vonkirschskommode 26.09.2019

Kirschs Kommode

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Wie schrillt dieser, trotz seiner Entstehungszeit um 1820, noch ganz achtzehnhundertliche Satz in den Ohren! Essbar liegt das Universum euch zu Füßen! In den Krümmungen heutiger Gehörgänge klingt er gefühllos: Unterworfen, verwertbar, verkäuflich liegt uns, die wir das Zeug dafür haben, das Universum zu Füßen. Was Brillat-Savarin genussvolle Zuwendung war, Austausch und Feier des Stoffs in einer Welt, in der lebendig ist, was wächst, frisst und isst, ist nur mehr kalter Zugriff auf den Treibstoff für eine Maschine, die nichts will als ihr eigenes Laufen zur Produktion unstofflicher Gewinnzahlen. Die Marktwirtschaft ist der Triumph des Geistes über die Materie: Alles Körperliche, Blutige, Schmerzende, Schmutzige, Schwerfällige, Vergängliche verwandelt sie in ein leichtes, reines, unsterbliches, geistiges Reich glänzender Bilanzen. Sie muss ihre Computer noch perfektionieren, die, in immerwährender Konkurrenz sich selbst reproduzierend, die Zahlenreihen in alle Ewigkeit fortschreiben, und das ersehnte, von allem Menschlich-Unperfekten gereinigte Himmelreich ist endlich da. Und, um Gottes Willen, es wäre die Hölle! Selbst wenn sie niemand mehr fühlen würde, wie kann jemand so etwas wollen? Aber der Gedanke der Reinheit und die Sehnsucht nach ihr sind auch Naturschützern eigen. Die Auferstehung des Fleisches und aller anderen Biomassen im Diesseits gegen ihre mitleidlose Verwertung und das daraus folgende Paradies einer Erde, deren sämtliche Wesen sich zum Fressen gern haben – sicherlich eine eher unvegane Vorstellung.

Genuss über das gegenseitige Verschlingen hinaus ist ohne Verstand und Kultur nicht zu haben. Im Wort Kultur steckt der Ackerbau; Landwirtschaft ist wie Kochen Zubereitung von Nahrung. Beides könnte und müsste raffiniert genau vonstatten gehen. Es dominiert jedoch hier wie dort das Fastfood. Als in Nahrungsmittel verliebter Mensch, der am Freitag zu Demonstrationen geht, sollte ich auf die eine Seite meines Pappschildes vielleicht schreiben: Auf jedem Fleck Erde, kultiviert kultiviert! Und auf die andere: Permakultur, Kochkultur, Esskultur! Ich würde damit zum Beispiel an das Verantwortungsgefühl von Leuten appellieren, die einen Balkon und eine Küche haben.

Als ich vor Jahren mein Krisen- und Restekochbuch schrieb – dem ich das obige Motto von Brillat-Savarin vorangestellt habe – war die Krise noch nicht so fühlbar auf das jetzige Entweder-Oder zugespitzt, auf: Entweder ihr handelt oder in zehn Jahren. Meine Furcht betraf Anfang der 2000er eher eine Wirtschaftskrise, wie sie immer lauert, um überflüssige, weil wehrlose Gestalten wie mich ins angeblich so verdiente Nichts zu schnipsen, als aufzulösenden Kosten- und Störfaktor in den himmlisch glänzenden Bilanzen. In meinen damaligen Anmerkungen und Kommentaren funkelte vor allem die Anmaßung des prekär Arbeitenden durch, alle kulinarischen Raffinessen für sich in Anspruch zu nehmen, auch wenn für mich und meinesgleichen in erster Linie die Billigfresströge der Discounter vorgesehen waren. Den ökologischen Gesichtspunkt kannte ich, aber meine Perspektive war schräg. So schrieb ich über die Verwendung eines eventuellen Rests von Taubenfleisch:

Tauben. Siehe: Fleisch. Ich werde nie verstehen, warum die umweltpolitischen Anstrengungen in großen Städten nicht ihren gemeinsamen Fluchtpunkt darin finden, zu erreichen, dass die Stadttauben wieder für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Die grauen Fassadenscheißer sind bislang zu dreckig, um im Kochtopf zu landen. Das ist bei einem so hervorragenden Speisevogel jammerschade.

Das ist ganz sicher mit dem untergründigen Grimm desjenigen formuliert, dem etwas vorenthalten wird. Und doch, zu Ende gedacht, bleibt die Bemerkung richtig. Denn was müsste alles geschehen sein, damit Stadttauben essbar wären? Am Ende nicht doch genau das, was jetzt am dringlichsten geschehen müsste?

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