus – der Markt soll es regeln.“

Das sieht dann praktisch so aus, wie die US-Autoren Masson und McCarthy in ihrem Buch „Wie Tiere fühlen“ das alljährliche „Culling“ der Elefanten im „Hwange-Nationalpark“ von Zimbabwe schildern: „Einige Familiengruppen werden von Flugzeugen in die Richtung von Jägern getrieben, die alle Tiere bis auf die jungen Kälber abschießen. Diese werden dann zum Verkauf abtransportiert. Die Kälber irren herum, schreien und suchen nach ihren Müttern.“ In einigen afrikanischen Nationalparks gibt es bereits Schlachthöfe und Weiterverarbeitungsbetriebe, um neben den Einnahmen aus dem Wildlife-Tourismus auch noch die Bestandsregulierung profitabel zu machen – und z.B. das Elfenbein selbst zu verkaufen. Im südafrikanischen „Krüger- Nationalpark“ werden zwischen 500 und 800 Elefanten jährlich abgeschossen und verarbeitet. Im dortigen Touristenladen kann man u.a. Fellmäntel von Ginsterkatzen kaufen. Für die Elefantenforscher Iain und Oria Douglas-Hamilton war dieser eingezäunte Park eine „riesige Wildtierfarm“, die effizient bewirtschaftet wurde, wie in ihrem Buch: „Wir kämpfen für die Elefanten“ (1992) schreiben. Auf einer Veranstaltung „Tötet Armut Elefanten“, die kürzlich in Berlin stattfand, machte der Tierfilmer Hannes Jaenicke deutlich: „Binnen zehn Jahre sind Elefanten in Afrika ausgerottet, wenn die brutale Elfenbeinjagd nicht gestoppt wird.“

Während der Ostberliner Elefantenpfleger Patric Müller vor allem die asiatischen Elefanten für gefährdet hält: „In ganz Asien gibt es maximal noch 60.000 Tiere, ungefähr die Hälfte davon wild lebend. Ihr Lebensraum wird da immer mehr eingeengt – und die Konflikte mit den Menschen nehmen zu. Im rückständigen Burma gibt es noch die meisten Elefanten. Sie werden dort auch noch wirklich gebraucht. Das hat aber auch etwas Paradoxes: Die Teakholzwälder werden massiv abgeholzt, das gibt jedoch den Elefanten Arbeit – und somit Schutz. Wenn es aber gelingt, den Handel mit Tropenholz einzudämmen, dann verlieren die Mahuds ihren Arbeitsplatz und die Elefanten ihre Daseinsberechtigung. Der Tourismus kann das nur in ganz begrenztem Maß ausgleichen.“

Zum Einen wollen die afrikanischen und asiatischen Staaten die Kleinbauern und Viehzüchter, die das meiste für sich produzieren, also keine oder kaum Steuern zahlen und oft keine Landrechte schriftlich nachweisen können, in die Städte vertreiben – zugunsten von touristischen Großprojekten, zu denen an vorderster Stelle die „Nationalparks“ zählen. Zum Anderen zahlen die internationalen Agrarkonzerne viel Geld für brauchbare Böden und Wälder, die sie roden dürfen, was die dort lebenden Pflanzen und Tiere vertreibt. Oft reicht schon die Ausrottung auch nur einer Art in einer Region, um eine „Trophische Kaskade“ auszulösen. Als Beispiel führen Biologen den Zusammenbruch der Muschelindustrie in North-Carolina an, nachdem die Haie weggefischt und getötet worden waren: „Ohne ihre Jäger vermehrten sich die Kuhnasenrochen, machten sich gierig über die Muschelbänke her und vernichteten den Bestand.“

In seinem neuen Buch „Die grüne Matrix“ kommt Peter Clausing auf die Vertreibung von Menschen infolge von „Land Grabbing“ für Nationalparks zu sprechen:“Von den Dimensionen her überragt dieses zweite Land Grabbing, das der Biodiversität und dem Klimaschutz dienen soll, den Landraub für die industrielle Landwirtschaft,“ heißt es in einer Rezension seines Buches in den „Beiträgen zu sozialistischer Politik: ‚Widerspruch“‚ (Nr.64). Beides vertreibt die Menschen, die dort vorher lebten – und stürzt die Tiere und Pflanzen mindestens in eine Wildlife-Krise. Dies gilt auch z.B. für all die Raubtiere, die seit 1991 nach Deutschland eingewandert sind: Marderhunde aus Sibirien, Wölfe aus Polen, Goldschakale aus Südosteuropa. Es gibt heute über 40 Millionen Hunde auf der Welt, aber nur noch etwa 40.000 Wölfe, rechnete der US-Philosoph und Wolfsbesitzer Mark Rowlands als darwinistischen Beweis dafür vor, dass sich die Unterwerfung des Hundes unter den Menschen durchaus gelohnt habe – für den Hund. Während die Strategie der Wölfe, die ihre „Wilderness“ verfeinern, eindeutig gescheitert ist. Die Wildlife-Krise führt zu Identitätsverlust, sonst ist sie keine. Die in Berlin eingewanderten Füchse, Marder etc. sind die Pioniere einer mehr oder weniger erzwungenen „interspecies communication“.

Trotzdem benötigen auch die sich zivilisierenden Tiertölpel vom Land noch ein Minimum an „Natur“. Im taz-Café diskutieren demnächst mehrere Experten über die Frage „Braucht Berlin einen Dauerwaldvertrag?“ Bei so einem Wort kriegen selbst die Menschen schon eine Wildlife-Krise. Es diskutieren an dem Abend der zuständige Senator, die quasi-zuständige Direktorin der Weissenseer Kunsthochschule und einer der vielen Sprecher der Berliner Bäume – in diesem Fall einer vom BUND.

Durch die Privatisierung öffentlichen Eigentums, eine Art Halballmende, sind auch immer mehr Kleingärtner-Areale gefährdet – Hochburgen von Insekten und Singvögeln. Ihr Dauervertrag, den sie fordern, heißt „Bestandsschutz“. Eine der größten Schrebergartensiedlungen wurde kürzlich von einem „privaten Investor“, wie sich diese mit Geld in die Soziotope einwurmenden und sie zerfressenden Kanaillen nennen, erworben. Er wird Eigentumswohnungen darauf errrichten, wenn erst der Flugverkehr in Tegel eingestellt wird. Für 3 Millionen ging das riesige Gelände – auf dem 300 Kleingärtner seit Jahrzehnten siedeln – an diesen sogenannten Mitmenschen. „Dafür hätten wir alle zusammen das auch – als Genossenschaft kaufen können,“ meinte eine der Siedlerinnen nach dem Verkauf bitter.

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In Mariendorf war man bereits in den frühen Sechzigerjahren auf dem Weg zur privaten Nahrungsautarkie, nachdem die von oben durchgesetzte 1945 gescheitert war.  Das Photo entstand jedoch in den Siebzigerjahren – da hatte das Ehepaar Möller schon ihren Nutzgarten weitgehend auf „Freizeitspaß“ umgestellt gehabt, also eine gärternische Kurskorrektur vorgenommen: „Wir haben doch jetzt alles Obst und Gemüse das ganze Jahr über billig bei Bolle,“ so Waltraud Möller, die sowieso lieber strickt als Unkraut jätet, wie sie sagt.

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Rächer der Tiere

Als Rächer der Pflanzen, speziell der Palmen, Gummibäume, Oleander und Philodendron im Konferenzsaal der taz, möchte ich manchmal die dort konferierenden „Ökos“ attackieren, wenn und weil sie mit ihren Stühlen ständig den Pflanzen zu nahe kommen und diese bisweilen auch noch einfach beiseite schieben. Dabei ist dort Platz genug. Aber es geht hier um die Rächer der Tiere…

Nachdem ein Rudel streunender Hunde in Bukarest angeblich ein Kind getötet hatte, beschloß die Stadtverwaltung, alle etwa 60.000 Tiere zu töten. In Berlin protestierten dagegen rund 100 Tierschützer, während in Bukarest einige 1000 dafür demonstrierten. Einige Zeit davor „attackierte“ die Animal Liberation Front (ALF) Berlin ein Pelz- und Ledergeschäft im Zentrum der Stadt. Und italienische ALF-Aktivisten steckten eine Fabrik für Milchprodukte in Montelupo Fiorentino in Brand. Die ALF widmete diese Aktion ihren Mitstreitern für die Befreiung der Tiere, die im Jahr 2009 den Bauplatz des Tierversuchslabors der Firma Boehringer in Hannover besetzt hatten und von denen eine deswegen ins Gefängnis mußte: Isabell Jahnke. Sie wurde von mehreren Unterstützern in die JVA Hildesheim begleitet. Dort muß sie 20 Tagessätze absitzen.

Glimpflicher kamen 13 Tierschützer vom Wiener „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) davon, die wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation vor Gericht standen. Sie hatten das Konrad-Lorenz-Institut in Grünau besetzt, wo ein „absurdes Experiment“ an Graugänsen stattfand, denen man „Sender und Elektroden einpflanzte, um ihren Herzschlag aufzuzeichnen“. Bei der juristischen Klärung, ob die Gänseforscher oder die Gänseschützer ein Verbrechen begangen hatten, ergab die Abwägung des Tatbestands Tierquälerei versus Hausfriedensbruch, dass das Verfahren eingestellt wurde.

In den USA, in Holland, Frankreich Spanien und England geht die Polizei inzwischen rigoros gegen „Igualdad Animal-“ und „Animal Equality-„Aktivisten vor, indem sie diese mit Razzien einschüchtert und ihre Gruppen mit Spitzeln zu durchdringen versucht, weil sich in dieser Scene ihrer Meinung nach die nächsten „Öko-Terroristen“ herausbilden.

In Deutschland erläuterte der Verein „tierbefreier“ sein Verhältnis zu den Militanten der ALF in einem Online-Forum: „Da die internationale ALF keine organisierte Vereinigung ist, gibt es in vielen Ländern unterschiedliche Unterstützervereine. ‚die tierbefreier e.V.‘ beispielsweise distanziert sich ausdrücklich von illegalen Aktionen, erklärt sich mit den Aktivisten jedoch solidarisch.“ Eine anderes Tierschützer-Forum warnt jedoch davor, sich allzu schnell, quasi in vorauseilendem Staatsgehorsam. von militanten Tierbefreiern und ihren Aktionen zu distanzieren.

Die FAZ schrieb über die Tierschutzorganisation Peta („People for the Ethical Treatment of Animals“): „Wenn sich die Massentierhaltung nicht ändere, werde sich bald eine Al Qaida für Tierrechte bilden. Das sagt der mediale Frontmann von Peta, Edmund Haferbeck, und es klingt wie eine Drohung. Haferbeck, Protestant und Agrarwissenschaftler, sagt: ‚Wir kämpfen gegen ein mächtiges System von Industrie, Landwirtschaftsverbänden, Veterinären.‘ Aber aus Sicht des einzelnen Landwirts ist auch Peta übermächtig. Die Organisation hat in Deutschland ein Jahresbudget von rund zwei Millionen Euro Spendengeld, beschäftigt 25 Mitarbeiter, davon vier sogenannte Ermittler, die professionell Skandale aufdecken. Peta selbst, sagt Edmund Haferbeck, werde nicht zu Al Qaida werden, denn sie lehne Gewalt ab. Trotzdem: ‚Wir sind für die Bauernlobby das Hassobjekt für alles, was in der Szene läuft, weil wir effektiv sind, weil wir das System ins Mark treffen‘.“

Daneben gehen aber auch weniger rabiate Naturschützer wie der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung immer öfter gegen die industrielle Landwirtschaft vor. Kurz vor der „Grünen Woche“, da Bio-Bauern, Vegetarier und Öko-Aktivisten wie die Feldbefreier eine Protestemonstration in Berlin durchführten, forderten sie eine „Abkehr von der massenhaften Fleischproduktion. 1094 Tiere isst jeder Deutsche durchschnittlich während seines Lebens“ – das sei viel zu viel.

In der Schweiz wurden 2011 „drei Ökoterroristen“ verknackt, die sich zur „Earth Liberation Front“ zählen. Die ELF sei „eine Bewegung,“ schreibt der Tagesanzeiger, die „sehr aktiv“ ist – und „die ‚Ausbeutung‘ der Erde anprangert. Man sucht den Weg zurück in eine Gesellschaft, die keinen technologischen Fortschritt kennt. Verbindungen bestehen auch zur Animal Liberation Front. Deren Credo: kein Fleisch essen, keine Tiere für Kleider verwenden und keine Tiere im Zirkus.“ Die ALF bezeichnet denn auch die drei Aktivisten aus Bellinzona als „ihre Gefangenen“.

Ein Terrorismusforscher an der Universität Freiburg, Jean-Marc Flükiger, hat sich bereits auf die ELF/ALF spezialisiert. Er wird immer dann interviewt, wenn die Tierschützer oder -befreier mal wieder irgendwo zugeschlagen haben. Sie sind seiner Meinung nach „sehr aktiv: Es gab in letzter Zeit Aktionen gegen die Pelzindustrie. Das ging von Spanien über Österreich bis nach Russland. Eine aktive Bewegung gibt es [ferner] in Italien. Zentren sind Rom, Mailand, Bologna und allgemein urbane Zentren. Aktivität haben wir in letzter Zeit aber auch viel in Grossbritannien gesehen. Dort gerät die Firma Huntington Life Sciences unter Beschuss, die im Auftrag von Pharmakonzernen Tierversuche durchführt…In der Schweiz ist eher die Animal Liberation Front aktiv, auch wenn es in der Vergangenheit vereinzelt Aktionen der Earth Liberation Front gegeben hat. Die Zellen sind – wie in anderen Ländern auch – nach dem Prinzip des ‚führerlosen Widerstandes‘ organisiert. In der Vergangenheit haben wir einen ‚Tourismus der Ökogewalt‘ festgestellt, wo aktive Zellen und Individuen aus dem Ausland in der Schweiz Aktionen durchführen. Zwei der drei Angeklagten in Bellinzona stammen aus Italien.“

Der Schweizer Inlandgeheimdienst ergänzt: Solche militanten Gegner von Tierversuchen aus dem Ausland können in der Schweiz auf tatkräftige Unterstützung zählen. Im Jahresbericht des Schweizer Bundesamts für Polizei ist seit 2006 speziell von der militanten Tierschutzbewegung ALF die Rede, weil sie die „innere Sicherheit“ des Landes gefährden könnte. Dennoch gibt es dort auch einen Professor (für Philosophie), Klaus Petrus, der sie verteidigt. Die Neue Zürcher Zeitung kritisierte kürzlich seine Thesen: „Im Aufsatz mit dem Titel ‚ALF und die Sache mit dem Terrorismus‘ stellt Petrus die Frage, ob man die ALF als terroristische Organisation bezeichnen könne, wie es die USA tut. Er verneint dies und schliesst mit der Feststellung: ‚Alles in allem denke ich, dass eine klare Stellungnahme zur ALF und der Sache mit dem Terrorismus den Raum öffnen sollte für eine Diskussion darüber, was sich letztlich hinter dem Kürzel ALF verbirgt: Eine denkbar konsequente Methode, jedwelche Form der Instrumentalisierung von Tieren durch die Tiernutzungsindustrie von Grund auf in Frage zu stellen.‘

Am 4. Juni hat Petrus zudem auf offiziellem Briefpapier der Uni Bern eine Stellungnahme zugunsten von Martin Balluch verfasst. Balluch, Obmann des österreichischen Vereins gegen Tierfabriken, wird unterstellt, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, die unter anderem unter dem Kürzel ALF agiere; er sitzt in Untersuchungshaft.“ Die Leitung der Berner Universität, an der Petrus lehrt, war nicht erfreut über diesen NZZ-Artikel.

Am 24.12. 2012 meldete sich die ALF aus Thailand mit einem Bekennerschreiben: „Unsere Aktivisten haben acht Meeresschildkröten befreit und diese zurück ins Meer gebracht, wo sie nun frei leben können. Zudem zerstörten sie das Aquarium, in dem die Tiere gefangen gehalten wurden.“

In den USA kam und kommt es zu derartig vielen ALF-Aktivitäten, dass Wikipedia eigens eine „Timeline“ für ihre Attacken führt. In ihr findet man deren Aktionen von 1976-1999, von 2000-2004 und von 2005 bis heute aufgelistet. Alleine in den letzten zehn Jahren gab es dort über 60 Pelztierbefreiungen, bei denen um die 100.000 Tiere befreit wurden. In Deutschland gab es die ersten Tierbefreiungen 1981 und 1982. In Österreich trat die Tierbefreiungsfront 1988 erstmals mit Attacken auf Pelzgeschäfte in Erscheinung. Ihr bisher größter Anschlag fand 1996 auf eine Ei-Verpackungsfirma statt. 1997 gab es die letzte und größte Pelztierbefreiung Österreichs, bei der 600 Tiere gerettet wurden. Mit über 300 Anschlägen war die österreichische A.L.F. 1998 am aktivsten.

Die fast weltweite Bewegung entstand Mitte der Sechzigerjahre in England angestoßen von einigen Tierschützern, die Jagden sabotierten. Daraus bildete sich eine Gruppe, die sich gegen die gewalttätige Jägerschaft wehrte, indem sie deren Fahrzeuge zerstörte. Ab 1973 nannte sie sich „Band of Mercy“ und begann, ihre Aktionen gegen alle Teile der Tiermordindustrie zu richten. Es kam zu Brandanschlägen und – 1974 – zur ersten Tierbefreiung. Aus der „Band of Mercy“ ging 1976 die Animal Liberation Front hervor. 1977 befreite sie bereits über 200 Tiere aus Tierversuchsanstalten.

Als die Zahl ihrer Gefangenen stieg, wurde Anfang der 80er die erste A.L.F. Supporters Group (ALFSG) in England gegründet. Die ALFSG gibt es heute schon in zahlreichen Ländern und dient der legalen Unterstützung der Gefangenen. 1984 erreichte die A.L.F. ihren vorläufigen Höhepunkt – gemessen an der Zahl ihrer Aktionen und den dadurch erzielten Schaden. Im selben Jahr bildete die britische Polizei eine Anti-Tierbefreiungs-Spezialabteilung zur gezielten Bekämpfung der A.L.F. Bis Ende 1995 hatte die „Bewegung“ immerhin 6.000 Tiere befreit. Die Polizei schätzt, dass es alleine in Großbritannien 3.000 – 5.000 Aktivisten gibt. Im Schnitt fänden pro Tag 6 Direkte Aktionen statt. Im gleichen Maß wie diese zunehmen, werden aber auch die Gefängnisstrafen für Tierbefreier immer länger. Barry Horne, der wohl bekannteste Tierbefreiungsgefangene, ist auch derjenige, der mit 18 Jahren die bisher höchste Strafe absitzen muss.

Der kanadische ALF-Sprecher David Barbarash erklärte in einem Interview auf die Frage, welche Position die ALF zu nicht-gewaltätigen‘ direkten Aktionen einnehme: „Die ALF hat einen Verhaltenskodex, nach dem ausgeschlossen werden muss, dass Leben, menschliches wie nicht-menschliches, gefährdet oder getötet wird. Dies sind die Richtlinien der „non-violence guideline“, die in der Geschichte der ALF noch nie gebrochen wurden. Die Definition von Gewalt, welche die ALF vertritt, besagt, dass einem leblosen Gegenstand, der weder Schmerzen empfinden noch leiden kann, keine Gewalt angetan werden kann. Einen Ziegelstein oder eine Fensterscheibe kann man nicht verletzen. Daher ist die Zerstörung von Dingen nicht als Gewaltausübung anzusehen, auch dann nicht, wenn aggressivere Taktiken wie Feuer angewendet werden. Die ALF ist weiter der Ansicht, dass es gerechtfertigt ist, Gebäude, Werkzeuge und Dinge, mit denen anderen Gewalt zugefügt wird, zu zerstören.“

Die Berliner-Tierbefreiungs-Aktion (BerTa) schrieb auf ihrer Internetseite über die Tierschutz-Bewegung: „In allen größeren Städten in Deutschland gibt es mittlerweile Gruppen, die kontinuierlich Aktionen gegen die Ausbeutung der Tiere durchführen. Sie beschränken sich dabei nicht nur auf die illegalisierten Direkten Aktionen, sondern organisieren Kundgebungen und Demonstrationen, machen Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten nicht zuletzt auch an theoretischen Fragen zur Befreiung der Tiere…Um die Unterdrückung der Tiere und die zugrunde liegenden Mechanismen zu untersuchen und zu benennen, entwickelte Richard Ryder 1970 den Begriff des Speziesismus. Analog zu Rassismus und Sexismus als Unterdrückungsformen, werden Tiere aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit als minderwertig in Abgrenzung zu den Menschen erachtet. Die Tierbefreiungsbewegung hat diesen Begriff bzw. diesen Ansatz aufgegriffen und weiterentwickelt. Speziesismus wird heute im Zusammenhang mit der Beschreibung von Einstellungen und Handlungen verwandt, welche darauf zurückzuführen sind, dass Tiere als minderwertig erachtet werden.“

Den Grundlagentext dazu schrieb – beizeiten schon – Peter Singer: „Animal Liberation. The Definitive Classic of the Animal Movement“. In der Schweiz fanden kürzlich eine Reihe von Vorträgen in verschiedenen Städten statt – zur „Theorie um Tierbefreiung“. Ziel war es, Einblicke in die theoretischen Auseinandersetzungen über Tierausbeutung zu vermitteln, die in der Tierbefreiungsbewegung geführt werden. Die Vorträge sind kürzlich als Buch erschienen.

An dieser theoretischen Auseinandersetzung beteiligen sich inzwischen auch Philosophen und Publizisten – mit moralischen bzw. tierethischen Theorien – und bereits einer eigenen Zeitschrift „Tierethik“. Ihre erste Ausgabe befaßt sich mit dem „Mitleid“, die zweite mit „Tierversuchen“ . Die philosophischen Positionen balancieren sich meist zwischen Descartes, Kant, Schopenhauer und der sogenannten analytischen US-Philosophie aus, wobei neueste Ergebnisse der Verhaltenforschung pragmatisch mitberücksichtigt werden. Genannt seien:

– Ursula Wolf: „Texte zur Tierethik“ und „Das Tier in der Moral“;

– Cora Diamond: „Menschen, Tiere und Begriffe“; eine etwas öde, weil wittgensteinsche Durchdeklinierung des Problems.

-„Grundfragen der Tierethik. Haben Tiere eine Würde?“ von Norbert Hoerster;

„Am Beispiel des Hummers“ von David Foster Wallace; interessant, weil für das US-Feinschmeckerjournal „Gourmet“ geschrieben, deren Redaktion den Text auch abdruckte.

– „Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion“ herausgegeben von Angelika Krebs.

– „Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion“ herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild;

– „Gerechtigkeit für Igel“ von Ronald Dworkin. „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.“ Auf dieses Versfragment von Archilochos bezog sich Isaiah Berlin in seinem Essay „Der Igel und der Fuchs“, in dem er eine Unterscheidung traf – zwischen Leuten (Füchsen), die sich von einer unendlichen Vielfalt von Dingen angezogen fühlen, und anderen (Igeln), die alles auf ein einziges, umfassendes System beziehen. Der New Yorker Philosoph Ronald Dworkin hat diese Unterscheidung nun aufgegriffen in einem umfangreichen ethischen Entwurf. In seiner Theorie der gelungenen Lebensführung geht es jedoch nur mittelbar um dieses Tier. Kommt noch hinzu, wie ein Rezensent in „Die Welt“ bemängelte, dass das Buch 1. doch über weite Strecken eine Gerechtigkeit für Füchse enthält und 2. dass es das von den Klassikern sowie von den zeitgenössischen Autoren erreichte „Problembewusstsein“ leider unterbietet.

– Ursula Wolf: „Ethik der Mensch-Tier-Beziehung“. Der Autorin geht es darin nicht um das Wohlbefinden aller „Mitlebewesen“, sondern um die „bescheidene Vorstellung, man könnte wenigstens dasjenige Leiden vermeiden, das durch moralische Akteure in die Welt kommt.“ Die FAZ fand, sie wäre in dem Buch „ein brisantes Thema mit der nötigen skeptischen Umsicht, mit moralphilosophischer Kenntnis, aber ohne ideologische und metaphysische Voraussetzungen“ angegangen.

– Der US-„Anthrozoologe“ Hal Herzog. Er spricht in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Buch „Wir streicheln und wir essen sie“ von „unserem paradoxen Verhältnis zu Tieren“, das er für sich amerikanisch-praktisch mit „folgender „Regel“ gelöst hat: „Wenn ich draußen bin und von einer Bremse gestochen werde, darf ich sie totschlagen. Aber wenn die Bremse zu mir ins Haus fliegt, muß ich sie retten und nach draußen bringen.“

– Auch die vegetarische Schriftstellerin Hilal Sezgin, die in der Lüneburger Schafe züchtet, vertritt in ihrem Buch „Landleben: Von einer, die raus zog“ eine praktisch orientierte Position. – Ähnlich der von Karen Duve, einer ebenfalls aufs Land gezogenen Schriftstellerin, in ihrem Buch „Anständig essen“, in dem sie ihre Beteiligung an Tierbefreiungsaktionen beschreibt sowie ihre Selbstversuche mit vegetarischer, veganer und frutarischer Ernährung (für die Frutarier ist sogar das Ausreißen einer noch lebenden Mohrrübe Mord). Indem sie dergestalt das Essen mit Moral verband, wurde ihr „jeder Hackbraten zu Quälfleisch“, wie sie schreibt. Zusammen mit dem US-Bestsellerautor Jonathan Safran Foer, der ein Jahr zuvor das Buch „Tiere essen“ veröffentlicht hatte, ging sie 2012 auf Lesetournee.

– Weniger radikal als die hier erwähnten „Tierbefreierinnen“ (taz) ist der „Tierrechtsexperte“ Antoine F. Goetschel. Der Schweizer Autor des Buches „Tiere klagen an“ meinte auf einem taz-Kongreß gegenüber Hilal Sezgin, er sähe das alles nicht so eng, so würde er z.B. nach wie vor Lederschuhe tragen, jedoch nur gute – solche, die mindestens 15 Jahre halten. Auf dieses reduktionistische Qualitätsargument verfallen derzeit viele Autoren.

– Erwähnt seien die Journalisten Iris Radisch und Eberhard Rathgeb: „Wir haben es satt! Warum Tiere keine Lebensmittel sind“, der „Naturbursche“ Marcel Robischon: „Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt“ und die Kompromißlerin Theresa Bäuerlein: „Fleisch essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier sich irren und was Fleischesser besser machen können“.

Die konkreten Tiere bleiben in all diesen tierethisch motivierten bzw. argumentierenden Arbeiten merkwürdig blaß. Dabei ist die Empathie, mit der z.B. Konrad Lorenz „seine“ Tiere beobachtete und mit der er dann über sie berichtete, ein viel stärkeres „Argument“ als eine logische Darstellung des Problems „Tier und Wir“. Der amerikanische Philosophieprofessor Rowland hat beides zugleich versucht, indem er sich einen Wolf anschaffte, auf dessen Leben er sich dann quasi für immer einstellte. Sein schönes Buch darüber heißt: „Der Philosoph und der Wolf“. Seine Exkurse in analytische Philosophie hätte er sich darin jedoch sparen können. Anders die französische Wissenssoziologie von Bruno Latour, der den Tieren das Wort – wenn schon nicht gibt, dann wenigstens laufend verspricht.

Ganz gewitzte Wissenschaftler drehen den Spieß einfach um – und testen die Tiere auf ihre „Empathiefähigkeit“, das Leipziger Max-Planck-Institut z.B. (1) Aber die meisten ihrer Ergebnisse sind ebenso langweilig wie ihre Darstellung in immer neuen Publikationen. Und ihre Affen belohnen sie stets mit Bananen. Andere Wissenschaftler – wie Frans de Waal – durchforsten alle Affenforschungsergebnisse nach „Empathie“-Belegen. Eine ebensolche Methode findet man in dem Buch „Wie Tiere fühlen“ des Biologen Donald R.Griffin, der durch seine Fledermausforschung in den Fünfzigerjahren bekannt wurde (sein Buch darüber heißt „Vom Echo zum Radar. Mit Schallwellen sehen“). Griffin geht es in seinem neuen Buch um einen „Vorstoß ins Bewußtsein der Tiere“. Um deren Gefühlsleben einschließlich des Einfühlungsvermögens geht es auch dem Pschoanalytiker Jeffrey M. Masson und der Journalistin Susan McCarthy in ihrem der Griffinschen Sammlung von Tierverhaltensbeobachtungen ganz ähnlichen Buch: „Wie Tiere fühlen“.

– In diese Reihe gehört auch ein Buch des Ökologen Marc Bekoff: „Das Gefühlsleben der Tiere: Ein führender Wissenschaftler untersucht Freude, Kummer und Empathie bei Tieren. Mit einem Vorwort von Jane Goodall“.

Solche Fleißarbeiten richten sich vor allem gegen die in Amerika dominanten „Behavioristen“, die Tiere als wesentlich instinktgesteuert begreifen, wobei gentechnische, biochemische und neurologische Techniken ihnen helfen, die letzten Detailfragen zu klären. Den behavioristischen Forschern geht es genaugenommen nicht mehr um „das Tier“ – wie die Konstanzer Wissenssoziologin Karin Knorr Cetina herausfand, die sich in biologischen Forschungslaboren umsah. Dort „werden [z.B.] Mäuse als Umwelt ihrer Reproduktionsorgane betrachtet, deren Funktion benötigt wird – zur Herstellung von transgenen Mäusen, mit Hilfe derer die Funktion bestimmter Gene kontrolliert werden kann.“ Die individuelle Maus wird dabei „zur apparativen Komponente“. Dennoch sieht der individuelle Wissenschaftler darin angeblich auch noch „das Tier Maus“: Wenn er es verletzt oder fehlbehandelt fühlt er sich „moralisch schuldig“. Aber wahrscheinlich eher gegenüber seinen Kollegen, denen er kostbare „Apparatestunden“ wegnahm und seinem Institut bzw. seiner Firma, die ihn bezahlt.

„Ohne Tierversuche gibt es keine Schönheit,“ behauptet die Kosmetikindustrie, die ebenso wie die Pharmaindustrie besonders viele Tiere vernutzt. Während die (Tier-)Filmwissenschaftlerin Christine Noll meint: „Ohne Tiere gibt es keine Schönheit,“ denn „alles leiblich Schöne erlebt man erst an Tieren. Wenn es keine Tiere gäbe, wäre niemand mehr schön.“ Der britische Kunstkritiker John Berger war 1980 der erste, der diese Debatte mit seinem Essay „Why Look at Animals?“ systematisierte, wie der Biologe Cord Riechelmann schrieb.

Jenseits der nicht sonderlich erhebenden Moraldebatten der Philosophen setzt sich an vielen Universitäten bei den Kultur- und Sozialwissenschaften ein neuer Forschungsbereich durch: „Animal-Studies“. In „Ich, das Tier“, herausgegeben von Jessica Ullrich, Friedrich Weltzien und Heike Fuhlbrügge geht es um das Tier als Subjekt – u.a Laika, den Weltraumhund, Bobby, den Gorilla aus dem Berliner Zoo und Bauschan, den Hund von Thomas Mann, daneben aber auch um namenlose Laborratten.

Erwähnt sei ferner der Sammelband „Human-Animal-Studies“ der Berliner Arbeitsgruppe „Chimaira“, deren Interesse an den „menschlichen“ und „nicht-menschlichen Wesen“ zum Einen aus dem Tierschutz und zum anderen – ähnlich wie bei der Kuratorin der diesjährigen Kassler „documenta“ – aus dem Feminismus resultiert. Umgekehrt thematisiert die erste Ausgabe der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Tierstudien“ die Tiere in der aktuellen ästhetischen Wahrnehmung, z.B. als Akteure auf Theaterbühnen, in der zweiten Ausgabe ging es um „Tiertransporte“.

Die Anzahl all dieser theoretischen und praktischen Bemühungen ist beeindruckend. Macht sich da vielleicht bereits eine neue artenübergreifende Verständigungsbereitschaft bemerkbar? Ein Wunsch nach „interspecies communication“ – wie sie von der feministischen US-Biologin Donna Haraway umrissen wird, die sich u.a. mit der zunehmenden Zahl der „Haus“ – bzw. „Familientiere“ beschäftigte. In der modernen Industrie- bzw. Informationsgesellschaft und mit dem Zerfall der Familie werden zunehmend Haustiere in die selbe mit aufgenommen, um sie gleichsam wieder mit neuem Leben zu füllen. Den Tieren werden dabei immer mehr Menschenrechte zugeschanzt, aber auch andere Annehmlichkeiten, wie Haraway schreibt: Inzwischen werden weltweit für Haustierfutter und -versorgung 46 Milliarden Dollar ausgegeben, Tendenz steigend, vor allem im Marktsegment „Premiumfutter“. Darüberhinaus gibt es immer mehr psychologische Therapieeinrichtungen für Hunde und „Krankenversicherungen für Haustiere werden zur Normalität.“

Auch die Versupermarktung des Tierfutters gibt es inzwischen. In den riesigen neuen Selbstbedienungsläden, die „Wuff“ oder „Freßnapf“ heißen, kann man nicht nur Futter für alle Haustiere finden, bis hin zu Fliegenlarven für Geckos, sondern auch das absurdeste Spielzeug für sie. Und daneben auch noch lebende Zierfische, Schlangen und kleine Nagetiere. Die Zunahme an Haustieren – zuletzt legten die japanischen Designerkarpfen zu (es gibt heute 4,5 Mio Aquarien und 3 Mio Gartenteiche in der BRD) – deutet auf eine weitere Atomisierung der Gesellschaft hin. Zuerst zerfiel die Groß- und dann auch die Kleinfamilie: „Familie – das ist wie eine gute noch intakte Maschine, die von der Welt abgenutzt wird, schade sie aufzugeben, aber sinnlos sie neu aufzuziehen. Es gelingt nicht, Mann und Frau müssen jeden Tag das Defizit decken,“ meinte Viktor Schklowski bereits 1925. Seit der Auflösung der Sowjetunion blüht auch dort der Haustierhandel wie blöd. Der Psychiater Erich Wulff bemerkte 1966 in Vietnam: „Ein Gefühl wie Tierliebe war den meisten Vietnamesen fremd. In ihrem Seelenhaushalt gab es keinen offenen Posten dafür…Das Heer der Ammen, Boys und Boyessen okkupierte bei der mandarinalen Oberschicht die Haustierstelle.“

Anders in Russland: Scholochow z.B. berichtet in seinen Werken über den Bürgerkrieg und die Kollektivierung immer wieder, wie viele Sorgen und Gedanken sich die Kosaken um ihre Pferde machten. Und Sergej Tretjakow erwähnt in seinem 1968 veröffentlichten Roman „Das Ableben“, der die Geschichte des Kirchdorfes Poshary von 1917 bis in die Chruschtschow-Zeit erzählt, ausführlich ein Erlebnis des an der Kollektivierung „gescheiterten Bauernführers“ Iwan: Er will einem Kutscherjungen, der gerade mit Pferd und Wagen von der Molkerei gekommen ist, beim Abladen helfen. „Das Pferd war groß, schmutzig, unter dem enthaarten Fell stachen die Rippen hervor, traurig ließ es den Kopf hängen. Als Iwan hinzutrat hob es plötzlich den Kopf, sah ihn mit feuchtem Blick an und begann leise und wehmütig zu wiehern. Er hatte es nicht erkannt, aber das Pferd hatte ihn erkannt…Einer seiner beiden ‚grauen Schwäne‘ – die Hufe beschädigt, die Fesseln geschwollen, der Bauch schmutzverkrustet, und der feuchte Blick, voller Wehmut und Trauer um das frühere Leben, um die warme Box und die liebevolle Hand des Herrn, die ihm Zuckerstückchen zwischen die samtigen Lippen gesteckt hatte.

Er hatte seine Pferde geliebt, war stolz auf sie gewesen…Nie warf er einen Blick in den Pferdestall der Kolchose; wenn er seine Grauen irgendwo unterwegs sah, wandte er sich ab, zu schmerzlich war ihm der Anblick. Und nun stand er einem seiner Pferde Auge in Auge gegenüber, und das Tier hatte ihn zuerst erkannt.“ .

Tolstoi erklärte einmal in einer seiner Geschichten das ganze Elend mit dem Privateigentum aus der Sicht eines Pferdes. Und Isaac Babel schreibt in der „Reiterarmee“ erstaunt, dass und wie die Roten Kosaken Dreiviertel des Tages sich auf dem Polenfeldzug mit ihrem Gaul beschäftigten. Es ist ihnen das Wichtigste. Bis dahin mußten sie sich immer zusammen mit einem Pferd den Wehrdienst stellen – und es wurde ebenso wie sie gemustert. Über ihr Pferd machten sie sich mehr Gedanken als über Menschen. Ähnliches läßt sich auch von den Mongolen und anderen nomadischen Völkern sagen, bei denen Pferd und Reiter eine Einheit bilden (eine „Kriegsmaschine“, wie Deleuze und Guattari sie nennen), die den Männern draußen mindestens ebenso wichtig ist wie die im Inneren der Jurte – mit ihrer Familie. Zwar ist das wohl auch heute noch so, aber im Gegensatz zu früher werde jetzt z.B. die mongolischen Pferde vielfach als Hundefutter in Dosen nach Japan verkauft. Das ist jetzt der Markt für sie. Die seßhaften Bauern bilden mit ihren Nutztieren eine „Einheit“, die im Osten bei ihrer Kollektivierung zu LPGen und ihrer Umwandlung zu Landarbeitern zerrissen wurde, aber mit der Rationalisierung und Industrialisierung verschwindet diese auch im Westen langsam. In Österreich konnten die Knechte, Mägde und Dienstboten zu Lichtmess ihren Arbeitgeber wechseln, dazu sahen sie sich genau um: „Schau, wo Hund und Katze ihren Platz haben; geht es den Tieren gut, so wird es dem Gesinde auch nicht schlecht gehen,“ hieß es.

Anmerkungen:

(1) Um Empathie ging es Anfang 2013 auch im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, allerdings primär um die in der ästhetischen Theorie, wo sie „Einfühlung“ genannt wird. „Am weitesten ging in dieser Richtung der New Yorker Kunsthistoriker David Freedberg mit seinem nachdrücklichen Plädoyer für die Aufwertung der körperlichen Einfühlung beim ästhetischen Urteil. Bei der ästhetischen Betrachtung setze sich der Blick unbewusst in Bewegung um,“ schreibt die FAZ in einer Tagungskritik. Eingangs heißt es darin: „Das Empathieprinzip hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere verzeichnet. Im Angesicht der freigelegten Marktkräfte wuchs das Verlangen nach mehr Miteinander; es fehlte nicht an Autoren, die mit wissenschaftlichen Belegen die Wende zum Guten einläuteten. Der amerikanische Stichwortsoziologe Jeremy Rifkin rief das Zeitalter der Empathie aus, ein Paradies auf Erden, in dem sich alle Menschen in den Armen liegen und das, wenn man Mobbing, Mord und Totschlag einmal vergisst, in greifbarer Nähe liegt. Die Empathie betrat als weltrettende Macht die Bühne, die von der Vernunft die Weltregie übernimmt und den drohenden Zivilisationskollaps noch einmal abwendet. Die Naturwissenschaften hatten in dem niederländischen Primatenforscher Frans de Waal ihren Evangelisten des universellen Mitgefühls. De Waal empfahl den neu entdeckten (allerdings schon von Kropotkin behaupteten) Altruismus im Tierreich als Korrektiv des Sozialdarwinismus und als Leitbild einer besseren Menschengesellschaft. Ein Wohlfühldialog zwischen Kultur und Natur.“

Trotz aller Zyne: Es handelt sich dabei um einen Dialog zwischen (den) Kulturen. Abgesehen davon gibt es, mit Donna Haraway zu sprechen, „weder die Natur noch die Kultur“, dafür aber „viel Verkehr zwischen den beiden.“

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Gretel Winter aus Wannsee weiß nicht recht. So ganz will sie den Auslagen dieses Restaurants in Spandau nicht trauen – nach all dem, was man in der letzten Zeit in den Medien so gehört hat über vergifteten Fisch und verdorbenes Fleisch…

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Herrenlose Hunde

Interview mit dem „vagabundierenden Kulturwissenschaftler“ Roland Girtler der Universität Wien, Institut für Soziologie/von Stephan Thiel als nomadischer Phänomenologe

In Bukarest fiel im September 2013 ein Rudel verwilderter Hunde über ein Kleinkind her und tötete es. Die Stadtverwaltung beschloß daraufhin, alle etwa 40.000 herrenlosen Hunde allein in der Hauptstadt umzubringen. In Berlin kam es daraufhin zu einer Protestdemonstration von Tierschützern vor der rumänischen Botschaft, während in Bukarest hunderte auf die Straße gingen, um das Töten „ihrer“ Hunde zu beschleunigen. Der Nationaldichter Mihai Eminescu verlangte bereits 1876 die „Ausrottung“ der Straßenhunde, weil diese „als kleine Reisegesellschaften konstituiert“, sich „einer ungestörten und doch so störenden Existenz erfreuen“. Roland Girtler will ihre Ausrottung verhindern, u.a. indem er das Kastrieren der herrenlosen Hunde in Rumänien unterstützt.

taz: Sie haben das Leben von Wilderern, Gaunern, Kellnern und Bauern erforscht, warum nun herrenlose Hunde in Rumänien?

R.G.: Ich fahre jetzt schon seit 24 Jahren mit Studenten nach Siebenbürgen, um das Leben der letzten deutschen Bauern zu erforschen. Dort gibt es auch viele herrenlose Hunde. Die sind sehr vorsichtig, greifen nicht an, sondern verstecken sich meist im Wald. Anders sind da die Schäferhunde der Bauern, die die Schafe bewachen. Die sind sehr aggressiv. Im November war ich mit einem Tierarzt in Temeswar, dort hat die Caritas einen Hof für Obdachlose – und denen laufen oft herrenlose Hunde zu. Das sind sehr soziale Tiere und die haben auch untereinander sehr komplexe Beziehungen. Das ist da ein interessanter Kosmos. An sich sind die Leute da nicht sehr freundlich zu den Hunden. Es gibt natürlich auch blöde Studenten. Ich habe da z.B. ein Stück Brot an einen Hund verfüttert, woraufhin ein Student mir vorgehalten hat, dass Brot sei nur für die armen Menschen da.

taz: Es gibt da also unterschiedliche Formen des Umgangs mit den Hunden…

R.G.: Ich bin ja Ehrenmitglied der Zigeuner in Sibiu (Hermannstadt) – und die lassen die Hunde in Ruhe, sie werden auch nicht angebunden. Die Bauern halten dagegen die Hunde an Ketten, aber die Zigeuner lassen sie frei.

taz: Wie lange gibt es schon herrenlose Hunde in Rumänien – erst seit der Wende? R.G.: Das ist schwer zu sagen. So etwas entsteht ja immer aus einer Kultur der Armut. Ich habe z.B. in Indien gelebt, in den Slums von Bombay, dort gab es auch viele herrenlose Hunde. Auch auf mittelalterlichen Bildern findet man immer wieder streunende Hunde abgebildet. Schon bei Homer gibt es einen: Odysseus wird bei seiner bei Heimkehr von niemandem erkannt außer von seinem Hund Argos, der auf einem Misthaufen sitzt und ihn sofort identifiziert, sich freut, mit dem Schwanz wedelt – und stirbt.

taz: Argos war aber kein herrenloser Hund… R.G.: Doch, Penelopes Freier hatten ihn vertrieben. Der Hund genoss ja erst bei den Bauern Ansehen als diese zu Jägern wurden. taz: Anders bei den Aborigines, die leben zwar mit den Dingos zusammen, aber sie gehen getrennt auf Jagd…

R.G.: Bei meinen Studien in Rumänien ist mir aufgefallen, dass die Hunde sich ihre Herrchen suchen, die sind sehr klug.

taz: In Moskau werden die herrenlosen Hunde wissenschaftlich erforscht, man unterscheidet dort vier Gruppen – je nach ihrer Distanz zu den Menschen, wobei eine Gruppe so gut wie keine Distanz einhält, weil sie gelegentlich Bewachungsaufgaben übernimmt und dafür gefüttert wird.

R.G.: Interessant, es gibt ja viele Hunde, die haben schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht und meiden sie. Meine Tochter hat so einen herrenlosen Hund aus Moskau – und einen aus Bosnien, der ist ein Mischling und hat etwas Wölfisches. Den hat sie ausbilden lassen zum Therapiehund. Damit geht sie in Kinderheime und Krankenhäuser. Die Alten und Kinder freuen sich immer sehr. Und das wird auch richtig gut bezahlt, etwa 50 Euro die Stunde.

taz: Werden Sie ein Buch über die herrenlosen Hunde in Rumänien schreiben?

R.G.: Nein, nur in meiner Kolumne in der Kronen-Zeitung. Mein Engagement ist nicht wissenschaftlich, sondern weil ich ein Hundefreund bin. In meinem Buch über Siebenbürgen tauchen die Hunde aber auch auf. Hunde sind mir halt wichtig, ich habe selbst einen Dackel. Mein Vater war Landarzt und wir hatten damals schon einen Dackel. Manche kritisieren mich ja, weil sie glauben, Wissenschaft soll traurig und unverständlich sein.

taz: Haben Sie auch beim Kastrieren der Hunde mitgeholfen?

R.G.: Ich war mit einem Tierarzt in Temeswar, selbst habe ich nicht assistiert, dafür war ein Menschenarzt dabei, ich kann das nicht. Wir sind da mit einem Volkswagenbus rumgefahren, so ein fahrbarer Operationssaal. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich da mitgefahren bin.

taz: In Mexiko macht das jetzt die Stadtverwaltung, nachdem auch dort ein Rudel herrenloser Hunde angeblich zwei Menschen getötet hatte. Zunächst sollten die Tiere ebenfalls alle umgebracht werden, aber nach Protesten der Bevölkerung hat man sich auf das Kastrieren der Rüden beschränkt. In vielen Ländern fängt man sie ein, um wissenschaftliche Experimente mit ihnen anzustellen. Ist das auch in Rumänien so?

R.G.: Das weiß ich nicht und wenn ich ganz ehrlich bin möchte ich das auch nicht wissen. Das ist so ehrlos.

taz: In Berlin gibt es keine herrenlosen Hunde, aber 60.000 streunende Katzen. Wie ist das in Wien?

R.G.: Das weiß ich nicht genau, aber das Problem ist, daß die Singvögel darunter zu leiden haben, Katzen sind da ja manchmal sehr grausam.

taz: Und in Rumänien?

R.G.: Ich habe da keine Katzen gesehen. Aber die sind ja auch nicht so sichtbar, die sitzen ja manchmal stundenlang vor einem Mausloch und bewegen sich nicht.

taz: Gibt es auch herrenlose Hunde in Wien?

R.G.: Das ist mir nicht bekannt. Vielleicht sind da einige an der Donau. Ich werde mal nachschauen. Aber es gibt in Wien auch viele Tierheime, da wird auch viel gespendet. Und dann halten natürlich viele Wiener Hunde, besonders Gauner haben oftmals Hunde, ich kenne einen Zuhälter, der vier oder fünf Hunde hat.

taz: Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land im Umgang mit den Hunden?

R.G.: In Rumänien sind die Bauern richtig böse, wenn da ein Hund Nachwuchs bekommt, bringen die ihn um. Viele wilde Tiere ziehen mittlerweile in die Stadt, weil dort die Menschen freundlicher zu ihnen sind. In Wien auch, dort wurden sogar schon Wildschweine gesehen. Auch Raben, die sich auf den Märkten rumtreiben. Ich habe die bei der Nahrungssuche beobachtet, die sind unheimlich geschickt. Die herrenlosen Hunde in den rumänischen Städten wissen sich aber auch gut zu helfen. Näheres werde ich im Juni herausfinden, wenn ich da wieder hinfahre.

Manche kritisieren mich ja, weil sie glauben, Wissenschaft soll traurig und unverständlich sein.

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Galerie der „vierbeinigen Lieblinge der Berliner“ (Abendschau) – in einem der Pausenräume des Siemens-Kabelwerks in Siemensstadt, das in den Neunzigerjahren geschlossen wurde. Der wunderbare Kreuzberger Jesuitenpriester Christian war dort Schweißer.

 

 

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