vonkirschskommode 22.06.2022

Kirschs Kommode

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Es ließ sich nicht vermeiden und am Wochenende bin ich ein paar hundert Kilometer küstwärts und heimwärts durch ostdeutsche Gefilde hin- und zurück geheizt, alle Autobahnen entlang von neun bis zwanzig, und habe aus dem Fenster gesehen. Es war erschreckend. Die Bäume streckten trockene Spitzen aus ihren paar Fetzen Laub in den unbarmherzig blauen Himmel, Durst- und Hungerharken auf dem Weg zum Brennholz.

Angekommen am Ziel sah ich einen Baum, der das war, was ich mein Leben lang im Klang des Wortes Baum zu vernehmen glaubte: eine raumgreifende, runde Welt, von einer beweglichen, Blicken nahezu undurchdringlichen, grünen Außenhaut umgeben und, von innen gesehen, ein Haus mit lebendigem Dach und Zwischengeschossen, getragen von Stamm und Ästen. Die anderen Bäume der Umgebung hatten die gleiche Schwindsucht wie ihre Artgenossen links und rechts der Autobahnen, vielleicht nicht ganz so stark, aber durchsichtig und zerlöchert waren ihre Kronen auch, sodass ich mich fragen musste, wie viele Meter im Jahr die Steppe wohl vorankommt, von Hitze, Wind und Dürre beflügelt, und wann sie wohl endgültig hier sein würde, die riesigen, baumlosen Ebenen im Rücken. Ich sollte wirklich kein Auto mehr fahren, keinen einzigen Meter.

Die Trockenheit bedrückt mich, das angeblich freundliche Wetter ist mir feindlich. Ich sehe mehrmals am Tag auf die Wetterkarte, ob sich nicht Wolken zeigen, die Wasser bringen. Sie tauchen auf und verschwinden wieder, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und ich hätte gern ein Mittel, sie zu zwingen.

Vielleicht hilft dieses Gedicht. Ich stelle es in den Blog, damit die Wettergötter beschließen, mich zu blamieren. Ich warne vor Hitze und Durst und, bloß, ums mir zu zeigen, lassen sie es regnen. Aufs Feinste: warm, lange, gleichmäßig, nachts. Hoffentlich.

Hitzewelle

Die Tage, sonnenradgerädert.
Die Luft steht still, im Hitzestau.
Kreuzweis von Düsenjets geädert
herrscht blauer Himmel. Immer blau.

Am Morgen kaum ein Hauch von Frische.
Was grün war, überstaubt und grau.
Ganz manchmal ziehn betrügerische
Gewitterwölkchen leer durchs Blau.

Und ziehen ab. Und wieder Sonne.
Wer kann, der bleibt im dunklen Bau.
Verdurstet steht die Regentonne.
Und weiter: Sommerhimmel. Blau.

Das letzte Eckchen kühler Schatten
erwärmt sich und verdampft wie Tau.
Die Blätter rascheln im Ermatten.
Der Himmel strahlt. Nichts trübt das Blau.

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