vonkirschskommode 24.09.2019

Kirschs Kommode

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Hier hatte niemand seine Chance, beim Wort „Kypris“ führt Googeln nicht weiter als in die Irre. Und Raten hilft auch nicht. Hybris aus Hochmut mit K? Die Assoziation Zypern führt immerhin in einige Nähe. Aber nur wer von vornherein wusste, dass er zu einem Lexikon antiker Mythen und Gestalten greifen muss, um nähere Auskunft zu erhalten, nur der konnte herausbekommen, dass es sich bei Kypris um einen der vielen Beinamen von Aphrodite, der Göttin der Liebe, handelt: die Zyprische. Das war nicht nett von mir. Die Gewalt, die man sich antut, wenn man sich bei all seinen Überschriften auf nur einen Anfangsbuchstaben beschränkt, sie wird hier spürbar. Ich bitte um Verzeihung. Bei allen anderen Themen, die mir Anliegen sind, passt eine Überschrift mit K wie ein Handschuh, Ausgerechnet aber bei der Liebesgöttin, der einzigen, die ich nicht lästere, und der in jedem Fall Gaben zu bringen sind, muss ich mich verrenken: Kypris. Die Große. Die Größte.

Die Gretchenfrage der Poesie ist für mich immer noch: Wie hältst dus mit der Menschheit? Und wie die Autoren sie beantworten, danach würde ich immer zuerst in ihrer Auffassung und Schilderung der Liebe suchen. Erscheint die Liebe im Gedicht abgefuckt und unmöglich, erscheint alles menschliche Miteinander, jedes gedeihliche gesellschaftliche Auskommen als abgefuckt und unmöglich. Erscheint die Liebe, selbst im Verlust noch, voll von Wunderbarem, ist die Menschheit nicht verloren. Dass Liebe nicht gelingt und nicht gelingen kann, außer in einem schon aus zwei Zentimetern Entfernung leicht zu durchschauendem System von Autosuggestion, muss mithin Mainstream sein. Und ist auch, so weit ich es überblicke, mal in eher sarkastischer, mal in eher tragischer Tonlage, tatsächlich Mainstream: Liebe, sagen Gedichte und nicht nur Gedichte, ist Illusion, das Überleben der Menschheit ist Illusion, sie weinen oder lachen über den Untergang, zu verhindern ist er nicht. Ein gelungenes Gedicht über einen Moment gelingender Liebe ist mithin ein Signal des Widerstandes und ein Ausleuchten gangbarer, neuer Wege. Große Aufgabe.

Doch keine, die sich anders als spielerisch und bescheiden angehen ließe. Es ist eine Frage der Haltung, der Höflichkeit, der Form. Ich spreche für die Göttin oder ich spreche gegen sie. Ich komme geschmückt oder ich komme schlampig in ihren Tempel. Ich verneige mich oder ich verneige mich nicht. Meine Entscheidung ist da gar keine. Und Kypris schenkt oder sie schenkt nicht:

Früher

Unter allen Gewohnheiten, die wir im Laufe der Jahre
nach und nach annahmen, sticht merkwürdig eine heraus.
Der Gebrauch eines unscheinbaren Wörtchens nur: früher,
doch mit Empörung gesagt: früher! Als sei es ein Stoß,
aufwallend, zornig, sobald die Gelegenheit dafür sich bietet:
Früher!, wenn sie sich beugt, suchend ins Schrankfach vertieft,
früher!, wenn das weiche Rund ihres kräftigen Hinterns
einladend über ihr steht, sinnlich dem Alltag entrückt,
dann entfährt uns das Wort und ich presse mich zupackend an sie:
Früher, da hättest du mich längst schon viel eher geschnappt!
Denn es lässt alles nach, die Liebe zuerst, so wir lachend,
das ist der Dinge Gang, Glück ist vergängliches Glück.
Haben wir im Ohr doch die vielfach geäußerte Warnung,
dass der Berührungen Rausch flüchtig sei, Lust rasch vergeh,
wenn der Hormone Höhenflug in den Routinen verende.
Doch wie das Alter die Zeit schöpferisch gleichgültig narrt,
weil es ihm, im Spiel, auf das Ende weit weniger ankommt
und in Eins ihm fällt Früher und Später und Jetzt,
das entgeht den Hormonabzählern offenbar. Davon
wissen wir beide jedoch, scherzend, uns fangend, im Schritt.

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