vonkirschskommode 13.01.2026

Kirschs Kommode

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09.01.2026
Welch merkwürdigen Klang Wörter annehmen, die in Leitartikeln benutzt und dann von Politikern und Politikerinnen wiedergekäut werden, ist allgemein bekannt. Niemand wird sich deshalb über einen Menschen wundern, der in ständiger Furcht vor einem von jetzt auf gleich ausbrechenden Krieg lebt, solange irgendwo von Friedensprozess  die Rede ist. Die meisten Zeitgenossen machen freilich lieber taube Ohren, denn in Furcht zu leben, nützt ihnen im Alltag nur wenig. Obwohl sie natürlich gleichzeitig genug mitbekommen, um durchgehend von schlechter Laune geplagt zu sein. Was wiederum den pädagogischen Eifer des politischen Personals anstachelt, das der allgemeinen Verdrossenheit gern abgeholfen sehen würde. Doch mit eifrigen Versicherungen, dass beispielsweise die Kriegstüchtigkeit den Frieden wahre, die Renten sicher seien, in Deutschland niemand hungern müsse und die Reformen greifen würden, kann in Ohren, die gewohnt sind, immer das glatte Gegenteil von dem zu verstehen, was wörtlich gesagt wird, nicht viel bewirkt werden. Das Publikum bekommt, wenn es hinhört, zunehmend Angst und, wenn es weghört, zunehmend schlechtere Laune. Und das wird wohl noch lange so bleiben.

Ein wenig mehr Heiterkeit ist möglich, wenn man den politischen Diskurs nicht von vornherein für hohl hält, sondern seiner Raffinesse nachspürt. Glatt gelogen ist nicht notwendigerweise platt gelogen. So frage ich mich zum Beispiel seit Längerem, wie es Medien und Politik eigentlich gelingt, das wirtschaftlich lästig starke China als eine auch militärisch besonders aggressive, imperialistisch agierende Macht darzustellen, obwohl ich im ganzen Internet durch alle Wiki- und sonstige Pedien hindurch im Ausland eingesetzte chinesische Soldaten mit der Lupe suchen muss – während ich mich vor amerikanischen oder europäischen (einschließlich einiger russischer) kaum retten kann. Worauf ich stoße, das ist immer wieder Taiwan. In das China allerdings, jedenfalls nach völkerrechtlichen Maßstäben, mit gleichem Recht einmarschieren könnte wie die Ukraine in die Krim.

abo

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Ich will das wahrhaftig niemandem wünschen, der dort lebt. Aber als Beleg für einen besonders kriegerischen imperialistischen Kurs taugt Chinas unnachgiebige Haltung in der Taiwanfrage tatsächlich um einiges weniger gut als etwa, um nur zwei Beispiele für westlichen kriegerischen Imperialismus von vielen möglichen zu nennen, die Intervention im Irak nach einer sorgfältig erfundenen Bedrohung durch irakische Chemiewaffen oder eben der jüngste Überfall auf Venezuela. Das, übrigens auch in der taz, oft und gern benutzte Verfahren, China dennoch am Zeug zu flicken, besteht darin, die Volksrepublik oder ihre Repräsentanten wie selbstverständlich in Aufzählungen einzuflechten, in denen sie sich irgendwie gut machen, sodass die Frage, ob sie dort wirklich hingehören, gar nicht erst aufkommt: erst Krim und Donbass, jetzt Venezuela, dann Grönland – also: Gute Nacht, Taiwan!  Oder: die imperialistischen Gelüste von Putin, Trump und Xi.  Oder: die immer offensivere imperiale Geopolitik Russlands, der USA und Chinas.  Und weil dort, wo der eine seine Schurkereien begeht, nur allzu glaubhaft ist, dass ein anderer sie genauso begeht, funktionieren solche Reihungen vorzüglich. Sie entsprechen einfach aller Lebenserfahrung, wie jeder sie mit – weibliche Formen immer mitverstanden – Vermietern, Chefs, Autohändlern, Geschäftspartnern oder in der Liebe immerzu macht. Ein rhetorischer Trick, schlicht wie wirkungsvoll, dem ich meine Bewunderung nicht versagen kann.

Im Gegenteil. Ich werde versuchen, ähnliche Aufzählungen ganz gezielt zu lancieren, nämlich solche, in denen ich selbst vorkomme: die Musikalität und der prägnante Rhythmus der Verse von Bert Brecht, Peter Hacks, Robert Gernhardt und Karl Kirsch; das wache Bewusstsein für Sprache, das den polemischen Spitzen eines Karl Kraus, Kurt Tucholsky oder Karl Kirsch Tiefenschärfe verleiht … Meine monatliche Rente ist sehr klein, doch wenn ich erst geschafft habe, immer wieder wie selbstverständlich in einer Reihe mit viel größeren und berühmteren Kollegen aufzutauchen, wird sich am Ende doch ein Verleger, eine Verlegerin für mein Werk interessieren und ich könnte durch den Verkauf von Büchern noch ein wenig dazuverdienen.

***

Ich hab geschuftet. Doch nicht das
getan, was ich tun sollte.
Jetzt geh ich, brummelnd wie ein Bass.
Zu viel, was ich noch wollte.

Der Kopf summt leer, der Rücken spannt,
ein Werk blieb doch halb liegen.
Hab in ein andres mich verrannt.
Für beide wer‘ch nüscht kriegen.

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kommentare

  • Ein durchaus scharfsinniger Blick in die rhetorische Trickkiste! Deine Beobachtung zu diesen „suggestiven Aufzählungen“ trifft den Kern: Oft reicht die bloße Nachbarschaft von Begriffen, um ein Bild zu zementieren, ohne dass man noch echte Belege liefern muss. Das ist sprachlich elegant seziert.

    Bei deinem China-Beispiel bin ich allerdings zwiegespalten. Zwar ist der Hinweis auf westliche Doppelmoral bei Interventionen (Stichwort Irak) absolut berechtigt, aber ob man Chinas Agieren (etwa im Südchinesischen Meer oder gegenüber Minderheiten) allein durch den Vergleich mit anderen Großmächten „entschärfen“ kann, sehe ich etwas kritischer. Die „Raffinesse“ findet sich am Ende wohl auf allen Seiten.

    Dein Plan, dich einfach in die Reihe von Brecht und Tucholsky einzuschmuggeln, ist aber genial –Bon Chance, dass die Verleger auf diesen charmanten rhetorischen Trick reinfallen!

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