vonkirschskommode 14.06.2022

Kirschs Kommode

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Dass ich, wie Graucho Marx, keinem Verein angehören wollte, der mich als Mitglied aufnähme, wäre gelogen. Ich wäre gern in einem Verein, dessen zahlreiche Anhängerschaft einigermaßen so denkt wie ich. Ich bin bei Pro Asyl und in der Gewerkschaft; bei dem ersten Verein sind die Ziele so allgemein menschlich, dass es unmöglich ist, für sie nicht hin und wieder Geld zu geben, beim zweiten, der Gewerkschaft, kommt es nicht wirklich darauf an, was die mit mir dort organisierten Kolleginnen und Kollegen sonst an Meinungen von sich geben.

Darüber hinaus habe ich mehrfach versucht, mein Leben als Nicht-Vereinsmitglied zu beenden und selbst einen Verein zu gründen. Ich liebe umständliche, papieren-hochtrabende Namen, in denen der Vorstand schon feierlich zusammentritt, bevor er überhaupt gebildet werden kann, und Satzungen halte ich für eine sträflich unterschätzte, schlecht gepflegte Literaturgattung. Diese Neigungen muss ich seit frühester Jugend besitzen, denn mit sechzehn oder siebzehn warb ich eine Zeitlang für einen „Verein zur Förderung polnisch-französischer Grenzbeziehungen“, dessen dringende Notwendigkeit alle Deutschlandkarten in meiner Reichweite mit schön gezogenen Linien grundveränderte (was mir die Karten sofort sowohl logischer als auch heimeliger machte), aber dem sich dann doch niemand anschließen wollte.

Auch ein wesentlich niedrigschwelligerer Versuch, die „Freunde des Passivrauchens“ aus der Taufe zu heben, blieb glücklos; die wenigen, die der Idee etwas abgewinnen konnten, waren allesamt aktive Raucher, deren Mitgliedschaft selbstverständlich nicht in Frage kam.

Ich lernte nichts daraus und setzte, es war wohl Ende der achtziger Jahre, alle meine Hoffnungen auf einen „Kampfbund für die planmäßige und vollständige Durchrassung des Abendlandes“, ein durch und durch eugenisches Projekt der Liebe, mit dem ich Menschen aller Geschlechter durch die Vermischung von Menschen aller Geschlechter hübscher und gesünder zu machen trachtete. Und das mir, wie die vorherigen, keine Anhänger gewann, vermutlich, weil ich den Einfluss brasilianischer Schönheit auf das Unterbewusste meiner Mitwelt haushoch überschätzt hatte. In meinem Roman „Keine Kunst“ habe ich dem Kampfbund ein Denkmal gesetzt, das entsprechende Kapitel ist unter dem Beitrag verlinkt.

Rückblickend denke ich, mein Problem war das scheinsatirische Auftreten. Ich benannte meine Vereine lustig, doch im Grunde war es mir ernst. Ich konnte (und kann) nicht verstehen, weshalb Deutschland nach dem Krieg und nach so vielen Verbrechen nicht unter seine Nachbarländer aufgeteilt worden ist. Das hat enorme Probleme der Straflosigkeit geschaffen und alle Ansprüche, die europäische Staaten an sich als demokratische und auf Menschenrechte bedachte haben könnten, auf Jahrhunderte verhunzt. Denn es war unterm Strich schlicht viel lohnender, Nazi gewesen zu sein, als ein Nazigegner, die Massenmörder bekamen viel öfter ihr Wirtschaftswunder und waren oft ungleich angesehener als diejenigen, die sie bekämpft hatten. Inzwischen sind Judenschlächter wie der ukrainische Stepan Bandera Nationalhelden und es ist unionseuropaweit akzeptiert, dass solche Waffenbrüderschaft eine Voraussetzung dafür sein kann, vom großen Kuchen ein paar Krümel abzubekommen.

Sogar bei den Passivrauchern gibt es diesen ernsten Kern. Die Krankenkassen und Gesundheitspolitiker fingen irgendwann an, darüber zu spekulieren, ob es richtig sei, Menschen, die sich ungesund verhielten, die Behandlungen zu bezahlen. Bis heute sage ich von ganzem Herzen: Ja, das ist verdammt richtig. Und bin damit einigermaßen allein. (Und dass für die meisten Antirassisten die bunten Kinder lieber die Kinder der anderen sein sollten, weshalb sie bei dieser Frage nicht unbedingt immer zum Scherzen aufgelegt sind, hat die Möglichkeiten eines Kampfbundes zur Durchrassung des Abendlandes auch nicht gerade befördert.)

Aber nun bin ich mal wieder so weit und hätte gerne meinen Verein. Einen Verband der Lumpenpazifist*innen und Kriegsmüden. Ich weiß, ich mache wieder denselben Fehler, der Name klingt viel zu satirisch. Und ist doch ernst gemeint. Denn die Verteidigung des Krieges ist eine solche Beleidigung allen Verstandes und jeder Menschlichkeit, dass die Beleidigungen, die allerorten gegen Kriegsgegner und Kriegsgegnerinnen ausgestoßen werden, mir automatisch zu Ehrentiteln werden: Ein kriegsmüder Lumpenpazifist unter lumpenpazifistischen Kriegsmüden, nichts will ich lieber sein. (Die Vereinsziele ließen sich in meinem Blogbeitrag „Nachhaltigkeit“ nachlesen.)

Einer, von dem ich glaube, dass er sich nie und nimmer vom Kriegsgeschrei hätte einfangen lassen, ist Wiglaf Droste. Ich wünschte, ich könnte zwei, drei Mal wöchentlich brandneue Kolumnen von ihm lesen. Er ist am 15. Mai 2019 gestorben. Und wurde vor 61 Jahren am 27. Juni geboren. Doch nicht nur im Mai und im Juni denke ich an ihn. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, hätte mich vielleicht auch gar nicht mit ihm verstanden, aber sein Tod hat mich getroffen. Im Juni vor drei Jahren schrieb ich ihm diesen Nachruf:

Nachruf auf ein Vorbild

Er ist gestorben, Wiglaf Droste,
an dem ich mich gemessen hab.
Er trank wohl, kost es, was es koste,
bis ein Organ den Dienst aufgab.

Welch Schlag. Jetzt hab ich zum Vergleichen
mit meiner Kunst den Mann nicht mehr.
Muss selber mir das Wasser reichen,
mir irgendwem ich irgendwer.

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