Ich fürchte 2026 als das Jahr, in dem ich jedem meiner Blogbeiträge das gleiche Foto voranstellen muss oder wenigstens müsste, nämlich das für die Beiträge zum Thema „Klasse“. Es ist vollkommen absehbar, dass die Regierung nichts unterlassen wird, um die ärmere Hälfte der Bevölkerung um jedes noch so kleine verbliebene Recht auf soziale Absicherung zu bringen. Alles soll zur Disposition gestellt werden und steht zur Disposition; Arztbesuch und Medikamente werden kostenpflichtig, Pflegestufen gestrichen, Renten nicht mehr erhöht, Lohnersatzleistungen an unerfüllbare Bedingungen oder auch an Zwangsarbeit geknüpft. Es ist völlig undenkbar, dass die Regierung an irgendeiner Stelle der Verelendung immer größerer Bevölkerungskreise entgegenwirken wird, auch dann nicht, wenn der Mindestlohn sich längst und ganz buchstäblich bis zum Hungerlohn entwertet hat und die Betten in den überbelegten Wohnungen ihren Bewohnern nur noch schichtweise zur Verfügung stehen. Das Elend wird schlicht als unvermeidlich gelten. Denn einen anderen Plan als den, „die Wirtschaft“ durch das Absenken der Lohn- und Lohnnebenkosten sowie der Steuerquote wieder flott zu machen, gibt es nicht.
Bei denjenigen, die von Berufs wegen oder aus Überzeugung die sozialen Errungenschaften der Vergangenheit verteidigen, wird die Versuchung groß sein, dabei immer wieder auf Artikel 1 des Grundgesetzes hinzuweisen, eben darauf, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Aber was Würde ist, ist ein weites Feld und eine Regierung, die es für ehrenvoll hält, sich auf irgendeinem Schlachtfeld der nächsten Kriege um Rohstoffe und Marktzugang von Projektilen zusammenschießen oder von Explosivstoffen zerfetzen zu lassen, wird wahrscheinlich auch der Meinung sein, es lasse sich durchaus sehr würdevoll verhungern, wenn man nur wolle, nämlich stolz und klaglos und ohne jemanden dabei im Weg zu sein. Niemand, auch kein Obdachloser ohne Einkommen oder Unterstützung, sei gezwungen sich zum Betteln zu erniedrigen, stattdessen bekomme er es mit ein wenig Geschick sogar hin, zu verhungern, bevor er überhaupt anfange, stärker unangenehm zu riechen, also an Würde zu verlieren.
Ich traue meiner Regierung mithin einen sehr flexiblen Umgang mit dem Würde-Gebot des Grundgesetzes zu, einen kriegstüchtigen, opferbereiten – wobei zum Opfer bereit sein kann, wer opfert und wer geopfert wird; die Opfernden haben über die Rollenverteilung die größere Klarheit. Und wenn ich deshalb etwas vorschlagen darf, dann wäre es, bei der Verteidigung sozialer Errungenschaften (oder auch des Friedens) weniger auf die Menschenwürde abzuheben als, ganz handfest, auf das Recht von Menschen auf Leben und Unversehrtheit. Das ist, was in Gefahr ist, was droht, endgültig unter die Räder zu kommen: Leben und Unversehrtheit.
***
Nachtrag am folgenden Tag (Silvester 2025): Weil das Nachdenken über finstere Dinge einen selbst oder wenigstens die eigene Laune verfinstert, gibt es hier noch einen Link zu einem Video, in dem die hervoragende Helena Steinhaus von Sanktionsfrei sich eine knappe Stunde lang zum Thema äußert. Auch wenn ihre Einschätzungen sich im Grundsatz nicht viel von meinen unterscheiden – ihr zuzuhören, hebt die Laune wieder. Und ist, schon deshalb, sehr empfehlenswert.